Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Scheinselbstständigkeit im Journalismus

Bei Verlagen offenbar weit verbreitet

Bis zu zwei Drittel der freien Mitarbeiter bei Presseverlagen könnten scheinselbstständig sein.

Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie, die den Status von Journalisten in NRW zum ersten Mal nach Arbeits-, Finanz- und Sozialversicherungsrecht erfasst.


Sie stehen in Dienstplänen, planen ganze Zeitungsseiten, bilden Praktikanten und Volontäre mit aus – beim Einsatz von selbstständigen Journalisten bei Presseverlagen gibt es immer wieder solche Grenzübertritte. Aktuell haben Ermittler bereits erste Verlage im Visier (siehe JOURNAL 3/15). über die Verbreitung des Problems gibt es nun erste wissenschaftlich ermittelte Zahlen.

Die Studie „Scheinselbstständigkeit bei Journalisten in NRW“ des Dortmunder Instituts für Journalistik kommt zu dem Ergebnis, dass nur ein Drittel der befragten freien Print-Journalisten tatsächlich eindeutig selbstständig tätig ist. Die übrigen weisen zum Teil sehr starke Merkmale einer so genannten Scheinselbstständigkeit auf (siehe auch Meldung im JOURNAL 6/15).

Die Studie wurde in Kooperation mit dem DJV-NRW durchgeführt. Insgesamt 112 Teilnehmer sind zwischen Februar und April 2015 zu ihrem Arbeitsalltag befragt worden. 99 von ihnen haben so ausführlich geantwortet, dass eine tiefere Analyse ihres Status nach Kriterien des Arbeits-, Finanz- und Sozialversicherungsrechts möglich war.

Selbstständige sollten ihre Arbeit auch selbst bestimmen können. Gefragt war in der Studie unter anderem nach der Zusammenarbeit mit Kollegen und Vorgesetzten beim wichtigsten Auftraggeber. Grafik: JW
Aus einer Scheinselbstständigkeit ergäben sich einige Rechte und Leistungen, auch nach Tarifverträgen. Nur sehr wenigen der Befragten werden welche eingeräumt. Grafik: JW
Viele der Selbstständigen sind wirtschaftlich offenbar sehr abhängig: Gefragt war nach dem Anteil des wichtigsten Auftraggebers am finanziellen Gesamtumsatz. Grafik: JW

Ein O-Ton

"Spannendes und wichtiges Thema. Ich hätte vielleicht noch eine Frage zur Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse ergänzt, da ich von einigen scheinselbstständigen Kollegen weiß, die nicht Mitglied dort sind und extreme Schwierigkeiten haben, beizutreten. Auch die Verlage sind nach meiner Erfahrung keine Hilfe, die Freien müssen selbst sehen, wie sie entsprechende Nachweise für die KSK erbringen, was bei einer Scheinselbstständigkeit in Vollzeit natürlich schwierig ist."

Hinweis eines Teilnehmers im Freifeld des Fragebogens zur Studie

Nicht repräsentativ, dennoch ein Gradmesser

Die Studie ist nicht repräsentativ. Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele selbstständige Journalisten es im Land überhaupt gibt. Auch sind Merkmale wie Alter, Einkommen und Auftraggeber unbekannt. Dennoch lässt sich die Verbreitung des Phänomens mit der Studie erstmals messen. Die Angaben der Befragten sind durchaus Besorgnis erregend.

  • Vergleichen die Befragten ihre Tätigkeiten mit denen der Festangestellten bei ihrem Auftraggeber, kommen 79 Prozent von ihnen zu dem Schluss, dass sie sich zu mehr als der Hälfte inhaltlich decken.
  • 54 Prozent haben bereits Festangestellte im Urlaub vertreten.
  • Rund zwei Drittel von ihnen machen mehr als die Hälfte ihres Umsatzes beim Hauptauftraggeber, mehr als jeder Fünfte sogar mehr als 90 Prozent. Rund 23 Prozent haben als Selbstständige gar nur einen Auftraggeber.
  • 66 Prozent von ihnen werden beim Auftraggeber in Dienstplänen geführt und müssen dessen Arbeitsmittel wie Hard- und Software nutzen. Mehr als 40 Prozent müssen regelmäßig konkrete Anweisungen von Vorgesetzten befolgen.
  • Viele Selbstständige nehmen beim Auftraggeber offenbar sogar mittlere Stufen in der Hierarchie ein: 35 Prozent der Befragten können anderen Weisungen erteilen, 29 Prozent sind in die Ausbildungetwa von Praktikanten oder Volontären eingebunden.
  • Ein erheblicher Anteil der Befragten (rund 25 Prozent) war vor einer selbstständigen Tätigkeit beim Hauptauftraggeber angestellt – als Volontäre (10 Prozent), zeitlich befristet (9 Prozent) oder sogar unbefristet (5 Prozent).


