Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Die Wechselwirkung zwischen Social Media und traditionellen Medien

Themenkarrieren: Was zieht wo?

© DJV-NRW / Klinkebiel GmbH / Foto: macrovector/depositphotos

In der Facebook-Timeline springt einem der Eintrag einer Fernsehsendung ins Gesicht. Ein Aufreger, es geht um Asylbewerber. Die Überschrift – komplett in Großbuchstaben – diagnostiziert die Überforderung der Behörden. Das Foto illustriert die Sorge vor der „Flut“ recht plakativ. Unter dem Post mehr als 200 Kommentare, das einzige Lebenszeichen des Moderators ist eine Erwiderung auf einen Löschvorwurf. Ansonsten regelt sich die Community offenbar ausschließlich selbst.

Eine Tageszeitung erzählt die Geschichte einer jungen Frau. Sie krempelt ihr eigenes Leben komplett um, weil sie für ihre Nichten und Neffen da sein will, die beide Elternteile verloren haben – eine Geschichte aus der Abteilung „Mutmacher“. Mit Stänkerern ist nicht zu rechnen. Nur ein Kommentar war wohl negativ. Auf den hat der Moderator fix reagiert und der Nutzer ihn nach dem Gegenwind offenbar gelöscht. Nur die verständnislosen Antworten anderer Leser finden sich noch.

Ein lokaler Radiosender informiert über einen Unfall. Das Thema wird mit aktuellen Infos zur Verkehrslage durch den ganzen Vormittag gezogen. Auf Fragen in den Kommentaren wird nach Möglichkeit eingegangen.

Drei Beispiele – eine paar Fragen: Welche Themen stellen Redaktionen auf ihren Facebook-Seiten oder Twitter-Konten ein? Und nach welchen Kriterien? Gibt es eine evaluierte Systematik oder nur jede Menge Bauchgefühl?

Erfahrung und Social-Media-Charts zeigen, was viel geklickt wird: echte Neuigkeiten wie Unfälle oder Bombenfunde bei lokalen Anbietern, Konflikte wie Griechenland- oder Ukraine-Krise bei den Überregionalen sowie Aufreger-Themen wie Verkehrschaos, Flüchtlingsunterbringung oder Rundfunkgebühren. Dazu kommen skurrile, herzerwärmende Geschichten oder virale Schenkelklopfer auch internationaler Herkunft. Die Grenzen des Verbreitungsgebietes haben in sozialen Netzwerken keine Bedeutung. Es gibt Inhalte, an denen wohl keiner vorbeikommt – das merkt, wer vielen Medienseiten folgt. Zu solchen Muss-Themen zählt mancher Katzen-Content ebenso wie der Promi- oder Polit-Skandal.

Was vielen gefällt

Schaut man bei 10000flies.de – einer Chartseite für Themen im Social Web – vorbei, bekommt man eine Ahnung. Der Name spielt schon darauf an: Wenn es vielen gefällt, ist es kein Mist, weil die Fliegen ja nicht alle irren können. Die Top-50 führte im Januar BILD an, gefolgt von Heftig, Spiegel- und Focus-Online, WELT und RTL. Die Tagesschau landete auf einem hinteren Platz. So gruselig es klingen mag in den Ohren der Fans von Qualitätsinhalten: Die Linkcharts beweisen, dass Tiere und Kinder auch im Web immer gut ziehen, ebenso Kontroversen und starke Gefühle wie Schadenfreude (NPD-Anhänger verfahren sich auf dem Weg zur Demo) oder Rührung („What‘s the difference“ – Wie ein Haarschnitt Obdachlose verändert) oder Gerechtigkeitsempfinden (Notarzt rettet Kind und verliert Führerschein). Gute Nachrichten gefallen ebenfalls: Geschichten mit Happy End, Moral, Mut und Selbstlosigkeit werden häufig geklickt, „geliked“ und geteilt.

