Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Erfolgreiche Innovation: Journalisten-Barcamp mit positiver Bilanz

Das erste Mal: #DJVCamp16

Der Landesverband NRW hat ein neues Veranstaltungsformat gewagt, das in der kreativen Szene bereits seit Jahren funktioniert, aber unter Journalisten bisher nur bedingt bekannt war: ein Barcamp. Rund 100 Medienschaffende fanden am 2. Juli 2016 an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln zusammen, um sich beim DJV-Barcamp mit der Digitalisierung der Medienbranche auseinanderzusetzen.

„Ein Barcamp zeichnet sich dadurch aus, dass es vorab keine feststehenden Panels, Referenten und Moderatoren gibt, sondern nur ein Oberthema“, erklärte Ute Korinth, die die Idee in den Verband einbrachte und das Camp gemeinsam mit Christina Quast hauptverantwortlich organisierte. Teilnehmer eines Barcamps gestalten das Programm selbst, indem sie die Themen vor Ort vorschlagen, darüber abstimmen und dann auch die jeweils 45-minütigen Sessions organisieren. Ein Barcamp lebt von der Aktivität und Spontaneität aller Anwesenden, es geht nicht um reinen Wissenskonsum, sondern auch um Austausch.

Offenes Format

Der Fachausschuss Online hat die Initiative maßgeblich unterstützt, „weil die Organisation eines Barcamps potenziell weniger Aufwand erfordert als die einer klassischen Fachtagung und weil ein derart offenes Format der heterogen Netz- und Medienlandschaft am besten gerecht werden kann“, erklärt die Fachausschuss-Vorsitzende Harriet Langanke.

Das allgegenwärtige Thema „Digitalisierung der Medienbranche“ sowie das offene Format eines Barcamps sprachen die journalistische Zielgruppe offenbar an: Die Tickets zur Veranstaltung waren restlos ausgebucht. Gut, dass die oberste Etage der HMWK mit Buffetbereich und Balkonen ausreichend Raum zum Netzwerken unter Kolleginnen und Kollegen bot. Auch sonst überzeugte der Veranstaltungsort mit seinen technisch gut ausgestatteten Seminarräumen. Das Camp richtete sich an Medienschaffende aus allen journalistischen Bereichen; unter den Teilnehmern waren Zeitungsjournalisten, Radio-Redakteure und TV-Reporter genauso wie Social-Media-Manager, Podcaster, Unternehmensberater und Medienstudenten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Entsprechend bunt und vielseitig gestaltete sich das Programm: Auf dem Tagesplan standen mehr als 20 Sessions, die sich auf vier Seminarräume verteilten. Auf diese Weise konnte jeder Teilnehmer sein individuelles Tagesprogramm zusammenstellen, vom Vortrag über Workshops bis zur Fragestunde und Diskussionsrunde – ganz nach thematischem Interesse und persönlichem Bedarf.

Twitterwall zum DJV-Barcamp

Unter dem Hashtag #DJVCamp16 setzten 179 Menschen 726 Tweets ab – sie machten die Veranstaltung des DJV-Landesverbands damit am 2. Juli zu einem der „Trending Topics“ Deutschlands bei Twitter.

 

  • „Spannend, wenn klassischer Journalismus auf Blogging & Social Media trifft. Selbstdarstellung im Netz, ein weites & komplexes Feld“ – Marie-Christin Graener
  • „Plädiere dafür, dem Markt zu signalisieren, dass Tagessätze < 400 einfach nicht machbar sind #AllesHatSeinenWert“ – Fit für Journalismus
  • „Was für ein gutes BarCamp. Tolle Ses­sions, tolle Lokalität. Vielen Dank für dieses Angebot und die gute Orga!“ – Josef Hajo
  • „#djvcamp16 vielen Dank fürs Teilen von Ideen und Erfahrungen“ – Christiane Enkeler
  • „Vielen Dank an alle Sponsoren, die Organisa­tion, die Speaker &#Barcamp-Teilnehmer für einen lehrreichen & tollen Tag!“ – Laura Kaldinski
  • „Mein Fazit zum #DJVcamp16: Unbedingt wiederholen! Danke @DJV_NRW! #Köln“ – Oskar Vitlif

Das Barcamp in Bildern von Frank Sonnenberg

Recherche, Bewegtbild und mehr

Social-Media-Expertin Christina Quast etwa gab in ihrer Session Einblick in die systematische Twitter-Recherche mit entsprechenden Tools, während HMKW-Professor Hektor Haarkötter die Googlesuche für Fortgeschrittene erläuterte, Facebook’s Graph Search vorstellte und auf die Möglichkeiten des Deepwebs einging. Andernorts standen die neuen Arten der Bewegtbild-Berichterstattung zur Diskussion: Digitalberaterin Alexa Brandt beispielsweise brachte den Teilnehmern per Kurz-Workshop die Kurzclip-App Vine näher.

