Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Perspective Daily will die tägliche Dosis Zuversicht bieten

Wie kann es weitergehen?

Was hat Hirnforschung mit Journalismus zu tun? Viel. So viel sogar, dass ein komplettes Redaktionsmodell darauf aufgebaut werden kann. Dieser Meinung sind Maren Urner, Han Langeslag und Bernhard Eickenberg aus Münster. Die drei jungen Wissenschaftler wollen per Crowdfunding ein neues Onlinemagazin starten – mit einem halben Dutzend Redakteuren und rund 20 Gastautoren. Der Name: Perspective Daily. „Zeigen, wie die Welt heute ist und morgen sein könnte“ – so lautet der Anspruch von Urner, Langeslag und Eickenberg. Sie stützen sich auf das Konzept des konstruktiven Journalismus, der auf Lösungen statt Probleme setzt (siehe Kasten "Konstruktiver Journalismus"). 

Crowdfunding erfolgreich

Der Text ist im März entstanden (Stand 7.3.), als noch nicht absehbar war, ob das Crowdfunding von Perspecitive Daily erfolgreich sein wird. Am 28. März war die ausreichende Zahl an Mitgliedern erreicht. 

Um ausreichend zahlende Mitglieder zu gewinnen, touren die Gründer seit Monaten durch Deutschland und erläutern ihre Projektidee: Die drei Akademiker – Urner und Langeslag sind Neurowissenschaftler, Eickenberg Chemiker – sind überzeugt, dass heutige Medienkonsumenten mit der Masse an schlechten Nachrichten überfordert sind. Angesichts der andauernden Krisen und Konflikte seien die Menschen gestresst, zynisch, hoffnungslos und hätten ein viel zu negatives Weltbild. Nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen führe das zu Passivität. Neue Erfahrungen hingegen veränderten die Wahrnehmung und aktivierten das Hirn. Für das Perspective-Daily-Team steht fest: Inspirierende, lösungsorientierte Inhalte steigern Interesse und Handlungsbereitschaft der Menschen und sind damit letztlich der Schlüssel, um die Gesellschaft zum Positiven zu verändern.

Eine These, mit der der Auftrag des Journalismus einen fast missionarischen Touch erhält – weg von der nur übermittelnden, also „medialen“ Funktion hin zu einer aktiven Rolle. Und das in einer Zeit, in der sich der öffentliche Diskurs um die Frage dreht, ob Medien nicht aus Gründen der political correctness gerade viel zu viel verschweigen. In der Journalistinnen und Journalisten dem Vorwurf ausgesetzt sind, dass sie nicht „berichten, was ist“.

Konstruktiver Journalismus

Einer der Trendsetter für Konstruktiven Journalismus ist Skandinavien. Die Grundidee: bewusst über positive Entwicklungen berichten. Probleme und Herausforderungen werden nicht negiert, aber die Beiträge zeigen mögliche oder sogar bereits umgesetzte Lösungsansätze.
Zu den erfolgreichen Angeboten gehören De Correspondent in den Niederlanden und Positive News aus Großbritannien. Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen Rundfunks, hat ein Buch zum Thema verfasst (Constructive News: Warum „bad news“ die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren, 2015). /cbl

Ein realistischeres Bild von der Welt

Das Trio hat sich viel vorgenommen. In langen, tief recherchierten Texten wollen sie Werte vermitteln, Einordnung geben und dafür sorgen, dass sich die Menschen wieder ein realistischeres Bild von der Welt machen. Die Themenfelder reichen von der technisierten Arbeitswelt  der Zukunft über Krankheitsbekämpfung bis zu Gesellschaftsmodellen.

