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Wie man aus dem Motivationstief herauskommt

Will ich wirklich so weitermachen?

© DJV-NRW / Klinkebiel GmbH / Foto: vicnt2815/depositphotos

Kündigungen sind in der Medienbranche fast alltäglich geworden. Sie können das Leben von Journalisten durcheinander-wirbeln: Selbstzweifel, Frust, Existenzangst und Depression sind mögliche Folgen. Doch manchmal bedarf es viel weniger, um beruflich aus der Bahn geworfen zu werden: Die fünfte Sparrunde, die zehnte technische Weiterentwicklung, die immer selben Kunden, Themen und Aufträge. Es gibt viele Gründe, in einem tiefen Motivationsloch zu landen – bis hin zum Boreout infolge von Langeweile und Unterforderung.

Alexandra K. (Name geändert) beispielsweise ist eigentlich viel zu jung, um schon in einer ersten Jobkrise zu stecken. Trotzdem fühlt sie sich nach der Arbeit immer häufiger, als ob ein Metallkorsett um den Körper ihr die Luft zum Atmen nimmt. „Dabei habe ich eine unbefristete Festanstellung“, erzählt die 30-Jährige. „Mein Chef und das gesamte Team sind sehr nett. Aber ich ertrage die Themen nicht mehr.“

Das Herz schlägt für andere Themen

Alexandra war damals froh, ein Volontariat bei dem Fachmagazin zu bekommen. Der erste Schritt in den Traumberuf Journalismus war getan! Sie hat sich auch gefreut, dass sie als Redakteurin übernommen wurde – schließlich hat das heute fast Seltenheitswert. Doch jetzt, nach weiteren drei Jahren, will sie nicht mehr: Ihr Herz schlägt schon immer für andere Themen, sie würde gerne als Wissenschaftsjournalistin arbeiten. Aber egal, wo sie sich bewirbt, es klappt nicht.

Sie denkt darüber nach, Arbeitszeit zu reduzieren. Oder zu kündigen und sich selbstständig zu machen. Noch ist sie aber nicht soweit, schließlich bietet der Job auch finanzielle Sicherheit. Darum hat sie zum Jahreswechsel ein Wissenschaftsblog gestartet. So kann sie in der Freizeit die Themen beackern, die im Job zu kurz kommen. Indem sie unabhängig von einem Verlag publiziert, möchte sie kompensieren, was ihr bei der Arbeit fehlt. „Vielleicht entfache ich so wieder die Leidenschaft für meinen Traumberuf“, hofft sie.

Leidenschaft, das ist ein großes Wort. Auch Frank B. (Name geändert) spürt sie nach sieben Jahren als Festangestellter in der Öffentlichkeitsarbeit nicht mehr. Dabei wollte er nie etwas anderes machen, als in den Medien arbeiten, und will es bis heute nicht. Sein Problem: „Obwohl mir meine Arbeit immer wieder Spaß macht, ist es manchmal einfach zu viel. Frustrierend ist, dass alles nur noch fertig werden muss. Die Qualität kann ich nur steuern, indem ich endlose Überstunden mache“, sagt der 46-Jährige. Aber er muss eine Familie ernähren, und darum stürzt er sich immer wieder aufs Neue in die Arbeit. Er will sie gut machen, zumindest so gut, dass der Vorgesetzte damit zufrieden ist. „Mir fehlt dabei aber die Perspektive“, sagt er. „Der Sinn. Meine Arbeit entspricht nicht meinen Qualitätsanforderungen. Wo soll das hinführen? Was ist das Ziel?“, fragt er. Und fügt hinzu: „Mein Leben war schöner, als ich noch selbstständig war. Es war entspannter – und ich war glücklich.“

Die Geschichten von Alexandra und Frank, die Story vom demotivierten Journalisten, wird viele Male in der deutschen Medienszene geschrieben. Die Gründe für den Verlust der Motivation sind so unterschiedlich wie das Leben: Honorarkürzungen, Entlassungen, Projektstop, Sparrunden, Redaktionsschließung, Auftragseinbruch. Aber auch Themen, Anlässe, Gesprächspartner und Aufgaben, die sich endlos wiederholen. All das kann zu Frust und Lustlosigkeit im Job führen. Auf Dauer kann eine solche Situation sogar krank machen.

