Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Nordrhein-Westfalen

„Es gibt keine Krise des Journalismus“

Auszüge aus der Eröffnungsrede von Frank Stach zum Gewerkschaftstag des DJV-NRW 2015


Liebe Freundinnen und Freunde des DJV,
liebe Kollegen und Kolleginnen,
meine Damen und Herren!

Ich will mich erst mal aufregen, und ich hoffe, ihr regt euch mit auf. Im Mai des vergangenen Jahres kündigte die Verlegerfamilie Hüffer in Münster den Tarifvertrag. Eigentlich arbeiten die Zeitungsredakteure zu Konditionen des Manteltarifvertrags. Und der läuft bis 2018. Aber die Zeitungsredakteure sind aufgefordert worden, neue Arbeitsverträge zu unterschreiben. Sonst wären, so die Drohung, betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen. Das war, ist und bleibt – verzeiht mir die deutlichen Worte – eine Sauerei. Das war, ist und bleibt eine bodenlose Frechheit. Jetzt könnte man so etwas ja verstehen, wenn ein Verlag mit dem Rücken zur Wand steht. Nee, nee. Das ist hier nicht der Fall. Verdient wird immer noch gut und reichlich. Das ist die Verlegerwelt 2015.

Kommen wir zum nächsten verlegerischen Low-Performer. Die Funkes aus Essen. Wollen eine neue Zentralredaktion in Berlin aufbauen. 60 Redakteuren wird mit Umzug gedroht. Details sind immer noch unklar. Was aber hier aufgegeben wird, macht mir große Sorgen: Es ist die DNA des Blattes. WAZ, NRW und Co sind Heimatzeitungen. Sie werden von den Lesern immer noch geliebt, weil sie diesen speziellen Blick aus NRW haben. Und was macht diese Verlegertruppe aus Essen? Sie knipsen einfach mal den gesunden Menschenverstand aus und vergessen ihre Herkunft.

Mit Geld gehen Funke und Co übrigens im Management ziemlich locker um. Die Verlagsmanager Braun und Nienhaus verdienten im Jahr 2013 – und ihr kennt wahrscheinlich die Zahlen – etwa eine Million Euro im Jahr, folgt man den Rechnungen eines bekannten Medieninformationsdienstes. Eine Million im Jahr 2013 – da war doch was? Eine Lösung, wie man aus der Absatzkrise der Lokalzeitungen rauskommt, gab es nicht. Dafür fiel denen damals ein, die Westfälische Rundschau zu schließen. Mann, oh Mann. Da sind so Sachen, die haben mich damals empört und regen mich noch heute auf, wenn ich von den Millionengehältern lese. Da kriegt man doch einen dicken Hals.

Ein weiterer Aufreger. Die Deutsche Welle in Bonn und Berlin. Ja, da ist was los. Ein Komplettumbau unseres Auslandssenders. Ein Chef, der komplett irre umstrukturiert. Die Deutsche Welle als BBC der Welt. Von wegen. Die Deutsche Welle kann höchsten ein Low-Light-Senderchen in englischer Sprache werden. Entschuldigt mal. Vergleicht doch mal den Etat des englischen Auslandssenders mit dem der Deutschen Welle. Das kann doch nichts werden. Die Politik ist aber auf den Einflüsterer Peter Limbourg reingefallen. Und dann gab es noch das ganze Hick-Hack um die Finanzierung. Politiker fordern in Sonntagsreden die ausreichende Finanzierung des Qualitätsjournalismus, vergessen aber im selben Zug, dass sie den eigenen Sender ebenfalls ordentlich ausstatten müssen. 300 freie Mitarbeiter mussten hier schon gehen. Gute Leute, die die Fackel der journalistischen Unabhängigkeit in die Welt getragen haben. Einfach weg. So etwas regt uns im DJV auf. Aber richtig.

Ein weiterer Aufreger. Mein eigener Hauptauftraggeber, der WDR. Auch hier bleibt kein Stein auf dem anderen. Die erste Amtshandlung des Intendanten: Er kündigt an, fünfhundert Stellen zu streichen. In diesem und im nächsten Jahr geht’s los. Ich kann euch jetzt schon sagen, ich mache mir ziemlich große Sorgen, wie das umfangreiche Programm des WDR noch gestemmt werden soll. Und ich glaube, es wird in den nächsten Wochen und Monaten dazu kommen, dass noch mehr Sendungen gestrichen werden. Das geht allerdings auf Kosten der Freien. Ich erlebe doch schon jetzt, wie viele Kollegen und Kolleginnen abserviert werden. Das wird noch zunehmen. Aus meiner Sicht völlig unnötig. Was kann man eigentlich bei den Freien groß einsparen? Ich habe mir mal die Geschäftszahlen des WDR aus 2013 durchgelesen. Bei Einnahmen von 1,38 Milliarden Euro gehen davon gerade mal etwa 87,3 Millionen Euro an Honoraren für freie Mitarbeiter. Das sind diejenigen, die im großen Umfang die Inhalte für die vielen Sendungen liefern. Und anstatt hier in Qualität zu investieren, wird aus meiner Sicht im Moment das Gegenteil gemacht. Schlimmer noch, aus Freien könnten Redakteure light werden. Wir sind in Verhandlungen momentan und ich bin erschrocken. Viele Entwicklungen in den Tarifgesprächen mit dem WDR deuten darauf hin. Mich regt das auf, weil im Endeffekt der WDR bei den Kreativen sparen will, also bei denjenigen, die die Inhalte schaffen. Arbeitsverdichtungen bei den Festen, und bei den Freien mehr Arbeiten für weniger Geld. Das ist die Realität im Journalismus im Jahr 2015.

