Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Der DJV-NRW im fortwährenden Wandel – es bleibt immer was zu tun

Ein moderner Verband – was sonst?

Titelbild: Enrico Klinkebiel
Titelbild: Enrico Klinkebiel

Aufnahmegerät beiseitegelegt, schnell noch ein paar Fotos schießen und nichts wie ran an den Laptop. Radiohörer und User möchten wissen, was in NRW los ist. Nicht nur tagesaktuell. Die Taktung beim crossmedialen Arbeiten ist hoch. Die Social-Media-Kanäle und das restliche Netz wollen schnellstens gefüttert werden – aus Chefperspektive möglichst zum Nulltarif. Der Echtzeitjournalismus stresst Radiomacher ebenso wie die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Medienbereichen. Zugleich dient der Onlinemarkt Medienhäusern und freischaffenden Akteuren als gigantische Vermarktungsplattform.

Das Internet hat den Journalismus gewandelt. Der DJV muss auf Achse sein, um die rasanten Veränderungen in der Medienlandschaft rasch zu erkennen, richtig zu deuten und angemessen darauf zu reagieren. Schließlich geht es um die berufliche Existenz seiner Mitglieder.

In Düsseldorf sitzt der zweitgrößte Landesverband im DJV. 1945 unter dem Namen Rheinisch-Westfälischer Journalisten-Verband gegründet, ist der DJV-NRW mit seinen 71 Jahren recht erfahren. Und wie sich Journalisten im Laufe ihres Berufslebens auf immer neue Entwicklungen einstellen müssen, so hat auch der Verband in diesen Jahrzenten immer wieder erhebliche Anpassungsleistungen erbracht – schon allein deshalb, weil neue Mediengattungen und Berufsbilder hinzukamen. Zudem gehörte es immer zum Selbstverständnis des Landesverbands in NRW, nicht „verkrusten“ zu wollen. Im Landesvorstand saßen unter dem Strich immer Kolleginnen und Kollegen mit dem Anspruch, dass der Landesverband vorne dabei ist und nach innen und außen modern agiert. Und die auch im Bundesverband eher auf Weiterentwicklung als auf Beharren gedrängt haben. Eine solche zukunftszugewandte Einstellung der Gremienmitglieder ist wichtig in einem Verband, der so stark vom Ehrenamt getragen wird wie der DJV.

Zur Arbeit an sich selbst gehörten beim DJV-NRW auch wiederholte Satzungsaktualisierungen. Die letzte fand 2012 auf dem Gewerkschaftstag in Wuppertal statt. Im Kern unberührt blieb der Verbandszweck, „die Berufsausübung der für Presse, Hörfunk, Fernsehen, Online-Medien und bei anderen Publikationsmitteln hauptberuflich tätigen freien und angestellten Journalistinnen und Journalisten im Sinne ihrer öffentlichen Aufgabe und Verantwortung zu sichern sowie ihre mit der Berufsausübung verbundenen rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu vertreten“.

Die Aufgaben haben sich gewandelt

Diese Begriffe zeitgemäß mit Leben zu füllen, das gehört zu den Herausforderungen eines modernen Verbands. Hörfunk heute ist nicht mehr der Hörfunk von gestern und noch nicht der von morgen, und das gleiche gilt für den Journalismus als Ganzes. Längst haben sich die Aufgabenfelder für den DJV verändert, vielfach erweitert. Längst spielen die Tageszeitungen nicht mehr die übermächtige Hauptrolle in der Medienlandschaft und im Verband. Längst mussten sich die öffentlich-rechtlichen Sender mit der privaten Konkurrenz arrangieren. Längst sind die Onliner ein selbstverständlicher Teil des Berufsstands. Und längst gehen in vielen Redaktionen auch Hobbyschreiber ein und aus, die bereit sind, für kleinstes (oder gar kein) Geld zu arbeiten. Sie sind keine Klientel für den DJV. Er ist ein Verband für die Profis, die den Journalismus – in welcher Spielart auch immer – im Hauptberuf betreiben.

