Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Journalismus durch Crowdfunding finanzieren klappt – in einigen Bereichen

Eintritt zahlen, um dabei zu sein

Im Juni, als in Istanbul die großen Proteste um den Gezi-Park buchstäblich zerschlagen wurden, tauchte auf dem Taksim-Platz der stehende Mann auf. Unbewegt wie eine Statue, die Hände in den Hosentaschen, starrte Erdem Gündüz stundenlang zum Porträt des Staatsgründers Atatürk. Zahlreiche Menschen folgten seinem Beispiel in den nächsten Tagen, darunter die junge Deutsche Lilja Girgensohn, die auf einer mehrmonatigen Europa-Reise gerade Station in Istanbul machte.

In einem Blogeintrag unter dem Titel „Stillgestanden“ berichtete sie am 20. Juni von schmerzenden Füßen, juckender Haut und Menschen, die ihr beim Fotografieren viel zu nahe kommen. Wenn sie es schafft, die Kameras auszublenden, fühlt sie sich stark und freut sich über die stille Solidarität derer, die ihr Wasserflaschen vor die Füße stellen.

Einfach so miteinander teilen

Dass Fremde einfach so mit ihr teilen, hat Girgensohn schon vor ihrer Reise erfahren. Denn rund 50 Menschen gaben Beträge zwischen wenigen und mehr als 500 Euro, damit sie sich auf den Weg machen konnte, um das Europa jenseits der Krisen zu suchen. 3 500 Euro kamen auf der Crowdfunding-Plattform Pling zusammen (Aufstellung der wichtigsten Plattformen s. Kasten). Als „Frollein Europa“ tourt die Berlinerin, die 2012 Abi gemacht hat, nun durch Belgien, Frankreich, Rumänien, Griechenland, die Türkei, Lettland und Norwegen und erzählt davon in Deutsch und Englisch in ihrem Blog.

Größeres Interesse der Medien- und Netzwelt hat „Frollein Europa“ dabei nicht auf sich gezogen. Nur während der Gezi-Proteste verzeichnete sie vermehrte Zugriffe auf ihren Blog. Trotzdem zeigt das Projekt, was Crowdfunding – die Finanzierung durch viele Einzelne (s. Kasten "Das ist Crowdfunding") – bewegen kann.

© DJV-NRW / Klinkebiel GmbH

Ein Erfolg jagt den anderen

Ein kleines, unaufgeregtes Beispiel, das untergeht im Stakkato der Erfolgsmeldungen und Ankündigung immer spektakulärerer Vorhaben: hier ein Buch, dort eine Zeitschrift, ein Film, eine Web-TV-Serie. Vier-, fünf-, sechsstellige, in den USA sogar siebenstellige Beträge. Rekordjagd.

Wiederholte La-Ola-Wellen gab es etwa für einen Film über die Gründungsgeschichte von Borussia Dortmund, der auf der Plattform Startnext.de um Geld warb: Die Journalisten Marc Mauricius Quambusch, Gregor Schnittker und Jan-Henrik Gruszecki – nach eigener Aussage „glühende BVB-Fans“ – wollen sich bei ihrer Dokumentation nicht auf Kompromisse einlassen und realisieren den Film „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ nicht über einen Fernsehsender, sondern über die große, emotionale Fangemeinde.

Die Finanzierungsschwelle von 120.000 Euro haben sie im August überschritten. Am Ende war das Fernziel von 250.000 Euro zwar nciht ganz erreicht, aber mehr als 217.000 Euro kamen zusammen, die bisherige Bestmarke im deutschen Crowdfunding. Davon kamen 50.000 Euro vom Fußballclub selbst und weitere größere Spenden von Unternehmen. Daneben sorgen aber zahllose Einzelne dafür, dass der Film von BVB-Fans für BVB-Fans Wirklichkeit wird.

Auf eingeschworene Anhänger konnte auch www.stoersender.tv mit Dieter Hildebrandt zählen und sammelte bei Startnext mehr als 150.000 Euro ein, um zwanzig Satiresendungen fürs Internet zu drehen.

