Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Über Glanz und Elend in Interviews

Gesprächskultur

© Konzept: Enrico Klinkebiel

Das Interview gilt als Königsform des Journalismus. Theoretisch. Praktisch ist es in den vergangenen Jahren vielfach zum Ärgernis verkommen. Eigentlich trifft man einen interessanten Menschen. Sonst würde das Medium nicht planen, das Ergebnis der Gesprächs im Wortlaut zu veröffentlichen. Doch entweder ist es im Vorfeld schon so kompliziert, dass das Gespräch nicht mehr in unbelasteter Atmosphäre stattfindet: So sollen etwa Fragen vorab eingereicht werden, was oft zur Folge hat, dass die spannendsten gestrichen werden. Oder im Nachgang wird das Ganze rundgelutscht wie ein Kiesel im Wasser – Autorisierung heißt dieser Meister aus Deutschland. Das Ausland blickt verwundert bis fassungslos auf unsere externe Abnahmepraxis, die die Süddeutsche Zeitung in einem Werkstattbericht gerade dokumentiert hat – aus einem einstündigen Interview mit Wolfgang Schäuble wurde da ein Berg Arbeit von 66 Stunden für die Journalisten.

Der „Regulierungswahnsinn“ rund und um die aktuelle Tour von Herbert Grönemeyer ist ein weiteres Beispiel: Erst fand ein „runder Tisch“ für alle in einem Ostseebad in Mecklenburg-Vorpommern statt. Am Konzertort war der Künstler für niemanden zu sprechen. Zur Tour-Halbzeit gab es einen weiteren Termin in Köln – hier sollten Journalisten ein Schriftstück unterzeichnen, das der DJV-NRW als „Knebelvertrag“ einstufte. Fünf Paragrafen, in denen unter anderem geregelt war, dass die Bildauswahl sowie Zitate auf dem Titel, in der Überschrift oder in Bildunterschriften mit dem Künstler abgestimmt werden müssen. Für das Management von Grönemeyer ein „ganz normaler Vertrag“, für einige Journalisten eine neue Eskalationsstufe und Grund genug, den Termin nicht wahrzunehmen.

Wie ist die Gesprächskultur so vor die Hunde gekommen? Wir haben zwei Männer unabhängig voneinander befragt, die in Interviews schon einigen gegenüber gesessen haben, die andere nie im Leben treffen: Nils Minkmar, seit letztem Jahr beim Spiegel und vorher Feuilletonchef der FAZ, und Oliver Uschmann, Schriftsteller und langjähriger Autor sowie frisch gekürter Chefredakteur des Interviewmagazins GALORE, das erfolgreich wiederauferstanden ist. Die beiden kennen sich aus mit Glanz und Elend im journalistischen Gespräch. Beides haben sie erlebt.

 

JOURNAL: Was fällt ihnen zu den Stichworten Glanz und Elend ein? Nils Minkmar: Bei Elend denke ich spontan an ein Gespräch mit der britischen Ethnologin Mary Douglas, die inzwischen verstorben ist. Das war der Horror! Sie war sehr unduldsam und autoritär, hat alle Fragen korrigiert. Das ging komplett in die Hose. Und ich hatte jetzt gerade noch eins mit einem amerikanischen Schriftsteller, das auch komplett Banane war, weil er einfach keine Lust hatte, interviewt zu werden.

Beglückend sind Gespräche, in denen der Befragte mehr spricht als der Interviewer. Und mit denen man später nicht in der Autorisierungshölle landet. Foto: Frank Sonnenberg
Interviewsituation

