Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

NRW-Verlage kämpfen mit Zentralredaktionen um Einfluss

Auf dem Weg nach Berlin

© Konzept: Enrico Klinkebiel / Fotos: alphaspirit, goldhans/depositphotos.com

Berlin, Berlin. Der Ausmarsch aus der Provinz hält an. In der Hauptstadt kämpfen Zeitungen und Verlage um Einfluss und Bedeutung für die Politik. Dafür reißen Regionalzeitungen die bewährte Struktur von Mantelredaktionen auseinander und schaffen sich neue Zentralredaktionen nach verschiedenen Zuschnitten. Mit dabei sind DuMont, Madsack – sowie neu und besonders ambitioniert mal wieder Funke.

Berlin übt auf deutsche Medienhäuser schon länger einen unübersehbaren Sog aus. ARD und ZDF haben ihre Hauptstadtstudios seit dem Umzug der Bundesregierung unübersehbar im Regierungsviertel platziert. Die RTL-Gruppe spendierte RTL und n-tv im August ein nagelneues Hauptstadtstudio im Palais Behrens hinter der Komischen Oper (siehe Seite xx). Springer verlegte die BILD-Redaktion vor einigen Jahren komplett in die Hauptstadt, ebenso wie dpa.

Burda verkündete im September, dass große Teile der Focus-Redaktion im ersten Halbjahr 2016 von München nach Berlin ziehen werden, um diesen Standort zu stärken und von dort aus ein neues Autoren- und Experten-Netzwerk aufzubauen. „Die Anforderungen an die Arbeitsweise von Journalisten und Redaktionen wandeln sich grundlegend“, ließ BurdaNews-Geschäftsführer Burkhard Graßmann verlauten.

Schleichender Bedeutungsverlust

Diese veränderten Anforderungen dürften genauso eine Rolle spielen wie der Versuch, die berühmten Synergien zu heben und möglichst viele Mantelredakteure einzusparen. Aber es gibt einen weiteren gewichtigen Grund, warum sich viele Medienhäuser nicht mehr mit einfachen Hauptstadt-Korrespondenten zufriedengeben. Es geht um mehr Gewicht gegenüber den Politikern. Denn Politikjournalisten erfahren einen schleichenden Bedeutungsverlust, unter dem die Lokal- und Regionalzeitungen am stärksten leiden. Die tollen Geschichten gehen an die anderen. Der Rest ist Provinz.

Die Erfahrung schmerzt. Politikjournalisten waren einst der Verfassungsauftrag in Person – die vierte Gewalt. Ihr Job war es, den Bürgern zu erklären, wer sie in der repräsentativen Demokratie wie regiert. Leicht war das nie. Was haben Politiker nicht alles auffahren lassen für eine Schlagzeile, für den Aufmacher, für mediale Beachtung.

Aber das war einmal. Jetzt steckt der Politikjournalismus in der Krise. Nicht nur, weil sich eine „fünfte Gewalt“ herausbildet, wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen auf der diesjährigen re:publica formulierte. Eine Konkurrenz, die aus den „vernetzten Vielen des digitalen Zeitalters“ besteht, die längst selbst zur publizistischen Macht geworden seien. Nach Pörksens These verändern sie die Agenda und das Tempo des klassischen Journalismus, veröffentlichen auf Blogs, Wikis, in sozialen Netzwerken. Die digitalen Vielen werden als Medienkritiker und Meinungskorrektiv aktiv, bilden Protestgemeinschaften, treiben bei Bedarf die Entlarvungs- und Enthüllungsarbeit voran, stürzen Politiker, bringen Unternehmen in Bedrängnis und erschaffen Gegenöffentlichkeiten. Oder, wie es ZDF-Chefredakteur Peter Frey jüngst auf einer Podiumsdiskussion formulierte: „Das Internet hat uns vom Thron gestoßen.“ Die Journalisten hätten ihre traditionelle Deutungshoheit über das Nachrichtengeschehen verloren.