Das ist Crowdfunding

Beim Crowdfunding, der „Schwarmfinanzierung“ im Netz, leisten viele Einzelne einen kleinen finanziellen Beitrag, um Projekte zu realisieren. Was es früher vereinzelt durchaus ganz informell im Familien- oder Freundeskreis gab, läuft heute über verschiedene Plattformen im Netz. Auf ihnen bewerben Kreative ihre Vorhaben und berichten über den Fortgang. Dabei bestimmen sie vorab, welche Summe zur Realisierung eines Projekts erforderlich ist und in welchem Zeitraum das Geld zusammengekommen sein soll. In der Regel gilt das „Alles-oder-nichts-Prinzip: Wenn die Zielsumme bzw. eine definierte Mindestsumme nicht erreicht wird, geht das Geld zurück an die Unterstützer.

Im besten Fall steuert der Projektinitiator nicht nur während des Geldsammelns regelmäßig Informationen und Statusberichte zu seinem Vorhaben bei, sondern auch später, wenn er sich an die Umsetzung macht. Darüber hinaus erhalten die Unterstützer in vielen Fällen – gestaffelt nach Spendenumfang – als Dank eine Prämie oder ein Dankeschön./cbl

Die wichtigsten Crowdfunding-Plattformen

Wegbereiter waren Plattformen in den USA , darunter die beiden Großen:

 

Seit 2010 haben sich auch in Deutschland diverse Seiten etabliert. Auf folgenden deutschsprachigen Plattformen werden u.a. auch journalistische Projekte eingestellt:

 

Spezifische Plattformen für journalistische Projekte sind die Ausnahme. Zu
ihnen gehören:

 

 

Einen etwas anderen Weg geht die französiche Plattform

 

Auf ihr kann man nicht nur journalistische Beiträge unterstützen, sondern vor allem unterschiedliche Online-Nachrichtenseiten./cbl

Links zum Text

Neben den Plattformen (siehe Kasten Crowdfunding-Plattformen) sind das die Links der wichtigsten erwähnten Projekte:

Spot.us: Journalismus als Prozess

Die US-Plattform Spot.us war die erste, die sich ausschließlich dem Crowdfunding von Journalismus verschrieben hat. „Community funded Reporting“ nannte der junge Gründer David Cohn seine Idee: Freelancer sollten ihre journalistischen Projekte auf einer Onlineplattform vorstellen, um ihre Recherche durch viele kleine Geldbeträge zu ermöglichen.

Als Cohn diese Idee Ende 2007 erstmals bei der Organisation Investigative Reporters and Editors vorstellte, erntete er nach seinen Worten tiefe Skepsis. 2008 konnte er in der Region San Francisco starten – mit Hilfe einer Anschubfinanzierung der Knight Foundation.

Spot.us gilt als Mutter aller journalistischen Crowdfunding-Plattformen. Für Aufsehen sorgte sie vor allem, als die Umweltjournalistin Lindsey Hoshaw dort 6 000 Dollar für ihre Teilnahme an einer Forschungsreise einwarb: Es ging zum „Garbage Patch“, einer riesigen Müllansammlung, die von einer kreisförmigen Strömung durch den Nordpazifik getrieben wird. Das war 2009, und die Möglichkeiten der Schwarmfinanzierung schienen in den USA fast unbegrenzt. Spot.us etablierte weitere Standorte neben San Franciso.

Auf der Seite gibt es eine Fülle von vorgeschlagenen und realisierten Geschichten – viele davon zu klassisch lokaljournalistischen Themen, für die Menschen in den betroffenen Gebieten offenbar gerne spendeten: über reiche Country Clubs in teuren Gegenden, die erstaunlich niedrige Grundsteuern zahlen, über Bandenkriminalität in Los Angeles, Arbeitslosigkeit und Armenspeisung in Oakland, Müllprobleme und giftige Produktionsrückstände in der kalifornischen Bay Area. Über Gentrifizierung in Harlem und das harte Leben von Migrantinnen in Washington D.C. Veröffentlicht werden die Geschichten honorarfrei von Non-Profit-Medien, die kein Geld für eigene Recherchen haben. Dankeschöns gibt es bei spot.us nicht. Die Unterstützer geben aus reiner Überzeugung, um Geschichten zu ermöglichen.

Allerdings fällt auf, dass die meisten Veröffentlichungen älter sind.  Der stete Fluss von Klein- und Kleinstbeträgen scheint seit Frühjahr 2012 versiegt zu sein. Eine Recherche über das skandalgeschüttelte Oakland Police Department etwa wartet seit mehr als einem Jahr auf Finanzierung: Zusammengekommen sind nur rund 20 Prozent der angepeilten 1 300 Dollar.