Daraus lassen sich Erfahrungswerte ableiten, die die Redaktionen auch nutzen. Doch wie systematisch ist die Betreuung der Inhalte der Social-Media-Kanäle in den Redaktionsalltag heute überhaupt schon eingebunden? Zu dieser Frage sucht das JOURNAL über Facebook Ansprechpartner, die einen kurzen Fragebogen ausfüllen. Schon das ist wie ein kleiner Test und liefert erste Erkenntnisse. Manche reagieren fix und mit einer Ansprache, die eine Mail wohl nicht ausgelöst hätte – sofort ist man per Du. Eine Redaktion antwortet auf die Frage nach der Erreichbarkeit des Zuständigen, man werde sich schon melden, wenn man Interesse habe. Nachfragen seien „aus nachvollziehbaren Gründen“ nicht erwünscht. Der Rückkanal erweist sich hier als Einbahnstraße. Der weitergeleitete Fragebogen bleibt unbeantwortet. Andere Redaktionen brauchen zwar lange, aber kommunizieren unterdessen die Gründe. Der Großteil reagiert gar nicht.

Antworten kommen letztendlich vom WDR, genauer den Fernsehsendungen „Aktuelle Stunde“ und „Lokalzeit Bergisches Land“, von der Glocke, der Neuen Westfälischen, der Rheinischen Post sowie der ZEIT. Ergänzt wird das Ganze von subjektiven Eindrücken Einzelner, deren Namen der Redaktion bekannt sind.

Manche sind weiter als andere

Die Antworten belegen genau wie die Nicht-Antworten: Manche Häuser sind weiter als andere. Das zeigt sich sowohl inhaltlich als auch strukturell. Wo die Ressourcen nicht so üppig sind, hängt es oft von Einzelnen oder einigen Engagierten ab, ob der Social-Media-Job „nebenbei“ gut erledigt wird oder nicht. Hat die Idee einer Präsenz auf diesen Kanälen jedoch keine Akzeptanz bzw. kein Konzept, helfen auch vorhandene Ressourcen wenig.

Denn zuallererst sind Facebook, Twitter & Co. Mehrarbeit. Gibt es keinen Social-Media-Redakteur, dann betreuen Journalisten, die schon vorher keine Langeweile hatten, die Plattformen zusätzlich. Sowohl der Einsatz der Kanäle als auch der Mitarbeiter kann stark unterschiedlich aussehen: Struktur contra „aus der Lameng“ kann man hier als grobe Gleichung aufmachen. Bei allen Befragten ist das Online-Ghetto aber Vergangenheit. Ob Social-Media- oder Online-Redakteur bzw. -Redaktion mit Social-Media-Zuständigkeit: In Konferenzen des Hauptmediums sind die Web-Kollegen dabei. Entscheidungen werden gemeinsam getragen, wenn auch nicht immer breit diskutiert.

Das Gewicht privater Netzaffinität

Welche Inhalte wo und wann umgesetzt werden, ist unterschiedlich: Wie stark soziale Medien zur Recherche genutzt werden, hängt offenbar vom Kenntnisstand und der individuellen Haltung der agierenden Journalisten ab. Sowohl einige Redaktionsleitungen als auch einzelne Kollegen gaben an, dass sie die Themensuche in Social-Media-Angeboten anderer oder über Kommentare der eigenen Nutzer nur vereinzelt und wenig systematisch betreiben. Aussehen und Erfolg von Facebook-Seiten und eines Twitter-Accounts hängen also manchmal stark von der (privaten) Netzaffinität der Zuständigen ab.

Doch es gibt auch ganz konkrete „Fahrpläne“ für die Bestückung von Facebook und anderen Kanälen – zum Beispiel bei RP-Online, wo der Medienjournalist Daniel Fiene seit knapp einem Jahr als Redakteur mit dem Schwerpunkt „Digital“ arbeitet. „Unsere Social-Media-Kanäle werden nicht durch eine bestimmte Redaktion oder eine bestimmte Rolle betreut, sondern durch die Kollegen in den normalen Online-Schichten“, beschreibt er den Düsseldorfer Workflow. „Der Sitemanager kümmert sich nicht nur um die Themen auf der Startseite, sondern platziert auch die Themen auf unseren Hauptaccounts bei Facebook und Twitter. Der Nachrichtenführer twittert aktuelle Schlagzeilen direkt mit der Veröffentlichung, und die Ressort-Leiter etwa für Report, Sport, Digitales twittern ebenfalls selbst. Die Print-Lokalredaktionen betreuen ihre eigenen Facebookseiten. Als Social-Media-Manager am Desk habe ich ein Auge auf das Leser-Feedback und schaue, welche Themen im Netz aufkommen, und leite sie an die entsprechenden Kollegen weiter. Außerdem schule ich die Journalisten im Haus im Umgang mit Social Media und stehe im Zweifelsfall beratend zur Seite.“

