Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Polizeipressesprecher als Schnittstelle zu den Medien

Werbeträger und Konfliktbereiniger

Beim Sonntagsdienst fiel es mir erstmals auf: Die Polizeimeldungen aus den Städten an Rhein und Ruhr waren extrem verschieden, nicht nur inhaltlich, weil auf dem Land mehr Miststreuer verunglücken, in der Stadt dafür mehr Rockerbanden ihr Unwesen treiben.

Die Düsseldorfer melden über die dpa-Tochter ots jedes Tierchen in Not und bebildern ihren Flauschcontent auch noch putzig. Die Recklinghäuser sind die Meister der kurzen Form, sachlich, knapp, ohne große Worte. Die Klever sind wie die Ameisen, fleißig melden sie auch abgetretene Autospiegel oder versuchte Wohnungseinbrüche. In Duisburg werden nur wenige „dicke“ Sachen veröffentlicht, ein Leichenfund vom Wochenende wird auch mal dienstags nachgereicht. Bei den einen könnte man die Meldung theoretisch 1:1 mitnehmen, bei den anderen muss man jedes Mal hinterher telefonieren.

Das Idealbild des Polizeisprechers

Warum arbeiten die Polizei-Pressestellen so unterschiedlich? Wenn man über uniformierte Pressesprecher nachdenkt, ist man schnell bei Marcus da Gloria Martins. Er hat bei dem Amoklauf in München im Juli wortgewandt und smart, besonnen und klug reagiert. Er sprach druckreif in die Kameras. Sein Team hatte die Social-Media-Kanäle im Griff. Martins sieht auch noch gut aus – und bringt also all das mit, wonach sich Journalisten sehnen, erst recht wenn sie fürs Bewegtbild arbeiten.

Ein guter Auftritt schafft Vertrauen – auch in der Polizeipressearbeit. Foto: txt

Aber ist er der Prototyp des Polizeipressesprechers? Vor 25 Jahren wäre die Antwort klar gewesen: sicher nicht. Da wurde derjenige Pressesprecher, der nicht schnell genug auf dem Baum war – sagt einer, der es wissen muss, damit aber nicht zitiert werden möchte. Seither ist viel passiert, seither wissen auch die Behördenleiter, dass gute Pressesprecher Werbeträger und Konfliktbereiniger sind.

Manfred Jakobi ist ein klassischer Polizei-Pressesprecher: Er hat 30 Jahre Erfahrung im Dienst, war zuletzt Todes- und Brandermittler, bevor er zum Leitungsstab in die Pressestelle der Kreispolizei Kleve kam. „Freiwillig“, wie der 53-Jährige betont. Nach zwei Wochen Lehrgang war er Pressesprecher. Den nötigen Stallgeruch für die interne Kommunikation hatte er natürlich. Und sonst?

„Ich fühlte mich gut vorbereitet“, sagt Jakobi. Er habe zwar nie in einer Redaktion hospitiert, aber dennoch ein grundlegendes Verständnis für die Profession der Journalisten. „Ich bemühe mich, an deren Zeitabläufe zu denken, deren Bedürfnisse zu erfüllen.“ Das sei ein Geben und Nehmen. Bei so einem großen Beritt wie Kleve, wo man von hü nach hott 70 Kilometer fährt, könne er nicht immer sofort zur Stelle sein. Für den O- Ton vor der Kamera fahre man sich dann auch schon mal entgegen.

Verschiedene Gegebenheiten

Aber warum veröffentlicht die Polizei in Gelsenkirchen regelmäßig Einsätze zu häuslicher Gewalt, während das in Kleve nur dann ein Thema ist, wenn es ein versuchter Totschlag wurde? Für Jakobi ist das ganz einfach: „Wir sind für 16 Städte und Gemeinden zuständig, die alle nicht sehr groß sind. Wenn so ein Einsatz in Rees-Millingen war, kann ich auch gleich den Namen des Paares schreiben.“ Die meisten Übeltäter seien nach einem zehntägigen Verweis des Hauses geläutert, „die wollen ja wieder zusammenkommen“, mutmaßt der Polizeihauptkommissar und zeigt damit Herz.

