Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Der Westdeutsche Rundfunk droht, den Honorarkonsens aufzukündigen

WDR: Schlankheitskur auf Kosten der Freien

Natürlich, auch früher haben Gewerkschaften und Westdeutscher Rundfunk in Honorarverhandlungen über viele Themen gestritten, in den vergangenen Jahren auch zunehmend heftig. Das gehört dazu. Aber bisher war es Konsens, dass man sich einigen wollte. Dass Verhandlungen der Weg sind, um einen Ausgleich zwischen den Interessen beider Seiten zu erlangen. Was sich jetzt beim größten öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands abzeichnet, könnte auf einen Bruch dieses Einvernehmens hinauslaufen.

Für die Freien geht es ans Eingemachte, und das in mehrfacher Hinsicht. Denn weil sich der Sender eine radikale Schlankheitskur verordnet hat, sollen Freie künftig trotz verringertem Honorar­etat mehr Leistungen erbringen. Zugleich wird gekürzt, sind wegfallende Sendungen und vermehrte Wiederholungen angekündigt. Der WDR würde gerne Teile des Honorarsystems umbauen – mit erheblichen Folgen für die freien Journalistinnen und Journalisten und auch gegen den ­erklärten Willen der Gewerkschaften.

Das zeigen die Gespräche, die die Gewerkschaften mit der Geschäftsleitung zur Vorbereitung künftiger Tarifverhandlungen führen: Nach Vorstellung des WDR soll das bewährte System der werkbezogenen Vergütung immer weiter verwässert werden.

Drängen auf Pauschalen und mehr

Was genau bedeutet das für die WDR-Freien? Bisher bekommen sie ihr Honorar pro Beitrag, für einen Teil der zusätzlichen Leistungen gibt es tarifierte Aufschläge. Schon länger drängt der WDR darauf, im Hörfunk auch Tagespauschalen in den ­Tarifvertrag auf­zunehmen – sowohl für ­Autoren im tagesaktuellen Einsatz einer Welle sowie für die Berichterstattung von besonderen Ereignissen. Mit dem Tagessatz – nach Vorstellung des WDR beginnend bei 200 Euro und dann gestaffelt nach Aufwand – sollen Tätigkeiten wie ­Recherche, Agenturmeldungen zusammenfassen, O-Ton-Sammeln und Kollegen­gespräche pauschal vergütet werden.

Für den Sender wäre das mit ­erheblichen Einsparungen verbunden, bei den freien Mitarbeitern entsprechend mit zum Teil deutlichen Einkommensverlusten. Erschwerend kommt hinzu: Eine Pauschalvergütung könnte nach Einschätzung des DJV für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen bedeuten, dass sie sozialver­sicherungstechnisch nicht mehr als freie Mit­arbeiter gelten, sondern als unständig Beschäftigte. Die Folge: Die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse wäre unter Umständen ­gefährdet. Statt dessen würden Sozialversiche­rungs­abgaben fällig.

Auf der Wunschliste des WDR stehen darüber hinaus auch crossmediale Honorare und die Einführung von so genannten Producern. Das hat auch mit dem „Umbau unseres WDR in ein modernes, crossmediales Medienhaus“ zu tun, über das Intendant Tom Buhrow Ende September im Intranet informierte. „Dieser Umbau dürfte für unser Unternehmen einer der größten Reformschritte des Jahrzehntes sein“, schrieb er dazu.

Besonders hässlich aus Sicht des DJV: Der WDR hat angedeutet, die neuen Honorarformen notfalls auch an den Gewerkschaften vorbei einzuführen. Ein Verhalten, das man bisher nur aus privatwirtschaftlichen Medienhäusern kennt. „Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch nur mit dem Gedanken spielt, aus dem Tarif­system auszubrechen, war für uns bisher unvorstellbar“, kritisiert DJV-Landesgeschäftsführerin Dr. Anja Zimmer.

Freienversammlung Ende August

Wie stark der WDR am bisherigen Honorar­system schrauben will, war noch nicht bekannt, als sich am 26. August rund 90 freie Journalistinnen und Journalisten im Kölner Funkhaus trafen. Eingeladen hatten DJV-NRW und ver.di, um die Betroffenen darüber zu informieren, was sie tun können, falls die Aufträge mit oder ohne Veränderungs- bzw. Beendigungsankündigung wegbrechen (siehe Kasten).

Die Versammlung diskutierte auch einen Forderungskatalog, den Ulli Schauen, Organisator der WDR-Mailingliste, vorbereitet hatte. Das ­Papier formuliert die Sorge, dass Honorare gekürzt werden, während der Leistungsdruck steigt. Die Freien fordern deshalb mehr Transparenz bei Sparentscheidungen und machen sich für eine Einhaltung der Mindesthonorare stark, für eine Steigerung der Effektivhonorare, für ­einen verbesserten Honorarrahmen, für die Vergütung zusätzlicher Arbeiten und für die Einhaltung der Richtlinien in Sachen Reisekosten und Spesen.

Schon damals ahnten viele allerdings, dass diese eigentlich richtigen Forderungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht das Wichtigste sein könnten. Das Papier wurde nach längerer Diskussion verabschiedet und soll den Gewerkschaften als Arbeits­entwurf dienen.

Die Veranstaltung zeigte auch, wie unterschiedlich die Freien betroffen sind: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die (noch) gut im Geschäft sind und den legitimen Wunsch haben, dass ihr Einkommen nicht stagniert oder schrumpft. Auf der anderen Seite diejenigen, die um Aufträge und Status als feste Freie fürchten müssen.

Beraten lassen!

Welche rechtlichen Mittel haben feste Freie beim WDR, wenn der Sender ihnen eine
Mitteilung über die Einschränkung oder Beendigung ihrer Mitarbeit schickt? Erste Fragen zu Bestandsschutz, Beendigung, Ausgleichsgeld & Co. beantwortet ein pdf
des DJV-NRW
. Vor allem sollten sich betroffene NRW-Mitglieder natürlich in der Landesgeschäftsstelle beraten lassen.

Und da ist der Nachwuchs, der eine Chance haben möchte. Dazu zählen nicht nur die Volontäre und ­andere Berufsanfänger, sondern zum Beispiel auch Printfreie, die sich weiterbilden und neue Auftraggeber suchen, weil die Tageszeitungen nach Redaktionszusammenlegungen und -schließungen kaum noch ein Auskommen ­ermöglichen. Keine einfache Aussicht, alle Interessen unter einen Hut zu bringen ...

Nun gilt es, den Protest der Freien nach außen zu tragen. Die Gewerkschaften planen dazu eine Veranstaltung, voraussichtlich Ende Oktober. Denn eins ist sicher: Nur wenn sich die Freien gemeinsam wehren, kann Schlimmeres verhindert werden! ||

Corinna Blümel

JOURNAL 5/14