Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Bildberichterstattung mit Multikoptern

Der Blick von oben...

Schon immer faszinierte den Menschen das Fliegen. Davon zeugt unter anderem die griechische Mythologie mit Dädalus und Ikarus, die sich mit selbstgebauten Schwingen in die Luft erhoben. Fliegend die Welt zu überblicken erlaubte eine ganz andere Perspektive – den sogenannten göttlichen Blick. Auch heute, wo das Fliegen selbstverständlich ist, hat die Vogelperspektive nichts von ihrer Faszination verloren. So nutzen auch Journalisten die Möglichkeit, ihren Lesern und Zuschauern mit Hilfe von Foto- und Filmaufnahmen einen besseren Überblick zu verschaffen – zum Beispiel bei Naturkatastrophen und Großveranstaltungen.

Bis vor einigen Jahren waren Flugzeuge oder Helikopter erforderlich, um an aktuelle Luftaufnahmen zu kommen. Heute stehen Berichterstattern wesentlich kostengünstigere Möglichkeiten zur Verfügung: sogenannte unbemannte Multikopter. Die Flugsysteme mit vier oder mehr Rotoren werden vom Boden aus per Funk gesteuert, erlauben senkrechtes Starten und Landen und bieten ein stabiles Flugverhalten.

Einer, der sich seit zehn Jahren mit den Möglichkeiten der unbemannten Berichterstattung aus der Luft beschäftigt, ist der freiberufliche Kameramann Uwe Grusczcynski aus Dortmund. Die ersten Experimente machte er, als sich Modellhubschrauber mit Lithium-Ionen-Akkus statt Verbrennungsmotor für ein paar Minuten in die Luft bringen ließen. Allerdings war das Flugverhalten mit einem Rotor zu instabil, so dass keine verwacklungsfreien Aufnahmen möglich waren. Grusczcynski: „Erst durch das Aufkommen von Koptern mit mindestens vier Rotoren konnte ich stabil fliegen und brauchbare Aufnahmen produzieren.“

Heute muss man kein Modellflug-Experte mehr sein, um mit Multikoptern zu arbeiten. Der Markt bietet zahlreiche Lösungen, die einsatzbereit geliefert werden. Auch finanziell ist eine Anschaffung einfacher geworden: Kopter mit integrierter 4K-Kamera und flugunterstützenden Systemen wie einer GPS-gestützten Home-Funktion kosten zwischen 800 und 2 000 Euro. Letztere stellt sicher, dass der Multikopter bei niedrigem Akkustand, Funkabbruch oder starkem Wind automatisch zum Startpunkt zurückfliegt. Auch Kameramann Grusczcynski arbeitet mit einem Fertigsystem: „Bei gutem Wetter kann man mit den preiswerten Koptern, an denen weder geschraubt noch gebastelt werden muss, ohne Probleme sendefähiges Material liefern. Sie sind leicht, klein und schnell aus dem Kofferraum geholt und einsatzbereit.“

Wer allerdings auf eine bessere Qualität nicht verzichten kann und eine Spiegelreflex-Kamera oder ein anderes größeres Kamerasystem mit seinem Multikopter bewegen möchte, der kommt auch heute nicht umhin, sich intensiver mit der Materie Modellflug auseinanderzusetzen und vor allem mehr Geld auszugeben. Auch für diesen Bereich gibt es fertige Lösungen, und Anbieter erstellen auf individuelle Wünsche angepasste Systeme. Die Kosten liegen dann allerdings bei 8 000 bis 25 000 Euro. Die enthaltene Technik ist aufwendiger zu steuern und in Stand zu halten. Wer nicht ständig Geld für den Modellbauer seines Vertrauens ausgeben will, sollte sie beherrschen (siehe unten).

Gesetze: Nur mit Erlaubnis

Neben Preis und Technik spielen bei den größeren Lösungen noch andere Aspekte eine Rolle. Denn während man in NRW für gewerblich genutzte unbemannte Flugsysteme bis fünf Kilogramm Gesamtgewicht bei der Landesluftfahrtbehörde eine allgemeine Aufstiegserlaubnis beantragen kann, die für zwei Jahre gilt und rund 250 Euro kostet, erfordern Lösungen mit mehr Gewicht immer Einzelgenehmigungen. Die kosten pro Flug 75 Euro (Antrag in beiden Fällen: Bezirksregierung Düsseldorf). Unbemannte Flugsysteme mit mehr als 25 Kilogramm werden für die zivile Nutzung nicht genehmigt.

