Deutscher Journalisten-verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Wandel im Journalismus

Von Chancen und Risiken?

Projekt von Studierenden der TU Dortmund: Nachwuchsjournalisten interviewen Medienprofis

Insgesamt 12 Studentinnen und Studenten der Technischen Universität Dortmund haben den Journalistentag 2015 im Landschaftspark Duisburg-Nord dafür genutzt, Interviews mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Medienbereich zu führen. Das Thema der Erstsemester lautete "Wandel im Journalismus – Von Chancen und Risiken?".

 

Die befragten Medienprofis waren nach Angaben der Nachwuchsjournalisten sehr auskunftsbereit und offen; die Übung empfanden die Studierenden als spannend und lehrreich. Herausgekommen ist eine zwar nicht repräsentative, aber gleichwohl vielstimmige und überwiegend positive Innenansicht des Berufsstandes Journalismus.

 

Die Fragesteller - Studierende der Sprach- und Kulturwissenschaften mit Nebenfach Journalistik - gehören dem Seminar „Einführung in den praktischen Journalismus“ der Lehrbeauftragten Dr. Yasmin Schulten-Jaspers an. Sie sollten beim Journalistentag üben, Interviews eigenständig zu organisieren, zu führen und zu verarbeiten und durch diese Erfahrung auch eventuellen Ängsten entgegensteuern, auf Interviewpartner zuzugehen.

 

Der DJV-NRW freut sich, die Ergebnisse der Befragung auf seinen Webseiten präsentieren zu können.

Daniel Weber sprach mit Andrea Hansen.

Andrea Hansen ist freie Journalistin und arbeitet überwiegend für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Darüber hinaus ist sie Medientrainerin, Dozentin und Moderatorin.

 

„Die Totenglocken wurden schon immer geläutet“

 

Frau Hansen, immerzu ist vom Wandel im Journalismus die Rede. Deshalb meine Frage direkt zu Beginn: Was für ein Wandel findet überhaupt statt?

 

Ach du Heiliger! Wo soll ich da anfangen? Meiner Meinung nach ist der Journalismus ein Beruf, der einem permanenten Wandel unterworfen ist. Alles, was an technischem Umbruch passiert, passiert auch immer im Journalismus. Eher neu ist da der Rückkanal, der immer lauter wird. Die Menschen nutzen die Möglichkeit, etwas zurück zu kommunizieren, auf das man auch reagieren muss. Dazu kommt eine Geschäftsmodellkrise an vielen Stellen. Und daraus entsteht dann ein Druck, der vielleicht aus so vielen verschiedenen Richtungen kommt, dass man ihn deshalb als „den“ Wandel im Journalismus begreift.

 

Wie haben sich in diesem Zusammenhang die Anforderungen an die Journalisten geändert?

 

Ich glaube, dass heute ein Hochschulstudium zwingend nötig ist, wenn Sie erfolgreich im Journalismus arbeiten wollen. Als ich Anfang der 90er in den Beruf eingestiegen bin, habe ich noch einige Redakteure getroffen, die ihr Studium abgebrochen hatten oder sogar direkt nach dem Abitur über ein Volontariat in die Branche gekommen waren. Heute kann man solche Karrieren eher mit der Lupe suchen. Technische Kompetenz ist immer wichtiger geworden - Talent fürs Schreiben allein reicht nicht mehr. Ganz wichtig ist auch die Fähigkeit, sich selbst zu vermarkten und eine eigene Wahrnehmbarkeit zu haben.

 

Sie sind ja besonders im Bereich TV aktiv. Wie hat sich die journalistische Arbeit in diesem Bereich entwickelt?

 

Eine Neuerung ist die Unmittelbarkeit, die die Live-Übertragung (wenn auch auf niedrigem technischen und meist auch bildlichen Niveau) durch Angebote wie Periscope für mehr Anbieter möglich macht. Das ist also kein Privileg des Fernsehens mehr. Darin sehe ich aber auch eine Problematik, denn Live-Berichterstattung kann mitunter mitreißen. Hier muss dringend eine Professionalisierung stattfinden, indem wir uns fragen: Welches Material haben wir? Und was senden wir letztendlich? Diese Diskussion ist für Fernsehleute ganz selbstverständlich. Ich habe aber das Gefühl, diese Diskussion steht bei anderen Marktteilnehmern erst am Anfang.

 

Sie haben durch die Arbeit in verschiedenen Medien viele Erfahrungen gesammelt. Was würden Sie sagen, welches Medium im Wandel am ehesten ins Hintertreffen gerät?

 

Wenn ich die Frage beantworten könnte, wäre ich eine gemachte Frau! Was ich zumindest beobachten kann, ist, dass das Bewegtbild zieht. Da aber alles immer mehr miteinander verschmilzt, kann ich nicht sagen, ob da einer auf der Strecke bleibt - immerhin ist das auch noch nie passiert. Die Totenglocken wurden schon immer geläutet, aber zumindest bislang hat kein Medium ein anderes komplett abgelöst.

 

Sie sind als Dozentin auch an Hochschulen unterwegs und mit dafür verantwortlich, die Journalisten und Journalistinnen von morgen auszubilden. Welche Herausforderungen kommen beruflich auf diese neue Generation zu?

 

Im Grunde genommen ist es damals wie heute nicht leicht, im Journalismus Fuß zu fassen. Wie ich schon kurz erwähnte, kommt es immer mehr auf eine gewisse Technikaffinität an, die man heutzutage mit in den Beruf bringen muss. Was ich allerdings festgestellt habe, ist, dass viele junge Leute ihre Arbeitszufriedenheit über das Geldverdienen stellen.

 

Zum Schluss bitte ich noch um drei Dinge, die Sie angehenden Journalisten mit auf den Weg geben möchten.

 

Oh je – da jetzt drei auszuwählen und zu sagen „das ist am Wichtigsten“, die Berufswahl ist ja ein sehr individueller Prozess. Also ich versuch’s mal: Zuerst sucht etwas, für das ihr wirklich brennt! Ich glaube, dass es unfassbar schwierig ist, einen Weg nur aus Vernunft zu gehen. Unterm Strich stellt Geld allein irgendwann nicht mehr zufrieden. Und meiner Einschätzung nach gehen Menschen, die für etwas brennen, häufig sehr viel zufriedener und mit mehr Kraft durchs Leben als Leute, die ein Kompensationsgeschäft betreiben müssen. Also nach dem Motto: Ich finde meinen Job zwar blöd, aber dafür kriege ich viel Geld und kann öfter in den Urlaub fahren.

 

Als Zweites geht es immer mehr um Authentizität und Glaubwürdigkeit. Deshalb ist es wichtig, dass man den Beruf ernst nimmt und wichtig findet, was man tut, aber bitte nicht sich selbst. Selbstvermarktung darf nicht mit Selbstdarstellung verwechselt werden, denn man selbst ist nur ein Vehikel. Auch, wenn man ab einem gewissen Punkt sozusagen eine Marke ist, darf man nicht sich selbst für die Message halten.

 

Nicht zuletzt ist es von Vorteil, wenn man eine Spezialisierung mitbringt, die einen definiert. Das kann z.B. ein Studienfach sein, das auf den ersten Blick nichts mit Journalismus zu tun hat, wie Jura oder Medizin. Man sollte sich sehr intensiv und sehr ehrlich mit den eigenen Stärken und Schwächen beschäftigen und dann sagen: Okay, darauf setze ich.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Melina Gries sprach mit Katrin Kroemer.

