Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Medienszene NRW

Rauchiger Nebel über dem Rheinland

Die Westdeutsche Zeitung (WZ) wird zur Zombie-Zeitung. Das schlechte Beispiel von Dortmund macht – wie von vielen befürchtet – Schule. Fünfzig Mitarbeiter aus der Redaktion müssen gehen – rund die Hälfte der dort Beschäftigten, die nach der Sparrunde vor zwei Jahren (s.u.) übrig geblieben waren. Zudem müssen wohl wieder viele Freie um ihre Aufträge bangen, darunter einige Pauschalisten, die zuvor schon bei der Westfälischen Rundschau vor die Tür gesetzt worden waren.

Die umfassenden Einschnitte hat die Geschäftsführung des traditionsreichen Düsseldorfer W. Giradet Verlag Ende März angekündigt. „Das ist ein weiterer Schritt der Verleger, sich von der Meinungsvielfalt zu verabschieden“, kritisierte Uwe Tonscheidt, stellvertretender Vorsitzender des DJV-NRW, „und ein weiterer Schritt in Richtung publizistische Sackgasse.“

Mit diesen Kürzungen wird die WZ entbeint. Denn die Noch-Tageszeitung mit Vollredaktion soll sich spätestens zum 30. September für die Lokalausgaben in den Kreisen Viersen, Rhein-Kreis Neuss und Mettmann Inhalte vom bisherigen publizistischen Konkurrenten, der Mediengruppe der Rheinischen Post (RP), holen.

Damit nicht genug. Die Mantelredaktion der WZ soll auf sieben Köpfe schrumpfen, von WZ-Verlagsgeschäftsführer Kersten Köhler gegenüber dpa als „Autoren“ bezeichnet. Bislang arbeiten rund 20 Redakteurinnen und Redakteure für den überregionalen Teil. Allerdings widersprach Köhler der Vermutung, dass die WZ den überregionalen Teil demnächst von einer anderen Zeitung beziehe. Lediglich der Auftrag für die technische Produktion des Mantels gehe künftig an eine andere Zeitung.

Es verdichten sich die Anzeichen, dass dieser Produzent der Zeitungsverlag Aachen sein könnte. Dessen Geschäftsführer Andreas Müller hat zumindest gegenüber dem Branchenportal Newsroom Verhandlungen bestätigt, „in denen die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit bei der technischen Seitenproduktion ausgelotet werden“.

Über der Zeitungslandschaft an Rhein, Ruhr und Maas lag seit Wochen ein Nebel aus Gerüchten um die Veränderungen bei der WZ. Und wo Rauch ist, gibt es auch Feuer. Aus dem Dunst zeichnen sich nach und nach sogar mehrere kokelnde Brandstätten im Westen Nordrhein-Westfalens ab. Anfang April wurde bekannt, dass der RP-Ressortleiter Ulrich Tückmantel im Verborgenen ehemalige Volontäre und Redaktionsmitarbeiter der WZ in Neuss ausbildet, um demnächst die lokalen RP-Inhalte für die WZ-Ausgaben zu bearbeiten. Das Vorgehen erinnert an den skandalösen Redaktionstausch in Münster, wo vor sieben Jahren eine geheim aufgebaute Redaktion von einem Tag auf den anderen die Straße gesetzten Lokalredakteure ersetzte.

RP-Mann Tückmantel wurde in der Gerüchteküche im Übrigen schon länger als neuer WZ-Chefredakteur gehandelt. Das wird er er nun (s.u.). Zugleich wird in Köln gezündelt, wo viele der Lokalausgaben von Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnischer Rundschau in einer tariflosen Tochter zusammengeführt werden.

Tarifflucht bei der RP

Der Text hat den Stand vom 10. April. Danach (kurz vor Drucklegung des JOURNALs 2/14) bestätigte sich ein weiteres Gerücht: Die Verlagsgruppe Rheinische Post nutzt die bestehende Tochtergesellschaft RP Media künftig dazu, Volontäre sowie neu eingestellte Redakteure tariflos zu beschäftigen. Siehe dazu die Pressemitteilung des DJV-NRW: "Dumping-Konditionen nicht schönreden" vom 11. April 2014).