Martina Lenz kennt Geschichten wie diese, hört sie oft in ihrem neuen Beruf: Sie selbst hat vor einigen Jahren im Alter von 52 Jahren einen Schlussstrich unter den Journalismus gezogen – nach rund 16 Jahren Fernsehen und vielen Jahren in Hörfunk und Print. Heute arbeitet sie als Coach und Supervisorin und ist damit selbst ein Beispiel für einen entschiedenen Neustart.

Das Interesse verlagerte sich

Dieser Entschluss ist nicht über Nacht gereift, es war vielmehr ein langer Prozess: „Ich gebe schon viele Jahre Seminare“, erzählt sie. „Mein Interesse an meiner Arbeit als Dozentin nahm zu, während ich mich immer häufiger fragte, wohin ich im Journalismus eigentlich noch will, was die Perspektive sein könnte.“ Sie wollte in ihrem Nebenjob besser werden, wollte ihre Seminarteilnehmer zielgerichteter führen können – und hat darum eine mehrjährige Coaching-Ausbildung gemacht.

2007 nahm sie sich eine Auszeit, um die Weichen für die Zukunft in Ruhe stellen zu können – „und dann bin ich gesprungen“, sagt sie. Raus aus dem Journalismus, rein in ihr neues berufliches Leben. Ihre Zielgruppe: Medienleute, Führungskräfte, Pressevertreter in Organisationen, Unternehmen und Verbänden.

Wer zu ihr kommt, will etwas verändern, an sich und an seiner Situation. Von Krisen möchte Martina Lenz in diesem Zusammenhang jedoch nicht in allen Fällen sprechen: „Ich nenne das Entwicklungsaufforderungen vom Leben“, sagt sie.

Saisonaler Zyklus

Auch Andrea F. (44, Name geändert) hat eine solche Entwicklungsaufforderung bekommen: Seit über einem Jahrzehnt arbeitet sie freiberuflich für ein Magazin und erwirtschaftete den Großteil des Einkommens einer fünfköpfigen Familie. Irgendwann kam es jedoch zu Unstimmigkeiten mit dem Verlag, Andrea F. kündigte – und ging in Aufträgen von neuen Kunden unter. „Bis zu einer Messe im Herbst“, erzählt sie, danach brachen die Aufträge erst einmal ein. „Da begriff ich, dass meine Branche einem saisonalen Zyklus unterliegt, und dass es schwer wird, in den nächsten Monaten das anvisierte Einkommen reinzuholen“, sagt sie. Bis Frühjahr 2015 wird das wohl so weitergehen, danach zieht es sicher wieder an.

Doch so lange kann sie nicht warten. „Ich bin selbst schuld“, sagt sie. „Ich hätte in der guten Auftragslage akquirieren sollen, aber ich hatte einfach keine Zeit dafür. Jetzt klicke ich im Minutentakt auf den Senden-Empfangen-Knopf in meinem Mailprogramm, doch es kommt nichts.“ Andrea F. spürt, wie sich Existenzangst in ihr breit macht, erwägt wieder eine Festanstellung.

Und trotzdem: „So schlimm das gerade für mich ist: Ich freue mich, dass ich nach rund 15 Jahren endlich einmal die Zeit habe, mich zu besinnen und darüber nachzudenken, wohin ich beruflich eigentlich will“, sagt sie. Sich besinnen und nachdenken, das gelingt ihr am besten beim Sport: Während sie auf weiten Strecken im grauen Winterwetter der Angst davonläuft, kommen ihr gute Ideen: Im Frühjahr startet sie zusammen mit anderen ein Blog, das sie schon lange auf ihrer Wunschliste hat.

