Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Eine Branche im Umbruch - Krise oder Chance?

Projekt des Instituts für Journalismus und Public Relations: Erstsemester interviewen Medienprofis

Insgesamt 26 Studentinnen und Studenten der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen haben den Journalistentag 2013 im Dortmunder U dafür genutzt, Interviews mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Journalismusbereich zu führen. Das Thema der Erstsemester lautete: "Eine Branche im Umbruch - Krise oder Chance?"

 

Die befragten Medienprofis sind nach Angaben der Nachwuchsjournalisten sehr auskunftsbereit und freundlich gewesen. Herausgekommen ist eine zwar nicht repräsentative, aber gleichwohl vielstimmige und überwiegend zuversichtliche Innenansicht des Berufsstandes Journalismus.

 

Die Fragesteller - Studierende des Instituts für Journalismus und Public Relations - gehören einem Seminar des Lehrbeauftragten Herbert Spies an. Sie sollten beim Journalistentag üben, Interviews zu führen. Diese sind inzwischen benotet und können veröffentlicht werden. Der DJV-NRW freut sich, die Ergebnisse der Befragung auf seinen Webseiten präsentieren zu können.

Benita Daube sprach mit Werner Hinse (57).

Hinse ist Autor, freier Journalist und Dozent in Hagen und war zuvor bis 2002 Redaktionsleiter bei der Dülmener Zeitung.

 

 

„Ich würde mir überhaupt gar keine Sorgen machen“

Beim Journalistentag geht es um das Thema „Journalismus auf neuen Wegen“. Inwieweit sind die freien Journalisten betroffen?

Allein wenn man den Raum um Dortmund sieht, (…) sind wir bei 120 Festangestellten und ungefähr 200 Freien, die sich neu orientieren müssen.

 

Würden Sie den Wandel der Branche eher als Krise bezeichnen, ist es vielleicht auch eine Chance oder stehen Sie dazwischen, indem Sie sagen: „So ist es halt.“

Für eine Masse Leute ist es eine Katastrophe. Es gibt festangestellte Kollegen, (…) die sich einfach schlecht verkaufen da draußen. Die sind definitiv die Leidtragenden dieses Systems. Aber nein, für mich ist das keine Krise.
Für die Redakteure, die in die Freiberuflichkeit gehen, ist die Konkurrenz natürlich groß.

 

Ist die Situation so, dass man irgendwann sogar am Existenzminimum steht?

Das könnte sein, wenn man in bestimmten Bereichen unterwegs ist. Der Tageszeitungssektor zum Beispiel scheidet für (…) 95 Prozent der Leute aus. Das ist nur etwas fürs Image. Ich glaube, dass ein Großteil der Kollegen in die Öffentlichkeitsarbeit auswandert und sich Nischen sucht.

 

Sehen Sie denn auch Konsequenzen für sich persönlich? Irgendwann wird Ihnen doch sicher auch Ihr Beruf streitig gemacht werden, oder nicht?

Nein, das sehe ich nicht so. Weil wir uns alle verteilen. Wenn ich sehe, ich verdiene in dem einen Gebiet kein Geld mehr, suche ich mir ein neues.

 

Sie sprechen von der „Solidarisierung der Freien“. Ist die lebensnotwendig?

Ja. Ohne ein Netzwerk läuft das Ganze nicht. Der Deutsche Journalistenverband gibt Freien Rechtsschutz. Ich lebe im Prinzip durch mein Netzwerk.

 

Wir Nachwuchsjournalisten werden ja sicher nicht alle eine Festanstellung bekommen…

Sie müssen ein gutes Selbstbewusstsein entwickeln. Wenn Ihre Fertigkeiten auf dem Markt verkaufsfähig sind – wo ist das Problem? Nischen nehmen viele Leute auf. Ich würde mir überhaupt gar keine Sorgen machen! Es kommt noch etwas dazu, das ist (…) ein generelles Thema: Der demografische Faktor. Gucken Sie sich an, wie wenige Sie noch sind. Die knien doch jetzt schon vor Ihnen! Sie werden keine Jobnot haben. Dieses Gejammere kann ich nicht mehr hören. Anstatt dass die Leute einfach mal rechnerisch recherchieren, wie ihre Zukunft aussieht. Also: Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein. Und schreiben kann man lernen. Das ist Handwerk.

Jan Kawelke sprach mit Liane Rapp (48).

Rapp leitet seit 2009 ihr eigenes Redaktionsbüro in Solingen und schreibt für diverse Magazine und Zeitungen. Außerdem bietet Rapp Unternehmen strategische Planung und Umsetzung der Mediaarbeit an. In ihrer Karriere arbeitete Liane Rapp unter anderem für RTL, Bild der Frau, Petra und den WDR. Beim Journalistentag in Dortmund moderierte sie die Talkrunde zum Thema Self-publishing. Mit dabei waren: Andreas Altman, Amelie Fried, Hilke-Gesa Bußmann, Dr. Maren Gottschalk und Gisa Klönne.

 

 

High-Noon-Pose: Journalisten müssen sich breit aufstellen

Wie erklären Sie sich den Besucherrekord beim Journalistentag?

Die Leute suchen Rat. Außerdem steigt der Wille, zusammenzuarbeiten.

 

Wie sind Sie zu der Veranstaltung gekommen?

Ich bin vom DJV gefragt worden. Ich habe in über 30 Jahren immer Interviews gemacht. Wobei so eine Talkrunde eine andere Herausforderung ist.

 

Schwieriger?

Auf jeden Fall. Jeder von den Gästen hat eine spannende Vita. Es gibt so viel zu erzählen. Aber das geht halt nicht, ich finde das unbefriedigend.

 

Sie sind Journalistin, wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Nach der Schule hab ich das Leben studiert. Ich war in Mexiko und Südafrika, war Reiseleitung und habe Bücher geschrieben. Mit 21 Jahren habe ich die Axel Springer Journalistenschule besucht. Es gab 7.000 Bewerber, davon wurden 30 genommen. Ich konnte vorweisen, dass ich interessiert am Leben bin.

 

Lässt Sie das negative Bild ihrer Branche manchmal mit Ihrer Berufswahl hadern?

Nein, ich könnte gar nicht anders. Wenn mich ein Thema interessiert, dann mache ich das und frage nicht nach der Reputation. Ein ganz anderes Problem ist die Bezahlung.

 

Sind Sie zufrieden mit Ihrem Einkommen?

Ich sehr, ja. Ich muss sagen, ich mache etwas, das viele nicht gut finden. Ich arbeite als Journalistin und mache PR. Ich vermische das nie. Ich kann die Sachen machen, die ich wichtig finde, weil ich mit PR Geld verdiene. Die Honorare, auch in renommierten Zeitungen, sind teilweise so niedrig, dass man davon keine Familie ernähren kann. Wenn man nicht genial ist oder einen Namen hat, muss man irre viel arbeiten.

 

Gab es seit der Gründung ihres Büros Zweifel an dem Modell?

Nein. Da ich verheiratet bin und es ein zweites Einkommen gibt, muss ich nicht davon leben. Die Honorare sind unterschiedlich. Ich brauche nicht viel, aber ich möchte fair bezahlt werden.

 

Findet ein Umbruch im Journalismus statt?

Auf solchen Veranstaltungen wird von der eierlegenden Wollmilchsau gesprochen. Es reicht nicht mehr, Journalist zu sein, man muss sich breiter aufstellen. Außerdem muss man PR für sich machen. Man muss flexibel sein und das war ich immer. Ich kann Zeitung und Fernsehen. Online ist nichts Wildes, kann man alles, auch von den Jungen, lernen.

 

Manche wollen das nicht.

Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich finde das genial, mit jungen Leuten zu arbeiten. Das befruchtet ungemein. Viele Alte fühlen sich bedroht von den jungen Journalisten.

 

Woher kommt das?

Angst, Ignoranz? Die Jungen sind flexibler. Man braucht den Willen, zu lernen. Ein Unternehmen denkt ans Sparen, also muss man sich breiter aufstellen.

David Stanek sprach mit Ernst-Friedbert Raulf (56).

Raulf ist freier Sportjournalist aus Dortmund. 1982 ist Raulf aus der DDR in den Westen geflohen und hat an der Universität Dortmund den Abschluss als Diplom-Journalist für Sport und Politikwissenschaft erlangt. Heute ist er Geschäftsführer der Agentur „topsport-medien“ mit Sitz in Dortmund. Er schreibt und schrieb für diverse Zeitungen wie die WAZ, DIE WELT und die Berliner Zeitung. Der Deutschlandfunk zählte ebenso zu seinen Kunden. Ferner ist er Vorsitzender des Fachausschusses Zeitschriften des DJV-NRW.

 

 

„Qualitätsjournalismus kostet!“

Herr Raulf, inwieweit hat Sie der Wandel im Journalismus in Ihrer Arbeit beeinflusst?

Ich habe versucht, mit meinen seit Jahren bewährten Dingen in die Zukunft zu gehen. Dinge wie Social Media und das Internet haben mich bis jetzt gar nicht beziehungsweise nur teilweise tangiert. Gerade als freier Journalist halte ich diese beiden möglichen Tätigkeitsfelder momentan noch für überbewertet.

 

Blogger-Webseiten wie die Huffington Post sind auf dem Vormarsch. Ist diese Entwicklung aufzuhalten?

Das sehe ich als schwierig an. Blogs wollen von Leuten leben, die möglichst kostenlos arbeiten. Das geht zu Lasten der Qualität. Ich bin mit der Meinung, dass der Zugang zum Journalismus an Qualfikationskriterien gebunden werden soll, auf taube Ohren gestoßen. In Italien oder Frankreich gibt es qualifizierten Journalismus doch auch nur gegen Geld und von ausgebildeten Journalisten.

 

Wer ist Ihrer Meinung nach verantwortlich für die Abkehr vom Qualitätsjournalismus?