Katrin Kroemer ist freie Journalistin und als Beisitzerin im Vorstand des Deutschen Journalisten-Verbandes NRW. Nachdem sie jahrelang Tageszeitungsredakteurin war, ist sie nun im Magazin-Bereich tätig.

 

„Zeitungen wird es immer geben“

 

Wie wirkt sich der Wandel des Journalismus auf Ihren Beruf aus?

 

Ich bin selber davon betroffen, weil ich Redakteurin der Westfälischen Rundschau war, die zu Beginn 2013 eingestellt wurde. In Dortmund gibt es nun nur noch eine Tageszeitung. Dies ist eine nachweisliche Form von Wandel. Die andere Seite des Wandels ist, dass die früheren reinen Printprodukte sich heutzutage auf verschiedene Ausgaben, auch in den digitalen Bereich, verlegen müssen oder sich damit ergänzen müssen.

 

Welchen Wandel haben sie bereits in Ihrer Laufbahn erlebt?

 

Früher wurden die Zeitungstexte von Korrektoren gegengelesen und fehlerfrei gemacht. Heute werden zunehmend mehr Aufgaben auf den Journalisten verlagert, vom Termin, dem Schreiben der Geschichte bis zum Sendefertigmachen wird alles eigenverantwortlich gemacht. Deshalb ist die Dichte größer geworden. Früher waren mehr Menschen an dem Produktionsprozess beteiligt.

 

Sie kennen ja beide Seiten - was finden Sie besser: Freiberuflichkeit oder Festanstellung?

 

Das hat beides was für sich. Freiberuflich ist man selbstbestimmter und man kann  sich selber organisieren. Das ist aber gleichzeitig auch eine Herausforderung, denn man muss viel Disziplin aufbringen, wenn man morgens nicht in eine Redaktion fahren muss, sondern alles selbst managt. Bei einer Festanstellung hat man den Vorteil einer relativ sozialen Sicherheit, aber dafür hat man auch mehr Zwänge. Ein weiterer Vorteil ist, dass man mit vielen Kollegen zusammenarbeitet. Als Freie ist man meist auf sich selbst gestellt.

 

Hat man als freier Mitarbeiter in Zeiten des Wandels eine Chance doch irgendwann in eine Festanstellung zu wechseln?

 

Das hat nichts mit dem Wandel zu tun, sondern mit der Ausbildung. Die jungen Menschen, die von den Universitäten kommen, sind hervorragend ausgebildet. Sie sind für den Wandel bestens gewappnet. Denn es wird dort nicht nur gelehrt, wie man eine Zeitung macht, sondern auch wie man Hörfunk macht, Videos dreht und wie man schreibt. Das ist die beste Voraussetzung überhaupt, um in diesem Beruf zu bestehen. Denn man muss sich immer offen halten, für alles was sich verändert.


Haben Sie sich persönlich gewandelt, um auch in Zeiten des Wandels bestehen zu können?

 

Das ist in diesem Beruf ein fortlaufender Prozess. Wenn man in diesem Beruf ist, erlebt man den dauerhaften Wandel der Gesellschaft mit und muss entsprechend mit diesem mitgehen. Der Beruf ist eine große Chance immer „up to date“ zu sein, immer zu wissen und mitzuerleben, was gerade passiert. Man ist Teil der Veränderung, indem man auch darüber berichtet.

 

In welchen journalistischen Bereichen sehen Sie für den Nachwuchs Zukunftspotenzial?

 

Ich glaube gut ausgebildeter Nachwuchs hat überall breite Chancen. Diejenigen, die auf mehreren Ebenen Fähigkeiten haben, werden nach wie vor gesucht und gebraucht.

 

Gibt es für den Nachwuchs auch weiterhin Chancen bei den Zeitungen?

 

Ja auf jeden Fall. Zeitungen wird es immer geben, leider nicht mehr so viele. Das ist ein Zukunftsberuf, da bin ich mir sehr sicher. Jedoch muss man auch dort immer für den Wandel bereit sein.

 

Was würden Sie abschließend den jungen Leuten mit dem Berufswunsch Journalismus raten oder wovon würden Sie auch abraten?

 

Wenn man Spaß daran hat Menschen zu treffen, aktuelle Sachen zu verfolgen, immer auf der Höhe der Zeit zu bleiben, kritisch auf Geschehen zu gucken und darüber zu informieren, kann ich nur raten, beißt euch durch. Es lohnt sich.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Anna Bremer sprach mit Sascha Fobbe.

Sascha Fobbe ist bei dem Lokalradiosender RST für den Kreis Steinfurt als Nachmittagsmoderatorin und Frühnachrichtenredakteurin tätig. Außerdem ist sie Moderatorin von Off-Air-Veranstaltungen und Freie Autorin u.a. für das DJV-NRW-Journal. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Stellvertretende Landesvorsitzende des DJV-NRW.

 

„Ob man Leuten wirklich noch raten kann in den Journalismus zu gehen, ist echt ´ne schwierige Frage.“

 

Frau Fobbe, wie lange sind Sie schon beim Radio tätig und was waren Ihre Beweggründe zum Radio zu gehen?

 

Beim Radio bin ich seit 18 Jahren tätig. Ich wollte schon immer in den Journalismus aber bin durch einen kleinen Umweg erst zum Radio gekommen. Nach meinem Studium mit dem Nebenfach Publizistik wusste ich nämlich nicht, was ich damit jetzt anfangen soll. Deshalb habe ich eine Weiterbildung für „Arbeitslose Akademiker“ in Richtung Eurojournalismus gemacht. Bei dem darin integrierten Praktikum beim Radio habe ich gedacht: „Das ist es!“ und meine Entscheidung war gefallen.


Haben Sie während Ihrer Zeit beim Radio einen journalistischen Wandel beobachten können?

 

Ja, definitiv. Mit Hörern und Lesern so zu kommunizieren, wie wir es heute tun, wäre früher undenkbar gewesen. Außerdem ist man heute darauf bedacht zu schauen, ob uns unsere Hörer Infos liefern und ob diese für uns Journalisten als Quellen brauchbar sind. Zudem stellen wir uns beim Lokalradio heute mehr die Frage: „Was nützt das dem Hörer und was interessiert ihn wirklich?“

 

Wie sehen Sie die Entwicklung der Medien Radio, Fernsehen, Print und Online in Bezug auf die Zukunft?

 

Momentan stecken wir echt in einer schweren Phase. Alles ist im Umbruch. Ich kann mir ja beispielsweise problemlos meinen Radiosender aus den USA holen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Leute eine Einordnung wollen. Es wird weiterhin professionelle Journalisten geben und geben müssen. Aber wie viele das dann letztlich noch sein werden, das weiß ich nicht.


Können Sie mutmaßen, welches der vier Medien voraussichtlich noch am längsten bestehen wird?

 

Naja es gibt ja den Spruch „Das Internet geht nicht mehr weg“. Ich denke schon, dass der Online-Bereich die Zukunft ist, dafür muss man kein Prophet sein. Aber Radio wird nicht sterben, Fernsehen wird nicht sterben und Zeitungen werden auch nicht sterben.


Denken Sie also, dass der Begriff des „Zeitungssterbens“ unbegründet ist?

 

Im Zeitungsbereich sehe ich die Schuld bei den Managern, die nicht gesehen haben, wohin die Entwicklung geht. Ich glaube, die Zeitungsverleger verdienen immer noch gutes Geld, sehen aber den Auftrag dahinter nicht mehr. Sie sehen das Geld aber sind nicht mehr mit Herzblut dabei. Also momentan ist die Lage richtig schlecht. Ich hoffe, dass es wieder besser wird.