Genau das tun, was Spaß macht

Das Thema des Gemeinschaftsprojekts will sie noch nicht verraten, aber die URL ist bereits gesichert, das Konzept steht, das Design ebenfalls. „Ohne eigenes Medium fühle ich mich wie eine Befehlsempfängerin“, sagt sie. „Dabei haben wir als Selbstständige mit den neuen Medien alle Möglichkeiten der Welt, genau das zu tun, was uns Spaß macht, und müssen nicht nur auf Aufträge warten. Mit dem Blog beispielsweise kann ich mehr Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen. Außerdem wird die Seite mein journalistischer Spielplatz, um die vielen neuen Stilformen im Netz auszuprobieren. Das wird auch neue Kunden anziehen“, ist sie sich sicher.

Auch Anja Ihme sieht die eigene Situation wieder positiv: Sie ist 45, seit 16 Jahren selbstständig mit einem Büro für Pressearbeit und Lektorat. „Seit eineinhalb Jahren geht die klassische Pressearbeit zurück“, sagt sie. „Die Branche ist in einem Umbruch – und ich bin es auch. Ich mag nicht mehr die immergleichen Pressemitteilungen schreiben. Um meinen Kunden weiterhin zeitgemäße Arbeit bieten zu können, müsste ich mich noch fitter machen in den sozialen Medien“, sagt sie. „Ich wäre aber auch nicht abgeneigt, diesen Umbruch zu nutzen und etwas ganz Neues zu machen.“

„Frust und Angst töten die Kreativität“

Hans-Werner Bormann ist geschäftsführender Gesellschafter der WSFB-Beratergruppe Wiesbaden und Vorsitzender des Fachverbandes Change Management im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater.

 

 

 

 

JOURNAL: Wenn Journalisten ihren Job unmotiviert verrichten, welche Konsequenzen hat das für die Unternehmen?

Hans-Werner Bormann: Die Medienbranche benötigt Kreativität, um innovativ zu sein und am Markt Bestand zu haben. Unternehmen mit unmotivierten Mitarbeitern schaufeln sich ihr eigenes Grab. Darum sollten Medienunternehmen dafür sorgen, dass die Mitarbeiter auch Spaß an der Arbeit haben. Frust und Angst töten jegliche Kreativität.

JOURNAL: In Zeiten, in denen wöchentlich Redaktionen verkleinert und geschlossen werden, klingt das wie Hohn. Was können die Medienunternehmen tun?

Bormann: Sie müssen zunächst verstehen, dass die Kollegen unter der Situation leiden. Muss ein Teil der Belegschaft gehen, ist der verbleibende Rest traumatisiert. Das Redaktionsteam sollte sich Zeit nehmen, über die Situation zu sprechen. Im zweiten Schritt muss die Arbeit neu organisiert werden. Eine geschrumpfte Redaktion kann nicht die gleiche Arbeitsmenge wie zuvor bewältigen.

JOURNAL: Wenn das Unternehmen nicht von selbst aktiv wird, können dann Ressortleiter etwas unternehmen?

Bormann: Gerade sie sind in einer schwierigen Situation: Sie sind zunächst auch emotional von der Situation betroffen. Gleichzeitig müssen sie den Wandel gestalten – also mit einer kleineren Belegschaft ein neues Produkt schaffen. Dabei muss man Prioritäten setzen: Was lassen wir künftig weg? Dann haben sie eine Führungsaufgabe: Ihre Mitarbeiter fordern von ihnen Hilfe. Und schließlich muss irgendwie auch das Tagesgeschäft weitergehen, es zieht ja keiner für zwei Wochen den Stecker.

JOURNAL: Und wenn die ersten Wochen vorbei sind, zieht wieder der Alltag ein?

Bormann: Dazu kann ich nicht raten. Sinnvoll sind regelmäßige Gespräche mit den Einzelnen und auch im Team. Dabei kann man die Motivationslage abschätzen und gegebenenfalls reagieren. Es nutzt aber nichts, das nur zweimal im Jahr zu machen. Ein persönliches Gespräch jedes Quartal wäre wünschenswert – das kann ja auch informellen Charakter haben.

JOURNAL: Welche Chance hat der einzelne Journalist, egal ob festangestellt oder nicht, aus einem Motivationsloch herauszukommen?