Was hat sich seit der Blütezeit geändert? Im November 2011 hat der Non-Profit-Medienkonzern American Public Media Spot.us übernommen, im April 2012 gab David Cohn bekannt, dass er zu neuen Ufern aufbricht. Danach sei dort nicht mehr viel passiert, schreibt er in seinen Blog Digidave.

Cohn hat in der Zwischenzeit Circa mitentwickelt, eine App für Smartphones, die nicht komplette Beiträge versendet, sondern nur das jeweils Neueste zur aktuellen Nachrichtenlage (cir.ca). An Cohns persönlichen Credo hat sich nichts geändert: „Journalismus ist ein Prozess, nicht ein Produkt”, heißt es auf seiner Seite./cbl

Wer darf eigentlich?

Mit dem wachsenden Erfolg beginnt die Diskussion darüber, wer sich so finanzieren sollte. Ist es richtig, dass zum Beispiel ein etablierter US-Regisseur wie Spike Lee mehr als eine Million Dollar für seinen nächsten Film über Kickstarter einsammelt, wie jüngst geschehen? Die Aktion wurde heftig kristisiert. Die Diskussion dazu ist im Fluss, sie enthält letztlich auch die Frage: Geht es vorrangig um Nischenprodukte oder darf es auch Mainstream sein? Nimmt ein so großes Projekt vielen kleineren die Luft weg? Oder tragen Prominente so dazu bei, die Finanzierungsmethode bekannter zu manchen und damit langfrstig mehr Unrterstüzer zu finden?/cbl

Und auch der freie Sportjournalist Jens Weinreich ist bekannt. Er gehört zu denen, deren Name ein Markenzeichen ist (vgl. Titelgeschichte JOURNAL 4/13). Bei guter Vernetzung und 7.000 Followern auf Twitter sprach sich deshalb schnell herum, dass er auf der Plattform Krautreporter.de sein Buchprojekt „Macht, Moneten, Marionetten” über die Wahl des neuen IOC-Präsidenten vorstellte. Die angepeilten 10.000 Euro übersprang er mit geradezu olympischer Leistungsfähigkeit: 514 Unterstützer gaben mehr als 15.000 Euro.

 

Und nun das Ganze ohne Community

Um vieles mühsamer ist das Geschäft für diejenigen, die sich noch keinen Namen gemacht haben, etwa den Bonner Journalisten Daniel Höly mit dem jungen Printmagazin Shift für die 20- bis 35-jährigen „digital Natives“. Obwohl er seine Community „von Null aufbauen musste“, übertraf auch er bei Startnext sein Finanzierungsziel: Statt 5.000 wurden es mehr als 7.000 Euro. Was gut war, denn manches wurde teuer als erwartet. Bis hin zur Portonachzahlung, weil Heft plus Umschlag die Gewichtsgrenze für die günstigere Beförderung überschritten. Das fiel erst auf, als die Erstausgabe von Shift im September bei der Post angeliefert wurde.

Wie aufwendig der Prozess war, erzählt Höly bereitwillig, „damit andere wissen, worauf sie sich beim Crowdfunding einlassen. Das ist ein Vollzeitjob.“ Ein professionelles Video für die Projektpräsentation, den „Pitch“, drehen lassen, eine passende Seite bauen und ganz, ganz viel kommunizieren. Unterstützer und Interessenten hatten nicht nur Fragen, sie mussten in den verschiedenen sozialen Netzwerken auch mit immer neuen Inhalten versorgt werden.

Höly schrieb Pressemitteilungen und kontaktierte Journalisten und Mediendienste. Als das öffentliche Interesse wuchs, nahm er geduldig Interviewanfragen und Einladungen zu Veranstaltungen an. So schaffte er es in Blogs und internetaffine Sendungen, konnte Deutsche Welle TV für einen Linktausch gewinnen und wurde mit seinem Heft sogar in einem Beitrag bei BILD vorgestellt – neben zwei nicht-journalistischen Crowdinvesting-Projekten.

Parallel arbeitete er an der Erstausgabe seines Magazins. „Die Leute wollen ja nicht ewig auf das Ergebnis warten, wenn die Finanzierung abgeschlossen ist.“ Zehn Stunden an sechs Tagen die Woche hat er nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten investiert, jetzt zieht er eine positive, aber keineswegs enthusiastische Bilanz. „Crowdfunding ist eine sehr wertvolle Idee und hat mir geholfen, die erste Ausgabe von Shift fertigzustellen. Aber es ist kein Allheilmittel für die Finanzierung von Medien – und ganz bestimmt kein Selbstläufer."