So einen Experten im eigenen Haus würden sich viele im Land wünschen. Denn eine Selbstverständlichkeit ist eine professionelle Struktur mit entsprechendem Personal noch lange nicht überall – auch wenn die Professionalisierung stetig voran schreitet. Vielerorts profitieren die Häuser von dem, was sich Mitarbeiter privat angeeignet haben. Das hat auch Schattenseiten: Von spontanen Entscheidungen nach dem persönlichen Geschmack des jeweiligen Diensthabenden ist da die Rede, anstatt von einer für alle Mitarbeiter klar erkennbaren und bindenden Linie. Einige attestieren den zuständigen Kollegen zu wenig Kompetenz aufgrund privater Vorbehalte: Wer die Kanäle nicht kennt, kann sie kaum knackig und zügig füllen.

Eingeschänktes Bild

Wer Medienauswahl und Nachrichtenübersicht ausschließlich über einzelne Social-Media-Kanäle steuert, bekommt einen eingeschränkten Blick auf die Welt. 2013 war Facebook laut einer Studie der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) die Hauptnachrichtenquelle für Menschen zwischen 14 und 29 Jahren. In den USA ist Facebook in Sachen News sogar insgesamt wichtiger als der Nachrichtensender CNN, fand das amerikanische Pew-Institut heraus. 

Wenn die klassischen Medien ihre sozialen Kanäle eher mit lockeren Inhalten füllen oder wenn Menschen vorwiegend unterhaltenden Viralseiten wie Heftig.co folgen, kann ein Vakuum bei „ernsteren“ Themen entstehen. Wer das ganze Bild sehen will, muss sich bewusst auf verschiedenen ­Wegen mit Informa­tionen versorgen. /AH

Screenshot Aktuelle Stunde
Screeenshot Heftig.co
Screeenshot Stern
Screeenshot Glocke

Einige Freie sind da weiter, weil sie sich umgehend neuen Trends zuwenden müssen, wenn sie im Geschäft bleiben wollen. Manche Redakteure haben zwar „den Hut auf“, sehen sich aber aufgrund fehlender Fortbildung und zunehmender Arbeitsverdichtung nicht in der Lage, diese Kanäle auch noch „mal eben“ zu bestücken.

Leserfang mit der Formel 3+1

Julia Geppert und Bernd Evers bei der Glocke in Oelde sind systematischer unterwegs, gehen im Social Web gezielt auf Leserfang: „Die Basis für Facebook bildet unsere Formel 3+1.“ Also: drei nachrichtliche Posts plus ein eher bunter. „Dabei setzen wir als Regionalzeitung verstärkt auf regionale bzw. lokale Themen, die wir verlinken. Ergänzt wird der Link in der Regel durch einen kurzen Leadsatz, der die Leser in den Artikel und somit auf unsere Homepage ziehen soll.“

Daniel Fiene setzt bei der RP „auf Breaking News, Themen aus der Region und auf Emotionales. Auch Sport, Ratgeber und Digitales funktionieren in den Social-Media-Kanälen sehr gut. Wir haben den Vorteil, dass lokale Themen auf großes Interesse stoßen.“ Er sieht dort „hohen Informationsbedarf, der kaum gedeckt wird“.

Diese Brache zu beackern könnte sich also lohnen – nicht nur als Absender. Interessant wird es, wenn Journalisten in sozialen Medien mehr sehen als einen weiteren Ausspielweg für bestehende Inhalte – wenn sie sich also von Facebook & Co. auch Themen liefern lassen. Diesen Weg nutzt die Glocke (wie viele andere) bisher nur „vereinzelt, eher zufällig und nicht systematisch“. Wer hingegen einen Schritt weiter ist, bekommt mehr Input als früher. Die Beschäftigung damit kostet zwar Zeit, wie viele zu Recht fürchten, sie erleichtert aber an anderer Stelle die Arbeit.

