Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Feste, Freie und Publikum – alle müssen viel Neues wegstecken

WDR: Reform jagt Reform jagt Reform...

Wer dieser Tage mit anderen über den WDRspricht, stößt auf viel Unzufriedenheit – bei Beschäftigten und freien Mitarbeitern genauso wie bei denen, für die das Programm gemacht wird. Es sind die Spuren der umfangreichen Reformen, die der WDR seit einiger Zeit durchführt (siehe unter anderem JOURNAL 5/14 bis 4/15) und für die kein Ende absehbar scheint. Ob Fernsehen, Radio oder Internet – alles wird auf den Kopf gestellt. Die Berichterstattung soll schneller, einheitlicher und übersichtlicher werden. Außerdem sollen bislang vernachlässigte Bereiche wie Internet und soziale Medien ausgebaut werden. Zugleich streicht der Sender bis 2020 rund 500 Stellen und sortiert Arbeitsplätze im großen Umfang räumlich um. Unter anderem soll die gesamte Programmgruppe Aktuelles Fernsehen (Aktuelle Stunde, WDR aktuell und WDR extra) aus dem Studio Düsseldorf bis 2021 ins dann sanierte Filmhaus in der Kölner Innenstadt ziehen.

„Crossmediale Leuchtturmprojekte“

Umziehen steht auch für die Programmbereiche Sport, Wissenschaft sowie Wirtschaft und Service auf der Agenda, um die Redaktionen von Radio, Fernsehen und Internet Verkehrs- und Wetterthemen an einem Standort in Köln zusammenzuführen. Denn der WDR will in diesen drei Programmbereichen die Berichterstattung enger verzahnen und hat sie zu „crossmedialen

Leuchtturmprojekten“ erhoben. Sie sollen im Frühjahr 2017 starten. Für die Beschäftigten heißt das unter anderem: neues Arbeitsumfeld wie etwa Großraumbüro, neue Arbeitsweisen für Redakteure und Autoren, immer mehr Technik.

Obwohl der WDR betont, dass Crossmedia kein Sparmodell sei, verhandeln Sender und Gewerkschaften seit Jahresbeginn über neue Honorarmodelle, die die künftige crossmediale Arbeitsweise der freien Mitarbeiter abbilden sollen. Denn der WDR sieht Synergieeffekte, wenn ein Autor ein Thema für Radio, Fernsehen und Internet umsetzt, und möchte (eigentlich schon lange) entsprechend niedrigere Honorare durchsetzen.

Erste Erfahrungen mit dem crossmedialen Arbeiten sammeln Sender und Gewerkschaften bereits im Studio Wuppertal, wo freie Mitarbeiter in einem Modellprojekt als crossmediale Reporter im Einsatz sind: Sie müssen mindestens zwei Ausspielwege bedienen, etwa Hörfunk und Internet, Fernsehen und Internet oder Hörfunk und Fernsehen. Für die Pilotphase haben Gewerkschaften und Sender sich in langen und harten Verhandlungen auf eine spezielles Honorarmodell geeinigt. Es hält im Grundsatz an der bewährten werkbezogenen Honorierung fest, verknüpft diese aber mit Rabatten für crossmediale Verwendung. Entwickelt hatte es der DJV zusammen mit den betroffenen Freien, weil der Wunsch des Senders – Umstieg auf ein Pauschalenmodell – ein eklatanter Bruch im bisherigen Honorargefüge gewesen wäre. Ob sich dieses Modell auf andere Programmbereiche des WDR übertragen lässt, bleibt jedoch abzuwarten, bis die Evaluierung abgeschlossen ist.

Nicht einfach zu übertragen

Aktuell verhandeln beide Seiten für den Programmbereich Wissenschaft. Auch hier soll ein eigenes Honorarmodell entwickelt werden. Der WDR möchte das dann auch auf die Bereiche Sport sowie Wirtschaft und Service übertragen. Das könnte jedoch schwierig werden, weil jeder Bereich anders arbeitet. Nicht überall lassen sich Themen gleichermaßen für verschiedene Ausspielkanäle absetzen.