Das bestätigt Sebastian Esser, der Gründer von Krautreporter.de. Den Unterschied zwischen erfolgreichen und gescheiterten Projekten sieht er in der Anstrengung des „pitchenden“ Reporters. „Einfach was auf einer Plattform einstellen und dann darauf warten, dass das Geld fließt – das funktioniert nicht.“

Reiche Auswahl an Plattformen

Sehr aktive Werbung in eigener Sache muss also sein. Das fängt schon damit an, dass die Welt erfahren muss, welches spannende Stück Journalismus sie auf welcher Plattform unterstützen könnte. Denn auch in Deutschland besteht inzwischen reiche Auswahl an Crowdfunding-Seiten (siehe Kasten "Die wichtigsten Crowdfunding-Plattformen"). Die meisten bieten Raum für „was mit Kreativität“, von Musik über Tanztheater und Comics bis hin zur Softwareentwicklung und Games, z.T. auch für Projekte rund um das nachhaltige Leben, Produktentwicklung, Design und anderes.

Genau das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Krautreporter, obwohl erst Anfang 2013 gestartet, in der Medienbranche eine gewisse Magnetwirkung entwickelt hat. Hier geht es nur um Journalismus. Wer als potenzieller Unterstützer also aktiv nach Projekten sucht, um der gebeutelten vierten Gewalt jenseits der Medienkonzerne ein bisschen Unterstützung zukommen zu lassen, wird hier sofort fündig. Ende September hatten Journalistinnen und Journalisten bereits fast 125.000 Euro eingesammelt, 27 Projekte hatten ihr Finanzierungsziel erreicht.

Zu ihnen gehört das Web-TV-Format „Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte“, das politische Zusammenhänge verständlich erklären will. 2 500 Euro hatte der Nachwuchsjournalist Thilo Jung sich als Ziel gesetzt, um seine Filme nicht mehr ungeschnitten ins Netz laden zu müssen. Auch er nahm im April mit 5.795 Euro wesentlich mehr ein als geplant und profitierte von der gewonnenen Aufmerksamkeit. Das Videoformat, das für Youtube konzipiert war, schaffte im August den Sprung ins (Nischen-)Fernsehen. Nun führt Jung seine bewusst niederschwelligen Politikerinterviews abends um acht auf dem neuen Jugendsender www.joiz.de, wo das mittlerweile vierköpfige Team aus Moderator, Redakteur, Produzent und Kameramann auch bezahlt wird.

Auch Scheitern ist drin

Aber nicht jedes Pflänzchen kommt so überzeugend zur Blüte. Natürlich gibt es auch ambitionierte Projekte, die scheitern. So wie das vom Hamburger Medienjournalisten Daniel Bröckerhoff. Auch er gehört zu denen, die im Web einen Namen haben, auch über sein Vorhaben berichteten verschiedene Medien. Unter dem Titel „st_ry. Deine Doku im Netz“ wollte Bröckerhoff sechs Monate lang eine mehrteilige Dokumentation drehen. Das Thema konnten die Unterstützer aus vier Vorschlägen aussuchen und votierten für Datenschutz. Eigentlich ein Thema mit Netz-Appeal. Trotzdem verfehlte das Projekt auf Startnext die Zielmarke von 42 000 Euro deutlich – selbst mit Verlängerung der Kampagne. Das Team um Bröckerhoff versucht jetzt, die geplante Reihe „auf einem anderen Weg noch Wirklichkeit werden zu lassen“. Die erste Folge über „Scoring“, das kommerzielle und massenhafte Sammeln, Speichern und Auswerten persönlicher Daten, ist im August erschienen. Finanziert wurde sie ohne Crowd. Denn bei den meisten Plattformen geht Geld zurück an die Supporter, wenn die Zielmarke nicht erreicht wurde.

