Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Funke-Mediengruppe

Von wegen Sanierungsfusion...

Auch wenn bereits Tatsachen geschaffen wurden und die Ruhr Nachrichten (RN) seit Februar 2013 in Dortmund, Lünen, Schwerte und Castrop-Rauxel die Lokalberichterstattung für die dortigen Ausgaben von Westfälischer Rundschau (WR) und WAZ übernimmt: Der Verkauf dieser Ausgaben an die RN muss vom Kartellamt genehmigt werden. Der „Verkäufer“, die Funke Mediengruppe, stellt den Vorgang als Sanierungsfusion dar: Die betreffenden Ausgaben hätten in den letzten Jahren Verluste eingefahren, eine Besserung der wirtschaftlichen Lage sei nicht zu erwarten.

Diese Darstellung zweifelt der DJV-NRW an und hat von Horst Röper (Formatt Institut) ein Gutachten anfertigen lassen. Da beide Medienhäuser ebenso wenig Einsicht in die Unterlagen gewährten wie das Bundeskartellamt, stützt sich die Analyse auf offen zugängliche Daten zu den Teilmärkten sowie auf Vergleiche im deutschen Zeitungsmarkt.

„Sehr wohl marktfähig“

Der Argumentation der Funke-Gruppe, dass die  jeweiligen Einzelauflagen und Marktanteile  zu klein gewesen seien, um dauerhaft ein ausgeglichenes betriebswirtschaftliches Ergebnis zu erzielen, stellt Röper unter anderem die Situation zahlreicher kleinerer Tageszeitungsausgaben mit ihren verkauften Auflagen und lokalen Marktanteilen entgegen. Als Obergrenze nimmt Röper eine Auflage von 35 000 Exemplaren, was in etwa der gemeinsamen Auflage von WR und WAZ am Standort Dortmund vor der Umstellung entspricht.

Deutschlandweit sind 186 Titel mit dieser oder geringerer Auflage zu belegen. Die kleinste der aufgeführten Ausgaben ist die Ostheimer Zeitung (im Mantel der Saale Zeitung), die mit knapp 800 Exemplaren dreimal wöchentlich erscheint. Aber auch in der Größenordnung unter 10 000 Exemplaren sind es noch mehr als 80 Ausgaben. Das beweist, heißt es im Gutachten, „sehr deutlich, dass Tageszeitungen mit einer solchen Auflage sehr wohl marktfähig sind“.

Eine weitere (nicht vollständige) Zusammenstellung listet 23 Ausgaben mit kleinen bis sehr kleinen Marktanteilen auf – von 38 Prozent bis zu 5 Prozent. Röper folgert daraus, dass „in Deutschland eine Vielzahl von Zeitungsausgaben verlegt wird, deren Auflage und Marktanteil deutlich unter jenen der Ausgaben Dortmund von WAZ und WR liegen. Die Behauptung, die Dortmunder Ausgaben könnten nicht verlustfrei verlegt werden, erscheint bei der Vielzahl ähnlich gelagerter Fälle nicht glaubwürdig.“

Und wie sieht die Wettbewerbssituation in den betreffenden Teilmärkten aus? Auch hier richtet Röper den Blick auf Dortmund und kommt zu dem Schluss, dass die Mediengruppe Lensing-Wolff bereits heute im dortigen Werbemarkt „eine überragende Marktstellung“ hat. Diese basiert auf dem hohen Marktanteil der RN, auf der 50-Prozent-Beteiligung am Anzeigenblattverlag ORA, auf dem Besitz von zwei Zeitschriftenverlagen und deren Titeln, darunter das Stadtmagazin Coolibri, und auf der Beteiligung an der Betriebsgesellschaft des einzigen Lokalradios DO 91,2. Darüber hinaus sind alle diese Medien zusätzlich im Netz mit Online-Angeboten präsent.

Der DJV-NRW hofft, dass das Kartellamt diese Analyse in seiner Bewertung einbezieht: Unter diesen Voraussetzungen sollte es der Fusion nicht zustimmen. ||

Corinna Blümel

Managementfehler

Dass die einst auflagenstarke WR in den 70er Jahren in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, führt Röper darauf zurück. dass sich die damaligen Besitzer zu viele defizitäre Lokalausgaben geleistet hatten. Nach dem mehrheitlichen Verkauf des Westfälischen Zeitungsverlags an den damaligen WAZ-Konzern (heute Funke Mediengruppe ) wurde zwar das Verbreitungsgebiet verkleinert. Trotzdem war die WR – mit wenigen Ausnahmen – nirgends Erstzeitung.

 

Auch die neuen Eigner nahmen aus übergeordneten konzernstrategischen Interessen lange nur kleinere Korrekturen vor: Die WR blieb mit defizitären Ausgaben belastet. Als die Konzernzentrale in Essen dann in jüngeren Jahren einzelne größere Entscheidungen trag, war deren „Halbwertzeit“ sehr begrenzt war, wie Röper darlegt – u.a. am Beispiel Siegen, wo Lokalredaktionen der WR und der Schwestertitel Westfalenpost (WP) trotz ihrer unterschiedlichen Zielgruppe in kurzer Zeit abwechselnd das Erstellen des gemeinsamen Lokalteils zugeschustert bekamen (JOURNAL berichtete). Auch im südlichen Märkischen Kreis lassen sich Managementfehler belegen, die der WR jahrelang ein Defizit in Höhe von mehreren Millionen Euro jährlich bescherten. Ein letzter Versuch im vergangenen Jahr, die WR-Ausgaben vom jeweiligen örtlichen Konkurrenten bestücken zu lassen, währte nur kurz. Nach wenigen Monaten verkündete die Funke-Gruppe die Einstellung dieser Ausgaben und den Rückzug aus diesem Teilmarkt./cbl