Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Erneuter Schlag: NRW verliert den Content Desk

Funke-Gruppe im publizistischen Märchenland

Beliebt bei Journalisten: die Alleskönner-Tasse des DJV-NRW. Foto: Udo Geisler

Die Alleskönner-Kaffeetasse des DJV-NRW ist ein beliebtes Sammlerstück unter Journalisten. Ihre Botschaft verliert nie an Aktualität. Dafür sorgt in NRW unter anderem zuverlässig die Funke Mediengruppe – aktuell mit der ­Ankündigung, den Content Desk in Essen einzustampfen und ab 1. September eine neue Zentralredaktion in Berlin aufzubauen. 51 Stellen soll es dort geben, 13 davon für Onliner. Diese Mannschaft soll künftig alle Mantelseiten sieben Tage die Woche produzieren und crossmedial alle ­Themen von nationaler und internationaler Bedeutung für die Titel der Mediengruppe liefern. Die Onliner sollen täglich von 5 bis 24 Uhr arbeiten.

Wenn da nicht Alleskönner am Werk sind, wird diese Zentralredaktion schon aufgrund der personellen Ausstattung kaum mehr als Einheitsbrei für die Funke-Blätter liefern können. Unnötig zu erwähnen, dass die Mediengruppe den Schritt trotzdem als Fortschritt und Gewinn für die journalistische Qualität verkauft.

Das publizistische Märchenland entwirft Funke-Sprecher Tobias Korenke im Intranet-Blog des Konzerns, und praktischerweise hat er seinen Beitrag dieses Mal selbst an die Medien weitergeleitet. Darin heißt es: „So wird im Herzen der Hauptstadt ein lebendiges Funke-Zentrum entstehen mit Redakteuren, Digital-Köpfen und Bewegtbild-Pionieren!“ Doch genau wie nach dem Aus für die Westfälische Rundschau und dem Start der allerersten Zombie-Zeitung im Land blinkt grellrot die Frage auf: Wer will das eigentlich lesen? Publizistische Müdigkeit breitet sich aus und mit ihm ein schmerzlicher Gedanke: Allmählich hat es sich wirklich ausgefunkt.

Erschreckt, erschüttert, wütend

Den erneuten Kahlschlag in der Historie der NRW-Tageszeitungen verkündete die Funke-Gruppe am Mittwoch, den 13. Mai. Um 11.30 Uhr ist der Großraum am Essener Content Desk überfüllt. Die Geschäftsführung will endlich, nach Monaten der Ungewissheit, ihre Pläne für die Zentralredaktion konkretisieren. Schnell wird klar: Der Content Desk steht vor dem Aus. Die seit dem Jahr 2008 in Abständen kreisende WAZ-Axt schlägt dieses Mal wieder an zentraler Stelle zu. Erschreckt, erschüttert, wütend und ungläubig hören die Mitarbeiter, was im Herbst auf sie zukommt. „Angst und Sorge um ihre Existenz standen allen ins Gesicht geschrieben“, berichtet die Betriebsrats-AG, ein Zusammenschluss aus Betriebsräten aller Funke-Tageszeitungen, eine Woche später in einer Information an die Belegschaften.

Sich der Verantwortung stellen

Auf die zentrale Frage, ob Kündigungen drohen, hat es in Essen kein klares Nein gegeben. Stattdessen hieß es, man wolle sie vermeiden. Hier pocht der DJV-NRW auf ein stärkeres Signal. Verleger, die 920 Millionen Euro für den Deal mit Springer ausgeben können, sollten sich konsequent ihrer Verantwortung stellen und ohne Ausnahme vernünftige Lösungen für alle Betroffenen finden. Bislang riecht die Neuorganisation innerhalb des Medienhauses (wieder mal) ­extrem nach Sparkonzept: 17 Redakteursstellen und fünf für kaufmännische Angestellte fallen laut Betriebsrats-AG weg.

Den Erhalt von Arbeitsplätzen am Standort ­Essen hatte am 25. April auch der Gewerkschaftstag des DJV-NRW in einer einstimmig verabschiedeten Resolution gefordert (siehe Seite xx). Bitter stieß den Mitgliedern bereits zu dem Zeitpunkt auf, dass Bewerbungen der ­betroffenen NRW-Kollegen für die Berliner ­Redaktion nicht mal ­bevorzugt behandelt werden. In einem Schreiben an die Funke-Geschäftsführer Manfred Braun und Michael Wüller hat der DJV-Landesvorsitzende Frank Stach dieses Verhalten ausdrücklich verurteilt: „Erneut werden journalistische Arbeitsplätze in NRW wegfallen. Erneut lassen Sie die betroffenen Mitarbeiter im Stich.“

Welche Konsequenzen haben die Umbaupläne der Funke-Gruppe für das Medienland NRW? Laut Sprecher Korenke natürlich nur positive: „Wenn uns dieser Umbau gelingt, dann werden unsere Medien in NRW gewinnen“, verkündet er. Schließlich würden die Gesellschaften Funke Sport NRW und Funke Online NRW gegründet sowie die WAZ-Titelredaktion aufgestockt.

Den Sand kennen die Funke-Beschäftigten bereits, der ihnen da in die ­Augen gestreut wird: Verlagsgeschäftsführer geben vor, den Journalismus stärken zu wollen. Stattdessen, so Frank Stach, geben sie „die DNA ihrer Titel in NRW auf und sorgen einmal mehr für Einheitsbrei“. Und es ist nicht allein dieser Sand, der einem die Tränen in die Augen treibt: Die neuen Gesellschaften in NRW werden nicht tarifgebunden sein. Die Beschäftigten sollen zwar bei dem Übergang in die neue Gesellschaft ihre Verträge behalten. Wie immer in solchen Fällen fragt sich aber, wie lange der Bestandsschutz tatsächlich Gültigkeit hat. Außerdem ist davon auszugehen, dass künftige Redakteure dann wohl zu schlechteren Konditionen angestellt werden. Soviel dazu, dass Funke sich vor einigen Monaten ­dafür hat feiern lassen, die Onliner endlich in den ­Tarif aufgenommen zu haben.

An der Adresse fürs neue Märchenland in Berlin haben die Macher tatsächlich gezaubert. Genau wie der Stammsitz in Essen wird die neue Zentralredaktion in Berlin an der Friedrichstraße residieren. In der Hauptstadt heißt das angemietete Bürogebäude „The Q“. In Essen kann man es jetzt „The Y“ taufen.

Silke Bender

JOURNAL 3/15