Ein Problem war, dass die meisten Zeitungen gedacht haben, sie müssten ihre Inhalte kostenlos ins Netz stellen. Die Bezahlschranke ist für mich der richtige Weg. Dazu müsste es eine einheitliche Regelung geben, wie zum Beispiel tagesaktuelle Meldungen erst fünf Tage nach Erscheinen kostenlos freizuschalten oder aktuelle Artikel nur gegen Bezahlung anzubieten.

 

Wie schwierig ist es gerade für Sie als freier Journalist heutzutage noch zu überleben?

Die aktuelle Lage ist nicht einfach. Mir ist im vergangenen Jahr ein großer Auftraggeber weggebrochen. Bis dahin konnte ich als freier Journalist locker überleben. Ich habe daraufhin Sachen erledigt, die liegengeblieben sind und an einem Buch mitgeschrieben. Die große Gefahr für mich besteht darin, (…) dass Produkte zu Preisen angeboten werden, zu denen ich nicht anbieten kann.

 

Das Motto des Tages lautet „Journalismus auf neuen Wegen“. Wie sieht ihr Weg aus und welche Tipps können sie angehenden Journalisten geben?

Ich glaube, dass ich mich noch eine ganze Weile in den klassischen Medien halten werde. Ein freier Journalist sollte sich nicht der Illusion hingeben, sich beispielsweise im Social Media Bereich eine Existenz aufbauen zu können. Ich kenne Blogger, die von ihrer Arbeit allein nicht leben können. Guter Journalismus wird immer gefragt sein.

Marwin Flüs sprach mit Philipp Rentsch (19).

Rentsch ist freier Mitarbeiter bei der WAZ in Bochum/Wattenscheid, bei Kicker und Westline. Er studiert im ersten Semester „Wirtschaftspolitischer Journalismus“ an der TU Dortmund.

 

 

Leser sollen für Online-Berichte zahlen

Der Journalismus befindet sich in der Krise. Warum haben Sie sich dennoch für diesen Beruf entschieden?

Ich bin Journalist geworden, weil das Schreiben meine Leidenschaft ist. Jeder, der das Ziel hat, im Journalismus arbeiten zu wollen, sollte auch den Mut haben, sein Ziel zu verfolgen. Nur dann kann man auch erfolgreich sein.

 

Warum wird es für Sie trotzdem schwer werden, in Zukunft ausschließlich im Printbereich zu arbeiten?

Es ist sogar schwer zu sagen, ob das für mich überhaupt noch möglich sein wird. Ich denke schon, dass es Zeitungen auch weiterhin geben wird, nur werden es immer weniger Redakteure werden. Das haben schon die letzten Jahre gezeigt. Ein gutes Beispiel ist die Westfälische Rundschau, eine sogenannte „Zombie-Zeitung“. Die Redakteure wurden rausgeworfen und die Texte aus einer anderen Zeitung übernommen. Ich könnte mir allerdings auch vorstellen, für das Radio, Fernsehen oder im Online-Bereich zu arbeiten.

 

Wie lässt sich im Onlinejournalismus Geld verdienen? Die Inhalte sind kostenlos und Werbeanzeigen allein reichen nicht.

Die Frage ist doch, wie lange das noch kostenlos bleibt. Verlage überlegen zurzeit eine sogenannte Paywall aufzubauen. Das heißt, dass in Zukunft auch für Online-Inhalte gezahlt werden muss. Ich halte das für klug, auch wenn der Leser das natürlich noch nicht kennt. Bleibt die Frage, ob er das akzeptiert. Die Verlage müssen mutig sein! In der Vergangenheit wurde es verpasst, von Anfang an Geld für Onlineartikel zu nehmen. Im Rückblick war das ein großer Fehler, für die Arbeit der Journalisten kein Geld zu nehmen.

 

Inwieweit sind auch Blogger eine Gefahr für Journalisten?

Blogger und seriöse Journalisten unterscheiden sich in der Regel durch die  Recherche. Ich denke, dass sich leider viele Leser keine Gedanken darüber machen, wie gut Texte recherchiert sind. Deshalb geht von den Bloggern schon eine Gefahr aus. Jeder, der einen Text liest, sollte diesen hinterfragen.

 

Sorgt das Internet also für eine große Krise?

Nein! Natürlich bringt das Internet negative Aspekte mit. Grundsätzlich sehe ich es aber nicht als Gefahr, es bietet auch Chancen. Durch Plattformen wie Facebook und Twitter hat man enorm viele Möglichkeiten, große Menschenmengen zu erreichen, das muss man nutzen.

Kerstin Langenbach sprach mit Amelie Fried (55).

Die Grimme- und Bambi-Preisträgerin Fried ist seit 1984 Moderatorin (unter anderem Stern TV, live aus der alten Oper, Talkshow 3 nach 9 bei Radio Bremen), seit 1995 Buchautorin und später auch Kolumnistin (Für Sie, Cicero).

 

 

„Die Zukunft der Branche liegt in der Spezialisierung“

Wo sehen Sie die Veränderungen und Chancen in der TV-Branche?

Es gibt immer mehr Special-Interest-Kanäle. Die Kooperation mit dem Internet wird auch immer wichtiger. Ich glaube, das klassische Fernsehen, wie wir es heute kennen, wird nicht mehr lange bestehen. Ich hoffe nicht, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich zu stark an die privaten Sender angleichen, denn die haben einen anderen Auftrag.

 

Also wird es in der TV-Branche sicher weitergehen, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen?

Ja, in Deutschland sind diese Sender zum Glück so verankert, dass man sie nicht einfach abschalten kann.

 

Wie sehen Sie das Internet als Informationsmedium für Politik und Wirtschaft im Vergleich mit den öffentlich-rechtlichen Sendern?

Ich selber nutze das Internet sehr stark als Informationsmedium. (…) Ich sehe aber auch die Probleme und Schwächen und versuche, nicht alles zu glauben, was im Internet steht. Gerade als Journalistin muss man stark verifizieren. Aber ich bin glücklich, dass ich in dieser Zeit leben darf.

 

Wie schätzen Sie die politische Einflussnahme im Internet im Vergleich zu den klassischen Medien ein?

Das Internet bietet natürlich auch dafür ein Podium. Man hat auch mal schnell eine pseudoseriöse Seite verlinkt und stellt dann fest, dass die Seite neben diesem einen Artikel ziemlich wirres Zeug verbreitet. (…) Dabei ist wirklich der Verstand des Users gefragt. Da sind wir alle gefordert.

 

Verliert die Branche dadurch an Ansehen?

Es für das Publikum immer schwerer, zu unterscheiden. Es sollte auch für das Internet klare Regeln geben.

 

In den klassischen Medien bezeichnen sich Journalisten oft als die „wahren Demokraten“. Denken Sie, dass dies ein veraltetes, elitäres Denken ist, welches zum Beispiel die Printmedien in die Krise gebracht hat?

Ich denke, dass insbesondere die Printmedien den Wandel in Bezug auf die Onlinemedien zu spät erkannt haben und jetzt aufholen müssen.

 

Sehen Sie die Zukunft der Branche in der Krise oder voller Chancen und was raten Sie Journalismus-Studenten?

Die Zukunft der Branche liegt in der Spezialisierung, ganz unabhängig vom Trägermedium. Wenn Sie eine Spezialisierung haben, sei es in einem noch so kleinen Gebiet, in dem Sie wirklich gut sind und mehr davon verstehen als alle anderen, dann haben Sie eine Chance.

Christoph Meier sprach mit Frank Überall (42).

Der Kölner Überall ist freier Journalist, der überwiegend für den WDR und die ARD tätig ist. Weiterhin ist er seit einem Jahr als Professor an der Hochschule für Medienkommunikation und Wirtschaft in Köln tätig und engagiert sich ehrenamtlich im Bundesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV).

 

 

Auf der Suche nach seriöser Einordnung

Immer wieder wird davon gesprochen, dass sich der Journalismus im Umbruch befindet. Was genau verstehen Sie darunter?

Es ist insofern ein Umbruch, dass ich ein verändertes Medienverhalten feststellen kann. (…) Den Spiegel habe ich digital abonniert, das Blatt brauche ich schlichtweg nicht mehr. Das ist aus meiner Sicht im Moment der ganz große Medienumbruch. Es ist eine Herausforderung nicht nur für Journalisten und Medienhausmanager, sondern auch für die Bürger.

 

Aber wo genau liegt denn das ganz große Problem, das dieser Umbruch mit sich bringt?

Als der Zeitungsdruck erfunden wurde, war immer klar, dass ich ein Produkt in die Hand bekomme, für welches ich Geld bezahlen muss. (…) Genau das ist im Internet nicht mehr der Fall und war der Anfangsfehler journalistischer Marken im Netz.

 

Aber gibt es nicht auch neue Felder, die bedient werden können und wollen?

Die Gefahr ist natürlich, dass die Leute auf Dauer alles umsonst haben wollen. Bekommen sie es nicht, kommen wir bei irgendwelchen Bloggern an, die in ihrer Mittagspause oder am Abend freizeitmäßig irgendwo in Pantoffeln sitzen und irgendetwas heruntertippen. Da kann man irgendwo eine nette Show machen, aber das wirklich als handfesten Journalismus hinzubekommen, halte ich für sehr schwierig.

 

Müssen etablierte Häuser im Internet also schlichtweg eine Qualität bieten, die Privatanbieter nicht liefern können?

Die Gier nach Erklärung, nach seriöser Einordnung, ist ja auf jeden Fall da. Denn gleichzeitig mit den vielen Chancen, die es im Internet gibt, ist das für die meisten ja auch eine extreme Überforderung. Man hat ja gar nicht mehr die Chance, all das, was man an Informationen bekommt, irgendwo aufzunehmen geschweige denn auch nur zu filtern. Das bedeutet, dass ich ordentliche Leute brauche, die mir das filtern.

 

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie wird die Medienlandschaft im Jahr 2040 aussehen?

Ich glaube, Print wird es tatsächlich nur noch in Regionalzeitungen geben, die wirklich regional sind. Die vielleicht auch in Redaktionsgemeinschaften überregionale Themen aufarbeiten, dann aber auch wieder runterbrechen. Es wird aber immer beide Fraktionen geben, genauso wie bei Büchern heutzutage auch.