Damit arbeitet auch die Neue Westfälische, erklärt Annika Falk, Leiterin der Digitalredaktion: „Besonders in den Lokalredaktionen werden über die lokalen NW-Facebook-Seiten immer wieder Leser angesprochen, ob sie zu geplanten Geschichten etwas erzählen können bzw. als ‚Fotomodelle‘ oder Interviewpartner zur Verfügung stehen. Dadurch entstehen dann ganz neue Geschichten.“

Als weiteres Beispiel nennt sie die Facebook-Seite „Du lebst schon lange in Bünde, wenn ...“, die von der dortigen NW-Lokalredaktion ins Leben gerufen wurde. „Ursprünglich wurden hier historische Bilder gesammelt. Mittlerweile ist es ein wichtiger Kommunikationskanal in der Stadt, aus dem die Lokalredaktion immer wieder Neuigkeiten und Hinweise zieht.“

Die Lokalredaktionen nutzen das Leser-Feedback aus sozialen Netzwerken manchmal auch, um daraus einen Folgeartikel zu einer NW-Geschichte zu machen, erzählt Falk. „Zudem schicken Leser der Digital-Redaktion Facebook-Direktnachrichten mit Anregungen für Geschichten, die dann an die entsprechende Redaktion weitergeleitet werden. Ganz besondere Videos oder spannende Twitter-Diskussionen werden Aufhänger für Texte in der Print- oder Onlineausgabe der NW.“

Auch bei der „Aktuellen Stunde“ des WDR-Fernsehens wird der Rückkanal regelmäßig zum Rechercheweg – in erster Linie Facebook, berichtet die stellvertretende Leiterin Verena Egbringhoff: So postet die Redaktion zum Beispiel eine Neuigkeit und fragt, welche Erfahrungen oder Meinungen es dazu gibt. „Wenn es relevant ist, wird mehr daraus. Ansonsten fließt die Rückmeldung vielleicht als Aspekt in den Beitrag ein, als Zitat des Facebook-Kommentars. Über unsere App machen wir außerdem Abstimmungen zur Frage des Tages und bekommen auch dazu Kommentare.“ Ganz ähnlich läuft es auch in Wuppertal in der multimedialen Pilotredaktion für die Lokalzeiten. Themenanregungen von Zuschauern laufen über diese Wege in beiden WDR-Redaktionen auf.

Wechselnde Kanäle

Unter den Social-Media-Kanälen finden Verschiebungen statt: Was gestern noch ganz vorne war, kann morgen schon abgeschlagen sein. Im Februar meldeten Forscher der Technischen Universitäten Dresden und Darmstadt, dass Facebook beim Empfehlen von Nachrichten-Links Twitter abgehängt hat.

Potenzial als Vertriebskanal, gerade für die jungen Leser, sehen Beobachter bei WhatsApp. Der Messenger, der seit vergangenem Jahr zu Facebook gehört und vorwiegend in der privaten Kommunikation genutzt wird, gilt als ideales Sharing-Tool für Bilder, Videos und Links. Einen Sharing-Button für WhatsApp bieten inzwischen mehrere Nachrichtenseiten. Erste Redaktionen testen auch, ob sich der Dienst als direkter Vertriebskanal nutzen lässt. Darunter die Ruhr Nachrichten, die ihre wichtigen News seit Januar auch über WhatsApp verbreiten./cbl

Screenshot ZEIT
Screenshot Rheinische Post

Zeitvorsprung via Twitter

Daniel Fiene wartet am Newsdesk von RP-Digital nicht nur auf das, was von allein reinschneit: „An unserem Social-Media-Platz nutze ich Pro-Versionen von Tools wie 10000flies.de oder Tame.it, mit denen ich sehen kann, welche Themen unsere Follower beschäftigen und welche Artikel anderer Medien im Augenblick geteilt werden.“ Wichtig sei auch der Blick auf die eigene Twitter-Timeline. Sein Netzwerk gewähre ihm bei aktuellen Nachrichtenthemen häufig einen Zeitvorsprung: Über Twitter, Facebook und die Kommentarspalten erhalte die Redaktion täglich wertvolle Hinweise. „Die nehmen wir genauso ernst wie einen Anruf in unserer Redaktion. Oft erfahren wir so schneller von Ereignissen, über die wir dann nach Rücksprache mit Ermittlungsbehörden und Rettungsdiensten online berichten. Größere Themen schaffen es auch am nächsten Tag in die Zeitung. Gelegentlich löst eine Anfrage eine aufwendigere Recherche aus, die in einer Geschichte mündet, die wir erst einige Tage später veröffentlichen.“

Einen Vorsprung in der Aktualität sichern, Meinungen einholen, Trends erkennen, Protagonisten suchen, Leser binden oder Gruppen erschließen, die für die klassischen Medien (derzeit) unerreichbar sind – das sind nur ein paar der Möglichkeiten, die die Rückkanäle der sozialen Medien bieten. Um aber überhaupt Feedback zu erhalten, müssen Redaktionen sowohl die richtigen Themen als auch die passende Ansprache wählen. Auch hier stehen sich die Methoden „Versuch und Irrtum“ und „Strategie“ gegenüber, abhängig vom strukturellen Professionalisierungsgrad der Redaktion.

