Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Deutsche Welle

Die Strategie wirft Fragen auf

Der Umbau bei der Deutschen Welle (DW) geht weiter: Die Sprachangebote werden zugunsten englischsprachiger Inhalte eingeschränkt, viele der deutschsprachigen Fernsehmagazine gestrichen. Mittel und Personal sollen innerhalb des Hauses umgeschichtet werden. Allein in Bonn sind davon 13 Redaktionen betroffen. Intendant Peter Limbourg informierte die Belegschaft am 20. Januar über diese weitreichenden Beschlüsse, mit denen er das Haus als  „globalen Informationsanbieter aus Deutschland“ in die Spitzengruppe der Auslandssender führen will (vgl. JOURNAL 6/13).  Nicht mal einen Personalabbau wollte er ausschließen. Das ist ein Novum im öffentlich-rechtlichen System und sorgt für entsprechende Unruhe in der Belegschaft.

„Äußerst ambitioniert“

Und es gibt deutliche Zweifel am Plan, im Reigen der gewachsenen Zahl der Auslandssender einen der vorderen Plätze zu erobern. So schreibt die DJV-Betriebsgruppe des Bonner Funkhauses am 21. Januar: „Angesichts der starken Konkurrenz von BBC, CNN, Al Jazeera oder Russia Today erscheint das Ziel, unter die Top 3 der weltweiten TV-Anbieter zu kommen, äußerst ambitioniert.“ Zumal die DW kein vergleichbares Korrespondentennetz habe und auch mit maximaler Umschichtung der vorhandenen Ressourcen kaum einen Etat erreichen könne, der dem der  Konkurrenz vergleichbar sei.

Zugleich reibt sich die Belegschaft an der generellen Zielsetzung, die schon Limbourgs Vorgänger Erik Bettermann vorgegeben hatte – die Ansprache gebildeter, städtischer Eliten. Dafür setzt die Welle vor allem auf englischsprachige Angebote, will das lineare Fernsehangebot und den Onlinebereich in diesem Segment deutlich ausbauen. Da bleibt immer weniger übrig für den originären Programmauftrag der DW, mit dem sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach wie vor identifizieren: Informationen in Entwicklungsländer oder Krisenländer mit zensierten Medienmärkten bringen, zum Aufbau von Zivilgesellschaften beitragen, für Bildung, Demokratie und Menschenrechte werben.

In die Skepsis mischt sich auch Ärger über den Stil. Als Limbourg im Oktober angetreten war, hatte er versprochen, die Belegschaft in die konzeptuellen Überlegungen einzubinden (vgl. JOURNAL 5/13). „Jetzt geht alles ganz schnell“, moniert Daniel Scheschkewitz, freigestellter Personalrat und stellvertretender Vorsitzender der Bonner DJV-Betriebsgruppe. „Es gab keine Diskussionen über die Strategie, und jetzt werden wir mit Fakten konfrontiert.“

Die Geschäftsleitung will im Laufe dieses Jahres schrittweise mit der internen Umschichtung von Mitteln beginnen. Die Eckpunkte der neuen Strategie und die damit verbundenen Maßnahmen fließen in die Aufgabenplanung 2014 bis 2017 des Senders ein. Spätestens wenn der Rundfunkrat diese formal verabschiedet hat, soll die Umsetzung beginnen.

Konsequenzen noch unklar

Welche finanziellen und personellen Konsequenzen die Maßnahmen im einzelnen haben, will die Geschäftsleitung erst in den kommenden Wochen klären. Dazu gehört auch die Frage, ob der Prozess auf einen Personalabbau hinauslaufen könnte. Die Welle verweist darauf, dass sie dazu erst Stellung nehmen könne, wenn die Höhe des Bundeszuschusses bekannt sei. Man werde „alles unternehmen, so viele Beschäftigte wie möglich zu halten“.