WAZ-Redakteurin Annette Kalscheur präsentierte redaktionelle Experimente mit der Messenger-App Snapchat. Und Moritz Meyer, ehemaliger Pressesprecher des Youtube-Vermarkters Mediakraft, stellte die Rentabilität von Video-News grundsätzlich zur Debatte, da reine Nachrichten meist eine geringere Halbwertzeit hätten als beispielsweise Ratgeber-Themen.

Der Wirtschaftspublizist und Medienberater Gunnar Sohn hingegen diskutierte die Vor- und Nachteile des Livestreamings, und zwar nicht nur mit den Teilnehmern seiner Barcamp-Session, sondern auch mit seinen Facebook-Zuschauern, die er per Livestream zuschaltete.

Zum Nachlesen

Die Teilnehmer des Barcamps haben die Vorträge und Diskussionen in unterschied­licher Form dokumentiert, etwa durch Blogbeiträge, Video-Mitschnitte oder einen Upload der Präsentationsfolien. Hier eine Auswahl:

 

Die Erfahrungen aller zählen

Den Barcamp-Teilnehmern wurde bald klar, dass einzelne Sessions nicht unbedingt aus vorbereiteten Vorträgen bestehen müssen, sondern vor allem vom gemeinsamen Interesse der jeweiligen Teilnehmer getragen werden. Entsprechend kamen im Laufe des Tages individuelle Erfahrungen ebenso zum Tragen wie unternehmerische Aspekte oder institutionelle Herausforderungen. Timo Stoppacher, Mitglied des DJV-Landesvorstands, ging in einer offenen Frage-Antwort-Stunde auf die Blog-Plattform Wordpress ein. Maximilian Nowroth aus der Chefredaktion der Wirtschaftswoche stellte seine Idee einer regionalen Startup-Plattform zur Diskussion, und WDR-Reporter Kai Rüsberg stellte das von der Landesanstalt für Medien geförderte MediaLab.NRW vor.

Natürlich wurde auch angesprochen, ob und wie man im Zeitalter der Digitalisierung mit Journalismus Geld verdienen kann. Andrea Hansen vom Fachausschuss Freie etwa gab Tipps zur Selbstvermarktung. Der Kommunikationsberater Kai Heddergott besprach die Chancen und Risiken des Content-Marketing (siehe dazu auch JOURNAL 3/16), und Rechtsanwalt Andri Jürgensen erläuterte, wie Digitalarbeiter in die Künstlersozialkasse aufgenommen werden. Der Informatiker Max Lüdov präsentierte die Palette digitaler Werbeblocker und erläuterte, welche Konsequenzen deren Anwendung für Medienunternehmen haben kann.

Veranstaltung mit Außenwirkung

Christina Quast und Ute Korinth haben das DJV-Barcamp komplett ehrenamtlich organisiert, von der Ortssuche über die Promotion bis zum Catering. Seit Januar waren sie hierfür aktiv, in regelmäßiger Rücksprache mit dem Fachausschuss und in stetem Austausch mit dem Team der Düsseldorfer Geschäftsstelle. Zudem akquirierten sie für das Camp zehn Sponsoren und Partnerunternehmen, sodass die Kosten der Veranstaltung gedeckt waren. „Bei Events dieser Größenordnung kommt es immer mal wieder zu Unwägbarkeiten, die Reibungen und Stress verursachen können, aber letztlich können wir stolz auf das Ergebnis sein und auf diesen Erfahrungen künftig aufbauen“, zieht Ute Korinth als stellvertretende Vorsitzende des Fachausschuss Online ein Resümee.

Statt Krisenstimmung habe man beim Barcamp Aufbruchsstimmung erlebt, statt Schwarzmalerei hätten Experimente und lösungsorientierte Herangehensweisen das Bild geprägt. Zugleich habe sich gezeigt, dass man mit neuen Veranstaltungsformaten auch „neue Gesichter“ ansprechen könne: Rund ein Drittel der Barcamp-Teilnehmer waren (noch) keine DJV-Mitglieder.

Dieses Potenzial erkannte auch der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall, der eine Professur an der HWMK hat und zum Barcamp gekommen war. Er sagte: „Dieses Barcamp ist als Veranstaltung ein Novum für den DJV. Der Resonanz zufolge ein erfolgreiches Novum.“||

Stanley Vitte

JOURNAL 4/16