Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Transfergesellschaften sind mit ihrer Arbeit im Journalismus angekommen

Der Weg in die Zukunft

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Der feste Schreibtisch in der Redaktion, das Telefon, die Kontakte, die Kollegen: Wenn dieser Berufsalltag über Jahrzehnte die einzige gelebte Form von Arbeit war, ist ein anderer Alltag oft nahezu unvorstellbar. Was tun, wenn man plötzlich genau damit konfrontiert ist? Den Weg in eine andere Zukunft zu finden – das ist, „als müsste man mit Worten Musik beschreiben“, sagt Stephan Dahrendorf, und er beherrscht diese Klaviatur. Die spielt der Mann von Inplace inzwischen immer häufiger auch vor Redakteuren. Inplace ist ein Transferanbieter, und seit Massenentlassungen im Journalismus Realität sind, ist Dahrendorf zunehmend in der Medienwelt unterwegs, um dort die Töne einer neuen Zukunft für die Kollegen anzuschlagen. Dabei gibt es zwei wichtige Elemente: Freilegen, was jeder einzelne alles kann, und daraus neues Selbstbewusstsein gewinnen. Und Hilfestellung geben, wie es weiter gehen kann.

Dafür braucht es Erfahrung in der Branche, vor allem im redaktionellen Bereich. Die Hamburger Agentur Inplace bringt die seit 2008 aus verschiedenen Projekten mit: Das begann mit den ersten redaktionellen Einschnitten bei der Verlagsgruppe Milchstraße, später folgten die Financial Times Deutschland, die Münchner Abendzeitung, die Frankfurter Rundschau. Und in NRW als besonders großer Brocken die Westfälische Rundschau (WR) nach der Schließung der eigenen Redaktion Anfang 2013.

Vergleichbare Erfahrung bietet auch mBoss aus Saarbrücken. Die Agentur von Namensgeber und Inhaber Max Bossong betreut die Westdeutsche Zeitung – erst im Verlagsbereich, aber mittlerweile ist die Kündigungswelle dort auch über die Redaktion hinweggerollt (vgl. zuletzt JOURNAL 3/14). Die Saarländer haben deshalb in Wuppertal eine eigene Dependance für NRW eingerichtet. Dort weist Peter Schorn den Weg zu neuen Möglichkeiten. Er kennt die Situation von zwei Seiten: Als Ex-Betriebsratsvorsitzender Druck beim Remscheider General-Anzeiger heuerte er nach der Abwicklung bei mBoss als Transfergesellschaft an. Hier fand der gelernte Sozialpädagoge selber zu seinen Wurzeln zurück und bei mBoss eine neue Aufgabe.

Dauerhaft schwieriger Arbeitsmarkt

Damit ist Schorn Musterbeispiel für das, was eine Transfergesellschaft im Idealfall leisten will und kann: Fähigkeiten und Fertigkeiten der einzelnen Teilnehmer herausfinden und daraus eine neue Perspektive entwickeln. Die kann sich außerhalb des angestammten Metiers finden oder durch gezielte Weiterbildung auch künftig im Journalismus, nur auf neuen Wegen. Denn eines ist den Anbietern von Transferleistungen klar: Der Arbeitsmarkt für Printredaktionen, aus denen derzeit die meisten der Betroffenen kommen, „ist und bleibt schwierig“, sagt Schorn. So stehe für viele „ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit an“, meist nach langen Jahren am gleichen Schreibtisch.

Als Erstes gilt es oft den Schock über das endgültige Aus zu überwinden – egal, ob es nach langem Bangen Wirklichkeit wird wie bei der Westdeutschen Zeitung (WZ), oder ganz plötzlich vom Himmel fällt wie bei der WR. „Auf dem Weg hilft zunächst oft das Bewusstsein, dass es andere gibt, denen es genauso geht“, weiß Stefan Dahrendorf aus der Inplace-Praxis.