Patrick Meier sprach mit Judith Levold (46).

Levold arbeitet als Redakteurin und Chefin vom Dienst für das Onlineportal "Meine Südstadt" in Köln. Das Lokalportal berichtet über die aktuellen Begebenheiten in der Region und den einzelnen Stadtvierteln.

 

 

„Es wird immer Zeitungen geben“

Es wird in letzter Zeit häufig behauptet, dass sich der Journalismus in der Krise befindet. Wie sehen Sie das?

Ich empfinde das nicht als Krise, aber ich empfinde über die Zeit meines Berufslebens ständig Veränderungen. Diese bringen natürlich neue Anforderungen mit sich. Aber ich sehe das nicht so negativ. Ich finde zum Beispiel den Online-Journalismus super spannend. Man kann sehr schnell auf Sachen reagieren. Da hat der Online-Journalismus einen großen Vorteil. Das sieht man auch an den ausgeprägten Online-Redaktionen, bei großen Blättern wie Spiegel oder der taz, die machen online ganz viel.

 

Wie muss ein zukünftiger Journalist arbeiten, um sich diesen Entwicklungen anzupassen?

Ich glaube nicht sehr viel anders, als Journalisten schon immer gearbeitet haben. Das Entscheidende ist, mit welcher Neugier, mit welcher Haltung man an seine Themen herangeht. Und wenn man das gut kann, dann findet man auch seinen Markt. Zum Thema Online: Wenn ich heute an meinem Computer nicht weiterkomme, kommt mein 13-jähriger Sohn und zeigt mir, wie das geht. Das heißt, dass diese Generation mit der Handhabung der Technik ohnehin aufwächst. Deshalb ist das keine besondere Anforderung an die jungen Menschen.

 

Glauben Sie, dass der Online-Journalismus den Print-Journalismus auf Dauer verdrängen wird?

Nein. Ich glaube schon, dass Print arge Einbrüche hat, aber es wird immer Zeitungen geben. Aber Online ist eine ganz wichtige Sparte geworden und bietet auch unglaubliche Chancen.

 

Viele Journalisten sehen zudem Blogger als Bedrohung für ihren Berufsstand. Diese stellen ihre Informationen umsonst zur Verfügung. Inwiefern sehen Sie das als Bedrohung?

Ich sehe das nicht als Bedrohung, denn Blogger haben meist eine Art Mission. Zum Beispiel, das, was sie wissen oder ausfindig gemacht haben, anderen zur Verfügung zu stellen. Ich finde das sehr wichtig. Aber ich muss mir immer darüber im Klaren sein, dass die Informationen, die mir der Blogger bietet, subjektiv geprägt sind.

 

Verunsichern Sie diese Entwicklungen?

Also in vielen Punkten bin ich bestimmt unsicher, weil ich es gar nicht komplett überblicke. Dennoch finde ich die Entwicklungen im Journalismus eher gut, weil sie eine größere Vielfalt der Informationsvermittlung mit sich bringen.

 

Also eher eine Chance als eine Krise?

Genau.

Nils Nußbaumer sprach mit Tobias Kestin (30).

Kestin ist seit seinem 15. Lebensjahr journalistisch tätig. Nach den ersten Schritten bei einer lokalen Jugendzeitung und dem Volontariat bei einer Heimatzeitung zog es ihn kurz weg aus Kamen, um bei der Schwäbischen Zeitung zu arbeiten. Drei Jahre später kehrte er zurück und arbeitete ein Jahr freiberuflich – hauptsächlich bei der Westfälischen Rundschau. Als diese geschlossen wurde, fing er mit alten Kollegen an zu bloggen. Seine Texte gibt es derzeit auf www.sesekegefluester.de, www.rundblick-unna.de und www.bergkamen-infoblog.de.

 

 

Vom Journalisten zum Blogger — vom Verdrängten zum Verdränger

Sie waren freier Journalist bei der Westfälischen Rundschau und sind nun als Lokal-Blogger für Kamen und Bergkamen aktiv. Was ist damals bei der Westfälischen Rundschau passiert?

Am 14. Januar 2013 hat man uns gesagt, dass am 31. Januar die Redaktion geschlossen wird. Es flossen Tränen (...), die Leute standen vor einem Loch, weil sie im Lokaljournalismus ja auch eine starke Bindung zur Stadt hatten. Wenn das auf einmal wegfällt, ist das brutal schockierend. Ich kenne drei Leute, die sind richtig krank geworden, also mit Klinikaufenthalten und so. Die Leute haben viel mehr verloren als nur ihren Arbeitsplatz.

 

Und danach haben Sie direkt angefangen zu bloggen?

Wir haben am 30. Januar 2013 die ersten beiden Blogs ehrenamtlich ins Leben gerufen. Wir hatten dabei so eine Art jetzt-erst-recht-Attitüde. Fast die ganze Lokalredaktion ist in dieses Projekt gewechselt. Alle haben mehr oder weniger anonym mitgeschrieben, weil sie teilweise noch von der Funke-Gruppe bezahlt wurden oder werden. Ich bin jetzt der Einzige, der hauptberuflich bloggt.

 

Also könnte man sagen, dass Sie nun vom Verdrängten zum Verdränger geworden sind?

Wir haben eine Relevanz geschaffen, die Werbekunden interessant finden. Und wir schreiben mit journalistischem Anspruch. Daher ja: Ich glaube schon, dass wir zu Verdrängern geworden sind.

 

Welche Vorteile hat ein Leben als Blogger im Gegensatz zum Redakteursalltag für Sie?

Wir schreiben immer das, was uns bewegt. Wenn du hingegen im Print-Journalismus bist, hast du jeden Morgen den Zwang, dass du deine Seiten füllen musst. Und dann erscheinen Geschichten, die nicht das Masseninteresse hervorrufen. Und wenn ich sehe, heute ist ein nachrichtenarmer Tag, dann gehe ich auch einfach mal zeitig nach Hause.

 

Ist es noch empfehlenswert, Journalist zu werden?

Klar! Das ist der schönste Beruf der Welt. Aber wer jetzt Journalist wird, sollte sich sicher sein, dass er nicht sein Leben lang auf dem gleichen Bürostuhl sitzen wird. Er wird viele andere Sachen machen und ja: auch einen gewissen Zweckoptimismus brauchen.

Stephanie Ovelgönne sprach mit Oliver Thol (30).

Thol arbeitet derzeit als Bildjournalist, als freier Mitarbeiter beim Essenz Magazin, Essen. Zudem ist er Blogger der Online-News-Agentur "Medien Ruhrgebiet", gegründet 2006.

 

 

„Qualitätsjournalismus wird es auf jeden Fall immer geben“

Welche Vorteile sehen Sie in dem digitalen Wandel?

Ein Vorteil ist die Schnelligkeit. Ich bin über die Newsletter rund um die Uhr informiert. Sobald etwas Neues veröffentlicht wird, bekomme ich sofort eine Nachricht oder eine E-Mail zugesendet.

 

Der Zwang zu Schnelligkeit und Exklusivität wird immer größer. Besteht da nicht die Gefahr, dass Journalisten auf interessengeleitete PR-Meldungen zurückgreifen?

Definitiv. Wir sind auch auf Pressemeldungen angewiesen. Auf jedem Pressetermin bekommt man eine Pressemappe. Auch ich selbst verwende auf meinem Blog gewisse Textstellen aus den Pressemeldungen. Bei den Terminen schafft man es einfach nicht, so schnell alles mitzuschreiben.

 

Durch das Internet verbreiten sowohl Laien als auch Profis ihre Informationen im Netz. Wenn es so viele Quellen gibt, kann dann der Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter bestehen bleiben?

Qualitätsjournalismus wird es auf jeden Fall immer geben. Der Markt ist natürlich übersättigt, dadurch dass sich heute jeder Journalist nennen kann. Im Bildjournalismus leidet die Qualität besonders, weil keine Fotografen mehr rausgeschickt werden, sondern jeder mit seinem Handy fotografieren und veröffentlichen kann. Genau das macht den Markt kaputt.

 

Glauben Sie, dass der Journalistenberuf irgendwann überflüssig wird?

Ob der Beruf des Journalisten irgendwann mal aussterben wird, ist fraglich. Es wird vielleicht auf gewisse Art weniger oder anders, weil auch die großen Medien heute nur noch viele freie Mitarbeiter beschäftigen. Aus Kostengründen natürlich, weil auch die Medien einsparen müssen. Was ich als sehr schlecht ansehe, weil dadurch die Qualität leidet.

 

Sehen Sie den digitalen Wandel also eher also Chance oder als Krise für den Journalismus?

Es ist beides. Für den Printmarkt ist es momentan eine große Krise, aber für uns Journalisten ist die Branche eigentlich eine gute Aufstiegschance.

 

Glauben Sie, dass Hochschulen wie unsere in Gelsenkirchen frischen Wind in die Medienbranche bringen könnten?

Auf jeden Fall. Die Branche braucht Nachwuchs. Die Medienwelt wird immer schneller und die jüngere Generation ist mit den schnelleren Medien aufgewachsen. Die alten Redakteure können damit nicht so viel anfangen und müssen sich erstmal in die ganze Sache reinfinden.

Lukas Schepers sprach mit Björn Schmidt (49).

Schmidt ist seit 1985 im Journalismus tätig, derzeit als Geschäftsführer DuMont Net GmbH & Co. KG. Beim Journalistentag war er einer der Podiumsteilnehmer im Forum „Auf in die Zukunft: Crossmedia Publishing Systeme“.

 

 

„Es ist noch kein Medium verschwunden, weil ein neues dazu kam“

Das Thema des heutigen Tages ist Journalismus auf neuen Wegen. Meinen Sie nicht, dass das irgendwie gute Miene zum bösen Spiel ist?

