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Snapchat

Ein flüchtiger Geist

Screenshot

Neben Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp weckt ein kleines gelbes Gespenst die Aufmerksamkeit der Medien: Snapchat. Einige Redaktionen betreiben bereits eigene Kanäle. Dabei handelt es sich überwiegend um erste Gehversuche – aus Spaß an der Freude.

Verglichen mit den Dinos der sozialen Netzwerke ist Snapchat klein, jung und wendig (vgl. auch JOURNAL 1/16). Gestartet 2011 erreicht es vor allem die Jüngeren: Laut ARD/ZDF-Onlinestudie nutzt hierzulande fast die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen regelmäßig diesen kostenlosen Messenger – wohl auch, um sich von der älteren Generation abzugrenzen, die sich vorwiegend auf Facebook bewegt. Über alle Altersgruppen hinweg sind derzeit sechs Prozent der Onliner bei Snapchat.

Der große Unterschied zu Facebook, Instagram und Co: Die Inhalte sind flüchtig. Texte, Bilder und Videos auf Snapchat löschen sich nach dem Ansehen – eben wie von Geisterhand. Videos dürfen zudem maximal zehn Sekunden lang sein. Neben Chats unter Freunden mit allen möglichen Spielereien ermöglicht die App auch, sogenannte Storys einzustellen. Hier wird es interessant für Medien: Storys bestehen aus aneinandergehängten Snaps und können multimedial Geschichten erzählen. Länger als 24 Stunden sind sie allerdings nicht abrufbar. Snapchat hat zwar eigens für redaktionelle Beiträge einen „Discover“-Bereich eingerichtet, auf dem sich Marken wie CNN, Vice und National Geographic tummeln. Die Funktion wurde inzwischen auch für Redaktionen außerhalb der USA geöffnet. Aber wegen des hohen Aufwands für multimedial aufbereitete Inhalte und der ungewissen Erlösaussichten seien die deutschen Verlage zurückhaltend, berichtete der Branchendienst Meedia im November.

Der neue Kanal wird ausprobiert

Unabhängig davon ist Snapchat auch Zeitungsmachern in NRW ein Begriff. „Wir haben einen Kanal, den wir testen“, sagt Inga Methling vom Express. Mit Snaps vom Kölner Summerjam-Festival erreichten die Sommerreporter des Boulevardblatts Methling zufolge im Juli rund 500 Follower. „Auch wenn sich damit jetzt noch kein Geld verdienen lässt, sehen wir: Es ist ein neuer Kanal mit hohen Zuwachsraten.“

Ähnlich äußert sich Carsten Voß von den Westfälischen Nachrichten. Auch dort hat man sich entschieden, den Kanal auszuprobieren – mit jungen Themen und jungen Snapchattern. Was daraus werden wird? Noch offen. „Wenn es einen langfristig nicht weiterbringt, muss man es auch wieder lassen dürfen“, sagt Voß.

Annette Kalscheur snapchattet seit Anfang des Jahres immer mal wieder für die WAZ Duisburg. Im Januar hat sie zusammen mit einer Volontärin eine Woche lang jeden Tag „Snaportagen“ produziert. In kurzweiligen, aber teils auch holperigen Hochkant-Storys berichteten sie über Berufspraktika von Schülern. Kalscheur glaubt: „Man muss nicht perfekt sein. Dafür aber authentisch.“ Zugeschaut haben übrigens nicht nur junge Leute. „Unter den Followern von wazduisburg waren lustigerweise auch viele Kollegen aus der Medienbranche“, erzählt Kalscheur, die das aber völlig in Ordnung findet. „Alle machen trial and error.“

Seit Juni betreibt die Rheinische Post den Snapchat-Kanal „rposnaps“. Dort geht man durchaus ambitioniert an die Sache, ein Reporter berichtete gar vom Brexit-Day aus London. Die Abrufzahlen liegen laut Daniel Fiene im guten dreistelligen Bereich – für erste Erfahrungen auf Snapchat, dessen Nutzer keine große Schnittmenge mit den Zeitungslesern bilden, ist das eine ordentliche Zahl. „Snapchat ist ein großer Lernbereich für uns“, sagt Fiene, der gerade auch einen Podcast bei der Rheinischen Post gestartet hat (siehe Seite xx). „Hier üben wir sequenzielles Erzählen.“ Er ist sich sicher, „dass wir noch viel mehr spannende Formate erleben werden. Im Grunde durchlaufen wir gerade eine öffentliche Weiterbildung“.||

