Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Ehemalige WR-Redakteure machen ein Magazin fürs Sauerland

Jetzt aber: KOMPLETT was Neues

Bern Maus (l.) hat sich mit Bernhard Schlütter (M.) und Heiko Höfner zusammengetan, um dem Sauerland eine neue Stimme zu geben. Foto: KOMPLETT

Wie fühlt es sich an, wenn das, was Dein ganzes professionelles Leben, was Dein ganzes berufliches Herzblut war, plötzlich stirbt?  Wie vor einigen Monaten die Westfälische Rundschau (WR). Was tun Kollegen nach Jahrzehnten im Dienst „ihrer Zeitung“? Zum Beispiel im Sauerland, wo sich Hase und Igel nach Meinung vieler Außenstehender Gute Nacht sagen.

Sie werden aktiv – wie Bernd Maus und Bernhard Schlütter. Die wissen, was sie können und wo sie herkommen. Sie wissen, was sie wollen – und das macht ihr Projekt komplett. Im wahrsten Sinne des Wortes: Mit dem Magazin Komplett starten die beiden ehemaligen WR-Redakteure am Standort Plettenberg in die Zukunft. Ihr neues Heft bedient die Region zwischen Verse und Sorpe. 84 Seiten alle zwei Monate für gut 50.000 Menschen sollen dem Sauerland zu mehr Pressevielfalt verhelfen.

Die beiden Kollegen haben in ihrer Heimat mehr als 20 Jahre für ihr Blatt Nachrichten vermittelt, Geschichten erzählt, Storys ausgegraben und Ereignisse kommentiert – und sie wissen: Seit es in allen Städten nur noch eine Lokalzeitung gibt – jeweils aus dem Hause Ippen – fehlt den Menschen in der Region etwas. „Mangels Konkurrenz ist das Niveau dort nicht besser geworden“, hat Bernd Maus immer wieder gehört. Und auch ein direktes: „Sie fehlen!“, das ein bisschen stolz macht.

Diese Kompetenz und Glaubwürdigkeit, die sich die beiden zu WR-Zeiten erarbeitet haben, geben ihnen den nötigen Rückenwind für den Neustart. Wo immer sie anklopfen, den Dummy für ihre Zukunft im Gepäck, werden sie mit offenen Armen empfangen, erzählt Maus. Die Politiker in den Städten begrüßen die neue publizistische Marke – gerade weil die Macher seit Jahren vor Ort einen guten Namen haben.

Attraktiv, aber oft verkannt

Handel und Handwerk setzen darauf, dass die oft verkannte Gegend durch das Magazin neue Impulse erhält. Denn die sei in vielerlei Hinsicht attraktiv – das erleben Maus und Schlütter täglich und können die Botschaft aus ihrem Hefttitel „Ein starkes Stück Sauerland“  deshalb auch transportieren. Es gibt spannende Arbeitgeber: Teile aus Plettenberger Fabrikation verwendet zum Beispiel die NASA für die Raumfahrt. Und hier lässt sich gut leben – zwischen Stauseen im Sommer und Skigebieten im Winter.

„Ich bin bekannt wie ein bunter Hund“, bekennt Maus. Der gebürtige Plettenberger ist all die 54 Lebensjahre lang fest in der Heimat verwurzelt. Journalistisch und bei den Menschen. Zum Beispiel als Moderator des „P-Weg-Marathons“. Das sind viele Kilometer rund um Plettenberg – „da quatsche ich dann 36 Stunden am Stück zu den Menschen.“ Das rein ehrenamtliche Engagement zahlt sich in der neuen Lebenslage aus. Denn Heiko Höfner mit seiner Design-Agentur perfect.art war immer schon Mitorganisator. Nun haben sie sich zusammengetan, sind gemeinsam mit Mountainbiker Bernhard Schlütter als Team komplett fürs neue Magazin.

Klar, der Name reizt zu Wortspielen – genau deshalb hat sich das Trio dafür entschieden. Und verwendet ihn schon vor Erscheinen der ersten Ausgabe: „Komplett verschwitzt“ – die T-Shirts der Komplett-Macher und ihrer Freunde beim P-Weg. Unter dem Slogan „Komplett versorgt“ soll in Zusammenarbeit mit dem Plettenberger Krankenhaus eine weitere Marke entstehen. Im Gegenzug liefern die dortigen Fachleute fürs Heft wertvolle Gesundheitstipps.

Gegenseitigkeit, Anerkennung und beste Kenntnis der Region – darauf baut die Neugründung wesentlich. Die Alternative: sich im Job-Portal des ehemaligen Brötchengebers immer wieder anbieten, auf ausgeschriebene Stellen irgendwo zwischen Duisburg und Schwelm bewerben. Erfolgsaussichten: fraglich. Das Personalkarussell in den Redaktionen der einstigen WAZ-Gruppe dreht sich weiter. Kollegen, die noch in festen Verträgen stecken, müssen oft zuerst untergebracht werden.

Ein anderes Schreiben lernen

Doch das ist nicht alles. „Wir wollten uns nicht mehr mit 50plus noch irgendwo im Ruhrgebiet rein finden“, erklärt Maus und spricht damit den langjährigen Freunden, ebenfalls gebürtigen Plettenbergern, aus der Seele. Neues müssen sie natürlich trotzdem lernen und wissen das auch. In erster Linie, nicht mehr tagesaktuell zu denken und zu schreiben. „Magaziniger“ texten, „ja, das müssen wir üben“, bekennt Maus und sprudelt auch diese Erkenntnis hervor wie einfach alles, was sich um das neue Projekt dreht.