Für mich steht fest, dass Journalismus immer wichtig sein wird. Es geht auf keinen Fall bergab, sondern es bleibt nur die Frage: Wer priorisiert die Inhalte? Die Frage ist, wie wir das angehen. Ob wir die alten Methoden dafür anwenden oder ob wir uns ganz neue Ideen ausdenken.

 

Aber klassische Printmedien nehmen stark ab. Macht Ihnen das Angst?

Es ist ja nur der Kanal, der abnimmt, aber das heißt nicht, dass der Journalismus abnimmt. Eher im Gegenteil, er entwickelt sich sogar weiter. Ich nehme immer das Beispiel der EZB. Da hätten wir früher drüber berichtet und hätten gesagt: „Schäuble sagt das dazu“. Und heutzutage können wir dem Bürger sagen, was das für sein Geld bedeutet und was das für Hintergründe hat.

 

Wie würden Sie die Wichtigkeit der Online-Medien begründen?

Die Aktualität ist eine Sache, aber ich habe mehr Möglichkeiten durch Multimedia. Ich kann ganz andere Reportagen machen. Früher war ich auf ein Blatt Papier beschränkt und heute kann ich ein Video dazustellen.

 

Sehen Sie den Branchenumbruch als Krise oder Chance?

Wir wissen alle, dass wir weniger Geld verdienen und deswegen müssen wir jetzt Geschäftsideen und Produktideen entwickeln, dann kann man digital auch Geld verdienen und das ist eine riesige Chance.

 

Aber wie stellen Sie sich das denn vor?

Wir gehen immer noch davon aus, dass wir ein Produkt herstellen und das funktioniert. Wir werden viele Produkte ausprobieren müssen. Wir müssen uns am Leser und an den Werbekunden orientieren. Wir werden viele Produkte haben und da müssen wir findig und schnell sein, weil die Konkurrenz ist nicht die Zeitung nebenan, sondern die ist einen Klick entfernt.

 

Würden Sie sagen, dass Tageszeitungen niemals aussterben werden?

Ob niemals weiß ich nicht, aber man hat die Chance, da was zu tun. Es ist ja noch kein Medium verschwunden, weil ein neues dazu kam. Wir müssen uns neue Sachen überlegen. Wenn die Tageszeitung so bleibt, wie sie heute ist, sehe ich das nicht so rosig. Aber wenn sie sich verändert und hintergründiger wird, also das letzte Glied der Kette ist und sich dann noch auf den lokalen Markt konzentriert, hat sie weiterhin eine Chance.

Daniel Wesp sprach mit Barbara Weidmann-Lainer (47).

Weidmann-Lainer ist freie Crossmedia-Journalistin, berichtet mit eigenem Equipment für alle Plattformen. Zuvor war sie viele Jahre beim Fernsehen tätig, unter anderem als Talkshow-Producerin, Reporterin, CvD und als Moderatorin. Für die Akademie der Bayerischen Presse (ABP) und den Bayerischen Journalisten-Verband (BJV) entwickelte sie zusammen mit zwei Kollegen das modulare Ausbildungskonzept für freie Journalisten und trainiert multi- und crossmedialen Journalismus.

 

 

Eine riesige Chance für den Journalismus

Wann haben Sie erstmalig persönlich bemerkt, dass sich die Branche im Umbruch befindet?

Permanent bemerke ich es. Technische Umbrüche während meiner Zeit beim Radio bildeten den Anfang. Zu Beginn habe ich noch auf Bobby geschnitten, bis die Digitalisierung Einzug hielt. Später, während meiner Zeit beim Fernsehen, hatte die Kommerzialisierung der Senderketten auch Auswirkungen. So gab es in zwei Jahren sechs Relaunches der Pro7 Nachrichten. Der Kostendruck stieg und nahm Einfluss auf die Arbeitsweise.

 

In welcher Form konkret?

Zuerst hatte man überall Korrespondenten, die dann Stück für Stück weggestrichen wurden. Freien Journalisten wurde nicht mehr so viel abgekauft. Jetzt ist es eigentlich ein Wandel in allen Bereichen.

 

Welche Auswirkungen hat der Wandel für Sie persönlich?

Für meine Seminare im Bereich Crossmedia ist es notwendig, fast alle vier Wochen Geräte und Software zu erneuern. Ich muss mich in Bezug auf technische Neuerungen fit halten.

 

Welche gravierende Veränderung erwarten Sie in den nächsten zehn Jahren?

Ich glaube, dass sich unglaublich viel im mobilen Bereich tun wird. Der Desktop-PC wird unwichtig und es erfolgt eine Verschiebung auf mobile Geräte, wie Tablets, Smartphones und so weiter. Dadurch muss vieles in der Cloud stattfinden.

 

Empfinden Sie den Wandel als positiv oder negativ?

Ich sehe es vermehrt als Chance. Ich bin technisch unkritisch eingestellt und habe schon immer gern mit Gadgets gespielt. Die Art, wie Journalisten Geschichten erzählen, wird sich wandeln. Die Informationsvermittlung wird besser funktionieren, zum Beispiel kann ich ein Video mit einem Text verknüpfen, um Hintergründe zu erklären. Auf einer interaktiven Oberfläche bleibt es so beim Nutzer viel besser hängen. Eine riesige Chance für den Journalismus. Das Problem ist aber, dass niemand dafür bezahlen möchte.

 

Befürchten Sie keine Übersättigung an Informationen für den Konsumenten?

Das wird herbeigeredet. Der User ist ein bequemer Mensch und er begrenzt sich auch. Die meisten Leute haben nicht mehr als acht bis zehn Apps auf Ihrem Handy. Genauso ist es auch mit der Informationsgewinnung. Der User entwickelt ein festes Netzwerk, aus dem er Informationen bezieht.

Nina Witt sprach mit Maren Gottschalk (52).

Gottschalk arbeitet als freie Autorin, Journalistin und Historikerin. Zu ihren Kunden gehören der WDR und der NDR.

 

 

„Journalisten müssen neugierig bleiben!“

Über die Zukunft des „Journalismus auf neuen Wegen“ wird aktuell viel diskutiert. Wie empfinden Sie die Stimmung in Ihrer Branche?

Etwas Unruhe habe ich schon mitbekommen. Ich mache mir noch keine großen Sorgen. Aber es schadet nie, sich durch ein weiteres Projekt ein zusätzliches Standbein aufzubauen. Risikoverteilung sozusagen.

 

Bahnt sich Ihrer Meinung nach eher eine Krise oder eine Chance an?

Es kommt darauf an, was der Einzelne daraus macht. Journalisten müssen Kreativität abrufen können, auch im wirklichen Leben.

 

Solange ein Job da ist, mag das sein. Aber wenn immer mehr „Blogger“ als Konkurrenten auftauchen, weil Journalisten angeblich nur ein Händchen für das Schreiben benötigen?

Ich würde sie eher Kollegen nennen. Wer besser oder günstiger arbeitet als andere, bekommt den Job. Das ist doch überall so. Letztlich macht aber Qualität den Unterschied und da ist fachliches Know-how unverzichtbar.

 

Was würden Sie einem Journalisten raten, der nicht so positiv gestimmt ist wie Sie?

Journalist zu sein, ist wunderbar: Bezahlt zu werden, indem ich mich weiterbilde, neugierig bin, den Dingen auf den Grund gehen: besser geht es kaum!

 

Und dann kommen die Aufträge von ganz allein?

Nein, natürlich nicht. Netzwerke müssen gepflegt werden und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, darf nicht schwinden. Eine Spezialisierung ist enorm wichtig: Profil bilden, Fachfrau sein, nicht austauschbar sein. Ich empfehle zudem eine Verteilung auf verschiedene Auftraggeber.

 

Klingt stressig.

Flexibilität ist heute ein Muss. Außerdem gehören Kontaktfreudigkeit und Offenheit zu jedem Journalisten. Und wer Spaß an etwas hat, macht seine Sache meistens auch gut.

 

Nicht jeder findet auf Anhieb seinen Traumjob. Was machen Sie, wenn ein Thema Sie nicht interessiert?

An nahezu allem lässt sich etwas Spannendes finden. Und wenn es nur die
Herausforderung bei der Recherche ist. Veränderungen beleben und bringen Inspiration. Wie gesagt, man sollte die Leidenschaft für seinen Beruf nicht verlieren.

 

Also sehen Sie nicht schwarz für den Journalismus?

Nein, im Gegenteil. Oft macht nur das Unbekannte Angst. Es ist gut, sich präventiv Gedanken zu machen, dennoch sollte sich keiner von den Medien verrückt machen lassen.

Emily Rosberger sprach mit Maren Bednarczyk (22).

Bednarczyk studiert Journalistik an der TU Dortmund und arbeitet als freie Mitarbeiterin beim WDR und bei 1Live.

 

 

Die Liebe zum Beruf

Sie arbeiten als freie Mitarbeiterin beim WDR?

Ja genau, ich wurde direkt nach meinem Volontariat übernommen.

 

War es schwierig für Sie, dort anzufangen?

Nein, glücklicherweise nicht. Ich habe die Kontakte, die ich während meines Volontariats geknüpft habe, gut genutzt.

 

Haben Sie Angst, wenn Sie an die Zukunft denken? Angst davor, keinen festen Job zu bekommen und ewig freie Mitarbeiterin zu bleiben?

Ja klar. Ängste hat man eigentlich immer. Also man sollte sie zumindest haben. Allerdings denke ich auch, dass Angst das falsche Wort ist. Ich denke eher,  es ist Respekt. Respekt vor dem, was kommt. Respekt vor den Herausforderungen, die einem gestellt werden. Aber gleichzeitig sollte man daran denken, dass man den Spaß an der Sache nicht verliert. In meiner Vergangenheiten haben mir so viele Leute gesagt: Was, du willst Journalistin werden? Brotlose Kunst! Du willst doch nicht auf der Straße landen. Dennoch bin ich bei meiner Entscheidung geblieben. Journalismus ist das, was ich immer machen wollte!

 

Also steht die Liebe zum Beruf für Sie über den Bedenken?