Ungefähr die Hälfte der DJV-Mitglieder arbeitet inzwischen freiberuflich. Und auch unter den Festangestellten sinkt die Zahl derer, die noch auf einen Flächentarif vertrauen können. Entsprechend haben sich die Arbeitsgewichte verschoben: Heute setzen Bundesverband und Landesverband NRW Schwerpunkte in Bereichen, die früher eher außen vor blieben. Der Verband musste sich öffnen, um die Breite des Berufs vertreten zu können – und damit sich die Mitglieder aller Sparten wirklich repräsentiert und willkommen fühlen. Ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Das Onlinegeschäft und die Freiberuflichkeit als große Trends: Diese Entwicklungen spiegeln sich nicht nur in der Arbeit der Geschäftsstellen und der Gremien, sie spiegeln sich auch in den Bildungs- und Seminarangeboten wider. Beim DJV-NRW stechen aus der Vorschau des zweiten Halbjahresprogramms zum Beispiel hervor: „Instagram in der Berichterstattung“, „Besser recherchieren im Netz“, „Mails verschlüsseln – sicher recherchieren“ sowie „Geld verdienen mit PR“. Der Bundesverband setzt auf Webinare, bei denen die Teilnehmenden am heimischen Schreibtisch sitzenbleiben können. Die meisten Angebote drehen sich um Themen für Freiberufler: Existenzgründung, Crowdfunding, Umsatzsteuer, Bildrechte, eBooks publizieren etc.

Screenshot DJV-Seminare
Screenshot DJV-Seminare

Einer von 620.000

Würde man hierzulande alle Vereinsregister zusammentragen, entstünde eine kilometerlange Liste mit mehr als 620.000 Vereinen, darunter auch der Deutsche Journalisten-Verband Landesverband NRW e.V. (DJV-NRW). Er bildet das Dach für 20 Orts- und Regionalvertretungen und ist zugleich der zweitgrößte Landesverband im Bundesverband./AS

Eine hauptberufliche Existenz als freier Journalist ist nicht leicht, das weiß der DJV natürlich. Und auch ein Anstellungsvertrag gibt heute nicht mehr die Sicherheit, sich langfristig im Beruf halten zu können. Abzulesen ist das auch an Austritten von Mitgliedern, die dem Journalistenberuf aus finanziellen Gründen oder wegen Aussichtslosigkeit den Rücken kehren.

Den DJV schlagkräftiger machen

Nach Jahrzehnten des Wachstums verbucht der Verband seit einigen Jahren rückläufige Mitgliederzahlen, auch in NRW. Der Landesvorstand arbeitet schon länger daran gegenzusteuern. Anlass zu hektischen Modernisierungsbemühungen oder gar Aktionismus besteht nicht. „Wir reformieren den DJV in NRW permanent“, sagt der Landesvorsitzende Frank Stach (siehe Interview). Entsprechend füllt der WDR-Hörfunk- und Fernsehjournalist ein Gutteil seines Ehrenamts damit aus, den DJV noch schlagkräftiger zu machen.

Er dreht dazu an verschiedenen Schrauben, mal zusammen mit seinem Landesvorstand, mal als Mitglied der AG Struktur. Diese Arbeitsgemeinschaft auf Bundesebene hat sich unter anderem erfolgreich dafür eingesetzt, dass der kommende Bundesverbandstag in Bonn wieder verkürzt stattfindet – zwei statt drei Tage – und dass die Zahl der Delegierten von 300 auf 200 gesenkt wurde. Die Hoffnung dahinter: mehr Dynamik und Effektivität auf Verbandstagen. Positiver Nebeneffekt: Beide Maßnahmen sparen Geld, das stattdessen in Rechtsschutz, Fortbildung, Tarifarbeit und die vielen anderen DJV-Angebote fließen kann, um gemäß dem Verbandszweck die Arbeitsbedingungen der Mitglieder zu verbessern.

Auch die Fachausschüsse will die AG auf Bundesebene umkrempeln – und sorgt damit unter Ehrenamtlern für emotionale Diskussionen. Die Struktur stamme noch aus Zeiten der heilen Welt, meint Stach, und habe wenig mit dem heutzutage turbulenten Journalismus zu tun. „Alte Geschäftsmodelle greifen nicht mehr, das Berufsbild Journalist differenziert sich immer mehr aus“, stellt Stach klar. Schrittweise und konstruktiv will er daran mitarbeiten, den DJV weiterzuentwickeln und ihm „wieder zeitgemäße Strukturen zu geben“. Den Kritikern, die alles wie bisher belassen wollen, entgegnet der Landesvorsitzende: „Veränderungen insgesamt bedeuten doch nicht, dass wir das Engagement der vielen Ehrenamtler im DJV abschaffen wollen. Im Gegenteil, sie sollen künftig effektiver ihre Ideen umsetzen können.“

