Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Was die Frequenzentscheidung zugunsten Metropol FM bedeutet

Entscheidung mit Pro und Contra

Mehr Vielfalt im Radio – das war die Vorgabe, unter der die Medienkommission der Landesanstalt für Medien in NRW (LfM) Ende Januar die freien UKW-Frequenzen dem türkischsprachigen Sender Metropol FM zugesprochen hat (JOURNAL berichtete). Bislang sendet Metropol FM über UKW in Berlin und im Rhein-Main-Gebiet; mit den elf Frequenzen in der Rhein-Ruhr-Schiene um Köln, Düsseldorf, Duisburg und Essen erreicht der Sender nun auch einen Großteil der etwa 1,5 Millionen türkischstämmigen Bewohner NRWs. „NRW ist mit der größte Werbemarkt in Europa für diese Zielgruppe, und hier ist auch der größte Bedarf an deutsch-türkischen regionalen Informationen“, erklärt Geschäftsführer Tamer Ergün.

In den bisherigen Verbreitungsgebieten erreicht Metropol FM etwa 80 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung – von der ersten bis zu vierten Einwanderergeneration. Das will Ergün auch in NRW schaffen, mit türkischer Musik, mit Unterhaltung und regionalen Informationen, zu 70 Prozent in Türkisch und zu 30 Prozent auf Deutsch.

Informationsbedürfnis nicht gedeckt

Das Informationsbedürfnis der Türkischstämmigen wird nach Ergüns Aussage von deutschen Medien nicht gedeckt. Die Gastarbeiter von früher werden alt, und Metropol FM klärt sie in türkischer Sprache über Gesundheitsfragen auf. Junge Leute informiert der Sender über Ausbildung und Beruf, oft in Kooperationen, z.B. mit IHK und Handwerkskammer. Statt Geld in Plakatwerbung für den Sender zu stecken, steckt Ergün nach eigener Aussage Geld in Kampagnen wie „Lernen macht stark“, „Mein Beruf – meine Zukunft“ oder in den interreligiösen Dialog: „So haben wir unsere Stammhörer gewonnen“, und das ist auch das Ziel für NRW.

In Köln soll das Hauptstudio mit mehreren Mitarbeitern errichtet werden, konkrete Zahlen nennt der Geschäftsführer nicht. In Essen soll später ein zweites Studio entstehen. Zunächst will der Sender in NRW kein 24-Stunden-Programm produzieren, aber es soll von Anfang an Informationen und Nachrichten aus der Region sowie regionale Beiträge in der Nachmittagsstrecke geben. Ein Teil wird auf Deutsch gesendet, „allerdings in einfacher Sprache, ohne Fachbegriffe“, damit das auch ältere Türken verstehen, die nie richtig Deutsch gelernt haben. Deutsch ist aber auch deshalb wichtig, weil viele jüngere Türkischstämmige Türkisch nicht richtig beherrschen.

Während deutsche Sender ihre Programme auf bestimmte Alterszielgruppen ausrichten, hören Türkischstämmige jeden Alters oft auch die gleiche Musik. Das gelte zumindest für 400 bis 450 türkischstämmige Künstler, deren Stücke alle Altersgruppen ansprechen, sagt Ergün. Das Programm biete aber auch Spezialsendungen für bestimmte Zielgruppen.

Einer Chance beraubt

Die Verantwortlichen im NRW-Lokalfunk hatten ganz andere Wünsche für die Frequenzen: Sie hätten sie gerne für die geplante Jugendwelle dein.fm gehabt. „Die Vergabe an Metropol FM hat den Lokalfunk einer Chance beraubt, der Flottenstrategie des WDR etwas entgegenzusetzen“, sagt Fritz-Joachim Kock, Vorsitzender des Verbands Lokaler Rundfunk, in dem die Veranstaltergemeinschaften organisiert sind.

Denn die neue WDR-Hörfunkchefin Valerie Weber, von Antenne Bayern abgeworben, richtet das Programm neu aus (vgl. auch Seite xx). das Ziel ihrer „Flottenstrategie“: Junge Hörer mit 1Live gewinnen, um sie im Laufe des Erwachsenenlebens erst an WDR 2 und spätestens als Rentner an WDR 4 weiterzureichen. Das spiegelt sich natürlich auch inhaltlich wider. Mancher Hörer findet, der WDR klinge schon heute in Teilen privater als das Privatradio selbst. Die Frage sei, ob der WDR so seinem Programmauftrag überhaupt noch gerecht werde.