Bormann: Es ist wichtig, darüber nachzudenken, was einem Spaß macht – und welche Zukunftsaussichten man in seinem Job hat, wenn man sich nicht persönlich weiterentwickelt. Oft hilft es, Abstand zu gewinnen, sich eine Auszeit zu gönnen – einen Urlaub beispielsweise. Man sollte die Situation ernst nehmen, denn sie kann krank machen. Gegebenenfalls ist auch der Hausarzt eine Anlaufstelle.

JOURNAL: Sie sind ein Branchenkenner. Wie geht es weiter?

Bormann: Print wird weiter schrumpfen. Der Konsolidierungsprozess ist noch lange nicht am Ende. Allerdings setzt sich die Erkenntnis durch, dass die notwendigen Veränderungen nicht durch den Austausch einzelner Personen gelingen kann, sondern dass dazu ein Organisationsentwicklungsprozess gestaltet werden muss.

 

Die Fragen stellte Bettina Blass.

Rein zufällig bekommt sie ein Coaching angeboten. Eigentlich eher zu früh, wie sie findet, denn ihre Kinder sind klein, brauchen sie noch. Sie greift bei dem Angebot trotzdem zu, lässt sich coachen und stellt wie Andrea F. fest, wie gut es ihr tut, über die Gegenwart und die Zukunft in aller Ruhe nachzudenken.

Veränderung liegt in der Luft

Plötzlich öffnet sich vor ihren Augen ein ganzer Strauß beruflicher Möglichkeiten – jenseits von oder ergänzend zu PR und Lektorat. „Ich könnte mir vorstellen, noch eine Ausbildung zur Fotografin zu machen“, sagt sie. „Denn an Bildern und der Fotografie habe ich sehr viel Spaß. Vielleicht wird es aber auch ganz anders kommen. Ich hätte beispielsweise auch Lust, mich wieder stärker in der Kommunalpolitik zu engagieren oder eine Stiftung zu gründen.“ Oder es bleibt bei der Medienbranche – dann möchte Anja Ihme so wie Alexandra und Andrea bloggen und auf Twitter aktiver werden. Wie es auch kommen wird: Sie freut sich drauf, denn es liegt Veränderung in der Luft.

Typische Situationen, wissen Berater und Coaches wie Martina Lenz. Man nimmt sich Zeit, gewinnt Abstand, denkt nach – und findet neue Wege. Unbewusst haben Andrea und Anja also genau das Richtige gemacht: „Aufräumen – sortieren – justieren“, lautet nämlich der Rat von Martina Lenz an Kollegen in schwierigen Situationen. Oder anders ausgedrückt: „Zunächst einmal das tun, was Journalisten am Beginn jedes Berichts machen – Informationen sammeln.“ Allerdings ausnahmsweise nicht über andere, sondern über sich selbst: „Was motiviert mich?“ ist dabei die Hauptfrage.

Sie zu beantworten scheint zunächst einfach. Doch wie findet man heraus, was einen motiviert, wenn man noch nie darüber nachgedacht hat, nach welchem Schema man eigentlich handelt? Martina Lenz rät dazu, die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen: „Was trieb dich an – und tut es noch heute?“, fragt sie, „Was macht dir Spaß? Welche beruflichen Werte hast du? Wozu bist du Journalist geworden?“ Wer damit nicht weiterkommt, sollte seinen Talenten nachgehen, darüber nachdenken, was ihm leichtfällt und was nicht – auch jenseits des Berufs.

Nach Erfolgen in der Vergangenheit solle man suchen, nicht unbedingt nur nach den großen Journalistenpreisen und Auszeichnungen, sondern auch nach kleinen Erfolgen: Wann war ich mit meiner Arbeit sehr zufrieden? Wurde vielleicht sogar dafür gelobt? „Man kann sich auch fragen, worüber man ein Buch schreiben oder zu welchem Thema man einen Kongress organisieren möchte“, sagt Martina Lenz. „Beides sind Zeichen dafür, dass man für dieses Thema brennt.“ Wer für etwas brennt, sich also begeistert, kann dafür eine Leidenschaft entwickeln. Da ist es wieder, dieses große Wort.