Auch andere bauen um

Den eigenen Verband mit Reform vorwärtsbringen, um mit den Branchenentwicklung Schritt zuhalten – damit steht der DJV natürlich nicht alleine da. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. überarbeitet ebenfalls sein Konzept und baut um. Gegründet wurde der Verband 1825. Seine Mitglieder sind, anders als beim DJV, keine Einzelpersonen, sondern Unternehmen wie Buchhandlungen oder Verlage. Über viele Jahre tagten sie in spartengetrennten Gesprächs- beziehungsweise Arbeitskreisen. Lange Zeit ging das Konzept auf. Inzwischen greift es nicht mehr. „Vor allem durch den digitalen Wandel verwischt die Grenze zwischen Händler und Hersteller, also Sortimenter und Verleger“, erklärt Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Mit eBook, eReader und Co. drängten neue Geschäftsfelder auf den Markt.

Screenshot Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Screenshot Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Der Verband musste reagieren. Im Herbst 2014 lud er engagierte Mitglieder zur Zukunftskonferenz ein. Im darauffolgenden Frühjahr beschloss die Hauptversammlung, „die bestehenden Arbeitsgruppen und Arbeitskreise sukzessive in themenorientiert und spartenübergreifend arbeitende Interessengruppen zu überführen“, schildert Skipis den Prozess. Die jahrzehntelange Praxis, wonach Verlage, Großhändler und Buchhändler in jeweils eigenen Gremien getagt hatten, wurde „durch gemeinsames, effizientes Arbeiten abgelöst“.

Themenorientiert und spartenübergreifend treffen sich Mitglieder, die aufgrund von Expertise ausgewählt werden, nun in Interessengruppen etwa zum Thema Fachmedien oder Ratgeber. Erfolgreich, wie der Hauptgeschäftsführer feststellt. Denn sie arbeiten zügig konkrete Vorschläge aus. Aufwändige Abstimmungsprozesse entfallen, die Struktur ist äußerst flexibel. „Sobald es keinen Bedarf mehr an einer Interessengruppe geben sollte, wird diese wieder abgeschafft“, erklärt Skipis.

Die IGs beim Börsenverein sind vergleichbar mit den Kommissionen beim DJV. Auch sie arbeiten themenbezogen und spartenübergreifend, auch sie setzen sich – auf Landes- oder Bundesebene – aus besonders qualifizierten Mitgliedern zusammen und agieren bedarfsorientiert. Bislang dominieren allerdings noch die Fachausschüsse, deren Mitglieder im DJV-NRW auf zwei Jahre vom Gewerkschaftstag gewählt werden. Gibt es mehr Bewerber als Sitze, entscheidet die Stimmenzahl. Gelebte Demokratie, sagen die einen. Als verschenkte Expertise empfinden es die anderen. 

Andere Formen der Mitgliedschaft

Auch für das Thema Mitgliedergewinnung lohnt ein Blick zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Für neugegründete Firmen gibt es Schnuppermitgliedschaften zu vergünstigten Konditionen. sie können nicht auf alle Leistungen zugreifen, erhalten aber Informationen zu branchenspezifischen Rechtsfragen, sammeln handwerkliches Grundwissen und lernen Branchengepflogenheiten kennen. Die Laufzeit endet nach zwölf Monaten.

Zum modernen Gesicht des Börsenvereins gehört nicht zuletzt der „startup club“. Er ermöglicht jenen jungen und innovativen Unternehmen den Zutritt, die nicht direkt, sondern nur indirekt am Buchhandel beteiligt sind und satzungsgemäß kein Vollmitglied werden können. Grafikbüros, IT-Unternehmen und anderen Playern steht ein umfangreicher Leistungskatalog offen. Clubmitglieder profitieren zum Beispiel von wertvollen Netzwerken, Fortbildungsangeboten, Rechtsinformationen sowie der Vermittlung potenzieller Kunden. Nach Ablauf der zweijährigen Laufzeit können die Start-up-Unternehmen in eine Partnermitgliedschaft überwechseln, um weiterhin dicht am Buchgeschäft dranzubleiben.