Sreenshot

Dieser WDR-Flottenstrategie wollten die Lokalfunk-Verantwortlichen mit dein.fm etwas entgegensetzen. Stattdessen sehen sie sich nun mit einem neuen Privatsender konfrontiert, der nicht im Zwei-Säulen-Modell „gefesselt“ ist. Ein klarer Vorwurf in Richtung Politik, die diese Situation durch die Novelle des Landesmediengesetzes erst möglich gemacht hat.

Schon werden einzelne Stimmen laut, die andeuten, dass „das teuerste private Lokalfunk-Radio Deutschlands“ vielleicht nicht mehr zu halten sei. Das betreffe auch die bislang geltenden Tarifverträge. Denn mit dem Geld, das die zweite (Jugend-)Welle bringen sollte, hätten die Verleger den Lokalfunk stützen wollen.

Nicht allein, dass diese Träume geplatzt sind: Gleichzeitig bricht der nationale Hörfunk-Werbemarkt für radio NRW ein. Und auch die Mehrwertgewinnspiele, deren Erlöse teils in die Ausschüttung an die Lokalsender gehen, erzielen nicht mehr die gleichen Einnahmen wie früher. Trotz der „niederschmetternden“ Entscheidung zugunsten von Metropol FM wollen die Betriebsgesellschaften (und damit die Verleger) aber den Lokalfunk flächendeckend erhalten, betont Hendrik Wüst, Geschäftsführer des BG-Verbands.

Die neue Konkurrenz kommt in einem ungünstigen Augenblick: Denn der NRW-Lokalfunk hat auch intern seine Probleme. Auf der einen Seite hört man Vorwürfe gegenüber den Veranstaltergemeinschaften: Sie täten zu wenig, um die Einschaltquoten der Sender zu erhöhen. Das sei aber notwendig, um höhere Preise für die lokale Werbung zu erzielen. Die Veranstaltergemeinschaften kontern: Wenn wir von BG-Seite nicht mehr Geld bekommen, können wir auch nichts machen. Das Programm müsse zudem insgesamt besser werden. Diese Bemerkung zielt auf den Mantelprogrammanbieter radio NRW.

Die Querelen zwischen den Lokalfunksendern und radio NRW dauern schon länger und haben nicht gerade geholfen, die Position des Lokalfunks in NRW zu stabilisieren. Nun scheint allerdings mit neuen Köpfen auch Bewegung in die festgefahrenen Positionen zu kommen: Neuer (noch nicht offiziell bestätigter) Programmchef soll Ingo Tölle werden, bislang Chefredakteur des quotenstärksten Lokalsenders Radio Westfalica. Zudem sollen nach unbestätigten Informationen Jan-Uwe Brinkmann und Sven Thölen den bisherigen Geschäftsführer Udo Becker ablösen. Die beiden sind Geschäftsführer der Jugendwelle dein.fm, aber vor allem kommen sie von Seiten der Betriebsgesellschaften: Brinkmann gehört zur Führungsriege der HSG Hörfunk Service GmbH, die die Lokalsender im Kölner Raum vermarktet, und Thölen ist Mit-Geschäftsführer der Westfunk, der Servicegesellschaft für viele Sender im Ruhrgebiet.

Wann das Trio die Arbeit bei radio NRW aufnimmt, ist bei Drucklegung noch nicht bekannt. Offenbar wurden diese Personalentscheidungen aber bei Lokalradios bereits als positives Signal verstanden. Wie man hört, werden die Sender in Ostwestfalen und die Westfunksender  ihre Verträge mit radio NRW vorerst nicht kündigen. Das hatte lange Zeit für Ende März im Raum gestanden.

Offen ist auch noch, was nun mit dein.fm passiert: Das Programm sei zu aufwendig, um es online refinanzieren zu können, heißt es. Möglicherweise werden Teile nun bei den Lokalsendern oder bei radio NRW umgesetzt.