Das Bewusstsein, nicht allein zu sein – und vor allem auch: nicht schuldig am Geschehen, so resümiert es Wolfgang Teipel. Er war als Redaktionsleiter bei der WR mit vollem Einsatz im Geschirr, als die Essener Chefetage die gesamte Rundschau-Redaktion mit dem Fallbeil kappte. „In meiner Rolle hab‘ ich ja immer Verantwortung für den Titel getragen. In der Transferzeit konnte ich mich auch von jedem Schuldgefühl lösen“, erzählt der Lüdenscheider – ein unschätzbarer Gewinn, den die Phase der Um- und Neuorientierung für ihn brachte.

32 Jahre stand er bei „seiner“ Rundschau in Diensten. In diesem Jahr wird er 60 und hat dank der Hilfe von Inplace „neue Aufgaben und neue Inhalte gefunden“. Wolfgang Teipel ist Lokalblogger: „Lichtstadt Lüdenscheid“ und „Unser Lünsche“ sind heute längst mehr als (s)ein Notnagel. Auch wenn das „derzeit noch eine brotlose Kunst ist, bin ich total zufrieden“. In Zukunft soll diese Arbeit durch Anzeigen auch Geld einbringen – bis dahin hilft die Abfindung.

Weg von der einstigen Skepsis

Einen neuen Weg für sich suchen muss auch Detlef Herchenbach – nach 34 Jahren als Redakteur der WZ. Als die 50 Prozent Personal abbaute, wurde dabei auch „seine“ Redaktion Niederrhein offiziell geschlossen. Bis dahin kannte der 57-Jährige Transfergesellschaften (TG) eigentlich nur als Berichterstatter von außen, heute erlebt er von innen durch mBoss den Wert dieser Arbeit hautnah. Gruppentraining und Einzelberatung, Coaching und Antistress-Training – „das machen die ziemlich gut“, bekennt Herchenbach nach seiner einstigen Skepsis heute.

„Was geht mit dem, was man vorher gemacht hat“ – das ist für ihn und alle ehemaligen WZler in der TG gerade die aktuelle Frage. Fortbildung soll den Weg in die Zukunft ebnen, zum Beispiel in Sachen Social Media, Typo 3 oder Wordpress. Und weil dem ehemaligen Lokalredakteur aus Kempen klar ist, dass eine neue Festanstellung bei einer Tageszeitung kaum zu den Optionen zählt, geht es auch um das erforderliche Knowhow für eine Existenzgründung. Das sei ebenfalls eine Chance der Transfergesellschaft, sagt Herchenbach, „man kann in der Zeit die Trag­fähigkeit seiner Ideen abklopfen und schon mal Kontakte knüpfen“.

Dafür haben alle WZ-Kollegen in ihrer Transfergesellschaft seit dem 1. Oktober 2014 ein Jahr lang Zeit. Zu diesem Termin startete die TG für alle, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Andreas Keil das WZ-Modell. Wer sich für diesen Weg entschieden hat, bringt bei der WZ seine Kündigungszeit ein. Im Gegenzug gibt es neben Fortbildungen zwölf Monate lang einen Großteil des Gehalts sowie die Sozialleistungen.

Bewerbungstrainings oder Existenzgründung gehören zum Portfolio. Die individuelle Ausrichtung, die gute 1:1-Betreuung und nicht ­zuletzt die Verankerung in der Medienbranche durch Peter Schorn haben den WZ-Betriebsrat von mBoss überzeugt. Die Resonanz, sagt Keil, sei bisher ausgesprochen positiv. Damit die Neuausrichtung für die Betroffenen auch wirklich funktionieren kann, hat der Betriebsrat eine ­ordentliche Finanzausstattung für die Weiterbildung ausgehandelt. Denn die TG müsse mehr sein als eine „Aufbewahrungsgesellschaft“ und wirklich den Weg zum Neustart ebnen.