Nicht, dass sich alle Ideen eins zu eins auf den DJV übertragen lassen. Aber der Journalistenverband kann sich davon anregen lassen, öfter mal was Neues zu probieren, wie es auch Frank Stach im Interview anregt (Seite YY).

Um vor allem auch den Nachwuchs für ehrenamtliche Mitarbeit zu gewinnen, verzichtet der Börsenverein wann immer möglich auf formalistisch geprägte und ausgedehnte Präsenzsitzungen. Wichtige Themen werden schon im Vorfeld über die sozialen Medien diskutiert. Erst zur Erarbeitung der konkreten Lösungsvorschläge kommt die Runde zusammen – entweder per Telefonkonferenz oder zu einer persönlichen Sitzung in Frankfurt, am Sitz der Bundesgeschäftsstelle.

Eine weitere Voraussetzung für effiziente Arbeit ist nach Skipis‘ Überzeugung „selbstverständlich ein professionell arbeitendes Hauptamt, dessen Rolle sich verstärken muss, um das Ehrenamt zielführend unterstützen zu können“. Er pocht auf „schnelle Strukturen, in denen man sich punktuell oder dauerhaft mit seiner Expertise einbringen kann“. Der Vernetzung und der Repräsentation schreibt der Hauptgeschäftsführer in der zukunftsorientierten Verbandsarbeit dagegen nur noch zweitrangige Rollen zu.

Abschied von vertrauten Strukturen

Die Reform im Börsenverein funktioniert, wie auch im DJV, nicht von heute auf morgen: „Veränderung heißt immer auch Abschied nehmen von vertrauten Strukturen. Das fällt jedem schwer“, erklärt Skipis. „Deshalb war es sicher eine kluge Entscheidung, den Reformprozess als iterativen Prozess aufzusetzen.“ Das heißt: ein Schritt vor, stehenbleiben, prüfen, beraten, dann erst der nächste Schritt. Der Börsenverein nimmt sich die Zeit, die er braucht, um „sowohl im Ehrenamt als auch im Hauptamt überzeugte Protagonisten des Wandels zu haben“. Von Hauruck-Verfahren hält der Hauptgeschäftsführer nichts. Er setzt auf das Miteinander.

Ein Miteinander wünschen sich auch die Ehrenamtler im DJV-NRW. Mehr als 300 der insgesamt knapp 7.000 Mitglieder tragen in der Datenbank den Vermerk „aktiv“. Viele arbeiten an mehreren Stellen mit. Hinzu kommen zum Beispiel die vielen Betriebs- und Personalräte aus dem DJV, die sich direkt in den Medienhäusern engagieren. Die Aktiven im DJV-NRW kommen aus allen Mediengattungen und Altersgruppen, wenn auch mit einem Übergewicht bei denen in der zweiten Lebenshälfte. Helene Pawlitzki, stellvertretende Vorsitzende des Pressevereins Ruhr, zählt dabei zu den jüngeren und reibt sich an einem gewissen Antagonismus zwischen Jung und Alt, den sie in den vergangenen Jahren in den DJV-Reihen beobachtet hat. Das mag an teils kontrovers geführten Debatten um den Verjüngungsprozess im Verband liegen. Und an ihrer persönlichen Perspektive: Die 29-Jährige ist Mitglied im Fachausschuss Junge Journalistinnen und Journalisten (3J) und reiste knapp zwei Jahre für den DJV-NRW als Hochschulbeauftragte durchs Land, ehe sie den Staffelstab weiterreichte.

Erfolgsformat: Der Journalistag (hier 2015 in Duisburg) zieht Studierende und gestandene Medienmacher gleichermaßen an. Foto: Udo Geisler
Auch zusammen etwas zu erarbeiten ist eine Möglichkeit der Vernetzung – wie hier beim DJV-Barcamp in Köln. Foto: Frank Sonnenberg

Für die Verbandsarbeit spielt der Nachwuchs eine zukunftstragende Rolle. Entgegen manchen Unkenrufen ist er im DJV-NRW durchaus ganz gut vertreten: Rund 22 Prozent der Mitglieder sind jünger als 40. Wobei man berücksichtigen muss, dass der Eintritt bei vielen eher spät nach einem langen Ausbildungsweg stattfindet – als endgültiger Schritt der Professionalisierung zum Beispiel nach Studium plus Volontariat oder nach längerer freiberuflicher Tätigkeit. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres registrierte die Geschäftsstelle in Düsseldorf 18 Neumitglieder zwischen 21 und 30 Jahren und fünf unter 20.