Klar habe ich Bedenken. Ich kenne die Jobsituation und weiß, dass es nicht rosiger wird. Dennoch liebe ich meine Arbeit und habe viel Spaß dabei. Ich blende die Bedenken aus und lasse alles auf mich zukommen. Irgendwie wird’s schon klappen.

 

Wie gehen Sie persönlich denn damit um, dass der Beruf des Journalisten kein gutes Ansehen in unserer Gesellschaft hat?

Also ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass der Beruf in meinem Umfeld akzeptiert wird. Meine Familie und Freunde unterstützen mich. Das ist mir am wichtigsten. Umfragezahlen interessieren mich da nicht, solange ich mich wohlfühle und zu meinem Beruf stehe. Denn ich habe Spaß dabei und das zählt.

 

Also zusammenfassend kann ich sagen, dass Sie der Zukunft positiv gestimmt entgegenblicken, alle Ängste ausblenden und sich voll auf den Job konzentrieren?

Genau, kann man so sagen. Denn wenn ich das nicht machen würde, also wenn ich jetzt schon an die Zukunft denken würde und mich damit auseinandersetzen müsste, dass ich vielleicht auf der Straße landen könnte, dann hätte ich auch keinerlei Motivation. Weder Motivation zur Uni zu gehen, noch für 1Live zu arbeiten. Ich lebe von Tag zu Tag und denke nicht schon Jahre voraus.

Hannah Ecker sprach mit Katja Fischborn (33).

Fischborn ist Redakteurin und arbeitet freiberuflich für „Selbst ist der Mann“, Do-it-yourself GmbH (Bauer Verlag).

 

 

Zeitung mit Qualitätsbonus

Wie sieht Ihre private Mediennutzung aus?

Ich lese alles Online. Obwohl ich eine „Printe“ bin, fällt es mir schwer, morgens die Zeit aufzubringen, um die Tageszeitung zu lesen. Ich finde das auch schade. Zeitungen sind eher ein Sonntagsritual.

 

Was machen Printprodukte aus?

Für mich ist das Tradition und Erinnerung daran, wie das bei mir angefangen hat. Man hat das Gefühl, was in der Zeitung steht, das stimmt. Man weiß ja, (…) wie viel Mühe man in einen Artikel gesteckt hat. Das ist schon so, dass die Zeitung noch einen Qualitätsbonus hat.

 

Wie versucht Ihr Unternehmen dem Umbruch zu entgehen?

Wir bedienen eine extreme Nische und ich glaube, das wird es auch weiterhin geben. Mann muss erst einen festen Leserstamm gewinnen: Auf der einen Seite damit, dass man das macht, was man immer macht, und auf der anderen Seite zusätzlich damit, dass man immer mal was Neues macht.

 

Wird es einen Zeitpunkt ganz ohne Printmedien geben?

Kann ich mir schlecht vorstellen, weil ich immer das Gefühl habe, Online lässt sich vieles im Nachhinein verändern, korrigieren oder herausnehmen. Und ein gedrucktes Ding kann mir niemand wegnehmen, es gibt keinen Akku der leer gehen kann, ich kann es einstecken und Zuhause genau so noch mal lesen.

 

Was hat der Umbruch für Auswirkungen auf den Beruf?

Der Beruf des Journalisten ist sehr wandelbar. Als ich mein Abitur gemacht habe, da gab es  kein Internet. Jetzt sind wir viel weiter und das Internet ist nicht mehr wegzudenken. Der Beruf wird sich extrem anpassen müssen, aber es ist so: Man weiß eben nicht, wie schnell das alles geht und vor allen Dingen wohin es geht.

 

Krise oder Chance?

Also mir persönlich macht es Angst, weil ich nicht weiß, wo die Reise hin geht. Ob die Verleger auch wirklich begriffen haben, worum es geht, wo man investieren muss, sodass es auch weiter noch Printprodukte gibt.

 

Was wäre Ihr Berufswunsch fürs nächste Leben?

Ich wollte immer Zootierpflegerin werden oder Kriminalkommissarin, aber aus gutem Grund habe ich mich dagegen entschieden. Ich bereue es nicht, Journalistin geworden zu sein. Aber mir würde es schwer fallen, es heute jungen Leuten ernsthaft zu empfehlen, da es echt schwierig ist, davon zu leben. Aber wer weiß, wie es im nächsten Leben wäre.

Julia Frings sprach mit Jörg Weber (53).

Weber hat sich als Umweltjournalist spezialisiert. Er ist Chefredakteur bei ECOreporter (Magazin für nachhaltige Geldanlage).

 

 

„Print ist ein Prestigeobjekt“

Die Anzahl an Zeitungen nimmt ja immer weiter ab. Glauben Sie, dass in Zeiten von Online Print überhaupt noch eine Rolle spielt?

Ich glaube, dass Print weiterhin eine Rolle spielt, weil die Leute gerne etwas in der Hand haben. Es ist nur die Frage, ob das finanzierbar ist. Für mich ist Print etwas Besonderes: Ich lese lieber auf dem Papier als auf einem Bildschirm und ich fasse es auch lieber an. Deshalb glaube ich, dass Print immer Liebhaber finden wird. Zumindest in den nächsten 50 Jahren.

 

Wie ist es denn bei Ihrem Magazin mit Online und Print?

Bei uns ist es so, dass Online das Medium ist, was uns das regelmäßige Geld bringt. Print ist ein Prestigeobjekt.

 

Wie sehen Sie den Wandel?

Der Wandel ist für mich nichts schlechtes. Aber es gibt Onlinemedien nun einmal. Wir machen selber eines. Wir haben Journalisten in der Redaktion, die nur gelesen werden können, wenn der Leser ein Jahresabo abschließt. Das finde ich gut. Durch so etwas wird eine Ecke geschaffen, wo wir Journalismus machen können - doch die ist sehr klein. Aber ich bereue es nicht, Journalist geworden zu sein. Es ist ein toller Job: Ich habe in den 90er Jahren angefangen, zum Beispiel für die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu machen. Wenn ich sehe, was ich damals alles gemacht habe, dann denke ich, dass die Journalisten, die heute in den Beruf einsteigen, sich auf etwas viel Ungewisseres einlassen als ich damals.

 

Was würden Sie denen denn raten?

Erstens, es ist ein super Job, Journalist zu sein. Zweitens würde ich raten, sich intensiv mit fachlichen Dingen zu befassen und sich intensiv Sprache zu erarbeiten. Die Kombination aus beidem ist immer noch etwas Erfolgversprechendes, solange man Lust dazu hat.

 

Wie sehen Sie denn die Chancen für neue Journalisten während des Wandels?

Sie müssen sowieso auf beiden Kanälen denken. Sie können sich nicht entscheiden. Im Vorteil sind die Journalisten, die Spaß daran haben und sich irgendwo schon ein bisschen berufen fühlen. Also wenn sie das wirklich wollen und bereit sind zu lernen und viel einzustecken, dann findet sich auf jeden Fall ein Weg. Und dann ist es egal, ob im Print- oder Onlinebereich, denn ich glaube nicht, dass Online Print irgendwann generell ablösen wird.

Jonas Hille sprach mit Marcus von Jordan (42).

Von Jordan ist seit 2011 Chefredakteur des Journalistenportals „torial“. Dort ist er von Beginn an konzeptionell tätig gewesen. „torial“ entwirft Portfolios für freie Journalisten. In dem Portal werden Inhalte und Netzwerke von Medienarbeitern gebündelt und digital abgebildet. Mittlerweile hat das Portal 1.500 aktive User.

 

 

„Mittelfristig große Chancen“

Herr von Jordan, die Journalismus-Branche befindet sich im Umbruch. Davon betroffen sind auch die Printmedien. Brauchen wir noch gedruckte Zeitungen?

Ich glaube nicht, dass das Medium an sich über die Zukunft des Journalismus entscheidet. Ich habe auch kein Problem damit, wenn es im Jahr 2050 noch Zeitungen gibt. Letztlich ist die Frage: Wer möchte seine Zeitung wie konsumieren? Welches Medium das ist, spielt letztlich keine Rolle.

 

Können Sie sich vorstellen, dass Journalisten in Zukunft komplett in den Online-Bereich wechseln?

Absolut, ja. Der Online-Journalismus unterscheidet sich an vielen Stellen vom Printjournalismus: mehr Dynamiken, mehr Prozesse, mehr Kooperationsmög-lichkeiten. Tatsache ist, dass im Moment eigentlich alle Onlinemedien ohne diese Möglichkeiten existieren. Die ganz große Masse der Onlinemedien macht genau das, was sie vorher auf Papier gemacht haben. Wir müssen uns darauf konzentrieren, was gleich und in Zukunft wichtig bleibt. Und das sind die Geschichten, die Neugier, die Haltung, der Wunsch nach Wahrheit, die Mündigkeit, das Erklären – die großen Werte des Journalismus. Darüber reden wir meiner Ansicht nach viel zu wenig. Ob ein Journalist diese gesellschaftspolitische Aufgabe dann online oder im Printbereich macht, ist doch zweitrangig.

 

Sehen Sie den Umbruch der Branche eher als Chance oder als Risiko?

Insgesamt sehe ich ihn eher als Chance, wobei es auch keine Chance ohne Risiken gibt. Es gibt kaum eine Branche, die durch das Digitale so auf den Kopf gestellt worden ist. Aber es gibt auch kaum eine Branche, die durch das Internet so gewaltige Chancen hat. In aller Regel sind Journalisten neugierige Menschen. Mit Blick auf die Zukunft sollten sie diese Neugierde behalten. Kurzfristig würde ich die Frage mit Risiken beantworten. Mittelfristig aber mit großen Chancen.


Was würden Sie jungen Journalisten mit auf den Weg geben?

Entscheidend ist, sich im Laufe der Karriere eine Präsenz aufzubauen. Versucht nicht, Unternehmer zu sein, sondern versucht, Journalisten zu sein. Keiner muss alles können, denkt gemeinschaftlich, bildet Teams. Seid nicht so eitel, findet eure Standards. Konzentriert euch auf eure journalistische Arbeit, seid selbstbewusst.