Ging es in seinem alten Job als Ermittler darum, so präzise wie möglich zu sein, im Gutachterstil sachlich zu formulieren, so müsse er jetzt auch mal ungenau sein – etwa um die Geschädigten nicht zu kompromittieren oder um die weitere Ermittlungsarbeit nicht zu gefährden. Zuviel Täterwissen dürfe natürlich auch nicht veröffentlicht werden. Wie viele von den Einsätzen er per ots kommuniziert, sei eine Frage des Fingerspitzengefühls, der Gewichtung, der Zeit, Behördenphilosophie.

Das Sicherheitsgefühl einer Stadt, das maßgeblich von den Nachrichten und sich herumsprechenden Ereignissen geprägt wird – es treibt auch die Beamten um. Rausgejagt wird natürlich jede Fahndung, bei der die Polizei auf Hinweise aus der Bevölkerung hofft. „Veröffentlichen wir etwas nicht, wird uns vorgeworfen, wir würden Dinge verheimlichen, verharmlosen, tun wir es doch, verunsichert das vielleicht die Bürger. Schreibe ich ots-Meldungen, um Quantitätsansprüchen zu genügen? Um Journalisten zu gefallen?“, ergänzt Jan Schabacker, Pressesprecher des Landesamts Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) und zeigt damit das Dilemma auf. Nicht zu vergessen die ewige Diskussion, ob man die (bekannte oder mutmaßliche) Nationalität eines Tatverdächtigen nennen soll.

Im konkreten Fall hilft oft Erfahrung: Das angezeigte Sexualdelikt entpuppe sich schon mal als Vertuschungsversuch eines One-Night-Stands, erzählt der Klever Jakobi. Da wartet er manch mal lieber die Ermittlungen ab, als sofort eine ots zu schreiben. Auch, damit die Kollegen entlastende Momente für den Tatverdächtigen herausarbeiten können.

Unausrottbare Räuberpistolen

Ein anderes Problem seien die sich verselbständigenden Geschichten, die „Räuberpistolen“, die unausrottbar seien. „Früher waren das die Geschichten über Abziehbildchen, die mit LSD präpariert sind, um Leute anzufixen“, beschreibt Jakobi. Heute sei es in allen Städten Deutschlands der ewige weiße Lieferwagen, der vorzugsweise von Bulgaren oder Rumänen gesteuert werde mit dem Ziel, Kinder zu kidnappen für den Organhandel. Jedes Mal das gleiche Schema: Es fehlt zwar zum Glück kein Kind, aber Zeugen gibt es genug, die etwas gesehen haben wollen. Geschichten, von interessierter Stelle zur Panikmache in die Welt gesetzt, sagt Jakobi.

Fantasiegeschichten und Hoaxe sind in den sozialen Netzwerken reichlich unterwegs. Manche Polizeidienststelle twittert dagegen an, aber längst noch nicht alle. „Das kann man halt nicht personalneutral machen“, sagt Jakobi. Dennoch müsse man sich da bald bewegen.

Inzwischen gibt es Accounts für alle Behörden des Landes. So wolle man Einheitlichkeit herstellen, erklärt Wolfgang Beus, Pressesprecher im Ministerium für Inneres und Kommunales und selbst Polizist. Wie Twitter künftig in der Polizeiarbeit genutzt werde, sei aber eine Entscheidung der jeweiligen Behördenleitung. Einige Polizeibehörden im Land, unter anderem Düsseldorf, haben Stellen für „zivile“ Journalisten ausgeschrieben, um die Polizei-Pressestellen für die Social-Media-Strategien zu verstärken.

Der Amoklauf in München hat gezeigt, dass die klassische Pressearbeit bei akuten Lagen nur am Rande eine Rolle spielt: „Bis Mitternacht gab es zwei Presseerklärungen, in der die Twitter-Inhalte wiederholt wurden“ erinnert sich Wolfgang Beus. Die Hauptinformationen für die Bevölkerung seien über Twitter und Facebook gelaufen, die Pressekonferenz lieferte O-Töne.