Symptomatisch für die Krise des politischen Journalismus war die Botschaft, die die NRW-Staatskanzlei im August an die 134 Mitglieder der Landespressekonferenz (LPK) in Düsseldorf schickte: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft habe keine Zeit für eine feste Fragestunde pro Monat (siehe Kasten rechts und Meldung vom 21.8.15 "Kraft lehnt feste Fragestunde der Landespressekonferenz ab"). Sich „regelmäßig in einem angemessenen Rahmen den Fragen der Öffentlichkeit stellen“, wie es die LPK fordert, haben Politiker offensichtlich immer weniger nötig. Stattdessen gibt Kraft – ähnlich wie Bundeskanzlerin Angela Merkel – Pressekonferenzen nur, wenn ihr der Sinn danach steht. Und sie wählt den Ort selbst. Als sie jüngst im Bundesländer-Poker um den Finanzausgleich die NRW-Position zum Thema Flüchtlingshilfe darlegte, lud die NRW-Ministerpräsidentin nach Berlin. Wohl um sicherzugehen, dass sie in der Hauptstadt gehört würde.

Bedaure, keine Zeit

Die Landespressekonferenz (LPK) bekommt keine monatliche Fragestunde mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Aus Termingründen seien nur etwa vier oder fünf Aussprachen im Jahr möglich, erklärte Regierungssprecher Thomas Breustedt. Krafts Absage fand ein bundesweites Medienecho. Auch weil sie den Fokus darauf lenkt, dass sich die Gewichte zwischen der Politik und ihren journalistischen Beobachtern verschieben – zu Ungunsten der Medien. Deshalb hat die LPK ihren Konflikt mit der Politik öffentlich gemacht: Die Debatte sei „wichtig nach innen und außen – auch für das Selbstverständnis der Korrespondenten“, erklärt der LPK-Vorsitzende Tobias Blasius. Was die 134 NRW-Korrespondenten da anregten, sei ja „kein unkeusches Anliegen“. Andernorts, etwa in Baden-Württemberg und einigen anderen Bundesländern, sind feste, zum Teil sogar wöchentliche Fragestunden mit den Ministerpräsidenten durchaus Routine.

Hinter der Weigerung sehen Blasius und die LPK auch den Wunsch der Politik (nicht nur in NRW), „Informationen zu kanalisieren“ und sich nicht mehr der harten politischen Diskussion auszusetzen. „Ein voller Terminkalender darf in diesem Amt keine Ausrede sein, sich dem demokratisch legitimierten Informationsanspruch von Journalisten zu verweigern“, erklärte Frank Stach, Vorsitzender des DJV-NRW, im August. Der Landesverband hatte sich hinter die LPK-Forderung nach einem regelmäßigen Pressekonferenz-Turnus gestellt. /whi

Politiker werden immer gehört

Ums Gehörtwerden braucht sie sich nach Einschätzung eines erfahrenen Korrespondenten aus Nordrhein-Westfalen keine Sorgen zu machen. „Politiker werden ihre Botschaften immer los“, meint der Wahl-Berliner, der für eine NRW-Zeitungsgruppe erst in Bonn und dann Berlin gearbeitet hat und der seinen Namen – ähnlich wie viele für diese Geschichte befragte Kollegen – hier nicht lesen möchte.

Mit den gemütlichen Bonner Zeiten hat die Berliner Republik bekanntermaßen wenig gemein. Verschwunden ist unter anderem der frühere Korpsgeist unter Politikjournalisten. Schon in der Amtszeit von Gerhard Schröder, erinnert sich der erfahrene Hauptstadtkorrespondent, habe sich der Umgang grundlegend geändert. Exklusives, das wertvollste Gut, gab es bei Schröder für „BILD, BamS und Glotze“. Alle anderen Medien wurden schon damals in die zweite Reihe verwiesen.