Felix Köhler sprach mit Thomas Mrazek (50).

Mrazek arbeitet als freier Journalist in München. Seit 2005 ist er verantwortlich für den Inhalt auf www.onlinejournalismus.de und seit fünf Jahren Vorsitzender des Fachausschusses Online des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). Darüber hinaus ist er als Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München und als Berater für diverse Verlage tätig. 2003 wurde er mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Medienjournalismus ausgezeichnet.

 

 

„Holt Euch blutige Nasen“

Glauben Sie, dass der Teilnehmerrekord des diesjährigen Journalistentags Beweis dafür ist, dass der Journalismus in der Krise steckt?

Durchaus. Es gibt tatsächlich eine große Krise. Wir fragen uns natürlich, wie sich der Journalismus künftig finanzieren kann. Noch fehlen leider gute Konzepte. Wir dürfen den Kopf aber nicht in den Sand stecken. Wir müssen gemeinsam nach Antworten suchen.

 

Wie wirkt sich das auf Ihren Berufsalltag aus?

Viele Kollegen klagen über Arbeitsüberlastung. Onliner haben zunehmend das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Wir haben immer weniger Zeit für die eigentlichen journalistischen Arbeiten, wie die Recherche. Und uns freien Journalisten klaut der Onlinemarkt immer häufiger die Aufträge.

 

Apropos: Seit Oktober ist huffingtonpost.de online. Was halten Sie davon?

Ganz ehrlich, ich bin absolut für Innovationen und mutige Ideen im Journalismus. Aber das ist nicht mutig. Das ist einfach ein fieses Modell, das unser Handwerk zerstört. Ich wäre nicht traurig, wenn es scheitert.

 

Also stirbt Print aus?

Ich denke nicht, dass es komplett verschwinden wird. Aber Fakt ist, dass es gedruckte Produkte schwerer haben. Die Vertriebskosten sind da ein großes Argument. Print wird definitiv weniger werden. Erscheinungsweisen werden sich ändern. Es gibt Überlegungen, nach denen Tageszeitungen nur noch für Wochenendausgaben gedruckt und unter der Woche ausschließlich online veröffentlicht werden sollen. Große Blätter werden sich behaupten können, aber weiterhin teurer werden.

 

Besitzen Sie denn ein Zeitungsabo?

Nein, aber ich kaufe mir jeden Tag sklavisch die Süddeutsche. Obwohl die Online-Ausgabe auch sehr gut ist, lese ich sie lieber gedruckt als auf dem iPad. Ich liebe es, in der Zeitung zu blättern. Da bin ich Romantiker. Außerdem kann ich es der Kioskverkäuferin nicht antun, eines Morgens einfach nicht mehr zu kommen.

 

Welche Tipps haben Sie für Nachwuchsjournalisten wie mich?

Das klingt zwar plakativ, aber ich sage immer: Holt Euch blutige Nasen! Schreibt einen Blog. Es muss nicht von vielen gelesen werden, aber probiert Euch aus. Seid mutig. Ihr müsst nicht zu großen Medienhäusern gehen. Sucht Euch kleinere Redaktionen, in denen Ihr selber Dinge kreieren könnt. Die Zukunft liegt im Individualismus.

Hannah Reineke sprach mit Markus Haage (30).

Haage ist seit 15 Jahren unter anderem als Blogger im Internet aktiv. Er hat nie eine professionelle Medien- oder Journalistenausbildung absolviert. Aus finanziellen Gründen ist er aus der Onlinewelt zu Print gewechselt. Seit Juni 2013 hat er sein eigenes Magazin: „Der Zombie“ mit einer Auflage von 4.000 Exemplaren. Das Nischenprodukt beschäftigt sich mit Horror-, Science-Fiction- und Fantasy-Filmen. Haage veröffentlicht dabei Filmkritiken und Rückblicke auf einen Film oder eine Filmreihe.

 

 

Nischenprodukte sind die Zukunft

Warum wollten Sie Journalist werden?

Ich bin zu 100 Prozent Quereinsteiger. Seit Juni 2013 habe ich mein eigenes Magazin, ein Nischen-Magazin. Ich bin aus der digitalen Welt in die Printmedien gegangen, weil nichts zu verdienen war.

 

Wie heißt Ihr Magazin?

Das ist mir fast peinlich: „Der Zombie“. Im Juni ist die erste Ausgabe erschienen, die ging bei Amazon direkt auf Platz 21 der Bestsellerliste zwischen Feuchtgebiete und Johann Lafers Kochbuch.

 

Haben Sie eine Tageszeitung abonniert?

(Überlegt) Ja, die Zeit und den Spiegel.

 

Und die lesen Sie auch täglich?

Die liegen rum, dann schaue ich rein. Aber ansonsten bin ich durch die Onlinemedien geprägt.

 

Das ist auch unser Thema: eine Branche im Wandel - Krise oder Chance. Was sagen Sie dazu?

Die Ironie des Schicksals ist, dass ich journalistisch nur tätig sein kann, weil ich in die Printmedien gegangen bin, genau der umgekehrte Weg, (…) mit einem Nischen-Magazin, das zielgruppenorientiert ist. Da sehe ich eine große Zukunft in den Printmedien. Der Massenjournalismus wird nicht mehr funktionieren, dazu ist die Gesellschaft zu sehr zersplittert.

 

Haben Sie Kollegen, die durch diesen Wandel ihren Arbeitsplatz verloren haben oder darum fürchten müssen?

Einer meiner Freunde hat in den neunziger Jahren für eine simple Filmkritik 150 Mark Zeilengeld bekommen, heute unvorstellbar. Ich habe vorher schon für Printmedien gearbeitet, mit Glück habe ich 150 Euro für einen kompletten Artikel bekommen. Es ist ein harter und brutaler Markt geworden.

 

Spüren Sie das auch in Ihrer Nische?

Nicht wirklich, da ich keine Mitarbeiter habe und das so besser für mich zurechtschneiden kann. Ich bin jetzt in der Situation, in der es schwierig ist, Leute für einen Artikel finanziell zu entschädigen. Das geht kaum, dazu bin ich persönlich noch viel zu klein. Bisher funktioniert es sehr gut mit meinem Magazin. Es wird aber nicht so sein, dass ich von einem Magazin werde leben können.

 

Also haben Sie ein gutes Gefühl, was Ihre Zukunft betrifft?

Ich sehe sehr positiv in die Zukunft, im Gegensatz zu allen anderen hier. So ein Katzengejammer, wie auf einem Treffen der Anonymen Alkoholiker. Jeder hat eine schlechte Geschichte zu erzählen. Ich bin der, der das Fass Bier hereinrollt.

Jil-Selina Schröter sprach mit Jan Fleischhauer (51).

Fleischhauer ist Spiegel-Redakteur, stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts und stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros. Seit Januar 2011 ist er Autor der S.P.O.N.-Kolumne "Der schwarze Kanal" auf Spiegel Online. Außerdem ist er Buchautor: „Unter Linken - Von einem der aus Versehen konservativ wurde“.

 

 

„Kritik spornt mich an – ich berichte, um 'ne Welle zu machen“

Herr Fleischhauer, was hat Sie bewegt, am Journalistentag teilzunehmen?

Ich bin eingeladen, um über die Haltung im deutschen Journalismus zu sprechen. Normalerweise bin ich auf dieser Art von Veranstaltungen nicht eingeladen (lacht). Es ist somit schön und auch eine Ehre.

 

Warum hat Sie überrascht, dass Sie eingeladen wurden?

Ich bin ja nicht bekannt als Gewerkschaftsfreund. Und dass man mich für so bedeutsam hält, hier 45 Minuten auf dem Podium zu sprechen, hat mich überrascht, aber auch gefreut.

 

Wie sind Sie darauf gekommen, Journalist zu werden?

Studiert habe ich Germanistik und Philosophie. Und wenn man an das Ende eines solchen Studiums tritt, muss man Entscheidungen treffen.

 

Die da wären?

Sie haben drei Möglichkeiten. Sie werden Taxifahrer, Sie werden Lektor eines deutschen Verlags, was wahnsinnig schlecht bezahlt ist... Oder Sie werden Journalist! (lacht)

 

Worauf sind Sie bezüglich Ihrer Karriere besonders stolz?

Ich war 1989 der jüngste Spiegelredakteur... Mit 25!

 

Wie stehen Sie zum Spiegel? Man hört oft Kritik…

Der Spiegel ist natürlich kein Magazin, dem es leicht fällt, Politiker zu loben. Wer gerne Kanzlerlob lesen will, ist bei uns eben an der falschen Adresse. Ich finde unsere Haltung im Journalismus sehr gut und wir sind sorgfältiger als andere (lacht).

 

Inwiefern?

Die Zeit kommt zum Beispiel komplett ohne Recherche aus. Dort werden sie nichts weiter als schlaue Kommentare darüber finden, was andere bereits enthüllt haben. Da versuche ich lieber, Dinge an den Tag zu bringen, von denen andere eben nicht wollen, dass sie ans Tageslicht kommen. Das setzt für mich einfach enormen Ehrgeiz voraus und deswegen bin ich beim Spiegel genau richtig.

 

Wollten Sie schon immer gegen die Welle schwimmen und kritischer sein als andere?

Ich bin ja Polemiker. Und ein solcher lebt bekanntlich davon, dass er gerne 'ne Welle macht... Und umso größer die Welle ist, desto schöner das Gefühl. (lacht)

 

Also sind sicher nicht alle Reaktionen auf Ihre Ansichten positiv...


Es ist nicht jedermanns Sache. Man muss es aushalten können und ich persönlich habe ein kleines Teufelchen in mir, dass von Kritik noch mehr angespornt wird.

 

Haben Sie schon einmal jemanden einen Ihrer Artikel lesen sehen?

Naja... Einmal. Ich bin ehrlich, der Mann hat gleich über meinen Artikel weggeblättert. Von der Kränkung habe ich mich vier Wochen nicht erholt.