 

Hatten Sie als Journalistin jemals Angst davor keinen Job zu finden?

 

Ja. Nach meiner Ausbildung habe ich als „Freie“ mit sehr geringem Einkommen gearbeitet. Rücklagen bilden ging damals gar nicht. Ab dem Zeitpunkt habe ich mir gesagt, dass es so nicht weiter geht - obwohl es mein Traumjob ist. Ich habe mir noch ein weiteres Jahr gegeben und in dieser Zeit ein Volontariat erhalten, auf welches die Festanstellung folgte. Hätte das nicht geklappt, hätte ich was anderes gemacht.

 

Sehen Sie ihre Tätigkeit als Autorin als eine Art „Absicherung“ zu ihrem Job beim Radio?

 

Nein, das Schreiben ist für mich nur die Ergänzung zu den meist sehr kurzen Radiobeiträgen. Beim Schreiben habe ich mehr Zeit zum recherchieren und kann länger schreiben. Das finde ich schön.

 

Können Sie angehenden Journalisten einen Tipp geben, worauf sie in der Ausbildung achten sollten, um später gute Aussichten auf einen Job zu haben?

 

Sie sollten darauf achten, sich vielfältig aufzustellen und eine breite Ausbildung haben. Und man sollte die Technik beherrschen, um dann inhaltlich machen zu können, worauf man Lust hat.

 

Und was sind unverzichtbare Kompetenzen?

 

Es kann nicht schaden, wenn man mit einem Aufnahmegerät umgehen kann, Töne schneiden kann und sich in Sozialen Netzwerken und dem Internet auskennt. Auch mal mehr als zehn Zeilen Text schreiben können, ohne fünf Stunden darüber brüten zu müssen, ist ein großer Vorteil.

 

Anna-Lena Siebert sprach mit Frank Kopatschek.

Frank Kopatschek hat viele Jahre als Redakteur bei der NRZ gearbeitet, bevor er zunächst als Pressesprecher der Stadt Duisburg und jetzt als Koordinator der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Duisburg tätig wurde.

 

„Die Hemmschwelle ist gesunken“


Herr Kopatschek, wenn Sie an den Wandel im Journalismus denken, was fällt Ihnen dann als Erstes ein?

 

Ich denke zunächst daran, dass sich die Medien in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert haben. Ich bin in den Journalismus Ende der 70er Jahre eingestiegen und heute empfinde ich die Vielzahl an Medien und Kanälen, in denen Nachrichten verbreitet werden als nicht besonders gut. Denn sie führen dazu, dass die Qualität im Journalismus deutlich nachgelassen hat.

 

Inwiefern wirkt sich dieser Wandel auf Ihre Arbeit als Pressesprecher aus?

 

Ich habe einen guten Blick auf diese Entwicklung, denn Pressesprecher müssen auch auf die veränderte Medienlandschaft reagieren. Der Wandel, der auf der einen Seite stattfindet, muss sich auch in den Strukturen von Presseämtern widerspiegeln. Beispielweise müssen wir heute genauso crossmedial arbeiten wie die Kollegen in den Redaktionen, Funkhäusern, Fernsehanstalten und Online-Blogs.

 

Sie sprechen Online-Blogs an. Halten Sie es für möglich, dass Blogs und Social Media Plattformen in Zukunft den qualitativen Journalismus gefährden könnten?

 

Das hängt immer von den Journalisten ab. Entscheidend ist, dass diese Medien Tür und Tore geöffnet haben für diejenigen, die leider nicht ordentlich recherchieren und Meldungen veröffentlichen, die eigentlich
nicht den Grundsätzen des Journalismus entsprechen. Die neuen Medien sind eine gute Möglichkeit, um Nachrichten zu verbreiten. Auf der anderen Seite sind sie leider in der Lage zu verunsichern und Falschmeldungen schnell zu verbreiten. Die Hemmschwelle ist im Vergleich zu früher deutlich gesunken. Daher wird teilweise nicht mehr so ordentlich recherchiert.

 

Wirkt sich der Wandel vom Print zum Online-Journalismus auch auf die Öffentlichkeitsarbeit aus?

 

Nicht so sehr, weil die meisten Print-Redakteure  inzwischen auch crossmedial arbeiten. Sie haben allerdings in der Regel mehr Zeit für ihre Recherche. Die Online-Redakteure müssen schneller sein. Wenn ich jetzt huste, steht es ein paar Minuten später in Internet. Man spürt den Zeitdruck, der auf ihnen lastet.

 

Sie haben früher als Redakteur für die Neue Ruhrzeitung gearbeitet. Gibt es in der Zeit dieses Wandels in der Öffentlichkeitsarbeit Vorteile gegenüber der Arbeit in der Redaktion?

 

Nicht wirklich. Ich habe mich aus privaten Gründen für diesen Wechsel entschieden. Ich habe es zum Glück auch nie bereut. Im Moment würde ich auch nicht mehr zurückkehren in die Redaktion, weil die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren immer schlechter geworden sind. Daher engagiere ich mich auch im DJV, um dafür zu sorgen, dass auch weiterhin ordentliche Tarifverhandlungen stattfinden.

 

Inwiefern haben sich Ihrer Meinung nach die Arbeitsbedingungen denn verschlechtert?

 

Beim Blick in die Redaktionen bemerkt man, dass einige Zeitungen ihre Redakteurszahlen in den letzten Jahren fast halbiert haben. Es werden weniger Redakteure eingestellt und gleichzeitig mehr Aufgaben  gestellt. Der Druck wird enorm erhöht.


Als abschließende Frage: Was würden Sie jungen Journalisten und Berufseinsteigern für die Zukunft raten?

 

Grundsätzlich finde ich immer, wer nicht neugierig auf Menschen ist, der hat in dem Beruf nichts zu tun. Im Journalismus geht es um Menschen, es geht und Recherchen und Geschichten. Daher ist Neugier eine wichtige Voraussetzung. Zweitens ist es wichtig, seriös zu bleiben. Also den Fakten zu glauben und nicht irgendwelchen Vermutungen hinterherzulaufen. Man muss ordentlich recherchieren, um gute Geschichten zu schreiben. Das sind die alten Grundsätze, die sich sicherlich auch nicht verändern werden.

 

Elena Hesterkamp sprach mit Mike Schnoor.

Mike Schnoor, Jahrgang 1979, ist Experte in Sachen digitale Transformation. Er ist Herausgeber und Chefredakteur von #DigiBuzz - dem Magazin für das Digital Business sowie Senior Partner bei Guts & Glory, der Manufaktur für Digitalisierung von Marken, Unternehmen und Institutionen.

 

"Die Online-Vermarkter haben verpennt"

 

Über Unternehmen haben Sie geschrieben "Wer seine Geschäftsmodelle nicht auf digitale Transformation einordnet, bleibt über kurz oder lang hinter seinen Wettbewerbern zurück". Gilt das auch für den Journalismus?

 

Definitiv. Wer da seine Comfortzone nicht verlässt, der wird in Zukunft nicht mehr am Markt bestehen. Das Mediennutzungsverhalten hat sich extrem geändert. Ich brauche das Zeitungsabo nicht mehr. Printmedien sind nicht mehr aktuell, die Informationen sind vom Vortag. Wenn ich als Rezipient die Informationsversorgung vollkommen unabhängig von einem bestimmten Medium erledigen kann, warum dann noch dieses eine Medium? Womit wir beim Wettbewerb sind: Wie kann sich ein bestimmtes Medium von anderen absetzen? Es sind nicht die dpa Nachrichten.