Möglichst nah an die Regierung. Das wollen nicht nur die Touristen. Foto: txt
Neue Heimat für NRW-Redaktionen – in der Regel wohl in schickerer Umgebung als Berlin-Friedrichshain. Foto: Silke Bender

Inzwischen hat sich die Rolle umgekehrt. Politiker sind nicht mehr auf Journalisten als fachkundige Verkünder und Erklärer ihrer Ideen, Entscheidungen, Schachzüge und Gesetze angewiesen. Politik, Parteien und Ministerien können es längst selbst. Oft sogar besser, als es die Einzelkämpfer unter den „Korris“ schaffen können – dank gut ausgebildeter Journalisten, die als Pressesprecher einen ausgezeichneten Job machen (siehe „Keine Verbrüderung“, JOURNAL 4/15). In NRW sind diese Öffentlichkeitsarbeiter tief in der Medienlandschaft verwurzelt, wie ein Blick auf die Sprecher der Landesministerien zeigt.

Vor allem auf Bundesebene treffen die Hauptstadt-, Parlaments- und Zentralredaktionen der diversen Mediengruppen und Sender bei Regierung, Ministerien und Parteien auf eine mediale Übermacht. Allein im Presse- und Informationsamt unter Steffen Seibert arbeiten an den Dienstsitzen Berlin und Bonn 445 Mitarbeiter am Bild der Bundesregierung. Multimedial, bis hin zum eigenen Youtube-Kanal. Diese strategisch angelegte Öffentlichkeitsarbeit erreicht Bürger und Wähler heute ohne Politikjournalisten als Erklärer und Gatekeeper. Eher muss sie sich, mit der fünften Gewalt, den „vernetzten Vielen“ herumschlagen, die auch den etablierten Medien zu schaffen macht.

Größe gegen Machtlosigkeit

Dem gefühlten Machtverlust der Journalisten gegenüber Politik und Öffentlichkeit hatten vor allem die Printmedien lange eher ratlos zugesehen. Nun bilden die Medienhäuser etwas Neues heraus, das auf Größe setzt: die Zentralredaktion. Am besten mit Sitz in Berlin – in Sichtweite zu Bundestag und Kanzleramt –, um von dort aus die eigene Mediengruppe mit ihren Regionalzeitungen und Magazinen zu beliefern. Das spart. Denn den Politik- und Wirtschaftsredaktionen in der Provinz droht der Rotstift. Sie sind nur noch fürs Regionale zuständig.

Natürlich unterhalten viele Zeitungen, Magazine und Verlage schon länger Hauptstadtbüros. Bisher waren das meist eher ressortweise geordnete Korrespondenten-Ansammlungen, die nach den Wünschen ihrer Heimatredaktionen Beiträge produzierten. Unter den größeren war das Berliner Büro der Saarbrücker Zeitungsgruppe, die heute zur Düsseldorfer RP-Zeitungsgruppe gehört. Ähnlich groß ist auch die DuMont-Hauptstadtredaktion, die mit 16 Korrespondenten Beiträge unter anderem für Berliner Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger und Mitteldeutsche Zeitung liefert, außerdem die Frankfurter Rundschau und seit diesem Sommer den Bremer Weser-Kurier als externe Kunden.

Erfolgreicher ist Madsack beim Anwerben „fremder“ Blätter. Das 2013 gegründete RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) unterhält neben der umstrittenen Zentralredaktion in Hannover ein großes Berlin-Büro und arbeitet für mehr als 30 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von mehr als 1,2 Millionen. RND-„Kunden“ sind Hannoversche Allgemeine Zeitung, Leipziger Volkszeitung, Märkische Allgemeine Zeitung und die Ostsee Zeitung, aber auch zahlreiche Titel außerhalb der Gruppe. Darunter seit kurzem auch als erstes NRW-Blatt die Neue Westfälische (NW), die mit Madsack bereits über die SPD-Medienholding ddvg verbandelt ist.

Niedergang für das alte Modell?