Chris Siek sprach mit Michael Steinbrecher (48).

Steinbrecher ist Journalist, Fernseh-Moderator und seit 2009 Professor für Fernseh- und Videojournalismus an der Technischen Universität in Dortmund. 1985 nahm er das Journalistik-Studium in Dortmund auf. Im Rahmen eines Volontariats 1987 kam er zum ZDF. Von 1987 bis 1992 moderierte Steinbrecher die Sendung Doppelpunkt und danach auch das Aktuelle Sportstudio im ZDF.

 

 

„Es bleibt ein toller Beruf“

Die Branche befindet sich zurzeit im Umbruch. Sehen Sie eine Krise oder eine Chance für die Zukunft?

Beides gleichzeitig. Es gibt wie bei allen Wandlungsprozessen Gewinner und Verlierer. Ich bin der Meinung, dass es in der Zukunft sehr wichtig sein wird, sich auszutauschen und Trends wahrzunehmen. Es ist ein Gewinn, dass sich heute so viele Journalisten über ihre Identität austauschen. Wir sind alle gefordert, uns Gedanken zu machen.

 

Sie sprachen bereits die neuen Trends an. Der heutige Tag steht unter dem Leitmotto: „Journalismus auf neuen Wegen“. Wie sehen die neuen Wege und Trends aus Ihrer Sicht aus?

Die Kompetenzen haben sich sehr geändert. Zusätzlich zu dem Potential Inhalte zu vermitteln, gehört heute auch eine Unternehmerkompetenz dazu. Junge Journalisten müssen wissen, wie sie sich auf dem Markt zu bewegen haben. Wir müssen weiter mit Euphorie in den Beruf gehen. Es bleibt ein toller Beruf.

 

Mit 700 Anmeldungen ist es ein Rekord für den Journalistentag. Wie bewerten Sie die Nachfrage der Branche?

Das Bewusstsein, dass es ein attraktiver Beruf ist, ist auf jeden Fall da. Viele Themen sind spannend, weil es einen tatsächlichen Diskussionsbedarf gibt. Ich empfinde es als eine gute Nachricht, dass heute so viele hier sind.

 

Sie sind bereits seit 26 Jahren als Journalist tätig. War es für Sie persönlich eine große Umstellung im Beruf?

Natürlich. Ich kann mich noch an die Anfangsphase erinnern, als der erste Online-Mitarbeiter auftauchte. Eine Onlinekompetenz gehört heute als Basis dazu. Das ist ein Wandel, den ich ganz deutlich gemerkt habe. Und als sehr spannend empfinde.

 

Wie flexibel muss ein Journalist heutzutage Ihrer Meinung nach sein?

Sehr flexibel. Wer sich nicht neu orientieren kann, ist fehl am Platz. Unsere Ausbildung hat sich enorm gewandelt. Aber gerade das macht ja auch die Spannung und den Reiz aus.

 

Für wie sinnvoll halten Sie es, Veranstaltungen wie den Journalistentag zu besuchen?

Es ist sinnvoll, wenn Journalisten zusammenkommen. Das kann in diesen Zeiten nur guttun. Es gibt eine Notwendigkeit des Dialogs zwischen Wissenschaft und Praxis. Es gibt eine Suche nach den neuen Wegen. Eine Unsicherheit parallel zur Neugier, das führt uns zusammen. Deswegen ist es wichtig und bereitet mir Freude, heute hier zu sein.

Natalie Waschk sprach mit Jürgen Döschner (56).

Döschner ist seit ca. 30 Jahren Redakteur und Reporter in der WDR Wirtschaftsredaktion. Im Sender arbeitete er in verschiedenen Funktionen: unter anderem in der Regionalberichterstattung, beim Mittagsmagazin, er war fünf Jahre Korrespondent in Moskau. In den letzten zehn Jahren spezialisierte er sich auf das Thema Energie, seit zwei Jahren ist er ARD-Energieexperte.

 

 

Alles spricht über Crossmedialität

Das Thema lautet: „Eine Branche im Umbruch“. Inwieweit beeinflusst es Ihre Arbeit?

Da ich den Wandel nicht aus Sicht eines Unternehmens betrachten muss, erachte ich ihn nicht als unmittelbare Krise. Er ist gar nicht so extrem, wie wir glauben. Das Grundprinzip des Journalismus ist seit den letzten 100 Jahren das Gleiche: Wir müssen Informationen sammeln, bewerten, zusammenfassen und möglichst verständlich vermitteln. Die Möglichkeiten hierzu haben sich durch das Internet erweitert.

 

Also können Sie Ihre Arbeit mit Hilfe des Internets ausbauen?

Ja. Nehmen wir das Radio: Früher war ich darauf angewiesen, dass der Hörer in meinem Sendegebiet ist und einschaltet. Heute kann ich überall Radio hören, Berichte in der Mediathek abrufen und über Twitter gezielt Interessenten ansprechen.

 

Was denken Sie über den Rückgang von Printmedien?

Es gibt Beispiele, dass Zeitungen den Weg ins Internet gefunden haben. Leitmedium ist der Spiegel, der viel Geld in seine Onlineredaktion gesteckt hat. Auch die Süddeutsche und die taz, die in der Vergangenheit für eine gewisse Seriosität, jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten, gestanden haben, betreiben weiterhin Qualitätsjournalismus im Internet.

 

Und die Huffington Post?

Sie ersetzt nicht den unabhängigen professionellen Journalismus, der schult und materielle sowie räumliche und technische Möglichkeiten für den Journalisten schafft.

 

Was sagen Sie zur Bezahlung?

(ernst) Das ist das Problem, wenn man die Medienlandschaft insgesamt betrachtet: Sie ist besorgniserregend! (…) Der Service, den wir den Menschen bieten, der kostet eben, den muss man sich leisten!

 

Würden sie Ihren Beruf Ihren Kindern empfehlen?

(lacht) Ich weiß es nicht. Es ist nicht einfach, seinen Weg im Journalismus zu finden. Dennoch wird er weiterhin ganz wichtig bleiben. Wir brauchen Menschen, die Informationen filtern und sortieren, gerade, wo es nun diese Informationsschwemme gibt. Es gibt so viele gute Quellen, die gefunden werden müssen.

 

Ein abschließender Satz?

Jeder muss für seine Position kämpfen, auch ich. Das freie Geschäft ist schwierig, der Abbau der Zeitungen nicht gut. Das sind Dinge, die bedenklich stimmen, gegen die man allerdings nichts mehr unternehmen kann. Beim WDR sprechen daher alle nur noch von Crossmedialität.

David Weierstahl sprach mit Lena Heimers (25).

Heimers ist freie Journalistin, unter anderem tätig für das aGEnda 21-Büro, die Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen in NRW (lagfa) und die Stadt Gelsenkirchen.

 

 

„Ich habe schon immer gerne geschrieben“

Was stört Sie an der momentanen Situation der Branche?

Dass immer mehr Journalisten als Freie unterwegs sein müssen. Als freier Journalist ist man selbst dafür zuständig, am Ende des Monats genügend Geld für die Miete erwirtschaftet zu haben. In einer Zeit, in der die meisten anderen Urlaub machen, kann einem das Wasser auch mal bis zum Halse stehen. Man kann ein guter Journalist sein, aber ohne unternehmerische Fähigkeiten und gute Beziehungen kann schnell die Existenz auf dem Spiel stehen.

 

Sehen Sie den medialen Umbruch im Journalismus als Krise oder als Chance?

Beides. Der mediale Umbruch bietet auch Chancen durch die Vielfalt der neuen Möglichkeiten. Der Journalismus ist eine schnelle Branche, in der es immer wieder Umbrüche gibt und in der auch noch viele weitere folgen werden. Wichtig ist es, dass man es schafft, sich anzupassen.

 

Welche Rolle kann Crossmedia für Journalisten spielen?

Auf Dauer eine sehr große. Es muss mehr Informationen geben, dazu Bilder und am besten noch Videos. Das ist durch crossmediale Ansätze zu schaffen. Mit einem QR-Code, dem Verweis auf eine Homepage oder einen Auftritt im Bereich Social Media können diese Wünsche erfüllt werden.

 

Muss der Journalist von morgen Spezialist oder Alleskönner sein?

An sich ist jeder gute Journalist Spezialist. Es ist Aufgabe des Journalisten, sich in jedes erdenkliche Thema hineinzufinden und es dann vermitteln zu können. Keiner kann erwarten, dass ein Journalist neben dem Schreiben auch noch fotografieren, programmieren und filmen kann.

 

Warum sind Sie Journalistin geworden?

Weil ich schon immer gerne geschrieben habe. Ich habe gemerkt, dass ich Menschen mit meinen Texten erreichen und berühren kann. Ich glaube, dass ein Journalist derjenige ist, der anderen Menschen Dinge auf leichte Art nahebringen kann und sie dabei auch noch mitreißt. Und genau das möchte ich.

Luisa Wiesemeyer sprach mit Detlef Schlüchtermann (59).

Schlüchtermann war Redakteur der Westfälischen Rundschau, derzeit ist er als freier Journalist tätig.

 

 

"Die Zukunft ist nicht rosig!"

Auf dem Journalistentag wird rege über die Krise im Journalismus diskutiert. Warum sind Sie hier?

Ich habe 32 Jahre bei der Westfälischen Rundschau gearbeitet. Dann wurde die komplette Redaktion im Februar letzten Jahres aufgelöst. 127 Festangestellte und 150 bis 200 freiberufliche Journalisten saßen von einem auf den anderen Tag quasi auf der Straße. Ich hoffe, hier auf alte Kollegen zu stoßen.

 

Wie bewerten Sie die Entscheidung der Funke Mediengruppe?

Der Verlag will Profit maximieren, ganz klar. Mit unserer Redaktion ist dies anscheinend nicht mehr möglich gewesen. Was heute nicht mehr profitabel ist, wird gnadenlos abgestoßen. Das ist ein Prozess, der nicht aufzuhalten ist - so wird es allen Zeitungsverlagen gehen. Die Zukunft ist nicht rosig!