 

Es wird ja immer mehr an Personal gespart, selbst in den großen Medienhäusern. Braucht es mehr Personal für die Betreuung der Online-Kanäle?

 

Es ist eine große Gefahr, wenn man das auf wenige Köpfe reduziert. Das Prinzip Journalismus sollte über alle Medienvarianten hinweg verstanden werden. Ich kann nicht sagen, "das ist der limitierte Seitenbereich", und wenn der Artikel nur 300 Wörter hat, ist Schluss. Warum nicht crossverlinken, sagen "lesen Sie den ausführlichen Bericht ab 19 Uhr auf unserer Webseite" und da ist dann die große Story? Diese Verzahnung ist die Anforderung, die heute an den Journalismus gestellt werden sollte. Nicht immer ist der Journalist derjenige, der sagt "Ich nehme dich jetzt auf und streame das Gespräch auf Periscope. Wer in diesem Moment auf unserem Kanal zuschaut, bekommt den Live-Input". Oder das sogenannte Ephemeral Marketing - zeitlich begrenzter Inhalt in einem exklusiven Rahmen - ist von Marketing Leuten mittlerweile als extrem relevant identifiziert. Warum sollten nicht auch Medienredaktionen diese Möglichkeiten nutzen?

 

Im PR-Journal schreiben Sie, dass manche Online-Medien ihre Leser als Klickvieh betrachten würden. Inhalte würden immer stärker für Suchmaschinen konzipiert und nicht für die Leser. Was ist Ihre Empfehlung für Journalisten? Den Trend mitmachen oder auf Qualität setzen, aber möglicherweise das Risiko laufen, unterzugehen?

 

Ich bin ein Freund von Qualität, denn das ist etwas, wofür der Journalismus seit Jahren steht und auch in Zukunft stehen sollte. Damit hebt er sich vor allem gegenüber solchen Buzzportalen ab, die nur auf die Vermarktung der Inhalte mit höchsten Reichweiten ausgelegt sind. Natürlich braucht der Journalismus im Netz Refinanzierung durch Anzeigen. Es sollte dort aber nicht mit Mechanismen im Sinne dieser typischen Überschriften wie bei Buzzfeed oder heftig.co gearbeitet werden - zum Beispiel "Dieses Mädchen war total schockiert. Ihre Mutter hat dies und das getan". Wenn es um qualitativen Journalismus geht - um aufdecken, erklären, um Transparenz - dann braucht es definitiv nicht diesen appellativen Charakter. Wenn der Verlag Zugriffe braucht, gibt es andere Mittel. Nutzt die Macht der Influencer, um eigens von Verlagen produzierte Inhalte nochmal rauszutragen. Wenn man den Nutzern die Möglichkeit nimmt, einen Inhalt zu teilen, braucht man sich nicht wundern, wenn die Zugriffe weiter einbrechen.


Sie sprachen es gerade schon an: Die Finanzierung. Die geschieht ja nun mal zu einem großen Teil über Werbung, sowohl bei Print- als auch Online-Medien. Durch Ad-Blocker kommt ein nicht geringer Teil der Display Ads nicht mehr bei den Nutzern an. Wie können Medien darauf reagieren?

 

Der Klassiker ist: Als Leser bezahle ich mit meiner Aufmerksamkeit, damit ich nicht monetär etwas zahlen muss. Das heißt: Es gibt nirgendwo im Netz kostenlose Inhalte. Irgendwas wird dafür bezahlt - entweder in Münze oder in Aufmerksamkeit. Und die Aufmerksamkeit gilt dem Werbetreibenden. Die Kostenloskultur ist die größte Lüge überhaupt, eigentlich nur eine lobbyistische Aussage. Wenn Online-Portale mit einem Ad-Blocker angezeigt werden, findet nahezu keine Werbung statt. Man muss sich aber auch die Frage stellen: Wie viel Werbung verkraftet der Nutzer? Die Online-Vermarkter haben es seit Jahren verpennt, dem Nutzer etwas zu geben, womit er sich wohl fühlt. Die Werbung wurde immer störender, aggressiver. Ein schönes Mittel sind da Native Ads. Sie fügen sich über das Content Management System nahtlos ein - wie ein echter Artikel - müssen aber bitte kennzeichnungspflichtig sein. Native Ads sind eine Möglichkeit, sich von den typischen Bannerwerbungen zu befreien. Und sie haben für Vermarkter und Publisher den Vorteil, dass sie einen relativ hohen Preis kosten dürfen - eine gute Chance für den Journalismus zur Refinanzierung.

 

Apropos Werbung: In einem Interview mit dem DJV NRW-Journal haben Sie gesagt, viele Journalisten bräuchten Nachhilfe in Eigen-PR. Was raten Sie angehenden Journalisten wie mir?

Wenn Redaktionen ausgedünnt werden, müssen Journalisten mit ihrer Fachexpertise am Markt präsent sein. Warum sollte es nicht in meinem Interesse sein, als Journalist die Artikel, die ich schreibe, zu teilen? Journalisten von Rang und Namen haben eine eigene Online-Präsens, sorgen sich um ihre Online-Reputation, sind bei Facebook, Twitter. Natürlich haben die sehr stark Eigen-PR betrieben. Und zwar im Sinne von Zweitgeschäften, zum Beispiel Moderationen oder die Teilnahme an Panels wie hier. Mit diesem Eigen-Marketing werben sie natürlich auch für ihren Arbeitgeber. Auf der Bühne zeigen sie Marke und vertreten dann auch dieses Medium. Der Journalist als Marke ist ein sehr spannendes Thema, weil der Journalist sich ja meist als Aufklärer versteht, aber er muss ja auch essen. Wer im Internet nicht präsent ist, ist raus.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

Karolina Timoschadtschenko sprach mit Thorsten Kabitz.

Thorsten Kabitz ist Chefredakteur bei Radio RSG. Beim Journalistentag NRW 2015 referierte er zum Thema „Über die Zukunft des Radios in der digitalen Welt“.

 

„Die Arbeit eines Journalisten wird immer wichtiger“

 

Was denken Sie, wenn Sie den Begriff „Journalismus im Wandel“ hören? Welche Veränderungen haben Sie bemerkt?

 

Die Wege, wie Medien konsumiert werden können, haben sich sehr verändert. Es gibt neben der klassischen Zeitung, dem Fernsehen und Radio nun auch das Internet als weit verbreitetes Medium. Die größte Veränderung ist dabei, dass wir Journalisten nicht mehr die sind, die Exklusivinhalte verbreiten, denn theoretisch kann jeder über soziale Medien und über Blogs zum Journalisten werden. Das heißt, es gibt viel mehr Inhalte, auf die Nutzer zugreifen können, was an uns Journalisten nur noch mehr Herausforderungen stellt.

 

Welche Herausforderungen sind das denn?

 

Uns Journalisten stellt sich die Frage: Wie packen wir das, was wir journalistisch produzieren, auf die richtigen Plattformen, damit wir auch weiterhin Menschen erreichen? Wir müssen überlegen, wie wir unsere Angebote aufstellen, damit die Menschen erkennen können, ob es sich um einen privaten Blog und damit einfache Meinung oder aber um einen journalistischen Beitrag handelt.


Haben Sie einen Wandel beim Radio bemerkt?