Das Ergebnis der Selbstbefragung kann auch sein, dass man im Journalismus durchaus am richtigen Platz ist, dass es aber gerade nicht gut läuft. Dann geht es darum, wieder diese Leidenschaft für den Beruf, die Berufung zu entwickeln. „Anerkennung ist dabei wichtig“, sagt Martina Lenz. „Doch gerade im Journalismus kommt sie oft zu kurz.“

Herzensprojekte, egal wie klein oder groß, können aus einem Motivationsloch heraushelfen. Foto: txt

Tipps gegen die Krise

Wer in einem Motivationstief ist, sei es finanziell oder emotional begründet, sollte aktiv dagegen vorgehen. Kollegen aus der Medienbranche haben ganz unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Noch besser ist es natürlich, wenn man die Tipps präventiv einsetzt und nicht erst, wenn die Krise da ist:

 

  • „Yoga, Meditation, Entspannungsübungen, Sauna, Sport.“
  • „Ausgleich zum Beruf schaffen: ein ausgefülltes Privatleben mit Freunden und Familie.“
  • „Sich ein Hobby suchen: fotografieren oder musizieren, backen oder malen.“
  • „Abstand bekommen. Im Urlaub auf der Berghütte im meterhohen Schnee den Blick genießen und dabei die Gedanken fließen lassen.“
  • „Sich ein Projekt suchen, in das man sich hineinkniet: ein Buch über das Lieblings­thema schreiben, sich ehrenamtlich als Vorleser bei älteren Menschen oder als Bewerbungshelfer bei benachteiligten Jugendlichen engagieren.“
  • „Sich weiterbilden: Im Journalismus gibt es viele neue Bereiche – eBooks, Social Media, multimediales Storytelling. Daraus können neue Geschäftsfelder entstehen.“
  • „Experten hinzuziehen – einen Coach, Karriereberater oder einen Psychotherapeuten.“

Bettina Blass

Eigeninitiative lohnt sich

Also muss die Frage sein: Wie belohne ich mich selbst? Die Lösung ist nicht das Stück Schokolade, die neue Handtasche oder das teuerste Smartphone. Vielmehr geht es darum, sich neuen Herausforderungen zu stellen und zu schauen, was sich mit Eigeninitiative herausholen lässt.

Wenn Frank B. zum Beispiel seinen Vorgesetzten und seine Aufgaben nicht ändern kann, könnte er sich nach einer neuen Stelle umsehen, so wie es auch Alexandra macht. Falls das nicht von Erfolg gekrönt ist, könnte er an seiner persönlichen Einstellung und an seinem Verhalten arbeiten: „Blockt der Chef alle seine Ideen ab, könnte er sich fragen, wie er eigentlich auf ihn zugeht, oder ob er sie ihm anders präsentieren kann. Vielleicht springt der Vorgesetzte dann darauf an“, rät Martina Lenz.

Es kann auch sinnvoll sein, sich gerade in eine ungeliebte Arbeit tief hineinzuknien, sie so gut machen will, dass man selbst damit zufrieden ist. Wahrscheinlich macht man sie dann auch besser als bisher, kann vielleicht sogar Freude daran gewinnen. „Und unter Umständen gibt es die lange fehlende Anerkennung oben drauf“, rät Martina Lenz ihren Klienten.

Aber Selbstmotivation funktioniert auch anders-herum. Wer in einem Motivationsloch steckt, könnte sich ein Herzensprojekt suchen – etwas, für das man sich ein größeres Zeitkontingent freiräumt, ohne vorab zu wissen, ob sich das rechnen wird. Das kann zum Beispiel ein beruflicher Einsatz im Ausland sein, ob mit einem Stipendium oder sogar ehrenamtlich (siehe Kasten „Auszeit in der Ferne“). Die selbstbestimmte Arbeit kann den Spaß am Journalismus zurückbringen und ganz neue Perspektiven eröffnen. Und von den Erlebnissen zehrt man lange, nachdem man an den eigenen Schreibtisch zurückgekehrt ist.