Probleme bei der LfM bekannt

Dass es Probleme beim Lokalfunk in NRW gibt, sehen auch die Mitglieder der LfM-Medienkommission. Der gerade wiedergewählte Vorsitzende Prof. Dr. Werner Schwaderlapp hat bei seiner Antrittsrede betont, dass die Kommission sich bei der Vergabe der Frequenzen an Metropol FM nicht gegen den Lokalfunk, sondern für Vielfalt ausgesprochen habe. Der Lokalfunk sei einer der wichtigen Punkte auf der Agenda der Medienkommission in der nächsten Zeit, erklärte er. Auch Dr. Jürgen Brautmeier, Chef der LfM, will sich des Themas annehmen. Wie das aussehen könnte, ist aber noch völlig offen. Die Landesregierung hatte schon im Herbst letzten Jahres signalisiert, alles Mögliche zu tun, um den Lokalfunk zu stützen, wenn die Akteure Handlungsbedarf sehen (siehe Journal 5/14).

Bereits für das neue WDR-Gesetz (siehe auch Seite xx) werden Forderungen gesammelt. Wichtigster Punkt: Der Verband Lokaler Rundfunk (VLR) und der BG-Verband fordern, dass der WDR künftig nicht mehr mit massiven Streuverlustrabatten regionale Werbung verkauft. Insgesamt sollten die Werbezeiten nach ihrer Vorstellung wie beim NDR-Modell reduziert werden: auf eine Stunde Werbung pro Werktag in nur einem Programm. Im Februar hatte die Landesregierung eine vierwöchige Online-Konsultation zum WDR-Gesetz gestartet. Im Sommer soll der Gesetzentwurf vorliegen.

Für Dr. Anja Zimmer, Geschäftsführerin des DJV-NRW, steht außer Frage, dass der Lokalfunk erhalten und gestärkt werden muss. Ihre Befürchtung: Geht es wirtschaftlich bergab, könnten unrentable Sender geschlossen oder mit anderen zusammengelegt werden, wie es jetzt schon Radio Herford und Radio Westfalica praktizieren: Sie senden zusammen 15 Stunden Programm, hauptsächlich die Nachrichten und Werbung sind jeweils exklusiv für den eigenen Kreis.

„Wenn der Lokalfunk mit dem Zwei-Säulen-Modell scheitert, ist das auch für den WDR ein Problem“, warnt Zimmer. „Die dann freiwerdenden Frequenzen werden sicher nicht an Nischenprogramme vergeben. Wahrscheinlich würden sich neue landesweite Privatsender in NRW etablieren, gegen die der WDR sich positionieren muss.“ Die DJV-Geschäftsführerin nennt weitere Gründe, warum der Lokalfunk nicht scheitern darf: „Wir reden hier über Hunderte tariflich gesicherter Arbeitplätze. Außerdem gäbe es ohne die Lokalsender noch weniger lokale und regionale Berichterstattung – zu einer Zeit, in der viele Tageszeitungen vom Markt verschwinden.“ Dem drohenden Verlust an Meinungsbildung und Vielfalt müsse die Politik begegnen.

Kein Gerangel auf dem Werbemarkt

Immerhin: Auf dem Werbemarkt müssen die Lokalsender sich wegen Metropol FM keine großen Sorgen machen. Der Sender spricht eine Zielgruppe an, die in NRW bislang gar nicht bedient wird, und zielt damit auf auch andere Werbekunden: Nach Tamer Ergüns Angaben gibt es 30 000 türkischstämmige Unternehmer in NRW. Damit sie ihre Kunden erreichen, müssen sie bislang Werbung im türkischen Fernsehen kaufen. Mit Metropol FM können sie ihre Kunden in NRW direkt erreichen.

Bis es allerdings wirklich losgeht, kann es dauern. Erst müssen noch technische Fragen geklärt werden, sagt Ergün. Als Sendestart sei Oktober angepeilt. Dann soll es auch in NRW ein Programm geben, das das „deutsch-türkische Lebensgefühl“ anspricht – und für mehr Vielfalt auf dem landesweiten Radiomarkt sorgt.||

Kurz vor Drucklegung des JOURNALs wurde bekannt, dass die NRW-Verleger gegen die Vergabe von elf UKW-Frequenzen an das türkischsprachige Metropol FM klagen wollen.

Sascha Fobbe