Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Nordrhein-Westfalen

„Mischt Euch in die öffentlichen Debatten ein“

Grußwort von Ulrike Kaiser zum Gewerkschaftstag des DJV-NRW 2015


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

eigentlich wollte Michael Konken, unser Bundesvorsitzender, hier stehen. Aber das hat sein Arzt ihm verboten. Michael beschränkt sich auf Grüße an den Gewerkschaftstag und wünscht uns viel Erfolg. Und wir wünschen ihm von hier aus: gute Besserung!

So müsst Ihr Euch mit mir als seiner Stellvertreterin zufrieden geben. Das ist zwar nicht das erste, aber das letzte Mal. Wie angekündigt, werde ich mich im November nach dann acht Jahren im Bundesvorstand nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Deshalb seht mir nach, wenn ich das Grußwort heute zu einem kleinen Appell nutze und nicht wie üblich zu einem Überblick über unsere DJV-Arbeit.

Denn die ist sowieso Thema heute. Wir reden an diesem Gewerkschaftstag über viele berufspolitische Fragen. Wir stellen verbandsinterne Weichen. Wir wissen alle, dass wir uns im Umbruch befinden, dass wir uns verändern, dass wir dazulernen müssen, um zukunftsfähig zu bleiben. Im Beruf. Und im Verband.

Eine zentrale Frage für mich ist dabei (und da knüpfe ich an das, was Angelica Schwall-Düren und Frank Stach eingangs gesagt haben): Wie können wir unseren Journalismus wieder stark machen? Geschwächt wird er derzeit von vielen Seiten, sozialpolitisch, rechtlich, materiell, substanziell. Das ist das eine, und das ist schon bedrohlich genug.

Nicht weniger bedrohlich ist nach meiner Meinung, dass Journalismus in jüngerer Zeit auch zunehmend schwachgeredet und -geschrieben wird. Von selbsternannten professionellen und nichtprofessionellen Medienkritikern, die jede Bewegung im Journalismus registrieren und kommentieren. Zumeist im Netz. Zumeist negativ. Und zumeist sehr pauschal: „die Medien“, „die Journalisten“. Ohne Unterschied, ohne Unterscheidung.

Schwachgeschrieben auch von einigen Netztheoretikern, die das Hohe Lied des Bürgerjournalismus singen und vorgeben, damit sei professioneller Journalismus so gut wie überflüssig. Von den einschlägigen Trollen, die die Kommentarspalten in Onlineforen und sozialen Netzwerken füllen und gegen einzelne Beiträge oder ganze Programme hetzen. Von scheinbar besorgten Mediennutzern, die online Petitionen gegen einzelne Journalisten starten. Von den Demonstranten, die den Begriff der „Lügenpresse“ wie eine Mantra vor sich hertragen und von „Staatsmedien“ schwadronieren.

Journalisten-Bashing scheint in Mode zu sein, und da rede ich noch gar nicht über die konkreten Bedrohungen, denen unsere Kollegen in Dortmund ausgesetzt sind.

Nun könnte man sagen: Sollen sie doch, was schert es die Eiche, wenn sich eine Sau daran reibt. Nur: Untersuchungen zeigen, dass pauschal abwertende Kritik in und an einem Medium nicht ohne Folgen bleibt auf das Publikum. Nach dem Motto: Auf die darf man draufhauen. Da muss was dran sein. Denen sollte man nicht glauben. Das bleibt hängen.

Auch bei uns selbst. Auch wir gehen – so jedenfalls mein Eindruck – manchmal in Sack und Asche und stimmen Klagelieder über unsere Zunft an. Mit einem etwas anderen Tenor, aber auch dabei bleibt oft hängen: Journalismus ist nicht mehr das, was er vielleicht nie war.

Keine Missverständnisse: Ich bin durchaus für Kritik, ich bin unbedingt für den gesellschaftlichen Diskurs über Medien. Ich freue mich, wenn sich Leser, Hörer, Zuschauer überhaupt noch so für uns interessieren, dass sie sich mit uns und mit unseren Produkten auseinandersetzen.

Ich bin auch für Selbstkritik; ich halte Selbstreflexion gerade in unserem Beruf für zwingend. Wir müssen beispielsweise unsere Nachrichtenkriterien überdenken und darüber diskutieren, warum uns 20 Attentatsopfer in Paris mehr Schlagzeilen wert sind als über tausend Tote im Mittelmeer.