Neumitglieder zu gewinnen, speziell den Nachwuchs, ist kein Selbstläufer, betont Pawlitzki. Die Dortmunderin spürt, dass die Arbeitsbedingungen im professionellen Journalismus immer härter werden, gleichzeitig stagnieren die Honorare. Keine leichte Situation für Anfänger. Man könnte also meinen, sie über Tarifarbeit und Arbeitskämpfe oder über Aktionen zugunsten freier Journalisten für den DJV gewinnen zu können. Nein, sagt Pawlitzki. „Für jemanden, der gerade in den Beruf einsteigt, ist es erst einmal geil, überhaupt Geld dafür zu kriegen.“

Sie selbst hat sich nach Jahren als Freelancerin jüngst für eine Festanstellung entschieden und arbeitet nun als Onlineredakteurin bei der Rheinischen Post. Pawlitzki glaubt, dass der Nachwuchs von heute ungern aufmuckt und verweist auf die aktuelle Shell-Jugendstudie. In ihr nannten 95 Prozent der Befragten bei den Bildungs- und Berufserwartungen an erster Stelle den sicheren Arbeitsplatz. Ihn zu riskieren ist out.

Was ist zeitgemäß?

Tarif- und klassische Gewerkschaftsthemen ziehen also weniger, andere DJV-Angebote wie der Presseausweis, die Rechtsberatung, Brancheninformationen und Netzwerke hingegen mehr, beobachtet Pawlitzki. Darüber hinaus müsse sich sich der DJV die Frage stellen, was noch zeitgemäß ist: Wollen sich junge Leute auf einen Gewerkschaftstag setzen? Wie organisiert sich ein Ortsverein? Warum passiert nicht mehr im Netz? Welche Möglichkeiten gibt es, zwangloser miteinander in Kommunikation zu treten? Regelmäßige Treffen waren gestern, soziale Kontakte via Rechner sind heute, findet Pawlitzki.

Das deckt sich mit der Beobachtung vieler Ortsvereine, dass reine Stammtische auf Dauer oft nicht mehr ziehen. Statt dessen versuchen es einige der Regionalvereinigungen mit Besichtigungen, Diskussionen, lokalen Nutzwertangeboten und anderen gemeinsamen Aktivitäten. Das Ziel: ihren Mitgliedern nicht nur Mehrwert bieten, sondern sie vor Ort miteinander in Kontakt zu bringen und Vernetzung ermöglichen.

Auch der Landesverband hat sich die Frage nach zeitgemäßen Veranstaltungen längst gestellt und unter anderem den Journalistentag aus der Taufe gehoben, der auch für junge Menschen attraktiv ist. Zum Auftakt des jährlichen Branchentreffens bildet sich vor dem Eingang immer eine lange Warteschlange, darin auffallend viele Studierende und andere Nachwuchskräfte der Medienbranche. Zum Erfolg trägt nach Pawlitzkis Überzeugung bei, dass „der Journalistentag umsonst ist und man spannende Leute in cooler Atmosphäre trifft“. Zwar nicht ganz so groß und auch nicht umsonst, aber eindeutig am Puls der Zeit war der Landesverband auch mit seinem Journalisten-Barcamp in Köln, das Anfang Juli 100 Teilnehmende anlockte.