Oliver Uschmann: Beglückend ist jedes Gespräch, bei dem der Befragte mehr spricht, als der Fragende. Wenig beglückend sind also Fragen, die eine halbe Seite lang sind und auf die die Antwort dann „ja“ oder „nein“ lautet. Unvergessen ist mir ein Gesprächseinstieg mit Gerhard Polt. Geprägt von der Literaturwissenschaft habe ich ihm wie ein Student quasi einen Aufsatz über seine Arbeit vorgelesen und ihn dann gefragt, ob das so wäre, wie ich gerade behauptet habe. Da hat er sich zurückgelehnt, die Arme verschränkt und gesagt: „Naaaaaa...“ Oder Winfried Glatzeder live bei der Buchmesse. Der hatte eine Frage in den falschen Hals bekommen und etwas aus seiner Sicht Geniales gemacht: Er ist aufgestanden und hat sich schon mal körpersprachlich über uns erhoben. Dann hat er auf uns zwei Moderatoren gezeigt und zum Publikum gesagt: „Da können Sie jetzt mal sehen, wie so etwas passiert!“ Innerhalb von zwei Sekunden saßen wir da wie die letzten Deppen. Als er ein paar Jahre später im Dschungelcamp gelandet ist, hat mich das etwas getröstet.

Nils Minkmar: Bei Glanz muss ich etwas länger nachdenken, weil es davon zum Glück ein paar mehr gegeben hat... Zum Beispiel der französische Drehbuchautor Jean-Claude Carrière! Er hat mit Schlöndorff und für Woody Allen gearbeitet. Er hat einen sehr absurden Humor und speziellen Blick auf die Dinge. Er ist ja schon älter und dennoch so voller Lebensfreude. Das war wirklich toll.

JOURNAL: Ist Sympathie im Interview eher hilfreich oder hinderlich?

Uschmann: Hilfreich! Man darf sich von seinem Gegenüber nicht hypnotisieren lassen wie von der Schlange Kaa. Aber wenn man merkt, dass die Chemie stimmt und man trotzdem man selbst bleibt und ein Gespräch führt, ohne sich vereinnahmen zu lassen, ist das die optimale Kombination.

Es ist doch eine absolute Mär, dass es konstruktiv wäre, wenn sich beide nicht leiden können! Da wird der Befragte schmallippig, das führt zu nix. Das Beste ist, wenn die menschliche Chemie stimmt, während die inhaltliche komplett konträr ist. Widerspruch ist wichtig – aber nicht um des Widerspruchs Willen, sondern damit Konflikt herrscht. Wenn jemand mit einem Allgemeinplatz kommt, erwarte ich, dass der Interviewer widerspricht, selbst wenn er die Meinung teilt. Wir sind ja keine Litfaßsäule zum Phrasenverbreiten!

Minkmar: Ich finde, es kann in beide Richtungen gehen: Es gibt Leute, die man immer interessant fand und dann geht es auf einmal im Fahrstuhl abwärts im Gespräch, man ist komplett enttäuscht. Und es gibt genau das andere, das man sich schwer tut, weil man eine große Abneigung hat und plötzlich überrascht wird. Es ist wie im richtigen Leben – man weiß es vorher wirklich nicht. Wenn der Funke nicht überspringt, ist das für mich kein großes Drama. Ich mache aus einem Gespräch genauso gerne ein Porträt. Man muss in den Darstellungsformen flexibel sein, wenn die 1:1-Wiedergabe des gesprochenen Wortes nicht die spannendste Variante ist.

JOURNAL: Die Möglichkeit hat man bei einem reinen Interviewmagazin wie GALORE nicht ...

Uschmann: Ich bin ja noch ganz frisch als Chefredakteur. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass ich besonderen Wert auf die Paarung lege. Ich habe zum Beispiel einen Cicero-Autoren zu Konstantin Gropper geschickt. Das ist der Sänger von „Get Well Soon“, einer sehr eleganten Indie-Pop-Band. Ich habe ihn angerufen und gefragt: „Was weißt du über den?“ und er sagte „Nix!“ Ich dann so: „Super, das ist doch schon mal ein guter Anfang.“ Oder Marcus Ertle, der vertritt diesen kabarettistischen Ansatz. Häufig stellt er den Menschen dieselben Fragen – ganz gleich, wen er trifft: „Was haben Sie heute gefrühstückt?“ oder „Worüber sollte man schweigen?“ Da macht er so kurze „Tit for tat“-Geschichten, schlagfertig, ganz kurzatmig.