Zentrale Inhalte-Lieferanten wie das DuMont-Hauptstadtbüro könnte man als Vorläufer für den nächsten Schritt sehen: die zentrale Seitenproduktion. Zeichnet sich damit der Niedergang für die geschlossene Redaktion der traditionellen Lokal- oder Regionalzeitung ab, der Korrespondenten aus der Hauptstadt zuliefern? Die Funke-Zentralredaktion, von einem Berliner Beobachter als journalistisches „Dickschiff“ eingeordnet, weist ähnlich wie das Madsack-Modell in diese Richtung. Seit Ende August beliefert die Mannschaft um Chefredakteur Jörg Quoos und Online-Chef Thomas Kloß als „Berliner Unit“ (O-Ton Funke-Pressemitteilung) aus dem Edel-Klotz „The Q“ an der Friedrichstraße in Berlin-Mitte fertige Seiten an die ersten Funke-Medien. Mit überregionalen Inhalten für die Ressorts Politik, Wirtschaft, Wissen, Vermischtes, Service, TV und Medien.

„Gleichzeitig wird sich die Zentralredaktion der regionalen und lokalen Expertise der Kollegen in den Regionaltiteln bedienen“, schreiben die Funke-Vorstände Manfred Braun und Michael Wüller in einer verlagsinternen Mail, verbunden mit der Hoffnung, der Computer werde es schon richten: „Über schlaue Planungstools werden Inhalte aus den Regionen mit nationaler Relevanz der gesamten Gruppe zur Verfügung gestellt.“

Verlust des Sonderstatus

Wie schlau und personalsparend sie am Ende sind, wird sich in NRW zeigen. Der Content-Desk in Essen, wo bislang rund 80 Mitarbeiter die Mantel-Inhalte für die NRW-Zeitungstitel erstellten, ist aufgelöst. Der Betriebsrat musste lange mit der Funke-Geschäftsleitung um Lösungen für die betroffenen Mitsrbeiter ringen (siehe Seite xx). Zugleich heißt der Schritt: Die WAZ verliert ihren Sonderstatus unter den NRW-Titeln und muss sich als eine der Regionalzeitungen der Funke-Gruppe einreihen.

Die neue Zentralredaktion ist sieben Tage die Woche von 5 bis 24 Uhr für die Funke-Tageszeitungen in Berlin, Hamburg, Niedersachsen, NRW und Thüringen im Einsatz. Insgesamt arbeiten dort 120 Mitarbeiter für die Print- und Online-Angebote der Gruppe. Ab Oktober sollen auch die NRW-Titel Inhalte aus Berlin erhalten, allerdings – wohl aus technischen Gründen – noch keine fertigen Seiten.

Den neuen Trend zu Größe und Vereinheitlichung lobte Bundesjustizminister Heiko Maas im September beim Zeitungskongress des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV): Durch Zentralredaktionen werde „der Chor vielleicht weniger vielstimmig, aber er gewinnt an Lautstärke“.

Auch Medienjournalist Daniel Bouhs urteilte Ende August in der taz mit Blick auf die Funke-Zentralredaktion: „In dieser Bündelung der publizistischen Kraft liegt durchaus der Charme solcher Zentralredaktionen.“ Aber er stellte Quoos auch die Frage, ob die 51 Print-Kollegen nicht zu „Content-Schubsen“ verkommen? Am Ende seien die Redakteurinnen und Redakteure doch „nicht zuletzt damit beschäftigt, dieselben Texte in unterschiedlichen Zeitungen zu platzieren – mal an prominenterer Stelle, mal weiter hinten im Blatt, hier ausführlich, dort kompakt“. Vom Schubsen ausgenommen ist vermutlich die Riege der „Edelfedern“, die von anderen Medien abgeworben wurden.