Entscheidet man sich für eine Lösung unter fünf Kilogramm muss die allgemeine Aufstiegserlaubnis neben den persönlichen Daten des Piloten und Daten zum Fluggerät auch den Nachweis einer speziellen Haftpflichtversicherung enthalten – Kostenpunkt: circa 150 bis 400 Euro pro Jahr je nach Anbieter und Versicherungssumme.

Auch mit der allgemeinen Aufstiegserlaubnis darf man seinen Multikopter nicht überall starten und landen. Beim Start von Privat- oder Firmengrundstücken braucht der Pilot die Erlaubnis des Eigentümers. Bei öffentlichem Grund muss die Stadt oder Kommune benachrichtigt werden. Der Pilot muss außerdem ein Protokoll führen, das Ort, Datum sowie Start- und Landezeit enthält, darf eine Flughöhe von 100 Metern nicht überschreiten und nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang fliegen. Zudem dürfen ­keine Menschenmengen überflogen werden. Videobrillen, die für die Aufnahmen zahlreicher Youtube-Videos eingesetzt wurden, sind nicht erlaubt, denn der Pilot muss den Multikopter immer im Sichtfeld haben. Im kontrollierten Luftraum zum Beispiel in der Umgebung von Flughäfen darf gar nicht geflogen werden. Allerdings ist es möglich, wie für alle anderen eigentlich nicht erlaubten Flüge, Sondergenehmigungen zu bekommen.

Und wer seinen Multikopter außerhalb des angestammten Gebiets einsetzen will, sollte sich vorher über die jeweilige Gesetzeslage informieren. Das gilt nicht nur fürs Ausland, sondern bereits innerhalb von Deutschland: In einigen Bundesländern wie etwa Rheinland-Pfalz kann man seine allgemeine Aufstiegserlaubnis gegen eine Gebühr anerkennen lassen. In den Bundesländern Berlin und Hamburg sind nur Einzelgenehmigungen zu bekommen.

Wer in ein Multikopter-System investiert, sollte vor allem eins: fliegen lernen. Denn nichts ist schlimmer als seine 2 000-Euro-Drohne beim ersten Start in den nächsten Baum zu setzen. Zur Übung empfehlen sich Mini-Kopter, die schon für 15 bis 50 Euro erhältlich sind und auch im heimischen Wohnzimmer ohne Aufstiegsgenehmigung geflogen werden dürfen. Neben dem Üben zuhause ist es außerdem empfehlenswert, an einer Flugschulung teilzunehmen. Diese beinhalten neben einem theoretischen Teil auch Flugeinheiten.

Weiterführende Informationen

 

  • Kurzinformationen bietet die Landesluftfahrtbehörde zum Download an.
  • Flugschulungen bieten zum Beispiel Spectair in Düsseldorf und RC-Flyingcopter in Bielefeld.
  • Auf YouTube sind unter Stichwörtern wie Multikopter, Team Blacksheep und Costa Concordia sowie Taksimplatz Videos zu finden, bei denen der Multikoptereinsatz zu hinterfragen ist.
  • Der Blog volledrohnung.de beschäftigt sich mit dem verantwortungsvollen Einsatz von Koptern. Max Ruppert und Fabian Werba geben Seminare zum Thema./ap

 

Verantwortungsvoller Einsatz

Der verantwortungsvolle Einsatz des Fluggeräts ist ein weiteres Thema, mit dem sich künftige Kopterpiloten vor dem ersten Einsatz beschäftigen sollten. Multikopter sind noch kein alltäglicher Anblick am Himmel und können bei Menschen Ängste und Befürchtungen auslösen      – nicht nur vor einem Absturz, sondern zum Beispiel auch vor Eingriffen in die Privatsphäre beim Blick in den Garten oder durch ein Fenster in die Wohnräume.