Investment in Saarbrücken

Vor gut zwei Jahren übernahm die RP ­Mediengruppe von der Gesellschaft für staatsbürgerliche Bildung Saar mbH die Mehrheitsbeteiligung an der Saarbrücker Zeitungsgruppe, die bis dahin der Holtzbrinck-Verlag hielt. Alle gehörenden Blätter kämpfen mit Auflagenverlusten: Saarbrücker Zeitung (verkaufte Gesamtauflage im IVW-Zwei-Jahresvergleich der vierten Quartale 2011 und 2013: minus 5,73 Prozent),  Trierischer Volksfreund (minus 3,59 Prozent), Pfälzischer Merkur in Zweibrücken (minus 6,66 Prozent) und Lausitzer Rundschau in Cottbus (minus 8,88 Prozent).

Kooperationen und Verflechtungen

Zugleich stellen sich die Verlage im westlichen NRW im Schutz des Nebels neu auf. Fast alle aktuellen Gerüchte haben Berührungspunkte mit der Rheinischen Post (IVW Auflage 4/2013: 328 253).

Kein Wunder im Fall der Westdeutschen Zeitung. Sie kooperiert seit Jahren mit der starken Düsseldorfer Konkurrenz: Die RP druckt und verteilt die WZ und verwaltet deren Personal. Die RP ist an der W. Girardet KG beteiligt, die die WZ herausgibt. Girardet hat wiederum Anteile an der RheinischBergischen Verlagsgesellschaft, der Holding der RP-Mediengruppe. Die WZ kämpft, verlor im IVW-Zwei-Jahresvergleich der vierten Quartale 2011 und 2013 9,88 Prozent, zum Jahresende 2013 lag die verkaufte Auflage bei knapp über 97 000 Exemplaren. Kernmärkte sind – neben Wuppertal – Düsseldorf und Krefeld. Auf diese drei Standorte will die WZ künftig ihre originäre Lokalberichterstattung konzentrieren.

Die Einschnitte bei der WZ kommen für Branchenkenner nicht unerwartet, denn die Auflage der WZ befindet sich seit längerem im steilen Sinkflug. Den überregionalen Teil publiziert die WZ zusammen mit dem Solinger Tageblatt und dem Remscheider General-Anzeiger (RGA) und kommt damit als „Westdeutsche Zeitung plus“ auf eine verkaufte Auflage von 136 483 Exemp laren (IVW 4/2013). Der Junior-Verleger von Solinger Tageblatt und RGA, Michael Boll, hat nach eigener Aussage „keinerlei Erkenntnis“, dass sich diese Konstruktion demnächst ändern könnte. Und es hört sich fast zynisch an, wenn Köhler herausstellt: „Es gibt keine Überlegung, die publizistische Eigenständigkeit der Westdeutschen Zeitung in Frage zu stellen.“

Der Niedergang der WZ vollzieht sich in Raten. Vor zwei Jahren gab es bereits einen Einschnitt, als ein Fünftel der WZ-Mitarbeiter aus Vorproduktion, Anzeigen und Vertrieb entlassen wurden. Damals wechselten auch das Druckhaus in Wuppertal sowie die Lokalfunk-Beteiligung von der WZ zur RP. Jetzt baut der Girardet-Verlag die Hälfte der Redaktionsarbeitsplätze ab. DJV-Sprecher Hendrik Zörner hält es für unwahrscheinlich, dass Girardet den Auflagenschwund damit stoppen kann: „Die Leser mögen keinen publizistischen Einheitsbrei. Das musste auch schon Funke feststellen.“

Mehrere Abgänge

Im Rauch über dem Rheinland gewinnen mehrere Personalentscheidungen allmählich Kontur. Vor einem Jahr wechselte Uwe-Jens Ruhnau nach über 13 Jahren als WZ-Lokalchef zur RP als „Leitender Regionalredakteur Düsseldorf“. Nach Weihnachten 2013 kam WZ-Chefredakteur Martin Vogler, seit 2010 in der Führungsposition, nicht aus dem Winterurlaub zurück. Die Zusammenarbeit sei „einvernehmlich beendet“ worden, hieß es. Der stellvertretende Chefredakteur Lothar Leuschen führte seitdem die Redaktion und hat überraschend auch in Wuppertal die Lokalredaktion von Robert Maus übernommen. Ab 1. Mai übernimmt dann Ulrich Tückmantel die Chefreaktion.

Der Chefredakteur der Aachener Zeitungen, Bernd Matthieu, versucht eifrig, Feuer auszutreten. So bestreitet er noch, dass die Macher seiner Zeitung der WZ Inhalte zuliefern sollen. Und dass er als neue Blattmacherin im Mantel zum 1. April ausgerechnet die bisherige WZ-Politik und Nachrichtenchefin Anja Clemens-Smicek eingestellt hat, ist für ihn eine normale Entscheidung. Es hätten sich noch mehr WZ-Kollegen auf ausgeschriebene Stellen in Aachen beworben.