JOURNAL: Wie sieht denn Ihre eigene Gesprächsführung aus?
Uschmann: Mein persönlicher Stil ist stark von der Schriftstellerei beeinflusst. Ich denke, dass auch ein Interview letzten Endes eine Geschichte ist, die im Frage-Antwort-Format abgedruckt wird. Ich frage, wenn mir von einem Ort erzählt wird: „Wie sah es da aus, wie hat es geklungen, wie hat es gerochen?“ Ich möchte alles wissen, was ich in der Literatur zum Erfinden eines Ortes bräuchte, um so diesen realen Ort für den Leser erstehen zu lassen.

Minkmar: Im Idealfall stelle ich gar keine oder nur wenige Fragen. Ich führe nach Möglichkeit ein Gespräch und kein Verhör. Gut ist, wenn jeder, der am Interview teilnimmt, eine Absicht hat, wenn es zu einem gemeinsamen Projekt wird. Zu den häufigsten Fehlern gehört, offene Türen einzurennen und naheliegenden Antworten auch noch den roten Teppich auszurollen. Was ich – auch als Leser – sehr schätze, ist, wenn es ein Hin und Her gibt, der Interviewte auch mal zurück fragt, sich über Fragen wundert, klärend nachhakt, also wenn die Rollen nicht so eindeutig verteilt sind bzw. nicht durchgängig eingehalten werden. Es ist eine künstliche Situation für jeden Menschen. Man ist sich meist komplett fremd und soll in Kürze eine Atmosphäre kreieren, in der das Gegenüber Lust hat, einem etwas zu erzählen. Ich versuche auszustrahlen, dass man mir vertrauen kann. Das ist die Basis, das Wichtigste – auch wenn es um kontroverse Themen geht, bin ich nicht zu konfrontativ. Ich betrachte meinen Gesprächspartner eher als Gast.

JOURNAL: Vertrauen ist ein gutes Stichwort – für viele gilt heute ja eher: „Kontrolle ist besser“. Die geben kein Interview, das sie nicht autorisieren dürfen ...

Minkmar: Die Autorisierung ist für mich eine absolute Perversion. Ich würde sie am liebsten abschaffen. Die spannendsten Passagen entgehen so heute den Lesern doch oft, weil es zu dieser Kunstform gekommen ist. Ich habe es einmal erlebt bei einem Zwiegespräch zwischen einem relativ jungen, sehr unterhaltsamen Schriftsteller und einem damals recht bekannten Medienmenschen. Es ging um ein kontroverses Thema. Wir machten eine Abschrift von dem Band. Da hatte der Jüngere, der das eher humorvoll angegangen war, alle Lacher auf seiner Seite. Der Etablierte wollte daraufhin das Gespräch zurückziehen. Ich habe nach dem Warum gefragt und er meinte: „Der andere klingt ja viel lustiger!“ Ich habe mehr im Scherz geantwortet, ich könnte ihm ja schlecht jetzt noch ein paar Witze reinschreiben, aber er entgegnete ganz ernst: „Das wäre aber schon schön, wenn das noch ginge ...“
Uschmann: Autorisierung ist bei so einem Gesprächsmagazin wie GALORE für mich selbstverständlich. Ich kann verstehen, dass die Leute darauf bestehen. Ich musste mich schon oft genug selbst ärgern, wenn statt der Kurzvita vom Verlag irgendwas falsch aus Wikipedia abgeschrieben wurde. Das finde ich respektlos.

Natürlich gibt es Grenzen, wenn jemand im Interview konfliktfreudig und voller Lust auf gute Aussagen und scharfe Meinungen antwortet und anschließend alles wegstreicht, was irgendwie verfänglich sein könnte. Dann stehen da nur noch Phrasen, wie man sie auf dem „Making of“ einer DVD sieht, wo sich alle Schauspieler gegenseitig loben, wie „amazing“ sie sind. Zunächst versucht man zu retten, was zu retten ist, und dem Gesprächspartner den Vorteil eines Interviews klar zu machen, das ein bisschen Kante zeigt. Das haben merkwürdigerweise immer noch viele Plattenfirmen, Manager, Buchverlage oder Filmverleihe nicht begriffen. Wenn das nicht klappt, ist das Interview kaputt, und du kannst es nicht mehr bringen.