Solche Lagen sind zum Glück selten. Mit ihrer alltäglichen Auswahl an Meldungen kann die Polizei das Sicherheitsgefühl der Menschen allerdings auch beeinflussen: Wenn der Junkie auf frischer Tat beim Autoaufbruch erwischt wurde, der Mörder dank penibler Ermittlungsarbeit gefasst werden konnte, dann ist das Werbung in eigener Sache: Seht her, wir machen unseren Job, und zwar erfolgreich. Du, Bürger, kannst dich entspannt zurücklehnen. Die Polizei, dein Freund und Helfer.

Der Grat ist aber schmal. Stehen zu viele Überfälle, Einbrüche und andere Straftaten in den ots- Nachrichten und rutschen darüber in automatisch befüllte Facebook-Accounts, beschleicht den Leser schnell ein Unsicherheitsgefühl.

Arbeitsgrundlage ist unabhängig vom Kanal der Medienerlass NRW, der Verhaltensgrundsätze der Polizisten benennt, aber mit dem ange hängten Pressekodex auch deutlich macht, wie die andere Seite tickt. Ergänzend gibt es ein Handbuch, das als Basis in vielen Dienststellen liegt: die „Pressearbeit der Polizei“. Einer der Autoren ist LZPD-Pressesprecher Jan Schabacker.

Handbuch mit zeitlos Wichtigem

In dem Handbuch geht es ums Handwerk wie das Schreiben einer Agentur-Meldung, um Rechtsgrundlagen, das Auftreten vor der Kamera, die Organisation von Pressekonferenzen, den Umgang mit Konfliktsituationen. Zeitlos Wichtiges. Die dritte Auflage – als E-Book erschienen – hat Schabacker 2012 um den Bereich Social Media erweitert, ein weiteres Update wäre längst fällig. In der Erstauflage gab es ots noch nicht, dafür den Fax-Verteiler. Die Polizei war damals der „starke Mann“, heute muss sie sich um Werbung und Imagepflege Gedanken machen. Will sie modern wirken, kommt sie an Social Media kaum noch vorbei. Noch sei der Altersschnitt in einigen Behörden zu hoch, sagt Schabacker. Aber der demografische Wandel werde in wenigen Jahren dafür sorgen, dass mit jüngeren Kollegen das Know-how auch in die letzte Wache zieht. Der Negativeffekt des Generationenwechsels: Geballte Erfahrung geht in Rente.

Jan Schabacker ist erst 47 Jahre alt. Er hat in unterschiedlichen Funktionen mit der Bereitschaftspolizei, als Pressesprecher im Innenministerium oder jetzt im LZPD prägende Ereignisse miterlebt: 9/11, die Loveparade, die Silvesternacht von Köln. Gerade die erste Pressekonferenz nach der Loveparade- Tragödie sei das Negativ- Beispiel schlechthin.

„Da kann man nur draus lernen.“ Einen Entwicklungsschub löste das Gladbecker Geiseldrama aus: „Danach wurden hauptamtliche Pressesprecher eingeführt, es hat sich ein anderer Umgang mit den Medien entwickelt“, hat Schabacker beobachtet. Ein grundlegendes Verständnis für die Zwänge der jeweils anderen Seite sei zwingend nötig für ein gedeihliches Miteinander.

Die andere Seite, das sind wir, die Journalisten. „Ihre Rolle ist es, kritisch auf unsere Arbeit zu gucken“, sagt Jan Schabacker. „Dass es ihnen nicht darum geht, unsere polizeilichen Erfolge positiv darzustellen, muss den Polizeipressesprechern klar sein.“ Deshalb ist eine gewisse Distanz weiter nötig. Aber Polizisten, die ich persönlich kenne, erzählen mir viel eher Hintergründe und erklären, warum sie mit Infos hinter dem Berg halten. Das Vertrauen gebe ich zurück. Dafür werde ich auch abends privat noch angerufen, damit ich auf dem Laufenden bin, eventuell online noch was Aktuelles nachschieben kann.