Insgesamt 21 Merkmale sind in der Studie abgefragt worden. Sie lassen Schlüsse auf die fünf Komplexe zu, die für Arbeitsgerichte bei Statusfragen regelmäßig relevant sind: örtliche, zeitliche und inhaltliche Weisungsgebundenheit, die Pflicht zur Zusammenarbeit mit dem Personal sowie die Pflicht zur Nutzung von Arbeitsmitteln des Auftraggebers.

Vorbild für die Analyse war eine Studie von Hans Dietrich und der Bundesanstalt für Arbeit aus dem Jahr 1998. Deren Methode für Angehörige aller Berufsgruppen ist für Journalisten bei Presseverlagen weiterentwickelt worden.

Im Ergebnis sind 33 Prozent der Befragten als scheinselbstständig, 36 Prozent als tatsächlich selbstständig identifiziert worden. Die übrigen 31 Prozent befinden sich in einer Semiabhängigkeit – weisen also zumindest starke, aber nicht eindeutige Anzeichen einer Scheinselbstständigkeit auf.

Der Anteil der Scheinselbstständigen unter den befragten hauptberuflich selbstständigen Journalisten, die in NRW für Presseverlage tätig sind, liegt damit zwischen einem und zwei Dritteln. Die Scheinselbstständigen, die es ja auch im Nebenberuf geben kann, sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Ebenso wenig sind darin die Journalisten berücksichtigt, die hauptsächlich bei anderen Mediengattungen arbeiten.

Zahl der freiberufliche Journalisten deutlich angestiegen

Zur Einordnung: Es gibt in Deutschland sehr viele freiberufliche Journalisten – und ihre Zahl ist laut den verschiedenen Studien im vergangenen Jahrzehnt deutlich angestiegen. Während der DJV im Jahr 2013 deutschlandweit 30.000 hauptberuflich selbstständige Journalisten ermittelte, hatte eine Forschergruppe im Jahr 2005 nur etwa 12.000 von ihnen ausgemacht.

Etwa ein Viertel der hauptberuflich selbstständig tätigen Journalisten arbeitet laut bisheriger Studien vor allem für Presseverlage. Ebenfalls etwa ein Viertel arbeitet in NRW. Zeitungen sind trotz der abnehmenden Bedeutung als Auftraggeber für selbstständige Journalisten noch immer die wichtigsten Ausbilder. Wissenschaftler gehen davon aus, dass hier schon länger über Bedarf ausgebildet wird – vielen dürfte also nach ihrem Volontariat nur die Selbstständigkeit bleiben.

Die Selbstständigen zeigen sich zwar in bisherigen Studien mit ihren Tätigkeiten sehr zufrieden. Bis zu 10.000 von ihnen sind laut einer Studie aber nicht freiwillig in der Selbstständigkeit. Es gibt Anzeichen dafür, dass besonders bei jungen Journalisten Zukunftsangst herrscht, und Studien haben gezeigt, dass das Einkommen bei Selbstständigen deutlich geringer ausfällt als bei Arbeitnehmern.

Selbstständige Journalisten erhalten weniger Brutto-Vergütung und müssen diverse Versicherungsleistungen, die Arbeitnehmern durch ihren Status und über die Tarifverträge zustehen, komplett selbst bezahlen oder darauf verzichten. So haben Arbeitnehmer im Gegensatz zu Selbstständigen ein Recht auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auf bezahlten Urlaub. Print-Redakteure erhalten außerdem eine zusätzliche Jahresleistung sowie einen Zuschlag für Sonn- und Feiertagsdienste.

Darüber hinaus werden Selbstständige auch nicht durch Kündigungsfristen geschützt, die mit denen von Arbeitnehmern vergleichbar wären. Betriebsräte sind nicht für sie zuständig und Scheinselbstständige laufen Gefahr, unterversichert und im Alter unterversorgt zu sein.

Was passiert, wenn Scheinselbstständigkeit aufgedeckt wird? Zunächst einmal könnten betroffene Freie nach dem Arbeitsrecht eine Festanstellung erwirken. Für Auftraggeber, die Scheinselbstständige beschäftigen, stehen die Vorwürfe der Umsatzsteuerhinterziehung und des Vorenthaltens von Sozialversicherungsbeiträgen im Raum. Beides sind Straftatbestände, die erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen können. Scheinselbstständige wiederum müssen sich darauf einstellen, Lohnsteuer nachzuzahlen und Umsatzsteuer zurückzuerstatten.

Julian Weimer

Dezember 2015