„Direkt hinter BILD“

Derweil werben die Funke-Vertreter bei Berliner Politakteuren um Einfluss und Aufmerksamkeit. „Wir reden über eine Auflage von 1,4 Millionen Exemplaren und über sechs Millionen Besucher im Monat, die sogenannten Unique User“, zitiert Bouhs den Berliner Funke-Digitalchef Kloß. Damit komme die Zentralredaktion „direkt hinter BILD“. Kloß warf sich im taz-Interview den Hauptstadtpolitikern geradezu an die Brust: „Jeder Politiker, der sich überlegt, wo ein Interview eine Wirkung entfaltet, ist bei uns an der richtigen Adresse.“

Wer sich der anderen Seite so andient, sollte sich auf die ureigenste Aufgabe des Politikjournalismus besinnen: den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Zu empfehlen ist die Studie von Leif Kramp und Stephan Weichert „Journalismus in der Berliner Republik“ (siehe Kasten rechts "Berliner Politalltag: Zuckerbrot und Peitsche"). Die mahnten schon 2008, Journalisten müssten sich „gerade in der massenmedial aufgeheizten Kommunikationsblase in Berlin-Mitte vorsehen, von inszenierungswilligen Politikern unter dem Schein der investigativen Informationsakquise instrumentalisiert zu werden“.

Der Umgang von Politikern mit Journalisten gleiche „in vielerlei Hinsicht einer Zweiklassengesellschaft“, schreiben die Medienwissenschaftler. „Bekannte Berichterstatter mit Namen und einflussreichen Redaktionen im Rücken werden bei Anfragen schnell zurückgerufen und mit Informationen beliefert, Vertreter kleinerer oder auf Bundesebene unbedeutenderer Medien, vor allem jene von Regionaltiteln, müssen meist lange auf eine Reaktion warten – wenn überhaupt eine erfolgt.“

Kein Wunder, dass der Trend längst zu größeren Hauptstadtredaktionen geht, die bundesweit ein möglichst großes Publikum erreichen sollen. Entsprechend schwierig wird das Geschäft für politische Korrespondenten. Berlin schreibt bald für Deutschland. Es scheint, als ob Berlin sich wieder auf eine starke Medien-Konzentration wie zu Zeiten der Weimarer Republik zubewegt.

Kooperationen statt Einzelkämpfern

Auch in Landeshauptstädten wie Düsseldorf haben Einzelkämpfer einen zunehmend schweren Stand. Florian Pfitzner etwa schreibt als NRW-Landeskorrespondent für die Neue Westfälische in Bielefeld, ist aber auch in der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) und im Mindener Tageblatt zu lesen. Fabian Klask vom Kölner Stadt-Anzeiger arbeitet in der Landeshauptstadt eng mit Hilmar Riemenschneider zusammen, Korrespondent der Westfälischen Nachrichten (WN), Münster. Als dessen WN-Kollege und Berlin-Korrespondent Franz-Ludwig Averdunk das Rentenalter erreichte, sparte der Verlag die Stelle in der Bundeshauptstadt schlicht ein. Statt dessen erscheinen in Münster nun die Texte der NOZ-Berlin-Korrespondentin Beate Tenfelde.

Solche Zusammenschlüsse verschaffen den Beiträgen der Korrespondenten ohne Zweifel mehr Reichweite. Regionalzeitungen ohne eigenes Korrespondenten-Netz oder eigene Hauptstadt-Präsenz erlangen aber trotzdem nicht unbedingt mehr Gewicht: „Selbst Schuld“, kommentiert das ein Berater eines NRW-Bundestagsabgeordneten hinter vorgehaltener Hand. Für Regionalzeitungen werde das Geschäft in Berlin noch schwieriger, wenn sie nur noch eine Zweitverwertung im Blatt hätten: „Das Gute erscheint dann halt woanders zuerst.“

