Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

WDR

Ganz schön viel Unruhe

So viel Neues war lange nicht mehr beim WDR. So viel Unruhe auch nicht: Mitten in der Diskussion um die Umsetzung der Sparanstrengungen nimmt der Sender große Programmreformen für Fernsehen und Hörfunk in Angriff. Ausdruck dieser Unruhe sind durchgestochene Strategiepapiere („WDR-Leaks“) und offene Briefe. Derweil schwelt der Ärger bei den Freien weiter, der Konflikt um den journalistischen Producer ist immer noch nicht geklärt (siehe zuletzt JOURNAL 3/15), und in Wuppertal soll ein Pilotversuch mit Crossmedia-Honoraren starten (siehe Kasten "Pilotprojekt Wuppertal"). Ach ja, „nebenbei“ finden noch Gehalts- und Honorartarifverhandlungen statt (siehe "Mehr Lohn für mehr Arbeit: Kreative Mittagspause der WDR-Mitarbeiter" auf www.djv-im-wdr.de).

Große Fernsehreform

Fernsehdirektor Jörg Schönenborn hatte zu Beginn seiner Amtszeit verkündet, wohin es gehen soll: Verjüngung des linearen Programms, konsequente „360-Grad-Verbreitung“ der Inhalte und programmliche Innovationen. Neben jungen Erwachsenen erklärt er nun die „nachrückende“ Generation der 35- bis 55-Jährigen zur „zentralen Eroberungsgruppe“. Das verrät ein internes Papier zur Fernsehreform, das in die Öffentlichkeit gelangte. Darin empfiehlt ein Projektteam mit Mitarbeitern aus allen Programmbereichen einen „grundlegenden Image-Wandel“. Um Jüngere für das WDR-Fernsehen zu gewinnen, reiche es nicht, Sendungen kleinteilig zu überarbeiten. Stattdessen sollen Programmflächen „verzahnt“ werden, „damit zentrale Kompetenzen wie regionale Berichterstattung, Investigatives, Hintergrund oder Wissen besser sichtbar werden“. Ausgebaut werden soll unter anderem die regionale Information am Vor- und Hauptabend (Aktuelle Stunde, Lokalzeit und WDR Aktuell). Zugleich soll allerdings die Regionalreportage Hier und Heute abgeschafft werden.

Das Strategiepapier schlägt eine unterschiedliche Ausrichtung je Wochentag vor, angefangen beim Montag mit regionalem Fokus und dem Dienstag mit einem Schwerpunkt auf Wissen (siehe auch Meldung „Wird alles anders?: DJV-NRW unterstützt die Warnung der freien WDR-Wissenschaftsjournalisten“). Mittwochs sollen Informationen und Verbraucherthemen im Mittelpunkt stehen. Für Donnerstag sind Porträts und Gesellschaftsreportagen vorgesehen. Der Freitag soll stärker als bisher „für Gesprächsstoff sorgen“, am Sonntagabend sollen die Sportsendungen gebündelt werden. Dem Papier zufolge erlaubt das neue Schema so „den Einstieg in sogenannte ‚Tagesfarben‘, größere, im Charakter ähnliche Programmflächen, die das Profil des WDR-Fernsehens klarer erkennbar machen“. Die Programmreform soll bis Januar 2016 umgesetzt werden.

Kürzere, buntere Hörfunknachrichten

Weniger Konkretes ist über die Planungen von Hörfunkdirektorin Valerie Weber bekannt. Was  in den vergangenen Monaten durchsickerte, betrifft unter anderem die geplante Einstellung des Magazins Politikum und der Mediensendung Funkhaus Wallrafplatz auf WDR 5 sowie die Zusammenlegung der Sendung Lebensart mit dem Wissenschaftsmagazin Leonardo.

Für große mediale Aufmerksamkeit sorgte der – inzwischen wieder gelöschte – Twitter-Account @WDR_Leaks, der zwei Tage lang interne Informationen, Gerüchte und Stimmungsbilder aus dem Sender verbreitete. Da ging es am 30. Juni zum Beispiel um die Pläne für die Nachrichten auf den verschiedenen WDR-Wellen: „Alle WDR-Hörfunknachrichten sollen: bunter (#Eisbärenbaby), schneller (#ScatmanJohn) und kürzer (max. #3m30s inklusive Wetter) werden.“

Pilotprojekt Wuppertal

In Studio Wuppertal wird nicht nur das crossmediale Arbeiten getestet, sondern auch ein neues Honorarmodell. Gewerkschaften und WDR haben darüber lange und hart verhandelt. Der WDR hatte den Umstieg auf Pauschalen gefordert. Der DJV hat im Gegenzug ein Modell entwickelt, das im Grundsatz an der bewährten werkbezogenen Honorierung festhält, diese aber mit Rabatten für crossmediale Verwendung verknüpft. Wenn die betroffenen Kolleginnen und Kollegen in Wuppertal zustimmen, soll dieses Honorarmodell dort in einem Piloten getestet werden. Vorgesehen ist eine enge Begleitung durch die Gewerkschaften, die unter anderem sehen wollen, wie sich das Modell auf die Honorierung auswirkt.

Die fragwürdige Programmreform sei längst im Gang, verkündeten die Whistleblower. So seien bei der Redaktion Programmgruppe Nachrichten, die alle WDR-Wellen (bis auf 1Live) mit Nachrichten beliefert, Anfang 2015 zwei Schichten täglich eingespart bzw. zwei Stellen nicht nachbesetzt worden. „Dennoch muss diese Redaktion den gleichen Output schaffen. Die Qualität leidet dadurch zwangsläufig“, hieß es auf Twitter. Ab 21 Uhr gebe es kein Vier-Augen-Prinzip mehr bei den WDR-Hörfunknachrichten, weil der letzte Zuarbeiter dann aus dem Hause gehe. Bis 24 Uhr sei der verantwortliche Redakteur allein.

Gegenüber dem journalist dementierte der Sender dies: Nach wie vor seien zwei Redakteure für die Nachrichten in der Senderzentrale zuständig, der Nachrichtenredakteur (Dienstleiter), der direkt im Studio sitze, und der diensthabende Redakteur am zentralen Desk. Allerdings räumte die Hörfunkdirektorin ein, dass sich die Mitarbeiterzahl bei den Hörfunknachrichten reduziert habe. In einer Pressemitteilung zeigte Valerie Weber sich enttäuscht, dass „solche kreativen Prozesse in dieser filigranen Phase des Entstehens – wenn noch gar nichts entschieden ist – nach außen getragen werden.“ Die Illoyalität schade dem Sender.

Dieser erwartbare Vorwurf zeigt, wie wenig der WDR seine Beschäftigten – ob fest oder frei – mitnimmt. So sehr die meisten von ihnen die Notwendigkeit zum Sparen und auch zur regelmäßigen Anpassung des Programms einsehen: Im Augenblick überwiegt die Sorge, dass der Sender die Qualität aus dem Blick verliert – zumal sich gerade alles mehr nach Spar- als nach Programmreformen anhört./cbl

JOURNAL 4/15


Weitere Informationen zum WDR, unter anderem zum Producer und zu den offenen Briefen der Freien, unter www.djv-im-wdr.de.