 

Sie meinen also, die Strukturen der Medien, vornehmlich die der Printmedien, haben sich verändert. Sehen Sie den Journalismus in der Krise?

Auf jeden Fall! Die digitale Welt, besonders das Internet, ermöglicht einen viel schnelleren Zugang zu Informationen. Vor allem die jungen Leute nutzen dieses Angebot. So wird das Traditionsmedium Zeitung allmählich aussterben.

 

"In jeder Krise liegt eine Chance" - so eine Redensart. Wie sehen Sie das, öffnet die Krise möglicherweise neue Türen?

Selbstverständlich. Allein hier auf dem Journalistentag werden reihenweise Möglichkeiten präsentiert. Viele meiner ehemaligen Kollegen gründen Portale oder schreiben erfolgreich Blogs. Zwei bringen eine Zeitschrift raus, ein anderer entwirft ein Hochglanzmagazin. Ob das langfristig alles Erfolg hat, weiß man nicht. Ich bin da eher skeptisch. Jedenfalls gibt es viele Optionen, weiterhin journalistisch tätig zu sein.

 

Was ist mit Ihnen, welche Option nutzen Sie für Ihre Zukunft?

Meine Situation ist eine andere. Ich habe nach 32 Berufsjahren eine hohe Abfindung bekommen und bin nicht unbedingt darauf angewiesen, noch neue Ideen zu entwickeln. (lacht) Die vier Jahre bis zur Rente werde ich noch freiberuflich tätig sein, mit 59 Jahren kann man heute nicht mehr auf eine Festanstellung hoffen.

Katharina Gröne sprach mit Frank Stach (51).

Stach ist Landesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes NRW. Er arbeitet seit 1992 als freier Journalist beim WDR Dortmund (Hörfunk und Fernsehen).

 

 

„Eine Branche hat den Glauben verloren“

Herr Stach, was müssen junge Journalisten heute mitbringen, um diesen Job auch in Zukunft ausüben zu können?

Ich glaube es ist sehr wichtig, heute erst mal eine Haltung zu entwickeln. Ich zum Beispiel habe mich über die Kommunalpolitik geärgert und darüber geschrieben.

 

Das klingt so, als hätten Sie von Anfang an Ihr Interesse im Politikjournalismus verfolgt. Kommen Journalisten mit einer Spezialisierung eher weiter?

Es gibt unglaublich viele Sparten, man muss sich einarbeiten. Der gute Journalismus lebt heute von Kompetenz. Die Verleger kaufen diese Kompetenz ein.

 

Abgesehen von Themenkompetenz: Werden Journalisten in Zukunft auch mehr technische Fähigkeiten brauchen?

Sie müssen heute als Journalist einfach mit diverser Technik umgehen. Wenn ich als Fernsehjournalist unterwegs bin, muss ich nun mal auch Ahnung haben, wie die Kameras funktionieren.

 

Sagen wir, Ihre eigene Tochter möchte Journalistin werden, was würden Sie ihr raten?

Ich würde ihr genau das erzählen, was ich ihnen erzählt habe: Hast du eine Haltung zu dieser Welt? Hast du Bock drauf, vielleicht unter erschwerten finanziellen Bedingungen einen Blick auf die Welt zu entwickeln, den andere auch so gut finden, dass sie ihn kaufen? Hast du Leidenschaft für diesen Beruf? Wenn ja: kein Problem!

 

Auch im Hinblick auf die finanziell schlechte Aussicht? Unter anderem bedingt durch Formate wie die Huffington Post.

Aber das sind doch super Möglichkeiten, sich auszudrücken. Die große Frage ist nur: Wie finanziert sich das künftig? Aber Entschuldigung, als ich 21 Jahre alt war und bis ich auf die 30 zuging, war mir das große Geld verdienen herzlich egal, sondern ich wollte meine Art von Journalismus.

 

Sie sind also der Meinung, dass Journalisten auch in Zukunft von diesem Beruf leben können?

Definitiv. Sonst wäre ich nicht der Vorsitzende des Landesverbandes, wenn ich diesen Glauben nicht hätte. Ich schaue optimistisch nach vorne, was das angeht. Aber ich sehe auch, dass einfach eine Branche den Glauben verloren hat. Und das ist durchaus verwirrend.

 

Inwiefern den Glauben verloren?

Zeitungverleger sind nicht mehr so mutig. (…) Ich glaube manchmal, dass sie nur noch ans Geldverdienen denken, aber nicht mehr an das Ursprüngliche, was ihnen damals auch Geld gebracht hat, nämlich Qualitätsjournalismus.

Diane-Luisa Dwars sprach mit Stephan Meisel (54).

Meisel ist seit 1992 Redakteur bei der Rheinischen Post, zunächst als Lokalredakteur in Düsseldorf, derzeit ist er Lokalchef in Langenfeld. Zuvor arbeitete er als Lokalredakteur bei den Badischen Neusten Nachrichten in Karlsruhe.

 

 

Von der Schreibmaschine zum iPad – Journalismus im Wandel der Zeit

Mit welchen drei Begriffen würden Sie Journalismus beschreiben?

Unterhaltsam, vielfältig und aktuell.

 

Sie arbeiten schon seit über 30 Jahren in dieser Branche. Wie erleben Sie den Wandel mit?

In meiner Anfangszeit habe ich noch mit einer Schreibmaschine gearbeitet, jetzt kann ich mir die Arbeit ohne Computer und iPad nicht mehr vorstellen. Es gab in den letzten Jahren viele spannende Entwicklungen und Umstellungen, die jedoch auch zu einer Verdichtung des Arbeitstages geführt haben. Die unterschiedlichen Kanäle wollen bedient werden. Es ist nicht damit getan, schnell einen Text ins Internet zu stellen.

 

Was verbinden Sie mit einer Tageszeitung?

Eine Tageszeitung ist etwas Sinnliches und Greifbares.

 

Wie würden Sie Onlinemedien beschreiben?

Es ist eine visuelle Art und Weise, eine Geschichte zu erzählen. Die Nutzung von Onlinemedien wird immer bequemer.

 

Welche Medienform bevorzugen Sie, Print- oder Onlinemedien?

Eindeutig Print!

 

Die Branche steckt in einer Krise. Haben Sie Angst vor Ihrer Zukunft?

Nein, ich habe keine Angst vor meiner Zukunft. Ich sehe eher ein Problem für die Berufsanfänger, denn es wird immer schwieriger, in die Branche hineinzukommen.

 

Was bedeutet der Umbruch für den Journalismus?

Journalismus wird immer gebraucht, nur die Grundlage wird sich ändern. Was ist Print eigentlich? Bildlich ist es die Zeitung, die im Briefkasten liegt – aber es kann auch die Zeitung sein, die sich jeder ausdruckt. Onlinemedien öffnen neue Tore und sind als Chance zu betrachten.

 

Welche Kompetenzen sollten Ihrer Meinung nach junge Journalisten mitbringen?

Sie sollten die Trends im Auge behalten und sich einen Überblick schaffen, in welche Richtung sich die Medien entwickeln. Junge Leute müssen offen für neue und auch unbeliebte Aufgaben sein. Journalismus ist vielfältig - nicht nur in eine Richtung denken, sondern sich ständig weiterentwickeln, das ist für die Zukunft immer wichtiger.

Peter Krebber sprach mit Stefan Moll (Jahrgang 1960).

Moll ist Leiter des Programmbereichs Internet des WDR.

 

 

„Man könnte besser vorbereitet sein“

Die Veranstaltung läuft noch und Sie haben gerade Ihren Mantel an der Garderobe abgeholt. Hat es Ihnen heute nicht gefallen am Journalistentag?

Oh, doch diese Veranstaltungen sind immer etwas Gutes, denn ich kann Formelles mit Informellem verbinden. Aber ich habe heute Abend noch ein familiäres Treffen, um ihre Frage zu beantworten.

 

Welcher Teil war heute der Formelle?

Nun, es wurde bei uns intern in der Redaktion gefragt, wer zum Journalistentag geht und an einer Diskussion teilnehmen will. Ich habe mich gemeldet, weil ich vorhatte, hierher zu kommen. Die Diskussion war das Formelle.

 

Und informell?

Das Wiedersehen mit alten Kollegen und das Fachsimpeln, da wir uns in unserer Arbeit ja ähnlich sind.

 

Nur Ähnlich? Sind nicht alle Journalisten?

Ich bin Online-Journalist. Der Printbereich und das Internet beschnuppern sich noch. Technik und Möglichkeiten sind ein Vorteil für das Internet.

 

Die Branche befindet sich im Umbruch. Bewerten Sie das als Krise oder als Chance?

Die Herausforderung ist, den professionellen Journalismus mit dem Medium Internet zu verknüpfen. Für den einen oder anderen Journalisten aus dem Bereich Print ist es bestimmt eine Krise, wenn sich Auflagen stark reduzieren und Redaktionen um die Existenz fürchten. Aber es ist auch eine Chance, auf die schnellstmöglich reagiert werden muss. Sie haben jetzt die Möglichkeit, schneller und aktueller zu berichten und bekommen zeitgleich ein Feedback über das Leseverhalten und Mausklicks. Die Berichterstattung verschiebt sich vom analogen Print auf digitale Seiten des World Wide Web.

 

Hätte man diese Chance nicht vorhersehen können, um der Krise aus dem Weg zu gehen?

Dass Menschen das Internet für sich entdecken, kann man nicht vorhersehen oder verhindern, aber man hätte darauf besser vorbereitet sein können, um der Printbranche mehr Zeit zu geben, sich anzupassen.

 

Angenommen, Sie wären einer der betroffenen Journalisten, die ihren Arbeitsplatz verloren hätten. Könnten sie als freier Mitarbeiter ihren jetzigen Lebens-Status aufrechterhalten?

Diese Frage habe ich mir offen gestanden selber noch nie gestellt. Das musste ich bisher auch nicht.

Alle Fotos auf dieser Webseite: DJV-NRW / Udo Geisler