Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Input und spannende Diskussionen beim Volotag 2015 in Köln

Für den Beruf brennen, aber nicht ausbrennen

Erster Schritt beim Volotag des DJV-NRW: anmelden bei Nicolas Parman. Foto: Arne Pöhnert

Über die Arbeitsbedingungen im Onlinejournalismus darf man wütend werden.“ Die freie Journalistin und Burgenbloggerin Jessica Schober fand beim Volotag 2015 deutliche Worte und dürfte damit vielen Teilnehmern beim Volotag 2015 aus der Seele gesprochen haben. Rund 50 Jungredakteure diskutierten Ende Mai auf Einladung des Fachausschusses Junge Journalistinnen und Journalisten (FA3J) in der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln über Herausforderungen, Veränderungen und Qualität der Branche.

Unerreichbar: das „magische Dreieck“

Die Medienjournalistin Silke Burmester hat den Onlinejournalismus einst als „das Bangladesch der Verlage“ bezeichnet. Ob das stimmt, fragten sich Helene Pawlitzki vom FA3J, Burgenbloggerin Jessica Schober und Prof. Dr. Petra Werner, FH Köln. „Preis, Qualität, Geschwindigkeit“, nannte Pawlitzki die Eckpunkte des magischen Dreiecks, bei dem immer nur zwei der drei Eckpunkte erreicht werden können. Guter Journalismus im Netz, qualitativ hochwertig und am besten in Echtzeit, sei teuer – ein Problem bei der mangelnden Zahlungsbereitschaft für (Internet-)Nachrichten.
Trotzdem sei Onlineberichten besonders reizvoll, befand Schober. „Das Internet bietet extrem viele Möglichkeiten des Geschichtenerzählens. Ich kann mich dort richtig austoben“, sagte sie und gab einen Einblick in ihre aktuelle Tätigkeit: Seit Mai dieses Jahres lebt Schober auf der Burg Sooneck im Mittelrheintal und bloggt über die Menschen in der Region. In diesem nicht ernsthaften Kontext könne sie viele Arten des Berichtens ausprobieren.

Wichtige Erkenntnis: nicht alles auf allen Kanälen ausspielen. „Konzentriert euch auf das, was ihr gut könnt“, gab sie den Volontärinnen und Volontären mit auf den Weg. „Nehmt auch mal Tempo raus und bereitet eure Inhalte so auf, dass es Sinn macht.“
Petra Werner appellierte an die Zuhörer, den Blick für Neues zu öffnen, sich dann aber auf eine Sache zu spezialisieren. Das könne ebenso gut ein bestimmtes Ressort wie eine bestimmte technische Fähigkeit sein. „Das Spektrum ist extrem groß. Wer gut sein will, muss sich eine Nische suchen“, riet die Hochschulprofessorin. Das Volontariat sei nur ein Teil der Ausbildung. „Darüber hinaus braucht ihr die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen sowie die Kompetenz, euch Dinge selbst beizubringen.“

Guter Journalismus habe einen hohen Wert und damit auch seinen Preis, betonte Prof. Dr. Frank Überall, Mitglied des DJV-Bundesvorstands und Lehrbeauftragter an der HMKW. Manche Pauschalen, die heute bei Tageszeitungen gezahlt werden, lägen umgerechnet noch unter dem Mindestlohn. „Dagegen müssen wir uns wehren“, appellierte er an die Nachwuchsjournalisten. „Wir alle brennen für unseren Beruf. Doch niedrige Verdienste bergen die Gefahr, dass wir ausbrennen. Das darf nicht passieren.“

Das Wir-Gefühl stärken

Er appellierte an mehr Gemeinschaftsgefühl unter Journalisten. „Es ist schwierig, das ‚Wir‘ der Journalisten zu definieren“, stellte er fest. Zum einen könne heute jeder über das Internet mit geringem Aufwand ein großes Publikum erreichen. Zum anderen seien die Wege in den professionellen Journalismus sehr vielfältig. „Trotzdem oder gerade deshalb ist es wichtig, das Wir-Gefühl zu stärken“, betonte Überall. „Wenn zum Beispiel im Bekanntenkreis darüber diskutiert wird, ob man für Journalismus überhaupt noch bezahlen soll, dann müssen wir gemeinsam dagegenhalten!“

Workshops, Diskussionen, Austauch

Wie immer bot der Volotag reichlich Raum für Diskussionen und den Austausch untereinander. Dafür standen auch drei Workshops auf der Agenda, die jeweils zweimal angeboten wurden. Auf diese Weise konnten die Teilnehmer sich den Tag nach ihrer eigenen Interessenlage zusammenstellen.

Daniel Drepper vom Recherchebüro Correctiv gab den Volontären einen Einblick in die investigative Recherche. „Findet Menschen, mit denen noch nicht jeder gesprochen hat“, legte er den Nachwuchsredakteuren nahe. Auf diese Weise kämen häufig andere Sichtweisen und neue Informationen zum Vorschein. Dabei sei es aber wichtig, immer den Hintergrund der Gesprächspartner zu kennen. „Handelt es sich vielleicht um einen Liebhaber, einen Verprellten, oder jemanden mit Rachegelüsten?“, nannte er Beispiele. Das beeinflusse die Motive der Informanten.