 

Das Radio hat sich nicht grundlegend verändert. Da gibt es zur vollen Stunde Nachrichten, danach folgen Wetter und Verkehr, dann sagt der Moderator „Hallo“ und im Anschluss gibt es ein wenig Musik. Das ist heute noch so wie vor 20 Jahren. Aber die Produktionsprozesse haben sich verändert, zum Beispiel die Digitalisierung von Geräten. Als ich beim Radio angefangen habe, sind wir noch mit einem Kassettenrekorder rausgegangen und haben unsere Aufnahmen auf einer Tonbandmaschine geschnitten. Durch das Internet gibt es auch beim Radio große Veränderungen. Das Radio wird allein mit dem was „On Air“ passiert nicht überleben können. Wir müssen um das Radio herum eine Marke aufbauen, unser Programm im Netz abbilden, soziale Medien bedienen und auf den relevanten Plattformen vertreten sein. Es sind also in den letzten Jahren immer mehr Aufgaben auf uns zugekommen.

 

Denken Sie, dass die Arbeit eines Journalisten an Wert verliert oder sogar verloren geht, wenn immer mehr Menschen ihre Meinung über soziale Medien, Blogs etc. verbreiten?

 

Ich glaube nicht, dass die Arbeit eines Journalisten dadurch verloren geht. Im Gegenteil: Sie wird immer wichtiger, um den Menschen klar zu machen, dass die journalistische Aufgabe eine andere ist, als die eines Bloggers. In einem Blog kann ich ungeschützt meine Meinung verbreiten. Journalistisches Arbeiten jedoch beinhaltet eine umfassende Recherche, die Fähigkeit, Ereignisse und Meldungen einzuordnen, Hintergründe zu klären und Verständnis zu schaffen. Durch die Masse an Informationen, die durch das Internet auf uns zukommen, wird die Funktion des Journalisten umso wichtiger, denn dieser ist in der Lage, den Überblick über alle Quellen zu behalten.


Denken Sie, dass Internetblogs eine neue Form des Journalismus darstellen?

 

Natürlich gibt es Nachrichtenblogs, auf denen Menschen journalistisch recherchierte Nachrichten verbreiten. Wenn jedoch nur persönliche Meinungen oder die Meinungen Anderer verbreitet werden, dann erinnert mich das eher daran, wie ich früher etwas in mein Tagebuch geschrieben habe. Ich finde, dass den Journalismus mehr ausmacht, als Meinungen in die Welt zu setzen. Es geht darum, Informationen zu recherchieren, zu sammeln, einzuordnen, Dinge verständlich zu machen und ausgewogen zu berichten. Das ist sozusagen der Ehrenkodex des Journalismus. Wenn das jedoch weiterhin gewährleistet ist, dann zählt ein Internetblog für mich zum Journalismus.

 

Was raten Sie jungen Journalisten für ihre Zukunft?

 

Wenn man wirkliches Interesse daran hat, etwas mit Medien zu machen, dann sollte man das auch tun. Jedoch kommt es auch darauf an, mit welcher Haltung man es machen will. Ich glaube, dass heutzutage eine höhere Flexibilität als früher gefragt ist. Die Medienbranche braucht jemanden, der in den einzelnen Bereichen des Journalismus stark ist. Viel wichtiger sind jedoch anderweitige Qualifikationen, die junge Journalisten mitbringen sollten. Es werden Journalisten gesucht, die einen Blick für die Empfänger ihrer Nachrichten haben, die wissen, wie man einen Beitrag so schreibt, dass er bei den Menschen ankommt.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Lisa Oppermann sprach mit Timo Stoppacher.

Stoppacher ist freier Technikjournalist, Dozent und Buchautor. Er hat an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg „Technikjournalismus“ studiert und für verschiedene IT- sowie Medienfachzeitschriften, für Tageszeitungen und Online-Portale gearbeitet.

 

„Bloggen ist wie Modelleisenbahn bauen“

 

Es wird ja immer mehr über den Wandel im Journalismus geredet. Welche neuen Anforderungen werden an Journalisten gestellt?

 

Auf jeden Fall, dass man sich mehr um Technik kümmern muss. Wenn man früher Fernsehjournalist war, ist man mit einem Team rausgegangen, mit einem Kameramann und mit einem Tonmann. Danach wurde der Beitrag dann von anderen geschnitten. Heute gibt es diese ganzen Personen meistens nicht mehr. Man muss stattdessen selbst die Technik beherrschen können.

 

Denken Sie denn, dass es heute schwieriger für Journalisten ist oder sind es einfach nur andere Zeiten?

 

Wer von vorneherein nicht unbedingt so auf Technik steht, für den ist das sicherlich schwieriger. Er muss sich nur bewusst machen, dass es zu seinem Handwerkszeug gehört. Auf der anderen Seite denke ich, dass die jetzige Zeit auch viele Chancen bietet. Also ich blogge ja sehr gerne. Ich kann heutzutage dank der Möglichkeiten, die wir haben, die mir ein einfacher Computer mit Internetverbindung zur Verfügung stellt, im Internet alles alleine selbst machen, was auch nicht so super technisch kompliziert ist. Dafür brauchte ich ja früher einen Verlag, einen Fernseh- oder Radiosender.

 

Gerade beim Bloggen sind Sie ja sehr aktiv. Wer sollte denn bloggen? Oder ist das etwas, was jeder machen kann?

 

Also können tut das jeder, wenn er nicht gerade Analphabet ist und nicht schreiben kann. Natürlich sollte man noch – grundsätzlich auch als Journalist – eine gewisse Affinität zu Sprache haben. Es muss nicht jeder Journalist bloggen. Aber ausprobieren denke ich, sollte man alles heutzutage. Das sind einfach Möglichkeiten, die man sich angucken sollte.


Wie viel bringt das Bloggen denn als Instrument des Selbstmarketings?

 

Das lässt sich nicht pauschal bemessen. Ich kann nicht sagen: Ich hab jetzt zehn Blogartikel verfasst und dadurch einen Auftrag bekommen. Das ist eine Sache, da steckt man wahnsinnig viel Zeit rein und die habe ich auch gerne reingesteckt, weil es mir unglaublich viel Spaß gemacht hat. Es ist so wie als man früher eine Modelleisenbahn gebaut hat. Man bastelt immer daran, legt mal eine Weiche, schreibt natürlich auch ein bisschen – so als würde ich meine Eisenbahn fahren lassen. Ich habe fast zwei Jahre zu Smartphones im Internet gebloggt und irgendwann rief mich einer an. Er wollte eine neue Smartphone-Zeitschrift machen und da hat er im Internet nach Journalisten gegooglet, die irgendwie zu Smartphones geschrieben haben und ich bin auf Platz eins gewesen. Schon war ich Chefredakteur eines Fotomagazins.

 

Es wird ja viel diskutiert, dass der Journalismus in einer Krise ist…

 

Ja, es wird zu viel diskutiert und zu wenig ausprobiert.


Denken Sie denn, dass die knisternde, unpraktische, weil für den Frühstückstisch viel zu große Zeitung, die Sie auf ihrer Website erwähnen, irgendwann aussterben wird?