Sollte es überhaupt Aufgabe eines Mediums sein, sich der Weltverbesserung zu verschreiben? „Wer sagt denn, dass man das nicht darf?“, fragt Bernhard Eickenberg zurück. „Politische Einflussnahme, Aktivismus in dem Sinn wollen wir nicht betreiben. Aber warum soll man als Journalist nicht in der Lage sein, etwas an den Problemen der Welt zu ändern, indem man die Menschen mit seiner Berichterstattung aufweckt?“

Um jede Instrumentalisierung zu verhindern, setzt das Perspective-Daily-Team auf journalistische Sorgfalt, wissenschaftliche Kriterien und den Diskurs der Community. Das Autorenteam, betonen sie, bestehe aus Experten, die sowohl einen fachlichen als auch einen journalistischen Hintergrund hätten und „idealerweise selbst bei der Forschung über ihr Themengebiet mitgemacht haben“. Die Gefahr des Tunnelblicks halten sie für beherrschbar. „Als Wissenschaftler kommt man auch nicht damit durch, Gegenargumente einfach wegzulassen, weil man ständig von anderen Experten kritisiert wird“, sagt Han Langeslag. Fehler würden transparent besprochen und korrigiert. Nicht zuletzt solle die Community als Korrektiv dienen, da sämtliche Quellen in den Artikeln genannt würden.

Nur eine von vielen Facetten

Einen Sinneswandel in der Gesellschaft erkennt auch Stephan Weichert. „Es entspricht einem allgemeinen Wunsch der Bevölkerung, auch bitte mal über Lösungswege zu diskutieren und nicht immer nur alles schlechtzureden“, sagt Weichert, der sich als Professor für Journalismus und Kommunikationswissenschaft vor allem mit dem digitalen Medienwandel beschäftigt. Dieses Ansinnen sei auch völlig legitim – doch könne der konstruktive Journalismus nur eine von mehreren Facetten sein.

Als Alleinstellungsmerkmal hält Weichert den Ansatz zumindest hierzulande für nicht tragfähig – zumal das Konzept eher eine Frage der Haltung als der Darstellung sei. Hinzu kommt, dass die Idee keinesfalls neu ist. Bereits in den 80er Jahren, so Weichert, habe sich der sogenannte „solutions journalism“ in den USA entwickelt.

„Wir sagen nicht, das ist der perfekte und einzige Journalismus“, räumt Bernhard Eickenberg ein. Gerade tagesaktuelle Themen könne und wolle man nicht abdecken. „Wir machen einen kleinen Ausschnitt, der eine Marktnische füllen soll.“ Die drei Gründer sehen in Deutschland Nachholbedarf bei der Verbreitung konstruktiver Medieninhalte. Während sich in Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden oder Dänemark einige ausschließlich konstruktiv arbeitende Redaktionen etabliert haben, hält sich die Euphorie hierzulande in Grenzen. Zwar haben etliche Redaktionen diesen Weg schon lange im Blick, betrachten ihn aber ähnlich wie Stephan Weichert als eine Herangehensweise unter vielen. So bringen überregionale Medien wie Zeit, taz, Geo, Brand Eins oder Spiegel Online schon seit Jahren immer mal wieder Beiträge, die einen optimistischeren, zukunftsweisenden Blickwinkel einnehmen. Mit Enorm startete 2010 gar eine Zeitschrift, die sich auf nachhaltiges Wirtschaften spezialisiert hat.

Wie der niederländische De Correspondent zielen Langeslag, Eickenberg und Urner aber noch mehr auf Interaktion ab. „Wir wollen eine Diskussion anstoßen, das ist das Ziel des Mediums“, sagt Bernhard Eickenberg. „Wir denken, dass Journalismus nicht nur ein Werkzeug ist, um diese Diskussion zu führen, sondern dass er Teil der Diskussion ist.“ Um mit ihrer Zielgruppe in die Debatte einzusteigen, wollen die Akademiker eine Online-Community aus mindestens 12 000 zahlenden Mitgliedern aufbauen (Jahresbeitrag 42 Euro). Täglich soll es einen neuen Beitrag auf perspective-daily.de geben, der diskutiert und im Netz auch mit befreundeten Nichtabonnenten geteilt werden kann.

Starten soll das Magazin noch in diesem Frühjahr. Allerdings hakt das Einwerben von Mitgliedern: Das Crowdfunding lief im Januar zunächst schleppend an und musste um fünf Wochen bis Ende März verlängert werden. Zu Redaktionsschluss waren von den angestrebten 12 000 Mitgliedern 8 816 an Bord (Stand: 7. März). Zu diesem Zeitpunkt war auch noch nicht bekannt, wie die Website aussehen soll. Nicht mal Beispielartikel gibt es – was das Crowdfunding sicher erschwert. „Die Interaktivität und die Diskussion zwischen den Mitgliedern können wir jetzt noch nicht umsetzen“, verteidigt Han Langeslag die Katze-im-Sack-Strategie. Zudem lasse sich die thematische Breite mit zwei oder drei Beispieltexten nicht abdecken. 