Der Titel zur ersten Ausgabe steht. Foto: KOMPLETT

Das neue Projekt – ein bisschen wirkt es wie Befreiung, wenn der Kollege erzählt. Befreiung aus dem Loch, in das 120 feste und 180 freie Mitarbeiter durch das Aus der WR im Februar fielen. Und ein bisschen Befreiung auch von den alten Routinen, von den früheren Abhängigkeiten, den oft nicht nachvollziehbar erscheinenden Entscheidungen aus dem eher fernen Essen.

Fern ist jetzt nichts mehr. Alles ganz nah: am eigenen Lebensraum, den eigenen Erfahrungen, dem eigenen Renommee.  60 „große“ und „kleine“ Anzeigenkunden sind für die erste Ausgabe und zum Teil langfristig eingeworben. Mehr als 90 Prozent davon kennen die Ex-WRler persönlich, meist auf Du und Du. So wird die scheinbar enge Region beim Neustart zum festen Boden. Mit der Hoffnung – und etwas mehr –, dass der auf Dauer trägt.

Die beiden Redakteure haben auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, eine Fülle an Ideen und den festen Glauben, dass guter Journalismus seinen Platz hat. Auch wenn sie demnächst Gesellschafter ihres eigenen Verlags sind bleiben sie deshalb auch dem alten Anspruch treu. Sie bekommen dafür Rückenwind von Kollegen: Hendrik Schulz, Detlef Schlüchtermann, Pia Mester, Rüdiger Kahlke, Claudia Homuth, Martin Droste – ehemalige WRler helfen mit. Erstmal ehrenamtlich.  Später vielleicht auch mal als Standbein. Darüber hinaus gibt es Kooperationen  mit örtlichen Online-Zeitungen wie dem Plettenberger Stadtgespräch von Horst Hassel oder dem Lennespiegel von Mark Sonneborn. Beide ebenfalls ehemalige Zeitungskollegen.

Mal ohne Zeilenlimit

Sie alle sind dem Journalismus verpflichtet. Titelstory im ersten eigenen Komplett-Magazin ist die Feuerwehr. Geschichten über die freiwilligen Brandhelfer, denen der Nachwuchs auszugehen droht. Weil ohne Wehrpflicht keiner mehr diesen Umweg braucht – zum Beispiel. Journalistisch wird hinterfragt und beleuchtet – bei Bürgermeistern der Kommunen, bei den Brandmeistern, bei den Menschen. Und natürlich darf die Geschichte der Familie nicht fehlen, wo schon Opa Brände löschte und heute der Enkel die Jugendfeuerwehr verstärkt. Lokaljournalismus im besten Sinne. Nah bei den Menschen. Im neuen Magazin mal ohne Zeilenlimit. Elf sorgfältig recherchierte Seiten sind es geworden.

Und siehe da – selbst so eine Geschichte aus dem sozialen Leben hilft einem neuen Projekt auch wirtschaftlich auf die Füße. „Die Feuerwehrleute haben rum telefoniert und davon erzählt. Und auch das hat uns Anzeigen gebracht“, staunt Bernd Maus.

Elf Seiten – da ist klar: „Wir sind nicht das Blatt für den Frühstücks-, sondern für den Nachttisch. Wenn Du kein Buch mehr lesen, aber trotzdem etwas Interessantes als Bettlektüre haben willst.“ Folgerichtig hat ein Hotel zwölf Exemplare für seine Gästezimmer abonniert. Für die Macher eine gute Entscheidung – nicht mal mit Blick auf die Verkaufszahlen, sondern auf die Inhalte: „Da erfahren die Menschen alles darüber, wo sie gerade sind.“ Wer, wenn nicht Lokaljournalisten, sollte das erzählen?

Das wissen offenbar auch Entscheidungsträger in den Kommunen: Städte haben bereits Abos abgeschlossen, wollen die Hefte in ihre Partnerstädte schicken. Kommunale Versorger geben Anzeigen auf, manche schon als Jahres-Schalte. Das beruhigt – auf Dauer müssen zwei Familien und ein Junggeselle von dem Magazin  leben.

Das geht nicht sofort. Dafür gibt es als Brücke erstmal die Abfindung von der WR und den Gründerzuschuss von der Arbeitsagentur. Mittelfristig aber muss das Projekt auf eigenen Füßen stehen: Zu den Anzeigen kommt der Verkaufserlös: 3,80 Euro Einzelverkaufspreis – das muss guter Journalismus einfach wert sein, finden Maus und Schlütter.||

Katrin Kroemer

 

 

Das neue Magazin

... trägt den Titel „Komplett – Ein starkes Stück Sauerland zwischen Verse und Sorpe“. Ab Oktober erscheint es alle zwei Monate mit einer Auflage von zunächst 5 000 Stück und wird an Kiosken, in Bäckereien und Tankstellen verkauft.

Dafür haben die ehemaligen WR-Redakteure Bernd Maus und Bernhard Schlütter nach Ende ihrer Kündigungszeit gemeinsam mit Grafik-Designer Heiko Höfner den Komplett-Verlag gegründet und sind dort Gesellschafter, Redakteure, Anzeigenaquisiteure, Vertriebsmanager...

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