 

Irgendwann? Nein. Ich glaube, dass es auch Menschen geben wird, die vielleicht heute nur noch am Smartphone daddeln, die irgendwann später einmal den Reiz einer Zeitung für sich entdecken. Ob die Zeitungen wirklich irgendwann mal aussterben? Dafür eine Diagnose abzugeben ist gewagt – also Zeitungen wird es, glaube ich, auch weiter geben, vielleicht nicht so, wie wir sie heute kennen. Vielleicht nicht auf klassischem Papier, was ich nachher ins Altpapier schmeiße, sondern auf diesen Flex-Displays. Aber das Grundprinzip Zeitung wird überleben. Es ist nur eine Frage, wie das dann faktisch ausgestaltet wird.


Würden Sie denn heute jungen Leuten überhaupt raten, Journalist zu werden?

 

Klar, das ist der geilste Beruf der Welt!

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Maya Berndsen sprach mit Frank Überall.

Der Kölner Frank Überall ist freier Journalist, Autor, Moderator, Professor für Medien- und Politikwissenschaften und seit November auch Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes.

 

„Nur Journalisten können, was Journalisten können“

 

Herr Überall, ständig hört man von einem Wandel im Journalismus aber was verbirgt sich dahinter eigentlich genau?

 

Der Journalismus ist gerade dabei, sich deutlich zu verändern. Wir haben immer mehr freie Mitarbeiter, die zum Teil auch nicht mehr auf eine Mediengattung festgelegt sind. Auch ich habe verschiedene Hüte auf: ich bin Gewerkschaftler, Professor für Journalismus und arbeite als freier Journalist. Ich glaube, das wird die Zukunft sein, dass man sich auf allen Kanälen ausdrücken können muss. Das heißt natürlich nicht, dass jeder alles machen und können muss, aber man muss für alles ein Verständnis haben. Das ist zwar eine Umgewöhnung, aber gleichzeitig auch eine Chance.

 

Sie sind auf den Kanälen der sozialen Netzwerke sehr aktiv. Was sehen Sie dort für Chancen im Gegensatz zum klassischen Journalismus?

 

In einem Blog kann man Sachverhalte viel subjektiver erklären und kann dort auch mal eine dumme Idee ausprobieren. Das mache ich zum Teil auch in meinen eigenen Blogs, wie etwa der Medien-Blog „Überall Dabei“. Als ich letzte Woche den ersten Eintrag in der neuen Position als Bundesvorsitzender gemacht habe, habe ich beschlossen, dass ich das, was ich mache - gewerkschaftlich, journalistisch, wissenschaftlich - ein Stück weit subjektiv begleiten. Ich stelle mir auf dem Blog die Frage, was diese Tätigkeiten eigentlich mit mir als Mensch machen.


Was sind Sie für ein Mensch und welche Ziele haben Sie sich als neuer DJV-Bundesvorsitzender gesetzt?

 

Mein Vorgänger hat zwölf Jahre lang hervorragende Arbeit geleistet, das steht fest. Ich bin als Mensch anders als mein Vorgänger, vielleicht auch ein bisschen frecher. Mir ist es wichtig, nicht nur auf Medienanfragen zu reagieren, sondern selbst aktiv zu werden und Themen zu setzen. Ein sehr wichtiges Thema, mit dem wir uns als DJV auseinandersetzen müssen, ist etwa die Bedrohung von Journalisten durch Rechtsextremismus, aber es gibt auch viele kleinere Themen wie etwa die Vorratsdatenspeicherung oder das Verbandsklagerecht. Es ist wichtig, dass wir da ein politisches und rechtliches Instrument in die Hand bekommen. Darum müssen wir kämpfen, denn das wird uns nicht geschenkt.

 

Sie sagten einmal: „Wir müssen zeigen, dass Journalismus einen großen Wert hat für diese Gesellschaft.“ Was meinen Sie damit?

 

Das haben wir an einem aktuellen Beispiel - den Anschlägen in Paris – sehen können. Es gab währenddessen eine unglaubliche Aufgeregtheit im Netz, die dafür sorgte, dass ungeprüfte Gerüchte einfach weitergegeben wurden. Die Journalisten haben dabei aber im Großen und Ganzen gezeigt, dass sie noch immer wissen, was ihre Aufgaben in solchen Situationen sind: Sie haben erst mal anständig recherchiert, Fakten gesammelt und überprüft, dann erklärt und zuletzt – und das ist besonders wichtig - das Geschehen eingeordnet. Sie haben damit gezeigt, dass sie glaubwürdig sind. Ich sage immer: nur Journalisten können, was Journalisten können. Sie können den Rohstoff an Informationen glaubwürdig verarbeiten und für die demokratische Gesellschaft einordnen. Wenn wir Journalisten das nicht mehr machen würden, gäbe es nur noch interessengeleitete Informationen, also Lobbyismus, und PR. Das kann nicht unser Wunsch sein. Wir brauchen eben wirklich einen guten Journalismus.

 

Wir treffen uns heute hier am Journalistentag, bei dem Medienschaffende aus verschiedenen Bereichen zusammenkommen. Wofür braucht man ein Format wie den Journalistentag?

 

Der Journalistentag ist auf zwei Ebenen ganz spannend: Zum einen bekommt man durch die verschiedenen Panels Informationen zu Themen, mit denen man sich vielleicht selbst noch nicht beschäftigt hat. Zum anderen ist es ein gutes Forum zum Netzwerken, denn hierher kommen Medienkollegen aus unterschiedlichen Bereichen und mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen, die man sonst kaum kennenlernen würde. Durch Gespräche entstehen so vielleicht gemeinsame Projekte auf gewerkschaftlicher und journalistischer Basis.

 

Für mich ist es heute das erste Mal auf dem Journalistentag. Was würden Sie mir als Nachwuchsjournalistin für meine Zukunft raten?

 

Der Medien-Mix macht es. Es reicht heute nicht mehr aus, das Handwerk bei einem einzigen Medium zu lernen, um dann für alle Zeit erfolgreich im Journalismus arbeiten zu können. Das geht so heute nicht mehr. Vielmehr muss man in allen Bereichen zumindest eine Grundkompetenz haben. Dann kann man schauen, was einem liegt. Diesen kreativen Beruf kann man nur machen und letzten Endes auf Dauer auch nur aushalten, wenn man das macht, worauf man Bock hat. Also, seien Sie zunächst offen für alle Mediengattungen und schauen dann, wo Sie landen. Behalten Sie Ihr Ziel im Auge, auch wenn Sie es nicht unbedingt immer direkt erreichen werden. Auch ich bin nicht von heute auf morgen als junger Mensch beim WDR gelandet.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


Megan Bogatzki sprach mit Helene Pawlitzki.

Helene Pawlitzki ist freie Journalistin und arbeitet unter anderem für den WDR. Im Jahr 2012 erhielt Sie den Axel-Springer Preis für junge Journalisten in der Kategorie Hörfunk. Des Weiteren gibt Pawlitzki  Medientranings und Seminare für das Media Consulting Team und die Deutsche Welle Akademie. Seit 2014 ist sie Hochschulbeauftragte des Deutschen Journalisten-Verbandes in NRW.

 

„Millionär ist noch kein Journalist geworden“

 

Auf Ihrer Internet Seite schreiben Sie, als Journalist verdient man nichts. Gehört das zu den Risiken des Berufs nicht zuletzt auch durch den Wandel in der Medienbranche und im Journalismus?

 

Es gab Zeiten in den 90er Jahren und davor, da war Journalismus eine hocheinträgliche Tätigkeit. Aber als ich 2005 angefangen habe zu studieren, da war die Medienkrise bereits in vollem Gange. Millionär ist noch kein Journalist geworden. Auch ich mache das nicht wegen des Geldes, das wäre sinnlos. Wie viele andere bin auch ich sozusagen Journalistin aus Leidenschaft. Niemand, der Journalist werden möchte, wählt diesen Beruf mit dem Gedanken, damit wahnsinnig viel Geld zu verdienen.