Berliner Politalltag: Zuckerbrot und Peitsche

In ihrer Studie über den „Journalismus in der Berliner Republik“ (erschienen 2008) beschäftigten sich Leif Kramp und Stephan Weichert mit Fragen wie dem Selbstverständnis, Agenda Setting, der Politischen Kommunikation und Recherche-Netzwerken in Berlin. Die beiden Medien- und Kommunikationswissenschaftler diagnostizierten schon damals Korrekturbedarf im Hauptstadtjournalismus und gaben aufgrund ihrer Leitfadeninterviews mit Politikern und Journalisten praktische Handlungsempfehlungen:
n Die Befragten lassen eine grundsätzliche kritische, in Teilen auch selbstkritische Haltung zur Arbeitssituation in der Hauptstadt erkennen – ohne konkrete Verbesserungsideen und -ansätze im eigenen Berufsalltag präsentieren zu können.
n Die Hauptstadtjournalisten fordern einerseits mehr Selbstreflexion und medienjournalistische Berichterstattung, sind selbst aber nicht bereit oder fähig, die notwendigen Freiräume dafür zu schaffen, obwohl sie in den geeigneten Führungspositionen innerhalb der Redaktionen sitzen.
n Wettbewerbs- und Beschleunigungsdruck durch Online-Angebote und Agenturen zwingen Journalisten wie Politiker in ein Hamsterrad, das es beiden Seiten erschwert, den Überblick zu behalten. Die Folgen sind unter anderem Häppchenjournalismus und eine problematische Kurzatmigkeit in der Behandlung von Sachthemen.
n Die Boulevardisierung sorgt im gesamten Medienfeld dafür, dass der Pressekodex weiter ausgehöhlt wird: Das Privatleben von Politikern ist selbst für traditionelle Qualitätsmedien kein Tabu mehr, wenn es durch das aggressive Vorgehen der Boulevardpresse auf die Agenda gehoben wird und so zwangsläufig politische Relevanz erhält.
n Die Recherchesituation der Hauptstadtjournalisten ist ambivalent: Die Informationsbeschaffung ist gekennzeichnet durch das prekäre Verhältnis von Medien und Politik, das sich im Zusammenspiel von Nähe und Distanz, Ausnutzung und Anfreundung manifestiert.
n Hintergrundkreise stellen nach wie vor eine der wichtigsten Recherchequellen für Hauptstadtjournalisten dar, drohen aber durch Indiskretionen nutzlos zu werden. Das (professionelle) Vertrauen zwischen dem politischen und dem journalistischen Personal wurde in der Vergangenheit bereits nachhaltig erschüttert.
n Für die Recherche gilt, dass aktualitätsgebundene Redaktionen weniger recherchieren als andere, Zentralredaktionen eine umfassende Recherche gar nicht erst erwarten, Recherchen – im ökonomischen und ideellen Sinn – nicht angemessen honoriert werden und das Miteinander von Journalisten und Politikern generell einen ‚Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip‘ folgt.

Leif Kramp, Dr. Stephan Weichert: Journalismus in der Berliner Republik – Wer prägt die politische Agenda in der Bundeshauptstadt? Wiesbaden 2008.

Das Gute, das Exklusive zu ergattern – darauf hat der gemeine Hauptstadtjournalist kaum noch eine Chance. Und die Jagd danach wird immer atemloser. „Es läuft doch in der Politik längst alles hinter Twitter her“, findet ein gut vernetzter BILD-Korrespondent, der das Politikgeschäft der Hauptstadt aus nächster Nähe beobachtet. Der schnelle 140-Zeichen-Kanal, der auch die jüngste Social-Media-Errungenschaft Periscope fürs Live-Streaming von Ereignissen einbindet, beschleunigt als Konkurrent zu den etablierten Nachrichtenagenturen den Berliner Journalistenalltag zwischen Ministerien und Politikern aller Couleur um eine weitere Drehung.

So beklagt sich der Berater des Bundestagsabgeordneten über den Herdentrieb der politischen Journalisten. Weil ihnen Hintergrundwissen fehle, sei der „Halbstundentakt-Journalismus“ inzwischen zum „Sofortismus“ geworden: „Alles wird sofort und ohne Nachdenken erst einmal rausgehauen.“ Gregor Peter Schmitz, der seit Mai das Hauptstadtbüro der Wirtschaftswoche leitet, attestiert dem politischen Geschäft in Berlin „Onlinefieber“. Wenn sich nach einer Buchvorstellung von Bundestagspräsident Lammert „nichts auf Twitter fand und keine Instant-Kommentare von Parteifreunden und Parteifeinden aufblinkten“, dann wirke das im Berliner Politzirkus schon „altmodisch“.