Max Ruppert, Blogger bei volledrohnung.de und Akademischer Mitarbeiter der Hochschule der Medien in Stuttgart, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem ethischen und verantwortungsvollen Einsatz von Multikoptern und hat darüber auch Ende April bei einem Bloggersamstag in Haus Busch referiert. Seine beiden Bloggerkollegen Elke Thimm und Fabian Werba setzen Kopter schon länger ein und hatten, trotz aller behördlichen Genehmigungen, schon öfter mit aufgeregten und empörten Passanten oder Anwohnern sowie herbeigerufener Polizei zu tun. Etwa, als sie für einen Dreh im Märkischen Viertel in Berlin an einer Hausfassade entlang flogen. Zwar lassen sich solche Situationen klären, aber eigentlich sind sie vermeidbar, erklärt Ruppert: „Ein oder zwei Tage vor dem Dreh hätten die beiden Infoblätter in die Briefkästen werfen oder die Hausverwaltung bitten können, die Bewohner zu informieren.“

Negative Erfahrungen hat Kameramann Gruscszynski zwar bisher nicht gemacht. Aber er empfiehlt, beim Dreh mit dem Kopter mindestens zu zweit unterwegs zu sein. Nicht nur wegen solcher Situationen, sondern auch wegen Nachfragen von interessierten Menschen. So kann der Pilot sich ganz auf den Flug konzentrieren und das andere Teammitglied Fragen beantworten.

Nicht nur beim Einsatz in der Nähe von Menschen ist mit Bedacht vorzugehen, auch Tiere können durch einen Überflug irritiert werden. Wer eine Weide oder Wiese überfliegt, auf der sich Tiere befinden, sollte nicht zu nah an diese heranfliegen und bei Flucht-Reaktionen den Flug auf jeden Fall abbrechen. In Panik geratene Tiere wie Kühe oder Pferde können auch stabile Zäune durchbrechen, sich dabei verletzen oder auf eine Straße rennen und einen Autounfall mit Verletzten oder sogar Toten auslösen.

„Am Ende entscheidet natürlich jeder Kopterpilot selbst, wie weit er für seine Berichterstattung gehen möchte“, sagt Ruppert. „Ein verantwortungsvoller Einsatz ist aber auch im Interesse eines jeden Journalisten. Denn jeder Unfall oder fragwürdige Einsatz wird die Diskussion um eine Verschärfung der Regelungen befeuern und würde die weitere Arbeit erschweren.“ Um vor allem Einsteigern bei der Arbeit mit Koptern eine Orientierung zu bieten könnte es deshalb sinnvoll sein, einen Leitfaden zu erstellen.

Jenseits aller rechtlichen, technischen und ethischen Fragen gibt es im Vorfeld eine weitere zu klären: Lohnt sich der Kauf eines Kopters überhaupt für mich? Das hängt davon ab, was man mit dem Fluggerät erreichen möchte und wer mögliche Abnehmer sein könnten.

Neben Bild- und Filmaufnahmen gibt es weitere Einsatzmöglichkeiten für Multikopter. Zum Beispiel können sie mit Sensoren zur Messung von Strahlung oder bestimmten Stoffen in der Luft bestückt werden, um einer vermuteten Umweltverschmutzung nachzugehen oder Schadstoff-Messwerte von Behörden nach Chemieunfällen oder Bränden zu überprüfen.

Kameramann Grusczcynski hat mit seinem Multikopter bereits zahlreiche Projekte für den WDR und andere öffentlich-rechtliche Sender umgesetzt. So ist er zum Beispiel den Weg abgeflogen, den die Fussball-Mannschaft von Borussia Dortmund vom Dortmunder Westfalenstadion zum Borsigplatz bei den Feierlichkeiten von Meisterschaft und Pokalsieg 2012 zurückgelegt hat, oder hat über Windkraftanlagen berichtet. Trotzdem hat er unter dem Strich nicht mehr Aufträge bekommen, und er kann auch keine höheren Stunden- oder Tagessätze damit durchsetzen. Für ihn ist sein Multikopter ein vielseitiges Arbeitswerkzeug geworden, das ihm neue Möglichkeiten und Perspektiven eröffnet und, wie er betont: „Vor allem eines, das mir viel Spaß macht.“||

Arne Pöhnert

JOURNAL 4/16