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Tabubruch beim WDR: Systemwechsel ohne die Gewerkschaften?

Ärger um den Producer

Der Streit um den verstärkten Einsatz von Producern schwelt seit vergangenem Jahr zwischen dem WDR und den Gewerkschaften.  Producer sollen nicht mehr pro Beitrag („werkbezogen“) bezahlt werden, sondern pauschal pro Tag – und sie sollen nach dem Willen des WDR zum Teil auch journalistische Aufgaben wahrnehmen, zum Beispiel vorhandenes Drehmaterial bearbeiten (siehe dazu auch "Meine Bilder, deine Bilder").  Nach heftigen Protesten auf dem DJV-Freientreffen im Oktober 2014 und der Personalversammlung im Februar (vgl. JOURNAL 6/14 und 2/15) wurde erst sondiert und dann verhandelt.

Dabei konnten die Gewerkschaften zwar einige Punkte entschärfen, aber bei viel zu vielen blieb der WDR stur – etwa bei der genauen Eingrenzung, für welche Aufgaben die Producer eingesetzt werden sollen. Noch gar nicht verhandelt wurde, wie lang so ein pauschal vergoltener Tageseinsatz maximal dauert. Dass der WDR nun gar droht, den Producer einseitig einzuführen (siehe unten), macht die Tarifkommission des DJV-NRW fassungslos. Dabei steht fest: 90 Prozent der betroffenen WDR-Freien lehnen  die Einführung in der derzeitig geplanten Form ab. Das hat eine Umfrage des DJV-NRW unter betroffenen Mitgliedern ergeben. Die entschiedene Ablehnung fand Niederschlag in einem offenen Brief an den Intendanten Tom Buhrow, die Antwort stand Mitte Mai noch aus.

Sparen mit Tagespauschalen

Klar ist: Der Producer soll helfen, wegfallende Stellen von festen Mitarbeitern zu kompensieren. Der WDR will aber mit der Tagespauschale zugleich deutliche Honorareinsparungen realisieren. Von diesem Paradigmenwechsel (Pauschale statt Einzelhonorierung) will der Sender die Gewerkschaften aus Kostengründen schon länger überzeugen.

Insgesamt soll es nach WDR-Vorstellungen fünf verschiedene Producertypen geben, die in allen Produktionsbereichen (Fernsehen, Hörfunk, Online) eingesetzt werden. Einige sollen eher technische Aufgaben übernehmen, etwa Webseiten aufbereiten oder koordinierend tätig sein. Dagegen soll der „journalistisch-redaktionelle Producer“ inhaltlich arbeiten. Auch wenn es nach WDR-Angaben nicht Ziel ist, „originäre Autorentätigkeit zu ersetzen“, bleibt unklar, welche Aufgaben genau Producer haben sollen. Vorgesehen ist jedenfalls, dass sie eigene Beiträge erstellen und auch Film- und Tonaufnahmen machen sollen. Unklar sind die Grenzen.

Noch mehr Ungemach

Die Querelen um die Einführung der Producer sind nur eine von vielen Baustellen. Weiteres Ungemach droht den Freien unter anderem bei WDR5: Dort wird zum Beispiel das Politikum eingestellt, und auch bei Leonardo stehen tiefgreifende Änderungen an. In allem zeichnet sich das Bild ab, dass der Sender vorrangig bei den Freien ansetzt. Zwar machen die Honorare im Gesamt­etat nur einen kleinen Teil aus, aber sie sind am leichtesten „verfügbar“./cbl

Strittig ist zum Beispiel:

  • Wie weit darf der Producer Archivmaterial verwenden? Nach Vorstellung des WDR soll er Archiv-NiFs, Zweitfassungen und Bearbeitungen erstellen. Selbst kurze Beiträge sollen möglich sein.
  • Was fällt unter Archivmaterial? Gehört dazu alles, was eingestellt ist – auch vor Ausstrahlung? Auch das Rohmaterial?
  • In welchem Umfang soll der Producer eigenes Material liefern?

Letztlich läuft alles auf die Frage hinaus, wo die Grenze zu freien Journalistinnen und Journalisten verläuft – und wie viele Aufträge für diese noch übrig bleiben. Bisher lehnt der WDR weitere Eingrenzungen oder eine vom DJV-NRW vorgeschlagene Negativliste ab. Gerade diese standhafte Weigerung weckt die Sorge, dass weit mehr umfasst sein soll, als in den Gesprächen suggeriert wurde.

Uneinigkeit herrscht auch noch bei der Vergütung. Geboten ist etwa eine Tagespauschale von 250 Euro für den journalistisch-redaktionellen Producer. Koordiniert dieser zusätzlich den Sende- und Produktionsablauf (Ablaufproducer), soll er 350 Euro bekommen. Falls die Gewerkschaften bereit sind, die sehr vage Aufgabenbeschreibung zu akzeptieren, will der WDR zehn Prozent „drauflegen“. Aber so oder so: Für die Leistungen, die die Pauschale zumindest theoretisch abdeckt, bekommen viele WDR-Freie heute deutlich mehr Geld. Wer sich auf die Pauschalen einlässt, würde also Einkommenseinbußen hinnehmen. Und wer weiter auf Honorarbasis arbeitet, müsste sich in vielen Bereichen wohl auf weniger Aufträge einstellen.

Trotz all dieser Bedenken hat der WDR die Gewerkschaften wissen lassen, dass für ihn das Ende der Verhandlungen erreicht ist. Wenn die Gewerkschaften nicht einwilligen, will der Sender den Producer ohne Zustimmung einführen. Ein eindeutiger Tabubruch ...

Weiterkämpfen

Dem DJV-NRW reicht der in Aussicht gestellte Zehn-Prozent-Zuschlag nicht. Er kämpft weiter und weiß sich damit an der Seite der WDR-Freien. Das zeigte nicht nur die lebhafte Diskussion in der WDR-Freienliste, sondern auch die erwähnte Umfrage. Mehr als 90 Prozent sprechen  sich darin klar gegen den Producer aus – selbst wenn die einseitige Einführung des Producers dann mit der (noch) schlechteren Tagespauschale verbunden ist.

Rückenstärkung für die Position des DJV gab es auch auf dem Gewerkschaftstag Ende April, auf dem sich NRW-Medienministerin Dr. Angelica Schwall-Düren deutlich für ein „Verhandeln auf Augenhöhe zwischen Arbeitgebern und abhängig Beschäftigten“ aussprach. In einem Dringlichkeitsantrag forderte der Gewerkschaftstag den WDR zudem auf, die jahrelang gepflegte faire Sozialpartnerschaft mit den Freien nicht aufs Spiel zu setzen (mehr zum Gewerkschaftstag).

Silke Bender/Corinna Blümel

JOURNAL 3/15