Relevanzkriterien unterscheiden sich bei vielen nicht von denen im Hauptmedium. Die Ansprachehaltung dafür schon und das sogar oft erheblich. Auch das ist entweder auf Erfahrungswerte, Bauchgefühl oder aber eben strategische Entscheidungen zurückzuführen. Und weil viele Macher soziale Medien etwas lockerer und leichter angehen, kommen hier auch häufiger Themen auf die Tagesordnung, die im Hauptmedium eventuell nur eine Randnotiz wären.

Bei der Glocke und der NW gibt es keine speziellen Relevanzkriterien für Social Media: Natürlich würden „gewisse Aufreger-Themen aus der Region bei Facebook geteilt, aber auch Meldungen zum Tod von Prominenten, dazu alle Zwischenstände und Ergebnisse der Spiele von Arminia Bielefeld und dem SC Paderborn“, sagt dazu NW-Digitalchefin Falk. „Ein Stück weit beruht die Entscheidung, etwas in Facebook & Co. zu teilen, auf dem Bauchgefühl des diensthabenden Nachrichtenführers.“ Damit sind sie in guter Gesellschaft mit den Social-Media-Machern der ZEIT: Dort gelten dieselben Parameter wie im Blatt, „zuzüglich den Themen, die von Interesse für die Social-Media-spezifische Zielgruppe sind“.

Auch Elmar Pott, WDR-Studioleiter in Wuppertal, sieht keinen Anlass, bei klassischen und sozialen Medien unterschiedliche Maßstäbe anzulegen: „Was relevant genug für unsere Sendungen ist, kann und sollte es auch für Facebook sein – immer regional, möglichst wichtig, gerne kontrovers, häufig unterhaltend und wenn möglich skurril.“ Seine Kollegin Verena Egbringhoff ergänzt: „Die Kriterien variieren je nach Kanal: Neuigkeit, Gesprächswert, Art des Contents, Kontroverse.“ Und nicht zuletzt: „Kann man mit dem Rücklauf einem abstrakten Thema Leben einhauchen?“

Der gute Geschmack als Grenze

Anders sieht es bei der Frage nach Tabuthemen aus. Weil soziale Medien keine Einbahnstraße sind, machen sich die meisten Redaktionen gründlich Gedanken, wo die Grenzen dessen liegen, was man posten kann. Für RP-Online-Mann Fiene ist die Sache einfach: „Der gute Geschmack ist die Grenze.“ Ähnlich sieht es bei der Glocke aus: „Als Tabuthemen gelten alle, die auch im Printprodukt nicht veröffentlicht werden. Dazu zählen Suizide oder Bilder, die unappetitlich sind. Einzelfallentscheidungen sind Unfälle, vor allem solche mit Todesopfern.“

Eine schwarze Liste gibt es beim WDR nicht. Auch auf Facebook mögen die Fernsehmacher nichts einfach ausschließen, sagt Elmar Pott: „Wir lassen bei bestimmten Themen aber Vorsicht walten – zum Beispiel, wenn es um Fremdenfeindlichkeit geht und die Gefahr besteht, dass sich User nicht an die Netiquette halten. Der Aufwand, eine solche Diskussion zu betreuen, kann schnell die Grenzen der Personalressourcen sprengen.“ (siehe dazu das Interview mit Prof. Neuberger auf dieser Seite).