Aber wie kommt das Neue überhaupt auf die Agenda, und wie wird es umgesetzt? Indem Mitglieder und vor allem Ehrenamtler ihre Ideen einbringen, die Gremien überzeugen – und gegebenenfalls auch bereit sind, selbst ziemlich viel Arbeit dafür zu investieren. Klar ist dabei auch, dass nicht jeder Vorschlag „einfach freundlich durchgewunken“ wird. Man muss – beim DJV wie in anderen Strukturen – mit Vorbehalten rechnen und auch mal Widerstände überwinden, hat nicht nur Pawlitzki festgestellt. Ein Zeichen für gutes Korrektiv? Moderne um jeden Preis will die frisch gebackene Redakteurin jedenfalls auch nicht, sondern ein respektvolles Miteinander. „Der DJV funktioniert nur, wenn alle zusammenarbeiten.“

Etwas bewegen können

Der wertschätzende Umgang untereinander gehört zu den wichtigen Voraussetzungen dafür, dass Mitglieder die Mitarbeit im Verband antesten und im besten Fall auch länger dabeibleiben. Schließlich investieren Ehrenamtler persönliche Lebenszeit und Energie. Dafür möchten sie Anerkennung und das gute Gefühl, etwas bewegen zu können. Etwas bewegen kann man nicht nur mit dem Nachwuchs, sondern auch mit den ganz erfahrenen Mitgliedern. Davon ist der Landesvorstand überzeugt und will deren Erfahrungsschatz gremienunabhängig und flexibel in der AG Erfahrung zum Glänzen bringen. Die „Silvers“ sollen einspringen, wenn Unterstützung zum Beispiel bei Aktionen und Arbeitskämpfen gefragt ist.

Dabei steht der DJV-NRW mit seiner großen Zahl aktiver Mitglieder noch gut da. Insgesamt sinkt die Bereitschaft, sich in Verbänden zu engagieren, weiß Dr. Alexander Straßner, Privatdozent an der Universität Regensburg. „Seit mindestens Anfang der 1990er Jahre“ lasse sich der Prozess beobachten, erklärt der Verbandsexperte, besonders Gewerkschaften seien betroffen. Sich dort zu engagieren gilt nach seiner Einschätzung unter jungen Leuten nicht als angesagt.

„Eine ungute Entwicklung für ein politisches System“, warnt der Politikwissenschaftler. In einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung vergleicht Straßner Verbände mit Schulen der Demokratie: „Sie bündeln und wählen Interessen aus, bieten den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur Partizipation und ermöglichen eine Selbststeuerung der Gesellschaft.“ Es geht also um mehr als nur sinkende oder steigende Mitgliederzahlen von Verbänden, es geht um die Stabilität des demokratischen Systems.

Was bedeutet der Trend für den Landesverband NRW? Sollte er sich weiterhin „zugleich Gewerkschaft und Berufsverband“ nennen? „Die Dopplung des Namens ist nicht schlecht“, findet Straßner. Er würde jedoch die Reihung ändern. „Gewerkschaften wird auf modernen Arbeitsmärkten nicht mehr der Einfluss zugestanden, den sie tatsächlich haben.“ Die in der Hinsicht erfolgreichen 1970er und 1980er Jahre seien vorbei. Wenn man heute in der Altersguppe unter 35 Jahren sage, in der Gewerkschaft engagiert zu sein, „dann müssen Sie sich fast dafür entschuldigen oder werden ein bisschen mitleidig belächelt“, beobachtet Straßner.

Lieber Wale retten?

Junge Menschen engagierten sich eher andernorts, etwa bei Amnesty International oder Greenpeace. Denn im gesellschaftlichen Standing punkte gerade, wer sich für vermeintlich höherrangige Werte wie Umwelt, Naturschutz und Menschenrechte einsetze. „Jeder möchte sein Leben mit spezifischem Sinn erfüllen“, erklärt der Verbandsexperte aus Bayern. Da sei es für viele sinnerfüllender, Killerwale in Australien zurück ins Meer zu ziehen als dem Igel im Bayerischen Wald über die Straße zu helfen. Junge Menschen wollten sich heute mit ihrer Verbandszugehörigkeit schmücken und nicht – zumindest gefühlt – verstecken müssen.

Straßner sorgt das starke Ungleichgewicht beim Image von Verbänden: Wer gerade hip sei, werde mit Spenden überschüttet, alle anderen wie das Deutsche Rote Kreuz, der Paritätische Wohlfahrtsverband oder Gewerkschaften fielen hinten runter. Auch angesichts abnehmender Diskursqualität zeigt sich der Privatdozent beunruhigt: „Es fehlt das Bewusstsein, dass Demokratie und der Diskurs etwas Anstrengendes sind.“ In Netzwerken wie Facebook könne man sich am sozialen Diskurs vorbeischleichen, nur „á la carte“ an bestimmten Diskussionen teilnehmen und sich bei anderen ausklinken, kritisiert Straßner.