Verstärkt haben dürfte sich ein weiterer Trend, den Kramp und Weichert 2008 ausgemacht hatten: Das Verhältnis zwischen Politik und Medien sei oft von gegenseitigem Misstrauen und Instrumentalisierungsversuchen geprägt. „Die Annahme des Vertrauensbruchs ist mittlerweile zur Regel geworden. Politiker äußern sich seltener als Menschen, sondern häufiger als phrasendreschende ‚Politikmaschinen’.“

Gleichklang wirkt wie „Lügenpresse“

Der Systembruch zwischen Politik und Journalismus hat auch gesellschaftliche Folgen. Darauf weist der Medienwissenschaftler Uwe Krüger von der Universität Leipzig hin, der die Verbindungen von Journalisten zu gesellschaftlichen Eliten erforscht: „Auch wenn Parolen wie ‚Lügenpresse’ heillos überspitzt sind: Es gibt ein weitverbreitetes Gefühl eines Gleichklangs zwischen Politik und Medien, und das kommt nicht von ungefähr.“ Seine Warnung an die Macher von Fernsehen, Radio, Print und Online: „Wir haben es hier mit einem Vertrauensverlust zu tun, den die etablierten Medien durchaus ernst nehmen sollten.“

Der gefühlte Gleichklang der etablierten Medien liegt nicht zuletzt am flächendeckenden Einsatz von dpa-Material. Speziell die Mantelteile deutscher Regionalzeitungen – eigentlich eine natürliche Heimat des Politikjournalismus – sind schon länger kein exklusives Produkt mehr (und damit anders als früher auch kein besonders prestigeträchtiger Redakteursarbeitsplatz). Ohne Verbindung zu einer der Zentralredaktionen oder einer gut besetzten Hauptstadtredaktion kann eine Regionalzeitung in NRW ihren Lesern kaum noch eigene Inhalte mit bundesweiter Perspektive liefern.

Paul-Josef Raue, jüngst als Chefredakteur des Funke-Titels Thüringer Allgemeine in Ruhestand gegangen, erinnerte 2014 in einem Interview mit dem Dienst drehscheibe der Bundeszentrale für politische Bildung daran, dass Mantel „ein Begriff aus der alten Zeit der zwei Welten“ sei: „Hier die große Welt, die eigentliche; dort die kleine Welt, die lokale.“ In seinem Blog journalismus-handbuch.de zeigt sich Raue noch deutlicher als engagierter Verfechter des Lokaljournalismus: „Lasst die Provinz hochleben! Schafft den Zentralismus ab! Habt Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen – statt das Massenprodukt aus Zentralredaktionen den Lesern überzustülpen!“ Vielleicht ein wichtiges Signal an die Funke-Gruppe: Schließlich soll Raue sich künftig um deren Journalistenausbildung kümmern.

Auch sonst bleibt der Blick auf den Essener Medienkonzern mit seinem Berlin-Experiment spannend: Wie wird es sich auswirken, dass die WAZ unter Chefredakteur Andreas Tyrock nun – wie die anderen NRW-Titel – viele Inhalte aus Berlin zugeliefert bekommt? Noch bestimmt er die Themenmischung im Mantel selber. Trotzdem fragen sich viele Beobachter, wer das Sagen hat: Wird der Berliner Funke-Chef Quoos bald zum eigentlichen Chefredakteur der Funke-Tagesmedien, zumindest für deren Mantelteile? Die Fragen nach der Entscheidungsgewalt hätten wir gerne dem WAZ-Chefredakteur in Essen gestellt. Aber die Öffentlichkeitsarbeit der Funke-Gruppe reagierte nicht auf die JOURNAL-Anfrage.||

Werner Hinse


JOURNAL 5/15