Engerer Bezug zum Nutzer

In sozialen Medien nehmen die Nutzer eine Redaktion deutlich weniger distanziert wahr. Annika Falk findet die NW dort „greif- und nahbarer“ als in Print. Der Community-Gedanke schlägt sich in der Erwartungshaltung der Nutzer nieder. Sie wollen Antworten und Reaktionen. Und er zeigt sich auch in der Ansprache durch die Redaktionen. Da sind sich alle einig – gleich, wie es im Hauptmedium ist, in sozialen Medien wird geduzt. Eine Ausnahme macht die NW in Google+. Für Annika Falk unterscheiden sich nämlich nicht nur soziale Medien von klassischen, sondern auch die verschiedenen Kanäle untereinander: „Bei Facebook wird eher darauf geachtet, dass die Leser nicht ‚überfrachtet‘ werden mit Nachrichten. Unsere Erfahrung ist, dass sie sonst schnell wieder auf ‚gefällt mir nicht mehr‘ klicken. Bei Google+ werden häufig etwas ernsthaftere Themen als bei Facebook platziert.“

Insgesamt gehe es in den Social-Media-Kanälen nicht ganz so ernst zu wie in der Tageszeitung. Aber: „Wir werden von den Usern auch online als seriöse Tageszeitung wahrgenommen, das heißt, wenn die NW etwas postet, muss es stimmen, gut recherchiert und überprüft sein.“ Die Glocke-Kollegen ergänzen: „Die Ausrichtung bei Facebook ist lockerer als im Printmedium. Der Unterhaltungsaspekt spielt eine größere Rolle. Im Printmedium stehen die nachrichtliche Information und die Erklärung komplexer Themen mit Hintergrundinformationen im Vordergrund.“

Exklusiv oder „Hauptsache, dabei“?

Bleiben die Fragen nach dem Wert von Exklusivität und der medialen Vielfalt (siehe auch dazu das Interview mit Prof. Neuberger, Seite xx). Viele meinen, Exklusivität wäre im Netz eh eine Illusion bzw. eine Frage von Sekunden, bis man sie wieder verliert: Ist die Information wertig genug, übernehmen andere sie rasend schnell. Ist also Exklusivität wichtiger oder die Teilhabe an relevanten Debatten (und sei es als „Me-too-Angebot“)? Diese Gretchenfrage beantworten fast alle Redaktionen mit einem deutlichen „Es kommt darauf an.“ WDR-Studioleiter Elmar Pott würde hier gern den Telefonjoker anrufen: „Beides ist wichtig! Unter Umständen muss man dieses Verhältnis Tag für Tag austarieren.“ Einzig bei der ZEIT sagt man klar und deutlich, dass Klasse wichtiger sei als Masse. Hier zähle nur eins: „Exklusivität!“

Die Frage, ob Social Media zur Themenvielfalt beiträgt, wird nicht uneingeschränkt bejaht. Doch so eng darf man die Sache nicht sehen, meint Verena Egbringhoff von der „Aktuellen Stunde“: „Wir präsentieren Videos, O-Töne, Links und neueste Informationen, auch Interna aus der Redaktion sowie Produkte, die speziell für diesen Kanal produziert wurden.“ Als Beispiel nennt sie eine Grafik, die ein Thema gut zusammenfasst und als Anreißer für das Thema dient, das dann im Fernsehen vertieft wird.

Für sie ist Social Media vor allem der Kanal, über den User Generated Content (UGC) erzeugt wird – „sei es mit nachrichtlicher Relevanz, sei es als Präsentation der Vielfalt zu einem Thema. Dieser UGC wird dann wieder zu einem ganz neuen Produkt weiterverarbeitet.“ Wenn man das bereits mediale Vielfalt nennen mag, dann sind die Social-Media-Kanäle eine Bereicherung. Und die attestieren sich auch die Macher der ZEIT: „Wir tragen durch Formate, die wir exklusiv für Social Media anfertigen, zur medialen Vielfalt bei – zum Beispiel durch Videos oder Fotos.“

Bei Daniel Fiene von RP-Online kann man den Moment des Innehaltens bei dieser Frage förmlich lesen: „Lassen Sie mich das zunächst aus der Redaktionsperspektive beantworten: Dadurch, dass wir Social Media zum Themenscouting einsetzen, werden unsere Inhalte vielfältiger. Wir kriegen viel deutlicher mit, womit sich unsere Leser und die Akteure in unserer Region beschäftigen. Wir sind häufig nicht nur schneller, sondern bekommen auch einen umfassenderen Überblick.“

So gesehen machen die sozialen Medien auf jeden Fall die Journalisten schlauer. Und die Nutzer auch – zumindest, wenn sie sich nicht allein auf Facebook als Zugang zu Informationen verlassen.||

Andrea Hansen

 

JOURNAL 2/15