 

Sie arbeiten als freie Journalistin. Haben Sie dies selbst entschieden oder liegt es daran, dass es schwer ist, eine Festanstellung zu bekommen?

 

Ich wollte gerne Autorin fürs Radio werden und da war es von vorne herein klar, dass das in einer Festanstellung nicht zu realisieren ist. Es gibt heute einfach kaum feste Stellen in diesem Bereich. Je länger ich das nun mache, desto mehr gewinne ich das Freien Dasein lieb. Wenn mir jetzt eine Festanstellung angeboten würde, müsste ich wirklich lange überlegen, ob ich das will. Auch, weil ich sehe: Viele Kollegen werden derzeit nach jahrelanger Festanstellung plötzlich gezwungenermaßen zum Freiberufler. Dann ist es oft schwierig, sich so schnell komplett neu aufzustellen. Und das ist ein Riesenproblem.


Welche Vorteile bietet die freie Mitarbeit gegenüber einer Festanstellung in Zeiten, in der viele Stellen bei Zeitungen gekürzt werden?

 

Die freie Zeitgestaltung, die Abwechslung und die wirtschaftliche Flexibilität. Man muss aber sagen: Es gibt Leute, die eignen sich für eine freie Tätigkeit und es gibt Leute, die eignen sich besser für eine feste Tätigkeit. Ein freier Journalist braucht einen hohen Grad an Selbstorganisation. Außerdem spielt die Selbstvermarktung eine sehr große Rolle und das ständige Entwickeln von neuen Ideen. Das ist einfach anders als jeden Tag in der Redaktion zu sitzen und dort auch Aufgaben aufgetragen zu bekommen. Ich jedenfalls genieße es sehr, mein eigener Boss zu sein. Außerdem empfinde ich die freie Tätigkeit auch als relativ sicher, eben, weil ich selbst für meine Jobs verantwortlich bin. Ich fände es schlimmer, von einem Medienunternehmen abhängig zu sein, bei dem es nicht in meiner Hand liegt, ob die Auftragslage stimmt.


Sie sind auch als Hochschulbeauftrage für den DJV tätig. Wie sollte sich Ihrer Meinung nach die Ausbildung von Journalisten verändern, um dem Wandel in der Branche gerecht zu werden?

 

In den höheren Semestern sollte es deutlich mehr Berufsorientierung geben, mehr Informationen darüber, wie der Job wirklich aussieht und welche Lebensmodelle realistisch sind. Wenn ich mir für mein Journalistik-Studium etwas hätte wünschen dürfen, dann, den Horizont zu erweitern, was Lebensmodelle angeht. Eine realistische Planung, wie der Beruf mit dem Leben Hand in Hand gehen kann. Zudem sollte der Netzwerkgedanke mehr im Vordergrund stehen. Schon während des Studiums sollte es Möglichkeiten geben, sich mit erfahrenen Kollegen auszutauschen. Außerdem muss auf die unternehmerische Seite des Berufs viel mehr eingegangen werden.


Haben Sie Tipps für Berufsanfänger, um einen Einstieg in die Branche zu finden?

 

Selbstbewusstsein. Es ist ganz wichtig, keine Angst zu haben, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich auszuprobieren und mit Mut an die Sache heranzugehen. Fehler gehören dazu und aus denen kann gelernt werden. Und: Einsteiger sollten sich darüber Gedanken machen, für welches Medium sie arbeiten möchten und ob sie dort landen können. Also strategisch entscheiden, wo es sinnvoll ist Energie zu investieren.

 

Wie glauben Sie wird sich das Berufsbild des Journalisten durch den momentanen Umbruch der Medienwelt verändern?

 

Ich glaube, dass die Substanz der eigentlichen Geschichte viel wichtiger wird – also ob eine Geschichte an sich interessant und gut erzählt ist. Denn ich würde unterstellen, dass der Journalismus durch die fetten Jahre vor der Medienkrise träge geworden ist. Die Leute sind es leid, lieblos geschriebene Geschichten zu immer gleichen Themen zu lesen. Inzwischen gibt es aber genug Modelle im Netz, wo für gute Geschichten auch gerne wieder Geld bezahlt wird. Wenn wir das jetzt richtigmachen, können wir das wieder hinkriegen mit dem Journalismus.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Melani Schermer sprach mit Arne Pöhnert.

Arne Pöhnert hat zunächst Biologie und Architektur studiert und nebenher seine Vorliebe zum Fotografieren weiter vertieft. Seit seinem Volontariat bei einer Online-Zeitung ist er als freiberuflicher Journalist und Fotograf tätig. Außerdem ist er Mitglied im Fachausschuss für junge Journalistinnen und Journalisten.

 

"Der Wandel bietet große Chancen"

 

Herr Pöhnert, wie bewerten Sie den momentanen Wandeln im Journalismus?

 

Ich habe damals mein Volontariat schon bei einer lokalen Onlinezeitung gemacht und hatte daher mit Print noch nie etwas zu tun. Deswegen habe ich gar nicht so einen Wandel erlebt wie andere. Für mich war das Onlinemedium von Anfang an  präsent und ich habe auch nur online gearbeitet und finde auch, dass sich die Medien dahingehend entwickeln sollten, weil es dort viel mehr und viel bessere Möglichkeiten gibt.

 

Welche Möglichkeiten meinen Sie? Können Sie mir ein Beispiel nennen?

 

Ich kann alle Sachen aus den Printmedien und aus dem Fernsehen zum Beispiel wunderbar online verbinden. Das heißt ich kann zum Beispiel gefilmte Interviews in meinen Texten einbinden und auch über eigene Plattformen in dem Content Managementsystem, in dem man gerade arbeitet, zeigen. Ich finde die Möglichkeiten daher viel vielfältiger.


Sehen Sie dabei auch Risiken?

 

Das einzige Risiko ist, dass man gucken muss, wie das Geld reinkommt. Früher als es nur Print-, TV- und Radiomedien gab, da hatte man nur dort die Möglichkeit, Werbung zu schalten. Heute ist die Werbung günstiger geworden, zumindest im Onlinebereich und teilweise so günstig, dass man jetzt im kleinen lokalen Bereich sehr schwer damit Geld verdienen kann. Wenn ich natürlich eine Seite habe wie Zeit-Online, habe ich Millionen Klicks am Tag und kann die dementsprechend auch vermarkten.  Habe ich aber nur ein kleines lokales Online-Portal in einer mittelgroßen Stadt, habe ich nicht so viele Werbepartner und muss diese vielleicht auch erst mal dazu bewegen, sich für mein Portal zu interessieren und die Chancen darin auch zu erkennen.


Ich habe gelesen, dass Sie auch im Fachausschuss für junge Journalisten und Journalistinnen sind. Was würden Sie Nachwuchsjournalisten mit auf dem Weg geben wollen?