Die Möglichkeit des Scheiterns gehört beim Crowdfunding eben dazu. Das gilt auch bei Krautreporter. Allerdings erreichten dort bisher überdurchschnittliche 80 Prozent der Pitches ihre Ziele. Esser ist sicher, dass das runtergehen wird und will künftigen Nutzern keine falschen Hoffnungen machen. Trotzdem: Bisher gilt die hohe Erfolgsquote, und ein wesentlicher Grund dafür dürfte die Beschränkung auf journalistische Projekte sein. Damit kommt Krautreporter dem US-amerikanischen Vorbild Spot.us am nächsten, das 2008 mit „community funded reporting“ für Furore sorgte. Gerade dieses Vorbild kränkelt allerdings seit einiger Zeit (s. Kasten "Spot.us: Journalismus als Prozess"). Ist Crowdfunding also vielleicht doch nur eine Modeerscheinung wie die „Dankeschön-Spenden“ der Social-Payment-Tools Flattr und Kachingle, über die heute kaum noch jemand redet?

 

Noch kleinere Nischen denkbar

Nein, meint Sebastian Esser. Die Finanzierung durch direkte Unterstützer werde bleiben, um das „public good“ Journalismus zu finanzieren – als ein Modell neben anderen wie etwa Stiftungen (siehe auch "Mehr als milde Gaben"). Der Krautreporter-Macher hält sogar mehr Plattformen und noch kleinere Nischen für denkbar. Bis hin zu einzelnen Reportern, die entsprechende Seiten einrichten, um Projekte zu finanzieren. Jens Weinreich hat dies für sein IOC-Buch bereits getan. Nachdem die erste Finanzierungsphase über Krautreporter abgeschlossen war, wirbt er auf der eigenen Seite www.macht-moneten-marionetten.de um weitere Unterstützer.

Besteht keine Gefahr, dass der Crowdfunding-Markt zerfasert? Diese Sorge treibt Esser nicht um: „Was Follower anzieht, sind die Reporter, nicht die Plattformen“. Dabei versteht er auch, dass beim Thema Crowdfunding inzwischen mancher genervt die Augen verdreht. Der Begriff wird derzeit überstrapaziert und gerne mit anderen (Crowdinvestment, Co-Funding) in einen Topf geworfen. Von einigen Akteuren wird so laut für die geldwerte Bindung zwischen Kreativen und ihren Fans getrommelt, dass fast der Eindruck entstehen könnte, die alten Erlösmodelle mit den „Zwischenhändlern“ der Medienhäuser bzw. anderer Verwerter seien schon passé.

Bei so viel demonstrativer Begeisterung gibt es natürlich auch Kritiker. So veröffentlichte Kai Rüsberg, freier Journalist aus Bochum, letztens auf dem Blog Charlie & Friends (charlyandfriends.blogspot.de, geführt vom Schatzmeister des DJV-NRW, Karlheinz Stannies) acht skeptische Thesen zur „Krautfinanzierung“. Darunter die Fragen, ob dabei nicht Populäres überwiegt („Es ist ein bisschen wie bei YouTube. Kurioses und Tiere gehen immer.“) und ob sich die Themensetzung zu sehr auf die Finanzierbarkeit ausrichten würde. Beide Vorwürfe kann man natürlich auch etablierten Medien machen. Auch die Zeitungsverleger haben für Crowdfunding zur Finanzierung von Journalismus wenig übrig, wie sie in einer Diskussion beim Zeitungskongress Mitte September in Dresden zeigten. Und in manchem Beitrag wird das Werben um finanzielle Unterstützung auch als Schnorren oder Bettelei bezeichnet.

 

Vertrauensbeweis vorab

Angebettelt fühlen sich die Unterstützer beim Crowdfunden allerdings nicht. Die meisten dürften es als Vorfinanzierung eines Produkts sehen, das sie gerne realisiert sehen wollen und in dessen Qualität sie Vertrauen haben. Nicht viel anders letztlich als bei der Vorbestellung noch nicht erschienener Bücher – oder beim Abo von Zeitungen und Zeitschriften. Es geht eben nicht um milde Gaben, sondern um eine Austauschbeziehung der anderen Art. Wie stark die materiellen oder immateriellen Dankeschöns dabei eine Rolle spielen, dürfte von Fall zu Fall unterschiedlich sein.

Spendensammeln sei schon der falsche Begriff, sagt Sebastian Esser: „Beim Crowdfunden spenden die Menschen nicht. Sie zahlen quasi Eintritt, um beim Prozess des Journalismus dabei zu sein.“ Das deckt sich mit dem Motto von David Cohn, dem Gründer der Plattform Spot.us: „Journalismus ist ein Prozess, kein Produkt.“ In diesem Sinne ist Crowdfunding Teil weiterer Partizipationsformen wie Open Journalism und Crowdsourcing: Bei diesen Konzepten tragen die Unterstützer nicht nur finanziell bei, sondern auch mit Tipps, Wissen, Zeit und/oder Arbeitskraft. Dieses Eingebundensein, der Dialog zwischen Reportern und Unterstützern, ist nach Essers Überzeugung der Kern der Finanzierung durch die Masse.