Minkmar: Ich finde es schade, dass viele Interviewpartner es so rund und fertig haben wollen. Ich glaube, sie unterschätzen den Leser oft sehr. Für den ist doch schwerere Kost verdaulicher als Babynahrung. Man muss ihm doch nicht jeden komplexeren Gedanken vorenthalten!

JOURNAL: Wie hätten Sie es denn mit dem Vorvertrag zum Grönemeyer-Interview gehalten?

Uschmann: Solche absurden Vorschriften würden wir nicht akzeptieren. Interview heißt bei uns, man setzt sich zusammen und führt ein Gespräch von Minimum einer Stunde, eher mehr. Das kann aus logistischen Gründen auch mal telefonisch passieren, aber lieber ist es uns im echten Leben. Wenn das nicht möglich ist, obwohl es sowohl zeitlich als auch logistisch ginge, machen wir es nicht.

Minkmar: Ich finde – wie viele meiner Kollegen – so eine Haltung einfach unterirdisch. Da muss man sich nun wirklich keine Zeit mehr für nehmen.

JOURNAL: Viele Gesprächspartner kritisieren ja, dass ihnen immer dieselben Fragen gestellt werden ...

Uschmann: Das ärgert mich besonders, weil das bei uns nicht der Fall ist. Wenn es tatsächlich so ist, kann ich die Menschen verstehen. Ich kann das ja beurteilen, da ich als Schriftsteller auch gern mal zum neuesten Buch befragt werde. Das gibt es ja, dass einer angehastet kommt, der dich nicht kennt, dein Buch nicht gelesen hat und  dann erst mal will, dass du deinen eigenen Klappentext herunterleierst – da kann man schon sauer werden. Aber bei GALORE sind wir ja nicht nur top-vorbereitet, wir haben auch ungewöhnliche Fragen (lacht). Mich ärgert, wenn dann dieselbe Antwort kommt, die man schon woanders gelesen hat und die überhaupt nicht zur Frage passt.

Das ist wie bei mir im Abi. Für die mündliche Prüfung hatte ich mir vorgenommen, dass ich antworte, was ich weiß – egal, was der Lehrer fragt. Das war dann am Ende eine Eins, obwohl das teilweise mit den Fragen nichts zu tun hatte – mit der Taktik mogeln sich ja auch viele Medienprofis durch Interviews.

JOURNAL: Vor allem Politiker ...

Uschmann: Die wollen ja heutzutage kaum noch etwas Streitbares stehen lassen, außer aus taktischen Gründen, aber nicht um der Sachdebatte willen.
Minkmar: Politiker sind ja mittlerweile daran gewöhnt, alles mit Vorlagen zu machen. Da ist ein spontanes Interview schon etwas ganz anderes. Für den Leser wäre es deutlich interessanter, wenn es nicht immer so clean zugehen würde. Manchmal stellt man schließlich auch dumme Fragen. Doch selbst die werden einem dann redigiert, dabei sieht dabei ja eher der Fragesteller als der Interviewte blöd aus.

JOURNAL: Wie wichtig ist die Vorbereitung in diesem Spannungsfeld?

Minkmar: Klar, ich recherchiere, ich lese viel, gucke auch gern Videos, um schon mal zu sehen, wie die Menschen so sind, die ich treffe. Die Vorbereitung ist wichtig, aber in der Situation selbst muss man sie auch ein Stück wieder vergessen und sich auf den Moment einlassen.

Uschmann: Man muss offen bleiben für Entwicklungen, wenn der Gesprächspartner auf einmal irgendwo Feuer fängt, sich aufregt oder ähnliches, dann muss man auch bereit sein, ihm zu folgen und zu sehen, wohin das wieder führt.

JOURNAL: Entwicklungen? In den kurzen Slots, die man zum Beispiel bei Schauspielern oft nur hat?

