Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Tarifrunde Tageszeitungen 2013/2014

ERLEICHTERUNG TROTZ DER DICKEN KRÖTEN?

Im Streik gegen Tarifflucht vereint: DJV-Verhandlungsführer Kajo Döhring und Dr. Anja Zimmer, Geschäftsführerin des DJV-NRW. Foto: Klinkebiel / P. Schnurr

JOURNAL: In der elften Runde gab es endlich einen Tarifabschluss (siehe alle Details dazu im Tarifprotokoll). Ist das ein Erfolg?

Dr. Anja Zimmer, Geschäftsführerin des DJV-NRW: Dieser Abschluss bietet bestimmt keinen Anlass zum Feiern. Das hat unser Verhandlungsführer Kajo Döhring ja direkt im Anschuss an die Verhandlungen deutlich gemacht. Ich kann verstehen, dass viele Streikteilnehmer nicht zufrieden sind. Und trotzdem können wir erleichtert sein, dass wir einen Abschluss erreicht haben.

JOURNAL: Warum ist das so?

Zimmer: Unser Hauptproblem sind die extrem widersprüchlichen Interessen auf der Gegenseite: Im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, dem BDZV, gibt es intern kaum noch einen gemeinsamen Nenner zur Ausgestaltung des Flächentarifs. Verlegerforderungen wie die Regionalisierung, die am Anfang der Verhandlungen standen, hätten eine wirkliche Zersplitterung der Tariflandschaft bedeutet.
Dass wir das abwehren konnten, dass wir Gehalts- und Manteltarifverträge in der Fläche mittelfristig erhalten konnten, ist also ein echter Gewinn. Das erklärt unter anderem auch die lange Laufzeit.

Zu den wirklich unerfreulichen Kröten, die wir schlucken müssen, gehört die Absenkung des Urlaubs-und Weihnachtsgelds - für uns hier in NRW wie in den meisten Landesteilen schrittweise. In Norddeutschland und für den Nachwuchs leider auf einen Schlag. Auch die Streckung der Berufsstaffeln mussten wir zähneknirschend akzeptieren. Das alles sind Zugeständnisse, die wir nicht machen wollten und die wir vor einigen Jahren noch nicht hätten machen müssen.

JOURNAL: Für den Nachwuchs addieren sich die Abstriche. Er wird im Laufe seines Berufslebens schlechter dastehen als die heutigen Journalistengenerationen. Das "Tarifwerk II" hatten wir doch eigentlich in den vorigen großen Tarifauseinandersetzungen 2010/2011 abgewehrt. Was spricht dafür, jetzt solche Einschränkungen zu akzeptieren?

Zimmer: Ja, dieser Tarifvertrag trägt leider dazu bei, dass Berufseinsteiger bei den Zeitungsverlagen künftig schlechter gestellt sind als die älteren Kollegen. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aber wir haben es geschafft, dass sie weiter zu tariflichen Bedingungen arbeiten werden. Dazu gehören neben den Tarifgehältern z.B. auch Weihnachts- und Urlaubsgeld, Arbeitszeit und die sehr gute Altersversorge über das Versorgungswerk der Presse. Und wenn man sich anschaut, zu welchen Bedingungen gerade junge Kolleginnen und Kollegen bei Verlagen arbeiten, die sich aus der Tarifbindung verabschiedet haben, ist das in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen.

JOURNAL: Aber wird der Beruf des Zeitungsjournalisten so nicht immer unattraktiver?

Zimmer: Das ist in der Tat so. Aber die stetige Abwärtsbewegung ist ja nicht den Gewerkschaften anzukreiden, sondern den Verlegern, denen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer weniger wert sind. Die versuchen, Zeitungen mit minimalem Einsatz herzustellen und wundern sich, dass das für immer weniger Menschen ein attraktives Produkt ist und dass auch die Anzeigenkunden ihr Geld zunehmend lieber woanders investieren. Die Verleger verspielen so die Zukunft ihres eigenen Mediums. Wenn es nicht so dramatisch wäre - für die Beschäftigen, aber auch für den gesellschaftlichen Diskurs, dann müsste man über diese Absurdität lachen.

JOURNAL: Bei der Summe der Zugeständnisse fragt sich mancher, ob das noch in einer vertretbaren Relation zum Ergebnis steht. Und ob man nicht mit weiteren Streiks doch mehr hätte herausholen können.

Journalismus ist mehr wert, dafür wurde im Dezember 2013 in Essen gestreikt. Foto: Klaus Daub

Zimmer: Wir haben hier in NRW wieder starke Streikversammlungen mit Hunderten Redakteuren, Pauschalisten und Freien gehabt. Das war toll und hat der Verhandlungskommission den Rücken gestärkt und die Argumente für das beharrliche Verhandeln geliefert. Und dank einer gut gefüllten Streikkasse wäre der DJV auch für längere Auseinandersetzungen gewappnet. Aufgrund der Entwicklungen in vielen Verlagen war die Streikbereitschaft aber nicht überall in Deutschland gleich enthusiastisch wie hier.

Vor allem muss man aber eins sehen: Die Streikversammlungen sind das eine, die Verhandlungen selbst etwas anderes. Die Verhandlungskommission ringt den BDZV-Vertretern in stundenlangen, zähen Gesprächen zaghafte Fortschritte ab, die diese dann oft wieder kassieren, weil sie sich bei ihren eigenen Mitgliedern nicht durchsetzen können. Das geht also von Runde zu Runde einen Schritt vor, zwei zurück. Wir müssen unseren Verhandlern zugestehen, dass sie die Situation aus ihrer jahrelangen Erfahrung einschätzen können. Dass sie erkennen, wann nichts mehr herauszuholen ist.