 

Die Entstehung miterleben

Genauso versteht Dirk van Gehlen, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, auch sein Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“, für das er im Herbst 2012 auf Startnext warb: Die Geldgeber sollten nicht nur das fertige Buch vorab kaufen, „sondern vor allem: den Zugang zu seiner Entstehung“. 350 Menschen war diese Idee insgesamt 14.000 Euro wert. Das ursprüngliche Finanzierungsziel von 5.000 Euro war nach fünf Tagen geknackt. Im Februar 2013 ist das Buch erschienen, das der Frage nachgeht, wie Kunst und Kultur durch die Digitalisierung verändert werden.

Die direkte Teilhabe als wichtiger Aspekt der Beziehung zwischen den Journalisten und ihrem (vorab zahlenden) Publikum: Zu dieser Einschätzung kommt auch die junge Medienwissenschaftlerin Linda Wehly, die im Februar 2012 ihre Bachelorarbeit über „Crowdfunding im Journalismus: Potenziale und Perspektiven für Deutschland“ vorlegte. Ihr Fazit: „Crowdfunding geht über ein reines Finanzierungskonzept hinaus“, es mache Journalismus „teilnehmbar“. Reporter und Crowdfunder könnten in „einen direkten Dialog treten, von dem beide Seiten profitieren“.

Auch Daniel Höly hat aus diesem Kontakt mit Unterstützern und Kollegen Gewinn gezogen: So war etwa der Austausch über Probetexte eine Art Marktforschung, um besser zu verstehen, was die Zielgruppe von seinem Magazin erwartet. Umgekehrt erlebten die Unterstützer, wie viel Arbeit in dem Heft steckt, und brachten dem fertigen Produkt viel mehr Wertschätzung entgegen, wie Höly am positiven Feedback nach der Veröffentlichung merkte.

 

Unbezahlbarer Marketingeffekt

Dauerhaft kann und will er sein Magazin, das er während seines Journalismusstudiums konzipiert hatte, aber nicht über die Masse finanzieren. Damit es wirklich am Bahnhofskiosk landet, will er die erworbene Bekanntheit und das erste Heft zur Investorensuche nutzen. Der Businessplan dafür ist in Arbeit. Das Stichwort Bekanntheit ist denn auch ein ganz wesentliches in seiner Crowdfunding-Erfahrung: Vor allem in Sachen Marketing hat es ihm unbezahlbare Dienste geleistet. Deshalb weiß er auch: Die sorgfältig aufgebaute Community will weiter gepflegt sein. Damit sein Projekt größere Geldgeber anspricht und Aussicht auf dauerhaften Erfolg hat. Dass das Sammeln für Shift gut lief, liegt nach Überzeugung von Krautreporter-Gründer Esser nicht nur an Hölys großem kommunikativem Einsatz. „Ein Magazin eignet sich gut, weil die Unterstützer das Produkt hinterher in den Händen halten können.“ Zwar kommen nicht alle Projekte mit Printmagazinen auf den verschiedenen Plattformen durch, aber einige sind erfolgreich. Viel schwieriger wird es, wenn es zum Beispiel um eine Recherchereise wie die von Frollein Europa geht. Zwar möchte auch Lilja Girgensohn ihre Erlebnisse hinterher noch in einem Buch verarbeiten (und fragt sich, ob sie dafür wohl einen Verlag findet). Aber das Buch ist nicht Teil ihrer Dankeschöns. Diese waren eher ideeller Natur („20 Euro oder mehr: Ich versüße Dir den Tag mit einem Foto oder einer Postkarte, die ich Dir an irgendeinem Tag meiner Reise schicke.“)Trotzdem bekam sie ausreichend Geld zusammen.

Damit ist sie nicht allein, wenn es um Rechercheprojekte im Ausland geht. Auf den verschiedenen Plattformen finden sich viele: Bosnien, Ghana, Haiti, Spanien, Ungarn, Tansania und Tibet, um nur einige der Reiseziele zu nennen. Das könnte zum Teil daran liegen, dass viele Menschen Auslandsthemen in etablierten Medien nicht ausreichend abgedeckt finden. Darüber hinaus sind aber wohl auch die Kosten ein überzeugendes Argument: Schließlich treten Freie in solchen Fällen deutlich in Vorleistung, ehe sie überhaupt mit der Recherche anfangen können.