Kritik ist notwendig, Medienkritik ist notwendig. Und wir haben jahrelang genau dafür geworben. Wir selbst haben bei Journalistinnen und Journalisten mehr Bescheidenheit eingefordert, wo sie allzu selbstbewusst, publikumsfern und eitel auftraten.

Aber ich glaube, und das ist nicht nur mein Eindruck, dass sich da zurzeit etwas dreht, dass etwas umkippt in eine Richtung, die uns nicht gefallen kann, die uns insgesamt schadet.

Man hat die Medien als Vierte Gewalt im Staat bezeichnet; ich habe diesen Begriff nie gemocht. Inzwischen sprechen Wissenschaftler von zwei weiteren Gewalten: von den Lobbyisten als fünfte und von dem großen Schwarm im Netz als sechste Gewalt (wobei das nicht immer die Schwarm-Intelligenz ist). Damit müssen wir uns befassen.

Ich halte die pauschale Kritik, die unseren ganzen Beruf trifft und abwertet, inzwischen für überzogen und sogar für langfristig gefährlich, weil sie unsere Glaubwürdigkeit untergräbt, weil sie uns kleiner macht als wir sind. Ich bin dagegen, dass wir uns alles gefallen lassen. Ich bin dagegen, dass wir aus schierer Verunsicherung eigene journalistische Standards in Zweifel ziehen und Anzeichen von Selbstzensur zeigen.

Ein Beispiel ist für mich die Berichterstattung über die Flugkatastrophe der Germanwings Ende März. Da gab es wieder einzelne Ausraster von sogenannten Berufskollegen. Da gab es die Geldangebote an Schüler in Haltern für Fotos, da gab es die unredlichen Versuche, an Informationen heranzukommen. Überhaupt keine Frage, das ist zu verurteilen; darüber wird auch der Presserat ein hoffentlich deutliches Wort sagen. Wie das auch der DJV getan hat.

Aber müssen wir uns wirklich für jede Berichterstattung rechtfertigen, auch wenn sie professionelle Standards eingehalten hat? Für die Bedeutung, die wir diesem bisher einmaligen Ereignis beigemessen haben? Müssen wir uns dafür rechtfertigen, dass wir nach Erklärungen für das Unfassbare gesucht haben, dass wir uns dabei auch mit der Person des mutmaßlichen Täters beschäftigt haben, dass wir sogar seinen Namen genannt haben?

Ich meine: nein. Das ist unsere Aufgabe, das zählt zu unserer Profession. Und das haben die allermeisten Medien und Journalisten nach meinem Eindruck verantwortlich wahrgenommen. Kein Grund für uns, uns der Phalanx der Kritiker anzuschließen und uns für unseren ganzen Berufsstand zu schämen.

Und warum sage ich das hier? Weil ich meine, dass wir im DJV mehr über solche inhaltlichen Fragen unseres Berufes sprechen sollten. Die geraten manchmal in den Hintergrund, wenn es darum geht, unsere eigenen Strukturen, unsere sozialen Rahmenbedingungen zu organisieren.

Ich spreche das an, weil ich meine, dass wir alle uns in diese Debatte einmischen sollten, Dinge zurechtrücken müssen, auch in den sozialen Netzwerken. Nicht unkritisch, nicht beschönigend. Aber unsere Arbeit transparenter machend, unsere Beweggründe erläuternd, unsere Standards, unsere Informationsrechte und unsere Informationspflichten. Und das durchaus in dem Selbstbewusstsein, dass unser Beruf viel leistet für die Gesellschaft.

Haltung zeigen und (auch wenn’s manchem inzwischen schwer fällt) etwas von der Leidenschaft vermitteln, die uns einmal in diesen Beruf geführt hat! Wie sonst wollen wir unsere Zukunft gestalten, wie sonst wollen wir junge Leute für den Beruf werben?

Mein Appell also an diesen Gewerkschaftstag und darüber hinaus: Mischt Euch in die öffentlichen Debatten ein, bevor nur andere über uns diskutieren. Streitet für unseren Beruf, werbt für unseren Beruf!

Und bei dieser Gelegenheit: Lasst Euch bitte auch in Zukunft nicht auseinanderdividieren in Feste und Freie, Junge und Alte, Frauen und Männer, Onliner und Offliner, Rundfunker und Printmenschen, Gestrige und Heutige. Uns eint der Journalismus, und für diesen Journalismus sollten wir vereint kämpfen.

In diesem Sinne: Glückauf!

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