So gibt es in der Wissenschaft mit Leonardo auf WDR 5 von montags bis freitags eine zweistündige Hörfunksendung, die auch auf tagesaktuelle Themen eingeht, ebenso wie die Fernsehsendung nano auf 3sat. Wenn der WDR seine Zulieferungen an 3sat jedoch Ende 2016 zurückzieht, wie er es aus Kostengründen plant, entfiele das tagesaktuelle Wissenschaftsformat im Fernsehen. Im Bereich Wirtschaft und Service gibt es im Hörfunk ein tagesaktuelles Wirtschaftsmagazin (Profit), im Fernsehen eine tägliche Servicesendung (Servicezeit) sowie ein wöchentliches Wirtschafts- und Verbrauchermagazin (Markt). Im Sport wiederum müssen zum Beispiel bei Spielen der Fußballbundesliga Hörfunk, Fernsehen und Internet so schnell bedient werden, dass es für einen Freien gar nicht zu schaffen ist. Entsprechend schwierig dürfte es werden, ein „Eins-für-alle“-Modell zu entwickeln.

Das Programm ändert sich

Folgen haben die unterschiedlichen Reformen natürlich nicht nur für feste und freie Mitarbeiter. Sie hinterlassen Spuren im Programm und betreffen damit auch die Mediennutzer. Auch die müssen vor allem im Hörfunk mit viel Veränderung klarkommen. Wer zu unzufrieden wird, kann nur die Welle oder gleich den Sender wechseln.

Umstritten ist etwa die Programmreform bei Funkhaus Europa. Zwar wurde mit Refugee Radio, einem Angebot speziell für Flüchtlinge, das arabisch-sprachige Angebot auf dieser Welle ausgebaut. Dafür wurden andere Fremdsprachensendungen auf ungünstige Sendeplätze verschoben und viele spezielle Musikformate in der täglichen Zweistundensendung Soundcheck zusammengefasst. Die Kürzung des Etats für 2016 um eine halbe Million Euro gegenüber dem Vorjahr lässt grüßen.

Gravierend auch die Veränderungen bei WDR 2: Hier gibt es seit März kaum noch gebaute Beiträge, statt dessen sind vorwiegend Kollegengespräche zu hören. In der Folge hat sich die Hörfunkwelle von zum Teil langjährigen freien Mitarbeitern getrennt. Ein Einkommensverlust, der für die Betroffenen nicht ohne weiteres wettzumachen ist.

Auch sonst ist manches neu bei WDR 2: Morgens begrüßen betont muntere Gespräche zwischen Haupt- und Co-Moderatoren die Hörer. Letztere sind als „Sidekicks“ für Verkehrs- und Wetterthemen zuständig. Für die regionalen Informationen wurde die aus dem Fernsehen bekannte Marke Lokalzeit in den Hörfunk implementiert.

Die Lücke, die nach der letzten Reform montags bis freitags über Mittag entstanden war, wurde inzwischen geschlossen. Dafür wurden allerdings die Sendungen am Samstagmorgen gestrichen. Außerdem sind weniger Themen und mehr Wiederholungen zu hören.

Nachrichten: kürzer und zeitversetzt

Während WDR 2 live mehr macht, machen die Nachrichten weniger. Denn der WDR hat dieses Kernstück des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks Anfang Juli reformiert. Da wundert sich mancher Hörer, der zur vollen Stunde etwa die Nachrichten auf WDR 5 einschaltet und dann durch die Wellen zappt, dass er genau die gleichen Nachrichten 35 Sekunden später auf WDR 2 hört. Die Lösung lautet: Sie werden heute vorab aufgezeichnet, so dass sie zeitversetzt gesendet werden können. Für viele Radiomacher ein echtes Sakrileg.

Außerdem sind die Nachrichten jetzt mit rund dreieinhalb Minuten deutlich kürzer als zuvor, um die Formate verschiedener Wellen zusammenlegen zu können. So haben in der Primetime am Morgen WDR 2 und 4 sowie WDR 3 und 5 jeweils ein eigenes Format. Ab zehn Uhr gibt es dann nur noch eine Nachrichtensendung für alle Wellen. Lediglich Eins Live hat seine „ Infos“ behalten.

Verändert hat sich nicht zuletzt die Struktur der Hörfunknachrichten. Sie beginnen häufig mit einem O-Ton, behandeln meist zwei Themen ausführlich mit weiteren O-Tönen, gehen weiter mit kurzen Meldungen und enden mit einer „Meldung aus Nordrhein-Westfalen“. Dieses starre Format grenzt die journalistischen Spielräume der Redaktion ein und erweckt beim Hörer den Eindruck, dass Format vor Inhalt geht. Oder wie es eine Radiokollegin formulierte: „Die Nachrichten beim WDR klingen jetzt wie die aus den Anfangszeiten der Lokalradios in den 1990er Jahren.“

Für die freien Mitarbeiter bedeuten all diese Reformen weniger Beschäftigungsmöglichkeiten beim WDR – und für die Mediennutzer weniger Vielfalt.||KR/SB

JOURNAL 5/16