 

Ich würde sagen, dass man einfach keine Angst haben sollte, obwohl sich das im Moment nach Krise und wenigen Chancen anhört. Ich denke, dass dieser Wandel gerade große Chancen bietet. Man sollte auch keine Angst davor haben, sich selbstständig zu machen. Es gibt viele Fördermöglichkeiten, die man kriegen kann. Ich zum Beispiel habe mich Anfang des Jahres selbstständig gemacht und habe über die KFW-Bank ein Förderkredit beantragt, über den ich eine neue Fotoausrüstung finanziert habe. Durch den Kredit hat man auch die Möglichkeit, etwas zurückzulegen für schlechte Zeiten. Man kann auch über die Bundesagentur Zuschüsse erhalten, wenn man ein gutes Konzept hat und sie davon überzeugen kann. Da kann man zum Beispiel schon mal die Versicherung bezahlen, weil man sich als Freier ja auch selber versichern muss. Es gibt also durchaus Fördermöglichkeiten.

 

Wie wichtig finden Sie Veranstaltungen wie den heutigen Journalistentag?

 

Es ist zum Netzwerken auf jeden Fall wichtig. Man trifft viele Leute und  kann gerade als Freier Netzwerke knüpfen. Man muss natürlich sich auch selber einbringen und Zeit mitbringen. Von alleine passiert da nichts. Aber ansonsten ist das auch eine gute Chance, um neue Auftraggeber kennenzulernen.

 

Und Sie persönlich, was fasziniert Sie so an Ihrem Beruf, warum sind Sie Journalist und Fotograf geworden?

 

Ich bin niemand, der den ganzen Tag im Büro sitzen könnte. Ich muss raus kommen und neue Leute kennenlernen. Ich brauche die Abwechslung. Jeden Tag ein anderer Auftrag im bestem Fall. Mir gefällt auch,  dass ich ein stückweit selbst aussuchen kann, was ich machen möchte. Natürlich muss ich auch Aufträge annehmen, um mein Einkommen zu bestreiten, aber ich kann auch durchaus zu einem Auftrag sagen, dass ich den nicht machen möchte, weil das nicht in mein Weltbild passt oder aus welchen Gründen auch immer.


Wie sind sie überhaupt darauf gekommen?

 

Das Fotografieren hat sich bei mir durchgesetzt. Ich habe damit auch schon relativ früh angefangen. Habe dann erst mal etwas völlig anders studiert, nämlich Biologie und Architektur und habe mich danach dafür entschieden, ein Volontariat zu machen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, das bis zur Rente zu machen. Man muss natürlich auch gucken, wie sich das alles so entwickelt und viel Ehrgeiz mitbringen, weil es kein leicht verdientes Brot ist.  Momentan arbeite ich mehr im PR-Bereich, weil sich damit mehr Geld verdienen lässt, aber ich arbeite nach wie vor auch journalistisch und möchte das auch so weiterführen.


Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen bezogen auf die Journalismus-Branche und ihre Tätigkeiten?

 

Ich würde mir wünschen, dass  Bildjournalisten mehr wertgeschätzt werden und dass die Verlage und Herausgeber einsehen, dass man für gute Bilder und ein gutes Produkt  auch den freien Journalisten vernünftig bezahlen muss. Wenn  das nicht funktioniert, können Sie auch nicht erwarten, gute Qualität zu bekommen.


Vielen Dank für das Gespräch.

 

Patricia Friedeck sprach mit Volkmar Kah.

Volkmar Kah ist Leiter der Serviceredaktion der SDZ Druck und Medien und hat schon vielseitig im Journalismus sowohl frei als auch fest angestellt und im PR-Bereich gearbeitet. Auch in der Ausbildung junger Journalisten ist er aktiv.


„Man braucht nicht keine Journalisten mehr, man braucht andere Journalisten“

 

Herr Kah, wie nehmen Sie den Wandel im Journalismus wahr?

 

Es bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Ich habe ganz klassisch bei einer Tageszeitungsredaktion als freier Mitarbeiter angefangen und konnte mir vorstellen, mein Leben als Lokalreporter in der Stadt, in der ich damals lebte, zu verbringen. Mittlerweile bin ich in einem ganz anderen Feld – ich bin in den Managementbereich gewechselt. Wenn ich das Thema jedoch rein journalistisch betrachte, geht es nicht darum, ob Onlineberichterstattung da ist oder nicht. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir von dem Flaschenhals, der wir mal waren, zu einem Navigationsgerät werden, das auf Augenhöhe mit den Lesern diskutiert. Das heißt, wir müssen ein komplett anderes Verständnis entwickeln, wie wir mit den Menschen, die unsere Informationen und unsere Einordnung haben wollen, umgehen.

 

Welche Gefahren birgt dieser Wandel in sich?

 

Die größte Gefahr ist, den Wandel zu verschlafen. Dass Verlage, Medienunternehmen wie auch Journalisten zu spät auf den Zug aufspringen und die Chance nicht sehen, die darin ist. Wir können das nicht aussitzen – das versuchen zu viele.


Was sind Ihrer Meinung nach die Chancen?

 

Die neuen Mechanismen: Man braucht nicht keine Journalisten mehr. Man braucht andere Journalisten. Und ich glaube, dass es eine riesige Chance ist, zu sagen:  Wir sortieren die Informationsflut, die da ist. Wir sind nicht mehr die Informationsvermittler, sondern die Einordner. Und das hat etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun. Wir haben als Medien immer noch eine hohe Glaubwürdigkeit, die wir uns beibehalten müssen. Wir müssen unsere Marken erhalten, dann können wir diesen Wandel auch bewerkstelligen.


Wenn Sie auf ihre Berufslaufbahn blicken – welchen Wandel konnten Sie da mitverfolgen?

 

Die fehlende Verlässlichkeit. Viele Kollegen haben mal bei einer Tageszeitung angefangen und sich das als ihren Lebensberuf vorgenommen. Ich habe bei der Schließung der Westfälischen Rundschau miterleben müssen, dass ganze Lebenspläne den Bach herunter gegangen sind. Früher hieß es immer, wer die Seite vom Journalismus zum Pressesprecher wechselt, kommt nicht mehr zurück. Das ist vorbei. Heutzutage muss man seine Nische finden, aber auch offen sein, sich weiter zu entwickeln. Wir waren in der Branche viel zu lange viel zu verknöchert – die Gesellschaft wandelt sich und wenn wir den gesellschaftlichen Wandel begleiten wollen, dann müssen wir auch in der Lage sein, uns zu wandeln.

 

Sehen Sie also zum Beispiel das Zeitungssterben als Problem für Nachwuchsjournalisten?

 

Wir haben definitiv weniger journalistische Arbeitsplätze – das ist ein Problem. Es fehlt die wirtschaftliche Basis, das macht mir Angst. Wer in der Branche Fuß fassen will, muss sich gut überlegen, wohin er möchte. Das Zeitungssterben ist eher ein Problem für die Meinungsvielfalt.


Welche Möglichkeit gibt es denn, diese Glaubwürdigkeit beizubehalten?

 

Sauberen Journalismus zu machen. Das ist heute wichtiger denn je – keine Vermischung von Werbung und Inhalten. Native Advertising zum Beispiel halte ich für hochgefährlich.

 

Mal etwas aus der Realität gegriffen – wenn Sie allein etwas am Wandel ändern könnten, was würden Sie tun?

 

Ich würde den ein oder anderen im Markt Agierenden schütteln wollen und sagen: Sei mutiger, diesen Wandel zu gestalten. Nimm deine gesellschaftliche Aufgabe ernster und investiere in die Medienzukunft. Von unseren Kollegen wünsche ich mir mehr Flexibilität – Wandel heißt auch, sich mal örtlich zu bewegen. Wenn wir uns nicht bewegen, werden wir scheitern.


Vielen Dank für das Gespräch.


Foto: Udo Geisler
Beide Fotos: Udo Geisler
Beide Fotos: Udo Geisler