Streiks sind dann sinnvoll und richtig, wenn man überzeugt ist, dass in der nächsten Verhandlungsrunde mehr drin ist. Nach Einschätzung der Verhandler beider Gewerkschaften war das jetzt nicht mehr der Fall. Mit diesem Verlegerverband in seiner jetzigen Verfassung ist eben nicht mehr möglich gewesen, wie Kajo Döhring in seiner Streikinfo Ende vergangener Woche sagte.

In meinen Augen zeigt sich der beschämende Zustand des BDZV ja besonders daran, dass mit den Kölnern Verlegern Helmut Heinen und Alfred Neven DuMont wichtige Funktionäre hier in NRW auf Tarifflucht gehen. Und dass die Rheinische Post, obwohl sie nach eigenem Bekunden wirtschaftlich sehr gut da steht, bei Neueinstellungen in eine OT-Gesellschaft flüchtet. Dass die Verleger das mitten in den laufenden Tarifverhandlungen gemacht haben, zeigt doch, dass sie für ihre eigenen Häuser gar nicht mehr an die Sozialpartnerschaft glauben, mit der Deutschland lange weltweit als Vorbild galt. Das ist ein beschämendes Signal.

JOURNAL: Gäbe es denn für uns Alternativen zum Flächentarif?

Zimmer: Auf Landesverbandsebene will der BDZV keinesfalls verhandeln. Das hat er deutlich gemacht, so dass das keine Option wäre. Und Haustarifverträge würden einfach sehr, sehr viele Kolleginnen und Kollegen schlechter stellen. Denn sie erfordern nicht nur einen hohen Organisationsgrad in den Betrieben. Den bringt der DJV in vielen Zeitungshäusern mit. Tarifverhandlungen auf Betriebsebene kosten sehr viel Kraft und verlangen großen individuellen Mut - der Konflikt findet dann eben nicht mehr in einem anonymen Hotel in Frankfurt oder Berlin statt, sondern vor Ort.

JOURNAL: Dann schauen wir doch noch mal hin. Was haben wir denn – neben dem Erhalt des Flächentarifs – noch auf der Habenseite?

Zimmer: Zunächst einmal haben wir ein Plus von vier Prozent aushandeln können. Das ist nicht groß, wenn man gegenrechnet. Aber wir konnten die von den Verlegern geforderte "rote Null" abwehren. Das hatten wir zu einer Voraussetzung gemacht, um überhaupt abschließen zu können. Die Sicherung tariflicher Bedingungen für den Nachwuchs habe ich bereits erwähnt. Darüber hinaus haben wir in den monatelangen Verhandlungen unter anderem um einen größtmöglichen Bestandsschutz für diejenigen gerungen, die unter dem aktuellen Tarif arbeiten.
Worauf wir wirklich stolz sind, ist die Einbeziehung der Onliner in den Tarifvertrag. Diese Abschaffung der Zweiklassengesellschaft in einem Verlag war seit langem eine unserer Kernforderungen. Denn die Arbeit von Print- und Online-Kollegen ist gleich viel wert und muss deshalb gleich bezahlt werden.

Darüber hinaus muss man sagen: Wir haben vor allem einen Abwehrkampf geführt und konnten damit große Verschlechterungen verhindern. Man muss sich einfach vor Augen halten, wie der Abschluss ohne die Streiks ausgesehen hätte: Das "Tarifwerk Zukunft", das der BDZV vorgelegt hatte, hieß bei uns ja nicht ohne Grund "Tarifwerk Zumutung". Die von den Verlegern geforderte regional gestaffelte Bezahlung nach Kaufkraft hätte zum Beispiel hier in NRW viele Kolleginnen und Kollegen dauerhaft schlechter gestellt. Zu den eher bizarren Verlegerforderungen gehörte die Idee, schwer Erkrankte mit der Kürzung der Jahresleistung abzustrafen. Und sie hatten sich erneut einen Billigtarif ausgedacht, der den Beruf weiter abgewertet hätte.

Die Jacken des DJV: immer im Einsatz (wie auch hier in Köln im April 2014), immer orange. Foto: Klaus Daub

All das haben wir dank der entschlossenen Streikbereitschaft unserer Mitglieder verhindern können. Wir konnten bei den zahlreichen Streikversammlungen mit unseren Jacken wieder sein sehr deutliches Zeichen setzen.

JOURNAL: Also haben sich die Streiks gelohnt?

Zimmer: So bitter es ist, diese Ergebnis zu akzeptieren: Ja, die Streiks haben sich nach meiner Überzeugung auf jeden Fall gelohnt. Ohne die vielen Mutigen und Unermüdlichen in Ostwestfalen-Lippe, dem Ruhrgebiet und dem Rheinland stünden wir sehr, sehr viel schlechter da. Es ist ein Abschluss, der uns nicht zufrieden machen kann, der aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt alles Machbare erreicht hat. Und der den Kolleginnen und Kollegen durch die lange Laufzeit des Manteltarifvertrags für fünf Jahre Sicherheit vor weiteren Zumutungen gibt.//

Das Interview führte Corinna Blümel.