Anna von Garmissen

JOURNAL 6/16

„Der Mut fehlt“– Redaktionen brauchen mehr Experimentierfreude

Philipp Steuer ist Social-Media-Experte. Der studierte Onlineredakteur gehört mit 25 Jahren zur sogenannten Millennial-Generation und hat Anfang 2016 das kostenlose E-Book „Snap me if you can“ veröffentlicht. Die Snapchat-Anleitung wurde inzwischen knapp 20 000mal heruntergeladen (unter snapmeifyoucan.net). Sein Geld verdient Steuer als Unternehmer für Werbung in der virtuellen Realität sowie als Berater und Redner.

JOURNAL: Herr Steuer, haben Sie WhatsApp-Newsletter von Tageszeitungen abonniert?

Philipp Steuer: Ja, das hatte ich. Aber ich habe mich von allen wieder abgemeldet, weil ich so genervt war.

JOURNAL: Was hat Sie genervt?

Steuer: Die Frequenz. WhatsApp ist eine der wenigen Apps, die ich laut gestellt habe, weil mich darüber auch meine Freunde erreichen. Die permanenten Newsletter der Zeitungen waren mir einfach zu viel. Das ging zu weit in die Privatsphäre.

JOURNAL: Worauf sollten Zeitungen bei ihren Messenger-Newslettern achten?

Steuer: Sie sollten in Maßen verschickt werden und nicht mit Emojis überfrachtet sein. Es spricht nie etwas dagegen, Tests zu machen. Doch man sollte am Anfang nicht zu viel wollen, sonst fühlen die Leute sich gestört.

JOURNAL: Sollten Zeitungen auch Bots nutzen, also automatisierte Programme wie etwa den Chat-Bot Resi (siehe journalist 9 – 10/16), der Nachrichten im Messenger-Stil schickt?

Steuer: Wenn die Qualität stimmt, unbedingt. Darin liegt die Zukunft. Zeitungen sollten das einfach mal ausprobieren. Zum Beispiel können sie dem Nutzer per Bot fünf Artikel zu einem Thema anbieten, aus denen er dann einen auswählt. Auch Chatbots, die mit den Lesern in Dialog treten, sind spannend. Man muss kreativ sein.

JOURNAL: Sie beschäftigen sich viel mit Snapchat. Wie sehen Sie hier das Engagement der Zeitungen?

Steuer: Vor einem Jahr habe ich angefangen zu predigen, dass man sich mit Snapchat auseinandersetzen muss. Jetzt laufen die Testphasen. Wichtig ist vor allem, Inhalte snapchat-gerecht aufzubereiten. Das ist für Regionalzeitungen schwierig, weil sie viele ältere Leser haben. Außerdem ist es für sie ein Problem, dass die Inhalte nur 24 Stunden da sind. Konservativen Verlagsmanagern erschließt sich der Nutzen da noch weniger. Die haben schon Schwierigkeiten mit YouTube. Wie sollen sie da zielgruppengerecht bei Snapchat einsteigen? Für mich ist das mal wieder ein typisch deutsches Problem.

JOURNAL: Inwiefern?

Steuer:Wir hinken hinterher. In den USA ist die Medienbranche wesentlich experimentierfreudiger. Hier haben wir Angst vor dem Digitalen. Der Mut fehlt.

JOURNAL: Was würden Sie Zeitungen raten?

Steuer: Sie sollten genau schauen, welche Nutzer sie erreichen möchten, und ihre Inhalte dahingehend optimieren. Klar muss aber auch sein: Snapchat wird nicht gleich zu tausenden neuen Abos führen. Es ist erst einmal ein Instrument zur Markenbindung. Für Snapchat-Projekte gilt: Reaktionen abwarten und dann stetig und entspannt weitermachen.

JOURNAL: Mit dem „Stetigen“ ist es so eine Sache. Viele Verlage probieren Snapchat an einem konkreten Projekt aus und machen dann erst mal Pause.

Steuer: Das ist ein typischer Fehler. Mit Snapchat ist es wie mit jedem anderen neuen Netzwerk: Man muss es kontinuierlich bespielen und seinen Kanal am Leben erhalten.||

Die Fragen stellte Anna von Garmissen.

JOURNAL 6/16