Die lange Form durchdenken

Auch ein großer Fotoessay zu einem speziellen Thema kann so ein Herzensprojekt sein, das Konzept für ein Hörfunkfeature oder einen Dokumentarfilm: Das Sujet mal gründlicher daraufhin abklopfen, ob es wirklich trägt. Schauen, wo man die lange Form veröffentlichen könnte. Kollegen suchen, die einen unterstützen könnten. Das zu tun, wozu man im Alltag nie kommt, öffnet oft auch einen anderen Blick auf das Tagesgeschäft.

Auf Print übertragen ist die lange Form das erwähnte Buch – und man braucht dafür nicht einmal einen Verlag. Natürlich ist es schöner, wenn jemand den Krimi, die Kurzgeschichtensammlung oder das Fachbuch über die Geschichte der Industrie in Ostwestfalen so ansprechend findet, dass er dafür zahlt. Doch man kann ein Buch heute auch sehr einfach als digitale Variante herausbringen und direkt an den Leser verkaufen – zum Beispiel mit Amazons Kindle Direct Publishing.

Neuer Spaß und neue Inspiration kann auch finden, wer einige Zeit einen Arbeitsplatz mit anderen Selbstständigen teilt. Das ist in einem so genannten Co-Working Space unkompliziert und günstig möglich. Dort kann man tage- und wochenweise einen Schreibtisch und die nötige Infrastruktur mieten. Das Konzept gibt es weltweit. Warum sich also nicht für einige Wochen in einem Co-Working Space in einer kanadischen Großstadt, auf Mallorca an der Uferpromenade oder in Norwegen in der Nähe eines Fjords einquartieren?

Wer noch mehr Abwechslung will, sollte sein Festnetz aufs Handy umleiten, sein Laptop einpacken und losreisen: Ob bei einem Trip quer durch Deutschland, ob irgendwo in Europa oder in der ganzen Welt: Als digitaler Nomade hat man sein Büro immer bei sich. Arbeiten kann man am Strand unter Palmen genauso gut wie im Café an den Champs-Élysées, im Zug durch die Schweizer Berge oder in einer Holzhütte im malaiischen Urwald. Hauptsache, es gibt einen Internetanschluss. Und W-Lan gibt es weltweit an sehr vielen Orten – selbst, wenn sie noch so abgelegen sind. Wer Spaß an solchen Träumen hat, aber die Kosten scheut, der kann ein solches Projekt beispielsweise über Crowdfunding, also das Sammeln von kleinen Geldbeträgen im Internet realisieren (vgl. JOURNAL 5/13).

Abstand zum Berufsalltag

So unterschiedlich die Ansätze sind, sie haben eines gemeinsam: Abstand zum Berufsalltag zu gewinnen. „Die Distanz kann dabei helfen, danach wieder Spaß am Journalismus zu haben. Vielleicht hilft sie aber auch dabei, sich neu zu orientieren“, sagt Martina Lenz. Denn auch nach Jahren oder Jahrzehnten im Traumberuf Journalismus kann es passieren, dass die Leidenschaft  – aus welchen Gründen auch – immer plötzlich jenseits der Medienbranche liegt.

Dann muss man nicht zwingend einen harten Schnitt machen. Manchmal wird man zwar dazu gezwungen, beispielsweise durch eine Kündigung oder fehlende Kunden. Optimal ist es aber, wenn man sich wie Alexandra K. langsam ein zweites Standbein aufbauen kann: „Man sollte sich überlegen, wie man mit seiner Leidenschaft Geld verdienen kann, und dann diesen Plan verfolgen“, sagt Martina Lenz. Das alte berufliche Leben also so langsam aus- wie das neue einblenden. Beispielsweise, indem aus einer Vollzeit- eine Teilzeitstelle wird, die genügend Platz gibt, das Neue zu testen. Oder indem man sich als Freiberufler einen Tag in der Woche freihält, um sich weiterzubilden oder an seiner thematischen Neuausrichtung zu arbeiten.

Zu alt für einen beruflichen Neuanfang sei man übrigens nie, sagt Martina Lenz. Vorausgesetzt, man ist bereit, die Kraft aufzubringen, die man für einen Neuanfang neben aller Begeisterung und Leidenschaft braucht.||

Bettina Blass

JOURNAL 1/15