So richtig beruhigend klingt das nicht für die Kolleginnen und Kollegen am Bonner Standort: Hier sind die fremdsprachigen Angebote angesiedelt, die jetzt einmal mehr ausgedünnt werden. Die Welle will sich künftig auf „erfolgreiche Regionalsprachen“ konzentrieren, mit Schwerpunkten in Asien, Afrika, der arabischen Welt, Russland, Lateinamerika, der Türkei und in europäischen Krisenländern. Eingestellt werden z.B. Radioprogramme auf Albanisch und Kroatisch sowie Angebote auf Bengalisch und Portugiesisch für Afrika. Verschiedene südosteuropäische Sprachen gibt es künftig nur noch in reduzierter Form bzw. als personalisierte, dialogische Kommentar- und Blogformate.

Rund 50 Festangestellte (z.T. mit befristeten Verträgen) arbeiten in den betroffenen Redaktionen. Darüber hinaus könnte nach Einschätzung des Personalrats eine dreistellige Zahl von Freien Aufträge verlieren. Noch schlimmer: Für manche der Fremdsprachler hängt die Aufenthaltserlaubnis am Job. Sie müssten ggf. in Länder zurückkehren, über die sie von Deutschland aus berichtet haben – nicht immer zum Gefallen der Mächtigen im jeweiligen Staat.

In einer neuen Europa-Redaktion soll die Regionalkompetenz gebündelt werden, die bisher in  den europäischen Einzel-Redaktionen saß. Nach den Plänen der Geschäftsleitung sollen hier künftig regionalisierte Inhalte für die Euro-Krisenländer entstehen. Zudem soll die Europa-Redaktion am Standort Bonn ein bildstarkes, emotional ansprechendes politisches Fernsehmagazin produzieren, das „Adaptionsvorlage“ für alle Europa-Sprachen der DW sein soll.

Auch Deutsch soll nach Aussagen von Intendant Limbourg eine wichtige Sprache für die DW bleiben. So will man u.a. auf der Seite dw.de eine deutschsprachige Community aufbauen und im deutschen TV-Kanal die Nachrichtenflächen erweitern. Zwar soll es im Fernsehen wie im Netz weiterhin auch originär produzierte Inhalte in deutscher Sprache geben. Aber die Zahl der Eigenproduktionen sinkt. Eingestellt werden Sendungen wie PopXport, Agenda, World Stories, Germany Today, Insight Germany, People & Politics, Kino und Talking Germany, die bisher im Berliner Funkhaus produziert  wurden. Für die deutschsprachige „Grundversorgung“ soll eine intensivere Kooperation mit ARD, ZDF und Deutschlandradio sorgen.

Und wie passt all dies in die standortübergreifende Multimedia-Strategie, die in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht wurde? Bisher sei „für viele Kollegen nicht erkennbar, wie dieser Prozess weitergeführt werden soll“, heißt es im Papier der Bonner Betriebsgruppe.

Für Neuerungen aufgeschlossen

Dabei sind die DJV-ler in der DW durchaus für Neuerungen aufgeschlossen. Sie begrüßen zum Beispiel Maßnahmen wie die Ausweitung der Social-Media-Aktivitäten und die verstärkte Nutzung von Kommentaren. Für beides seien aber ausgereiftere Konzepte erforderlich, etwa multimediale Erzählformen und „Formate, die über das bloße Einstellen von Videos hinausgehen“. Kommentare bedürften einer Einbettung in einen informativen Kontext. „Um das über Jahrzehnte gewonnene Vertrauen in die journalistische Kompetenz der DW in den Zielmärkten nicht zu verspielen, braucht es mehr als eine Kommentarfunktion auf Facebook.“

Der DJV-ler fordern den Intendanten auf, die angekündigten Kürzungen zu überprüfen, wie dies versprochen wurde, und die regionale Expertise der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker zu berücksichtigen.

Auch der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken warnte vor einer übereilten Neuausrichtung des Programms. Die Reform dürfe kein Vorwand für Personaleinsparungen sein. Konken rief die Verantwortlichen dazu auf, darauf zu achten, dass das deutsche Programm auch künftig die hervorgehobene Rolle spiele, die im Deutsche Welle Gesetz vorgesehen sei.||

Corinna Blümel