Eine fremde Situation

Hilfe für seinen Neustart hat sich auch Theo Körner geholt. 25 Jahre stand er in den Diensten der Westfälischen Rundschau, zuletzt als ­Redaktionsleiter, bevor er sich 2013 bei Inplace wiederfand. Ein ­komisches Gefühl war das am Anfang. „Man kommt sich fremd vor“ und lernt doch schnell den Nutzen kennen und schätzen. Das funktioniert eigentlich genauso, wie auch Stefan Dahrendorf es beschreibt: Es hilft nach der Kündigung, mit Gleichgesinnten zusammenzutreffen und immer wieder zu erfahren, dass man nicht allein ist. „Die Gruppe trägt“, ­bestätigt Simone Melenk, die in der Redaktion Unna nach 25 WR-Jahren das Aus erlebt hat.

Darüber hinaus gibt die regelmäßige Fahrt zum Schulungsort dem Tag Struktur. Für die WR war das Journalistenzentrum Haus Busch in Hagen die feste Anlaufadresse, wo Inplace mit Anja Krenz-Maes eine Dependance für die WR-Transfergesellschaft eröffnet hatte. Fast ein Jahr lang war Haus Busch Dreh- und Angelpunkt für die ehemaligen Rundschau-Leute. Hier ­begann der Weg in eine neue Zeit mit der Vermittlung von neuem Handwerkszeug. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Desktop-Publishing, Twitter, ­Facebook und Co. sowie eben alles rund um die Selbstständigkeit gehören zum Angebot.

Finanzielle Ausstattung ist entscheidend

Wenn Kündigungen im großen Stil anstehen, geht es darum, die Folgen des Personalabbaus für die Betroffenen wenigstens abzu­federn. Da ist der Betriebsrat am Zuge. ­Worauf die Arbeitnehmervertretung achten sollte, erklärt Uwe Tonscheidt, ehemaliger Betriebs­ratsvorsitzender der abgewickelten Westfälischen Rundschau (WR).

 

JOURNAL: Wie findet der Betriebsrat die richtige Transfergesellschaft?

Uwe Tonscheidt: Wichtig ist, dass der Transferanbieter sich in der Branche auskennt, Erfahrungen mitbringt. Für Redaktionen ist das nicht überall zu haben. 2013, als wir für die WR auf der Suche waren, gab die NRW-Gesellschaft für innovative Beschäftigung zwar viele Hinweise auf Transferanbieter, aber darunter war keine mit Erfahrung in einer Redaktion Über Kollegen der Frankfurter Rundschau fanden wir Inplace, mit viel Erfahrung und guten Referenzen im Redaktionsbereich. Die haben sich im Nachhinein auch bestätigt.

Mit im Rennen war 2013 zudem mBoss. Die hatten Erfahrung im Verlagsbereich und waren aktiv auf den BR zugekommen. Seit 2013 hat sich viel in der Zeitungslandschaft getan. Mein Tipp: Vor der Entscheidung bei Redaktions-Betriebsräten nachfragen, die Erfahrung mit einer Transfergesellschaft haben. Anschließend die in Frage kommenden Anbieter einladen und sich deren Konzepte vorstellen lassen.

JOURNAL: Welche Transferleistungen gibt es und worauf muss der Betriebsrat achten?

Tonscheidt: Zeitlich beginnt es mit der Transferagentur: Das sind Qualifizierungen und Unterstützungen während der Kündigungsfrist, vom Arbeitgeber bezahlt, von der Agentur für Arbeit bezuschusst. Dabei ist nicht mit Sicherheit zu sagen, was genau die Arbeitsagentur wie hoch bezuschusst. Nur adäquate Mittel durch den Arbeitgeber oder andere Geldgeber stellen gewünschte Angebote sicher. 2.000 Euro pro Kopf vom Arbeitgeber sind da nicht die Welt, haben wir seinerzeit festgestellt. Mehr wäre deutlich besser.
Es ist enorm hilfreich, wenn die Mittel des Arbeitgebers als Gesamtsumme zur Verfügung stehen. Wenn man sie also nicht jeweils konkret für eine Person und Maßnahme pro Kopf abrufen muss. Eine solche Topflösung schafft die Möglichkeit, flexibel mehrere gute Gruppen-Qualifizierungen zu finanzieren – z.B. Schulungen für Software, Social Media und andere Themen.