Natürlich gibt es auch hier eine Verbindung zur RP-Mediengruppe. Sie besitzt die Aachener Nachrichten und hält damit 24,5 Prozent am Zeitungsverlag Aachen (ZVA), der wiederum beide Aachener Zeitungstitel erstellt. Der Versuch der RP, die Aachener Zeitungen komplett zu übernehmen, scheiterte 2010 am Einspruch des Kartellamts. Stattdessen kauften die Düs seldorfer in Saarbrücken ein (s. Kasten). Die Mehrheit in Aachen liegt weiterhin bei vier Familien, die jährlich mehrere Millionen Euro „Verlagspacht“ erhalten. Deren Interesse an ihrem Besitz scheint nach dem gescheiterten Verkauf wieder erwacht. Was sich unter anderem 2012 in einer neuen Druckerei zeigte.

Auflagenschwund auch bei der RP

Auch bei der RP macht die Auflage Sorgen. Die verkaufte Gesamtauflage im IVW-Zwei-Jahresvergleich der vierten Quartale 2011 und 2013 sank um 5,03 Prozent, die Abo-Auflage in dieser Zeit sogar um 6,5 Prozent. Deutlich über dem Branchenschnitt bei Regionalzeitungen, der laut Zeitungsverlegerverband BDZV im vorigen Jahr bei einem Minus von 2,8 Prozent lag.

Da spricht viel für eine Neuorientierung der RP-Gruppe, und auch hier sind Wanderungsbewegungen zu verzeichnen: RP-Chefredakteur Sven Gösmann und selbst ernannter Erfinder des „Düsseldorfer Modells“ mit einem doppelten Newsdesk ist zum Jahresbeginn 2014 an die dpa-Spitze gewechselt. Rainer Kurlemann, der langjährige Chef von RP Online, hatte das Haus schon länger verlassen. Und Carsten Fiedler, Leitender RP-Redakteur und vertretungsweise Online-Chef, ist seit Jahresbeginn Chefredakteur beim Kölner Express.

Und das Munkeln, die RP-Gruppe wolle, ähnlich wie es die Madsack-Mediengruppe (Hannover) jüngst angekündigt hat, künftig die überregionalen Seiten aller Titel zentral bestücken? Das dementiert Karl Hans Arnold, Vorsitzender der RP Geschäftsführung: „Das Gerücht, die Rheinische Post plane eine ‚Content Company‘, also eine Zentralredaktion in Düsseldorf, die die ganze Gruppe mit redaktionellen Inhalten versorgen soll, ist gegenstandslos.“ Also kein „Madsack 2018“ in Düsseldorf? Arnold: „Eine solche Zentralredaktion war zu keinem Zeitpunkt geplant – auch nicht bei der Kooperation mit der Saarbrücker Zeitungsgruppe.“

Aber Zusammenarbeit lässt ja auch dezentral organisieren. Da tauchte aus dem Nebel über dem Rheinland eine RP-interne Sprachregelung auf, die das Vorgehen in Sachen WZ beschreibt: „Grundsätzlich gilt auch für unser Haus, dass wir immer wieder hinterfragen müssen und werden, welche Leistungen wir in Zukunft noch selbst erbringen können und wollen und wo wir externe Zulieferer/Dienstleister einbinden.“

Darauf hatte Stephan Marzen, Geschäftsführer der RP- Verlagsgesellschaft seine Mitarbeiter verpflichtet. „Sollte das Haus W. Girardet überlegen, Dienstleistungen aus Verlag und Redaktion zuzukaufen, werden wir uns – wie bisher auch und wie bei anderen Medienhäusern auch – aktiv um die Aufträge bemühen. Dies steht im Einklang mit den seit längerem laufenden Bestrebungen unseres Hauses sich als kompetenter Dienstleister für andere Verlage und Medienhäuser zu positionieren.“

Geschrieben hatte Marzen die Mail mit diesen Sprech-Anweisungen am 26. März – einen Tag, bevor Geschäftsführer-Kollege Köhler beim Girardet-Verlag in drei Mitarbeiterversammlungen die radikalen Einschnitte bei der WZ bekanntgab.||

Werner Hinse