Nach wie vor sieht der Wissenschaftler in persönlichen Treffen die besten Netzwerke. Treffen, wie sie der DJV niederschwellig mit Journalistentag und Barcamp bietet und eben etwas sperriger mit Gewerkschaftstag oder Gremiensitzungen. Der Privatdozent mag anregende und tiefgründige Gespräche, bei denen man einander in die Augen schaut. Er betont: „Demokratie lebt vom Diskurs.“ Und von einer gewissen Streitkultur: „Sich raufen, die Ellbogen einsetzen und sich durchsetzen gegenüber dem politischen Gegner, mit dem man zwar nicht einer Meinung ist, dessen Legitimation man aber trotzdem anerkennt.“

Dazu müssen die Rahmenbedingungen stimmen, ganz gleich ob auf Konferenzen, Meetings oder Fachausschusssitzungen. Das heißt: ein rigide eingehaltenes Veranstaltungsmanagement mit kurzen Redezeiten, darüber hinaus aber die bewusst wohlwollende Unterstützung von jungen Mitgliedern. Der Verbandsexperte spricht von einer vertikalen Mobilität für Nachwuchskräfte: „Die Aufstiegsmöglichkeiten in kürzerer Zeit müssen ganz dringend auch für junge Mitglieder offen gehalten werden, auch wenn es Leuten, die schon länger im Verband sind, ungerecht erscheinen mag.“

Mitwirkung an vielen Stellen möglich

Sicherlich einer der Punkte, bei denen der DJV-NRW gut dasteht: Wer sich einbringen will, findet in der Regel schnellen Anschluss. Das betrifft nicht nur die gewählten Ämter in den zahlreichen Gremien: neun Fachausschüsse, 20 Orts- und Regionalvereinigungen, und selbst der Landesvorstand bemüht sich immer wieder aktiv um Verjüngung. Hinzu kommen informellere Möglichkeiten der Mitarbeit, etwa für einzelne Veranstaltungen oder Projekte.

Der DJV mit seinen flachen Strukturen bietet grundsätzlich jedem Mitglied die Möglichkeit, intensiv mitzureden und -zugestalten, findet auch der Bundesvorsitzende Frank Überall. Das gilt selbst für diejenigen, die ungern Posten übernehmen: „Man muss kein Amt haben, um Einfluss zu nehmen.“ Mitglieder können Projekte anstoßen und voranbringen, mit Kollegeninnen und Kollegen vor Ort diskutieren oder in sozialen Netzwerken die Debatten des DJV mit eigenen Kommentaren begleiten. Überall wirbt aber auch für eine nachhaltigere Mitarbeit: „Letztlich ist auch die Übernahme von Verantwortung in Form eines Ehrenamts eine spannende Variante.“

Für den Verband als Ganzes drängt der 45-Jährige auf mehr Beweglichkeit, um den Anschluss nicht zu verlieren. „Die Herausforderungen für unseren Berufsstand sind vielfältiger, ja bedrohlicher geworden“, sagt der Kölner. Das Mediengeschäft habe sich rasant gewandelt. Entsprechend müsse der DJV mithalten. Dafür wünscht sich der Bundesvorsitzende – neben der weiteren Modernisierung des Verbands – „intensivere inhaltliche Debatten, auch über Zustand und Zukunft des Journalismus“.
Er will in nächster Zeit viel Manpower einbringen, um „bisher vernachlässigte neue Zielgruppen“ zu erschließen. „Das gilt beispielsweise für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Produktionsfirmen oder in der journalistischen Lehre.“ Und er setzt sich ein, „dass die Stimme des DJV im vielstimmigen Konzert des gesellschaftlichen Diskurses wahrnehmbar ist und bleibt“.

Bei allem, das auch weiterhin zu tun bleibt, resümiert der Bundesvorsitzende selbstbewusst: „Wir leisten meist hervorragende gewerkschaftliche Arbeit, wir positionieren uns klar als Berufsverband.“ Von seinem Heimat-Landesverband erhofft sich Überall, dass der „weiterhin mit so viel Elan bei der Sache ist, Neues zulässt und ausprobiert, aber Bewährtes nicht über Bord wirft“.||

Angelika Staub

JOURNAL 4/16