Dieses Vertrauen sei aber brüchig, warnt Jan Schabacker. „Heute laufen wir immer mehr Gefahr, dass vertrauliche Infos doch durchsickern und am nächsten Tag veröffentlicht werden.“ Verbrannte Erde hinterlassen sei übrigens keine Spezialdisziplin der Boulevard-Medien. In Sachen Qualifikation gibt es wohl auf beiden Seiten Potenzial.

Erwartungen der Öffentlichkeit

Fehlerkultur ist bei der Polizei eh kein einfaches Thema, sagt Schabacker. Die Öffentlichkeit erwarte ähnlich wie beim Arzt, dass man im Einsatz alles richtig macht, ist aber neugierig und hält mit dem Smartphone drauf. Immer mehr Menschen stellen Videoschnipsel von Einsätzen ins Netz, bringen die Polizei in Erklärungsnot.

Bodycams, die in einigen Ländern schon eingesetzt werden, könnten das Dilemma auflösen, das oft eine Frage der Perspektive ist: „Sie sehen in den Clips immer nur einen Ausschnitt, kennen nicht die Vorgeschichte“, sagt Schabacker und erzählt von einem Mann, der bei einer Verfolgungsjagd frontal vor einen Baum krachte, aus dem völlig zerstörten Auto krabbelte und wie ein Wilder auf die Beamten losging. „Wer gefilmt hätte, wie ich den Mann gefesselt ins Auto bugsiere, der hätte einen völlig falschen Eindruck bekommen. Denn er hatte halluzinogene Pilze konsumiert, entwickelte Bärenkräfte und war kaum zu bändigen.“

Das nächste Dilemma für Polizeipressesprecher tut sich beim Thema Fotos auf. Einerseits wollen Polizisten keinem Fotografen den Job wegnehmen. Andererseits ist manches Motiv ein Marketinginstrument, auf das man im Sinne einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit nicht verzichten kann, bedauert Schabacker (siehe auch Kasten rechts).

Dauerbrenner Polizeifotos

Als Teil ihrer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit stellen Polizei und Feuerwehr häufig Fotos zur Verfügung, die bei Einsätzen und Übungen entstanden sind. Notorisch klamme Redaktionen nutzen den Service gerne. Allerdings bleibt so ein Stück der Kontrollfunktion auf der Strecke, die eine wichtige Aufgabe von Journalismus ist. Zudem geht damit für manchen freien Bildjournalisten eine wichtige Einkommensquelle verloren. Der DJV hat deswegen wiederholt den Dialog mit den Rettungskräften gesucht (siehe auch JOURNAL 1/2012). Heute wird das Arbeitsfeld der „Blaulichtjournalisten“ allerdings längst von anderer Seite angegraben: Passanten halten bei Polizei- und Rettungseinsätzen mit dem Smartphone drauf und veröffentlichen die Bilder im Netz. /cbl

Angst vor Shitstorms hätten manche Kollegen natürlich auch. Deshalb gelte als Regel bei jenen Behörden, die soziale Kanäle bedienen, dass auch 24/7 drauf geguckt werde. „Bei sensiblen Themen hatten wir aber auch früher schon durch Leserbriefe in mehreren Zeitungen gleich zeitig Shitstorms – halt im Hardware-Format.“

Bliebe noch die Frage nach den Dienstzeiten der Pressestellen, die sich oft nicht mit den Redaktionszeiten decken. „Pressestellen rund um die Uhr zu besetzen, das wäre an vielen Standorten kein verantwortungsvoller Umgang mit Personal, das müsste ja auch der Steuerzahler tragen“, gibt Schabacker zu bedenken. In den Randzeiten sei die Leitstelle besetzt und helfe weiter, viele Pressesprecher machten ihren Job aber mit so viel Leidenschaft, dass sie auch von daheim aus arbeiten oder zum nächtlichen Einsatz rausfahren würden. Das haben sie mit uns Journalisten gemein.||

Annette Kalscheur

 

JOURNAL 5/16