Eine Transfergesellschaft schließt sich zeitlich an die Angebote der Transferagentur an. Dieses neue Beschäftigungsverhältnis reicht über die Kündigungsfrist hinaus und stellt für einen bestimmten Zeitraum Einkommen und Sozialleistungen sicher. Auch hier finden Qualifizierungen und Unterstützungen für den Arbeitsmarkt statt. Und auch hier ist die finanzielle Beteiligung des bisherigen Arbeitgebers – oder weiterer Geldgeber – wichtig. Je mehr Mittel zur Verfügung stehen, desto bessere Qualifizierungen sind möglich – und  desto geringer fällt der Anteil aus, den die Beschäftigten finanziell einbringen müssen.

JOURNAL: Was bringen die Kollegen denn ein?

Tonscheidt: Da gibt es zwei Modelle: Die Transfergesellschaft startet zu einem festen Zeitpunkt, und die Arbeitnehmer bringen einen Teil ihrer Kündigungsfrist mit ein. Oder die Gesellschaft startet nach Ende der individuellen Kündigungsfrist. So war es bei der WR. Dafür brachte jeder Teilnehmer einen Teil seiner Abfindung ein.
Arbeitgeber wählen gerne die erste Variante, weil die Arbeitnehmer dann deutlich früher aus dem Betrieb ausscheiden. Insbesondere bei langen Kündigungsfristen kann das zweite Modell für die Kollegen besser sein: Die Bezüge plus Presseversorgung werden dann bis zum Ende der Kündigungsfrist voll bezahlt.

 

Die Fragen stellte Katrin Kroemer.

Manches kam von externen Anbietern, wie ­Seminare zum Social-Media-Manager mit IHK-Zertifikat bei der Business-Akademie Ruhr. Vieles lief in gemeinsamen Veranstaltungen im Haus Busch, auch vermittelt von den Experten um Thomas Müller. Dazu gesellten sich Schicksalskollegen: die geschassten Verlagskaufleute aus der Verlagsgruppe Handelsblatt. Auch der Betriebsrat dort vertraut aus Erfahrung Inplace, sagt der Vorsitzende Hans Eschbach (DJV). So versammelte Anja Krenz-Maes in Hagen Redakteure, Marketing- und Vertriebsprofis zum ­gemeinsamen Lernen. Das schärft den Blick über den Tellerrand.

Sein eigenes Ziel finden

„Man muss sein Ziel identifizieren: Wo will ich hin“, beschreibt Anja Krenz-Maes ein entscheidendes Element der Transferarbeit. Wenn dieses Ziel erkannt ist, kann sich jeder individuell das Rüstzeug dafür verschaffen.

InDesign und Social Media, Rechnungen schreiben und Steuer-Aspekte hat Theo Körner für sich mitgenommen. Fähigkeiten, die er und seine Kolleginnen und Kollegen während ihrer Zeit in der Redaktion nicht brauchten. Und die viele künftig oft brauchen werden – rund 30 Prozent gehen den Weg in die Selbstständigkeit. Auch ­Simone Melenk. Sie hat durch die Transferzeit erkannt, was sie alles kann – außer Lokalredak­tion. Heute betreibt sie in Unna ihr eigenes Medien­büro. Nicht nur für sie hat es funktioniert, die Schritte weg vom Redaktionsschreibtisch zu anderen Möglichkeiten hin zu wagen.

Katrin Kroemer

JOURNAL 1/15