Nicht nur Girgensohn erläuterte in ihrem Pitch, mit welchen Ausgaben sie kalkuliert und wie sie möglichst kostengünstig rumkommen will. Ähnlich handhaben es andere Kolleginnen und Kollegen, die drei- bis vierstellige Beträge für ihre Auslandsreisen erlösen wollen. So der Journalist und Blogger Enno Heidtmann, der im September in den Nahen Osten aufgebrochen ist, um über „Syriens verlorene Seelen“ zu schreiben. 2.000 bis 2.500 Euro rechnete er für Flüge, Unterkunft, Verpflegung und weitere Reisekosten, 940 Euro trugen Unterstützer über Krautreporter bei. Ihnen (und anderen Interessenten) verspricht er regelmäßige Berichte auf seiner Seite blogtalents.de.

Auch Eva Hoffmann und Frieder Piazena stellen diese Transparenz her: Auf einer dreimonatigen Recherchereise wollen sie herausfinden, wie die deutsche Berichterstattung aus Indien das Bild des Subkontinents prägt und wie die dortige Medienlandschaft aussieht. Kosten entstehen für Flugtickets, Unterkunft, Recherchereisen vor Ort, Ausrüstung, Versicherung von Kamera und anderem Equipment, rechnen sie auf ihrem Blog rethinkindia.brln.de vor.

 

Schwachpunkt Lokaljournalismus

Aber was ist mit klassischen lokaljournalistischen Themen? Man könnte vermuten, dass der Bedarf dort besonders groß ist – wegen der schrumpfenden Lokalredaktionen, wegen der zunehmenden Zahl von Einzeitungskreisen und auch wegen der blamablen Honorare, die auf lokaler Ebene bei Zeitungen oder auch im Privatfunk gezahlt werden.

All das könnte dafür sprechen, dass Freie mit ihren Ideen antreten, um Unterstützer zu finden. Schließlich wollen sie wichtige Themen nicht „für lau“ recherchieren müssen. Aber Fehlanzeige: Lokales ist eher selten zu finden, ebenso wie politische und investigative Inlandsangebote. In diesen Bereichen stößt Crowdfunding in Deutschland bisher wohl an Grenzen.

Natürlich bieten sich viele Themen, ob für das Ressort Lokales, Wirtschaft oder Politik, sowieso nicht an, weil sie bei einer Vorlaufzeit von mehreren Wochen längst „durch“ sind. Schwierig wird es auch bei komplexen Themen, die während der Recherche noch im Fluss sind. In der Regel müssen Ausschreibungen sehr konkret sein, damit sie Geldgeber überzeugen. Aus dem gleichen Grund hakt es bei vielen investigativen Themenideen: Wer schon beim Pitch zu viel preisgeben muss, braucht mit dem Graben im Dreck eigentlich gar nicht mehr anzufangen.

Allerdings hat Sebastian Esser von Krautreporter eine Idee, wie das trotzdem funktionieren könnte: eine Art Treuhänderkonzept, bei der ein Kollege mit seinem guten Namen für ein Projekt wirbt, dessen Macher sich in Details und mit der eigenen Person zurückhalten muss. Zur Anwendung kam das Konzept noch nicht, weil es bisher keine entsprechenden Anfragen gab.

Den Grund für das Fehlen lokaler Themen sieht Esser u.a. in der kleinen Zielgruppe – eine Schnittmenge aus denen, die sich für das lokale Geschehen interessieren, und denen, die für Crowdfunding offen sind, ja es überhaupt kennen. Denn so sehr die Idee auch im Netz kursiert: In der Lebenswelt der meisten Menschen ist dieses Finanzierungskonzept noch nicht angekommen.