Grundsätzlich sei wichtig, vor einem Gespräch Vertrauen zu schaffen und den Partner mit ins Boot zu holen. Dafür sei Diskretion unabdingbar. Aber: „Wenn ihr niemanden findet, der offen in eurem Bericht erwähnt werden will, und ihr auch keine belastbaren Papiere habt, dann ist es keine Geschichte“, schärfte er den Volontären ein und erinnerte an die drei Pfeiler investigativen Journalismus‘: „Es wusste noch keiner, die Erkenntnisse sind gerichtsfest, und ihr habt die Probleme selbst aktiv aufgedeckt.“

„Alles wird gut“

In einem zweiten Workshop gaben Burgenbloggerin Jessica Schober und Timo Stoppacher, Mitglied des FA3J und stellvertretender Vorsitzender des DJV-NRW, Tipps zur Existenzgründung. „Begreift euch selbst als Unternehmer, nicht als Getriebene“, gab Schober den Volontären als Leitsatz mit auf den Weg. Am Anfang sei es schwierig, mit der Unsicherheit umzugehen. „Flauten sind ganz normal, die müsst ihr aushalten und euch immer wieder sagen: Alles wird gut!“ Häufig höre sie, es seien schlechte Zeiten für freie Journalisten. Im Gegenteil, findet Schober: Je mehr Redaktionen sich verkleinern, desto mehr sind sie auf freie Journalisten angewiesen. „Jetzt erst recht“, motivierte sie deshalb die Volontärinnen und Volontäre.

Auf der Suche nach dem richtigen Auftrag helfe es, sich treiben zu lassen und der eigenen Neugier zu folgen. Für sich selbst nutzt Schober dann eine Checkliste, um Auftragsangebote zu bewerten: „Ich frage mich: Wird es mir Spaß machen? Wie viel Geld verdiene ich? Wie viel Zeit kostet es mich? Ist der Auftrag gut für meine Reputation?“ Bei der Beantwortung dieser vier Fragen stelle man schnell fest, ob sich ein Auftrag lohne oder nicht.

Stoppacher erklärte den Volos die harten Fakten auf dem Weg zur Selbstständigkeit. „Als Freie seid ihr Vertrieb, Buchhaltung und Produktion – alles in einer Person“, machte er deutlich. Da gebe es gerade am Anfang einiges zu beachten, zum Beispiel den Weg zum Finanzamt. Zwar müssten Journalisten kein Gewerbe anmelden, jedoch die Aufnahme einer selbstständigen, freiberuflichen Tätigkeit bekannt geben. Eine selbstständige Tätigkeit beinhalte, dass freie Journalisten erst am Ende eines Jahres Steuern für ihre Honorare abführen. „Am besten legt ihr direkt ein Drittel der eingehenden Honorare beiseite“, empfahl er. Er selbst habe sich dafür ein separates Konto angelegt.

Zudem sei es sinnvoll, ein Startkapital für die Miete und die Lebenshaltungskosten der ersten drei Monate zu haben. Nach der Gründung folge zunächst einmal die Akquisephase. Wenn nach ein paar Wochen der erste Auftrag komme, dauere die Bearbeitung wieder eine gewisse Zeit. Erst nach Abnahme der Arbeit könne die erste Rechnung geschrieben werden, die dann – im Idealfall – binnen zwei Wochen bezahlt werde. „Und schwupps sind mindestens sechs Wochen ins Land gezogen“, verdeutlichte Stoppacher.

Volontäre als billige Arbeitskräfte

„Mein Volo, dein Volo“ hieß es im dritten Workshop mit Nicolas Parman, Vorsitzender des FA3J, und Dr. Anja Zimmer, Geschäftsführerin des DJV-NRW. Viele Teilnehmer berichteten, dass sie in ihren Redaktionen bereits als fertige Redakteure eingeplant werden. Ärgerlich findet Parman das: „Wir hören oft davon, dass Volontäre als ‚billige Arbeitskräfte‘ eingesetzt werden.“ Der Grundgedanke eines Volontariats – nach der Ausbildung „befähigt für die Medienwelt da draußen“ zu sein – sei damit vollkommen verfehlt. Viele Nachwuchsjournalisten seien aber froh, überhaupt einen Platz bekommen zu haben, und wehrten sich deshalb nicht, berichtete Parman.

Geschäftsführerin Zimmer riet den Volontären, sich auf der Internetseite des DJV über die Tarifverträge zu informieren. „Auch wenn euer Ausbildungsbetrieb nicht tarifgebunden ist, bekommt ihr so eine realistische Vorstellung davon, was euch zusteht“, empfahl sie. Zudem erinnerte sie an die juristische Beratung, die der DJV seinen Mitgliedern anbietet. „Wenn ihr im DJV seid, dann seid ihr nicht allein. Wir helfen euch, wenn es Probleme mit dem Arbeitgeber gibt.“||

Maren Letterhaus

JOURNAL 5/13

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