Gut vorbereitet sein, aber offenbleiben und sich immer wieder aus der eigenen Komfortzone reißen lassen. Foto: txt

Minkmar: Darauf habe ich mich schon gefreut, ich dachte mir schon, dass Sie die Frage stellen:  Ich bin ja nur Journalist geworden, um Jodie Foster zu treffen. Mittlerweile bin ich ihr schon viermal begegnet. Das sind immer solche sogenannten Junkets: Es geht morgens los, alle 20 Minuten ein anderer – die Arme ... Aber es ist jedes Mal super, ich kann das gar nicht kritisieren. Das gilt nicht nur für Jodie Foster. Die meisten britischen und amerikanischen Schauspieler antworten nicht nur mit Standardfloskeln. Es ist die Tradition der Late Night Show. Da ist klar, dass der Gast was zur Party mitbringen muss:  eine gute Geschichte, eine exklusive Neuigkeit oder eine spontane Showeinlage. Das ist in Deutschland leider überhaupt nicht verbreitet.Da ist es oft eher so eine „Die-sollen-froh-sein-dass-ich-mir-überhaupt-Zeit-nehme“-Attitüde. Es ist eine Frage der kommunikativen Intelligenz, ob die Leute wollen und auch einsehen, dass sie dem armen Journalisten was mitgeben müssen. Wir haben uns das ja auch nicht ausgesucht!

JOURNAL: Aber haben wir denn wirklich gar nichts falsch gemacht?

Minkmar: Als ich Steinbrück ein Jahr lang begleitet habe, sind mir da einige Sachen aufgefallen. Steinbrück hat immer sehr nett auf jede Frage geantwortet. Und dann gab es Journalisten, die abends an der Bar, wenn gefühlt eigentlich Feierabend gewesen ist, noch so ein bisschen herumgefragt haben. Das Setting war nicht mehr so ganz klar. Da wurden harmlos-persönliche Fragen à la „Wie viel Schlaf brauchen Sie?“ mit Fragen nach den Vortragsgagen gemischt. Das war wirklich an der Grenze, weil Steinbrück wie ein ganz normaler Mensch antwortete und die Dinge teilweise gegen ihn verwendet wurden. Das fand ich nicht okay. Steinbrück hat sich da einfach in der Generation vertan: Der hat gedacht, er sitzt da wie Helmut Schmidt im Clubsessel mit Theo Sommer. Dass jetzt eine neue Generation unterwegs ist, die schnell was raushauen will im Stile von „Pannen-Peer“, das hat er zu spät realisiert.

Uschmann: Verbindlichkeit ist in den Medien heutzutage nicht mehr so verbreitet. Ich komme vom Niederrhein, lebe aber schon eine Weile im Münsterland und gehe das Mediengeschäft eher an wie ein westfälischer Viehhändler, bei dem der Handschlag noch als Vertragsabschluss gilt. Wenn ich etwas zusage, gilt das auch.

JOURNAL: Zum Abschluss noch der Killertipp vom Interviewprofi, bitte!

Minkmar: Wenn es einen Killertrick gäbe, wäre das langweilig. Es ist doch das Schöne, dass es ihn nicht gibt. So wird man auch nach Jahren im Job immer wieder aus seiner Komfortzone herausgerissen, weil im Gespräch Dinge zum ersten Mal passieren. Da verkommt die eigene Gesprächsführung nicht zur Masche oder Machart.

Uschmann: Ich persönlich würde aufgrund meiner Doppelrolle als Journalist und Schriftsteller raten, dass man sich innerlich vorstellt, das bevorstehende Interview wäre ein Roman. Natürlich ist es Realität, aber letzten Endes sind wir alle Figuren in der Matrix. Also stellen wir uns vor, das Gespräch wäre ein Roman: Ich würde darauf achten, was ich sehe, spüre, höre, wenn ich an das Interview denke, welche Plotlinien sich abzeichnen, und denen dann folgen. Damit am Ende kein Phrasenpuzzle steht, sondern eine Geschichte!

JOURNAL: Herzlichen Dank für die Gespräche!