Das musste auch der Nachwuchsjournalist Julian Heck mit seinem hyperlokalen Blog weiterstadtnetz.de feststellen, der Anfang des Jahres anlässlich seines einjährigen Bestehens ein einmaliges Printmagazin herausbringen wollte. Aber die Finanzierung über Krautreporter klappte nicht. „Mal ehrlich“, schreiben die Macher aus dem 25.000-Einwohner-Städtchen in der Nähe von Darmstadt in einem Rückblick: ‚„Wie viele Weiterstädter kennen den Begriff Crowdfunding?“

Gut bekannt ist es dagegen oft bei denen, die Gegenöffentlichkeiten als Ergänzung oder Korrektiv zu etablierten Medien aufbauen wollen und die sich dafür sowieso viel im Netz bewegen. So brachten 400 Unterstützer mehr als 6.000 Euro für das datenjournalistische Projekt „Rechtes Land“ auf. Es will die Orte der extremen Rechten, ihre Verbände, ihre Morde, ihre Überfälle, ihre Termine und aktuelle Vorhaben kartieren, um ein Gesamtbild über die Aktivitäten von Neonazis in Deutschland darzustellen. Die Beta-Version ist mittlerweile online und wartet auf Unterstützung – nun nicht mehr durch Geld, sondern durch Ergänzung der Daten.

Aufmerksamkeit auf vernachlässigte Medienthemen lenken: Das ist auch Anliegen der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), die in diesem Sommer deshalb auch mit Crowdfunding experimentierte: Ziel war es, die diesjährige Liste der zu kurz gekommenen Themen von Journalisten bearbeiten zu lassen.

 

Gemischte Bilanz

Allerdings kam das Geld nur für drei Projekte zusammen: Dabei geht es um die Ausbeutung von Au-pairs in Deutschland, um die Gelder, die Richter in Prozessen einsammeln und freihändig verteilen können, und um Auskunftsansprüche in US-amerikanischen Gerichtsprozessen, die für deutsche Unternehmen zum Problem werden können, weil sie gegen hiesige Datenschutzgesetze verstoßen. Für die sieben anderen Vorschläge gab es nicht genügend Unterstützer. Nach dem „Alles-oder-nichts“-Prinzip bei Krautreporter gingen sie leer aus. Darunter waren unter anderem Vorschläge zum Geschäft mit Abschiebungen, zum intransparenten UN-Welternährungsprogramm und zur unzureichenden Kontrolle von Waffenexporten. Trotz der gemischten Bilanz wollen es die INA-Macher im kommenden Jahr voraussichtlich noch mal versuchen.

Aber was bedeutet es, wenn mehr als die Hälfte der INA-Vorschläge ihr Finanzierungsziel nicht erreicht haben? Haben Redaktionen also letztlich doch Recht mit ihrer Auswahl, mit der Einschätzung, dass bestimmte Themen eben kein Publikum finden? Vielleicht nehmen sich die Medienforscher auch diese Aspekte im Zusammenhang mit Crowdfuding vor.

 

Fragen auf längere Sicht

Zahlreiche weitere Frage sind erst zu beantworten, wenn viele journalistische Projekte durch Unterstützer vorfinanziert und dann umgesetzt wurden: Welchen Anteil an der journalistischen Produktion hat die Schwarmfinanzierung auf längere Sicht? Unterscheiden sich so entstandene Filme, Fotos, Hör- oder Magazinstücke von dem, was die Medienhäuser uns bieten? Wie reagieren Unterstützer, wenn die Versprechungen des Pitches nicht eingelöst werden können? Und welche Auswirkungen haben die neuen Beziehungen zu den Konsumenten längerfristig auf die Journalisten?

Für Frollein Europa hat ihr Crowdfunding-Experiment die Lebenspläne jedenfalls schon nach wenigen Monaten verändert. Das Studium will sie erstmal nach hinten schieben, dafür nach dem Buch weiterreisen und schreiben. Ob sie schließlich Journalistin wird, weiß sie noch nicht. „Bloggerin werde ich bleiben“, mailt sie aus der Ferne.

Denn sie ist immer noch unterwegs. Den Zeitplan hat sie gestreckt, weil ein Monat in einem Land oft nicht reichte, um wirklich spannende Geschichten zu finden. Manches, was sie erlebt, ist doch das Europa der Krisen und nicht das der Hoffnungen und Träume. Zeitweise tat sie sich schwer mit dem einsamen Geschäft des Bloggens. Finanzielle Problem hat sie aber nicht, weil sie deutlich weniger Geld ausgebe als geplant. „Das kommt vor allem daher, dass Couchsurfing wirklich sehr gut funktioniert und ich aufgehört habe, Busse oder Bahn zu nutzen, und stattdessen trampe.“ Fremde teilen also weiter mit ihr. Einfach so.||

Corinna Blümel

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