Auch wenn vieles noch nebulös wirkt: Fest steht, dass sich sämtliche Artikel der Frage „Wie kann es weitergehen?“ widmen werden. Für Eickenberg soll sie „wie ein Dachgedanke über dem gesamten Konstrukt der Redaktion sitzen“. Dabei betonen die Jungunternehmer, dass es ihnen nicht um Ausschnitte oder gar unkritischen Wohlfühljournalismus gehe. Und auch in die Schublade elitärer Wissenschaftszirkel wollen sie nicht gesteckt werden. Das Weltverbessern solle vielmehr Spaß machen – „Impact“ statt Elfenbeinturm, multimediales Storytelling statt langweiliger Essays und zwischendrin auch mal ein Quiz zur Überprüfung der eigenen Vorurteile.

Von außen offen rangehen

Kann das funktionieren? Im Münsteraner Autorenpool finden sich Wissenschaftler verschiedenster Couleur – ausgebildete Journalisten mit langjährigen Redaktionserfahrungen hingegen wenig. „Das ist etwas, woran wir arbeiten“, sagen die Gründer. Für sie selbst sei es sogar ein „Riesenvorteil, wenn wir von außen mit offenem Kopf an die Sache rangehen und uns fragen können, ob das, was wir da tun, eigentlich sinnvoll ist“.

Journalist und Medienberater Thomas Knüwer sieht das offenbar ähnlich. In seinem Blog Indiskretion Ehrensache schrieb er im Januar über Perspective Daily: „Ich glaube, dass eine nicht-journalistische Herangehensweise dem Journalismus helfen könnte. Weil es eben gut ist, einen Blick von außen zu bekommen, wenn man in einer Sackgasse oder Krise steckt.“

Sperriges Interview

Am 1. März veröffentlichte der Branchendienst Meedia ein Interview mit den Perspective-Daily-Machern, versehen mit einer Notiz über die „ungewöhnlich komplizierte“ Autorisierung mit „gleich mehreren Freigabeschleifen zwischen Redaktion und Interviewpartnern“ und deren Versuch, eine Antwort samt Frage ganz zu streichen.
Festgehakt hatte sich der Dissens offenbar an dem Bild von „den Medien“, dass die Interviewten in ihren Antworten zeichneten. Selbst in den autorisierten (nach Meedia-Angaben entschärften) Antworten entsteht der Eindruck, dass die drei kaum aus eigener Erfahrung sprechen, wenn sie über redaktionelle Arbeit herkömmlicher Medien reden./cbl

Journalismusprofessor Stephan Weichert ist skeptischer: Da sie keine Journalisten seien, wüssten die Perspective-Daily-Gründer wohl kaum, wie die Medienbranche funktioniert (siehe auch Kasten links unten). Zudem brauche man „gigantische Netzwerke, um so ein Medium überhaupt aufzuziehen“. Selbst bei den Krautreportern – dem 2014 mit viel Hintergrundrauschen gestarteten Onlinemagazin für unabhängigen Journalismus – habe das nur bedingt geklappt. Obwohl die Macher sensationell vernetzt gewesen seien.

Trotz aller Einwände begrüßt Medienwissenschaftler Weichert das Projekt als „interessante Komponente“ und wünscht dem Münsteraner Trio spannende Erfahrungen. Denn dass der Journalismus sich in seiner Gesamtheit verändern muss, sei klar: „Sonst verfestigt sich der Eindruck, dass die Berichterstattung an den Ängsten und Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeigeht. Und das ist gefährlich.“

Derzeit kribbelt es in der Medienbranche. Zahlreiche mutige Projekte, Start-ups und Netzwerke versuchen, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind – mit persönlichen Textempfehlungen, Nutzern als Auftraggebern oder speziellen Jugendangeboten. Vielleicht kann auch Perspective Daily seine Nische finden.||

Anna von Garmissen

JOURNAL 2/16