Andrea Hansen

 

JOURNAL 1/16

Neugier, Empathie und Humor

Michael Kessler führt Interviews auf seine ganz eigene Weise: Auf seinen Expeditionen im rbb-Fernsehen trifft er auf Otto Normalverbraucher, auf Menschen, die ihm – so wirkt es zumindest – spontan im Vorbeigehen erstaunliche Episoden aus ihrem Leben erzählen. Auffällig dabei: Erst zum Schluss stellt er sich namentlich vor, die Gesprächspartner scheinen in diesem Moment oft wie aus der Hypnose erwacht. In seinem für den Deutschen Fernsehpreis nominierten Format „Kessler ist ...“ schlüpft er am Ende einer längeren, im Film dokumentierten Umfeld-Recherche in die Haut seiner prominenten Gäste. Als Spiegelbild stellt er Fragen, die sogar abgebrühten und vermeintlich „Ausinterviewten“ noch überraschende Antworten entlocken. Manche wirken dabei wie ertappt, andere eher gerührt. Kalt lässt keinen Promi diese Begegnung mit sich selbst. Wie schafft er das? Wie kommt man auf so eine Idee? Und was sind aus seiner Sicht absolute Tabus im Interview?

 

JOURNAL: Michael Kessler, was können Journalisten lernen von Ihrer Art der Interviews zu führen?

 

Michael Kessler: Es gibt in unserem Land viele Journalisten, von denen wohl eher ich noch etwas lernen könnte. Denn ich bin ja ausgebildeter Schauspieler und kein Nachrichten-Fachmann. Den Journalisten, die in die Räder der sensationsgierigen und oberflächlichen Pressemühle geraten sind, rate ich allerdings, sich wieder mit echter Empathie und respektvoller Neugier Menschen und Themen zu nähern und über Begriffe wie Verantwortung, Moral und Würde nochmal verschärft nachzudenken. Der Ton macht die Musik – auch wenn es darum geht, etwas aus Menschen herauszubekommen.

 

JOURNAL: Wie sind Sie darauf gekommen, neue Formate zu entwickeln? Was macht das Interview für Sie so interessant?

 

Kessler: Nicht ich bin auf diese Formate gekommen, die Formate kamen zu mir. 2005 fragte mich ein befreundeter Produzent, ob ich mir vorstellen könne, nachts mit einem Taxi durch Berlin zu fahren und mit den Fahrgästen ins Gespräch zu kommen. Auch wenn ich nicht genau wusste, ob ich das kann, fand ich die Idee ungemein spannend. Ich willigte ein, unter der Bedingung, dass keiner der Gäste gecastet und die gesamte Sendung komplett spontan ist. Genauso probierten wir das eine Nacht aus. Es folgten über 40 abenteuerliche Folgen der „Berliner Nacht-Taxe.“

 

Ohne Kommunikation und Gespräche verarmen wir geistig und schmoren irgendwann nur noch im eigenen Saft. Meine Sendungen sollen dazu ermuntern zu reden und sich auszutauschen. Mit Freunden, mit der Familie aber auch mit dem Fremden neben einem in der U-Bahn.

 

JOURNAL: Wie haben Sie Ihre Techniken entwickelt? Welche Rolle haben dabei eigene Erfahrungen gespielt?

 

Kessler: Ich wurde mal gefragt, ob ich speziell geschult wurde in Psychologie und Fragetechniken. Dem ist aber nicht so. Ich war schon immer ein neugieriger und offener Mensch mit vielen Fragen, und wenn ich etwas frage, dann will ich es auch wirklich wissen. Es gibt in mir – neben der großen Neugier – auch eine tiefe Empathie für Menschen und ihre Geschichten, die lebe ich in den Sendungen aus.

 

JOURNAL: Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Fehler von Fragestellern?

 

Kessler: Die fehelnde Vorbereitung der Fragesteller, ihre mangelnde Neugier und Spontanität sowie die krampfhafte Suche nach der Schlagzeile. In zahlreichen Interviews bekomme ich immer wieder die gleichen – oft langweiligen – Fragen gestellt, die auf Zetteln notiert sind und mechanisch abgearbeitet werden. Nur wenige Journalisten locken mich mit intelligenten und neuen Fragen aus der Reserve oder reagieren auf meine Antworten mit spontanen Fragen. Außerdem bin ich immer wieder überrascht, wie einige Journalisten das Gesagte in ihrem Sinne kürzen bzw. umdichten.

 

JOURNAL: Ist es nur ein Eindruck oder entstehen die Gespräche auf den Expeditionen wirklich so beiläufig? Ist die Vorstellung am Ende bewusster Teil Ihrer Gesprächsführung oder nur Wiedererkennungsmerkmal? Weshalb machen Sie es so und nicht anders?

 

Kessler: Jeder Journalist ist eingeladen, uns bei den Dreharbeiten zu beobachten. Bei „Kesslers Expedition“ ist nur die Strecke bekannt. Was an einem Tag passiert, wem ich begegne und welche Gespräche sich ergeben, wissen wir nicht! Die Sendung wird von mir komplett improvisiert. Diese Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit überträgt sich auf den Zuschauer und macht den großen Erfolg dieser Sendung aus. Die Vorstellung am Ende erfolgt nur, wenn ich merke, dass mich mein Gegenüber nicht kennt. Da es in der Sendung aber nicht um mich geht, sondern um die Menschen, denen ich begegne, eröffne ich das Gespräch immer mit einer Frage an meine Gesprächspartner, statt mich lang und breit vorzustellen und zu erklären, was wir da gerade machen.

 

JOURNAL: In „Kessler ist ...“ dokumentieren Sie die gründliche Vorbereitung wie Gespräche mit Kollegen, Freunden oder Familienangehörigen. Welchen Anteil hat Ihrer Ansicht nach die Recherche am Gelingen eines Interviews?

 

Kessler: Die Recherche ist bei diesem Format enorm wichtig, denn es gibt keine Vorgespräche mit dem Prominenten oder seinem Umfeld. Ich werde zwar mit Materialien wie Vita, Büchern und TV-Ausschnitten versorgt, alle Fragen denke ich mir aber selbsz aus. Und nach jedem Gespräch gehe ich in mich, denke nach, ändere weitere Fragen und Richtungen. Der Prominente begleitet mich eine ganze Weile gedanklich. Mit meinem Bauch und Kopf versuche ich dessen Persönlichkeit, aber auch dessen Lebensthemen und Widersprüche zu erspüren und die Themen für das finale Interview zu finden. Es irritiert mich zutiefst, dass sich die Recherchen mancher Journalisten heutzutage darauf reduzieren, bei Twitter oder Facebook fragwürdige Posts abzuschreiben.

 

JOURNAL: Wie wichtig ist Sympathie zwischen Fragesteller und Antwortgeber für ein gelingendes Interview? Oder kann zu viel davon sogar stören?

 

Kessler: Mir ist es immer lieber, mein Gegenüber nicht zu gut zu kennen. Ich glaube, das hilft mir bei der Annäherung. Die Sympathie spielt dabei keine so große Rolle, da sich mein vorgefertigtes Bild eines Menschen durch das Gespräch sowieso fast immer verändert.

 

JOURNAL: Worauf kommt es an – wie man seine Fragen stellt, die richtigen Fragen zu stellen oder gut zuzuhören?

 

Kessler: Unbedingt auf alle drei Dinge! Auch wenn die verbale Kommunikation und die Empathie für andere in unserer Ich-orientierten Smartphone-Gesellschaft verkümmert, so gibt es doch bei den meisten Menschen nach wie vor ein ungeheures Rede- und Mitteilungsbedürfnis. Das drückt sich heute in unzähligen Posts und Chats aus. Aber nur ein aufmerksames Gegenüber und ein direktes Gespräch, in dem man nicht nur die Worte liest bzw. hört, sondern auch die Gefühle und Befindlichkeiten des anderen sieht, spürt und darauf direkt reagiert ist echte Kommunikation. Eine gute Energie, ein bisschen Charme und Wärme, Vertrauen, Professionalität und Seriosität sind enorm wichtig für ein gutes Gespräch.

 

JOURNAL: Bekommen wir zum Schluss noch den Kessler-Killertipp für die ultimative Fragetechnik?

 

Kessler: Da wiederhole ich mich gerne: Seid neugierig, empathisch, spontan, respektvoll und offen! Habt immer eine Prise Humor dabei, hört wirklich zu und erhebt euch nie über euren Gesprächspartner.||

 

Die Fragen stellte Andrea Hansen.

 

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