Kommen wir zum nächsten Aufreger. Diese unerträglichen braunen Undemokraten, die unter anderem in Dortmund versuchen, Journalisten mundtot zu machen. Die unerträgliche Morddrohungen veröffentlichen, die aufrechte DJV-Mitglieder und andere Journalisten tätlich angreifen und schikanieren bei ihre Arbeit. Hier stellen wir uns mit aller Macht vor unseren Kollegen. Sie bekommen unsere Unterstützung, unsere Solidarität und unsere Hilfe. Erst recht unseren Respekt für diese wichtige Recherchearbeit in diesem Milieu. Ich fordere aber auch die Redaktionen auf, diesen freien und festen Kollegen ganz besonders zu helfen. Das hat auch etwas mit der Bezahlung zu tun.

In diesem Kontext finde ich es mittlerweile unerträglich, dass die Innenminister sich immer noch querstellen beim Thema Presseausweis. Wir als Verband garantieren nach bestem Wissen und Gewissen, dass das Dokument nur hauptberuflich arbeitenden Journalisten zugute kommt. Ich verrate kein Geheimnis, dass die Ausgabe mit den Presseausweisen manchmal auch für uns eine Gratwanderung ist. Ich will mir aber nicht ausmalen, wie locker andere Verbände mit dem Thema umgehen und so einem Neonazi den Ausweis ausstellen. Ich fordere hier an dieser Stelle die Innenminister der Länder auf, sich endlich zu bewegen. Docken sie das Verfahren an den Presserat an, und gewähren sie echten Journalistenverbänden wie unseren wieder das alleinige Recht zur Ausgabe des Pressausweises. Sie tun der Demokratie damit einen großen Gefallen.

Vor kurzem hat der bekannte Journalist Richard Gutjahr einen in der Szene viel beachteten Abgesang auf unseren Beruf vorgetragen. Er habe den Glauben verloren, erzählte er auf dem Österreichischen Journalistentag in Wien. Seinen Glauben daran, dass wir das wieder hinbekommen mit dem Journalismus, der uns alle ernährt, habe er verloren. Es sei eine lausige Zeit für Journalisten.
Das schlimmste aber, erklärt Gutjahr: Unser Produkt stimmt nicht mehr. In einer Welt, in der es ein Überangebot an Informationen gibt, ist das Letzte, was das Publikum braucht, ein Journalist, der ihm das gleiche erzählt, wie alle anderen auch. Und er bereue, einen Großteil seiner Lehrjahre damit verschwendet habe, gegen Windmühlen zu kämpfen. Auch dass er nie programmieren gelernt habe. Und er würde vermutlich nicht noch mal in den Journalismus gehen.

Mein Kommentar dazu. Da verzweifelt ein Einzelner an den Herausforderungen der Branche. Und ich glaube Gutjahr verwechselt da etwas. Es gibt keine Krise des Journalismus. Unsere Werte, unser Credo, dass wahr sein soll, worüber wir berichten, das bleibt doch. Dass wir unsere Fakten checken müssen, wir eine Haltung haben gegenüber der Welt. Und dass wir einem Wertesystem unterliegen, dass sich mit dem Beginn der ersten Zeitung vor mehr als 400 Jahren weiterentwickelt hat, das ist etwas, wofür es sich weiter zu kämpfen lohnt. Das da ist und unseren Kompass abgibt. Und gerade der DJV schreibt an diesem Wertesystem mit.

Was wir haben ist jedoch eine Krise, wie dieser Journalismus künftig finanziert wird. Das ist die aktuelle Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen. Und da kann ich mich als einzelner hinstellen und verzweifeln. Ich aber habe hier eine andere Haltung. Wir müssen gemeinsam als Team, als Solidargemeinschaft zusammenstehen, um genau diese Fragen zu beantworten. Wir im DJV entwickeln diese Ideen. Wir erkennen aber auch ganz gut, dass in den Bereichen, wo mit Journalismus Geld verdient wird, es nicht auf den Knochen derjenigen geschieht, die dafür ihre Leidenschaft hergeben. Es gibt genügend gewinnbringende Strukturen, die permanent versuchen, Journalismus zu ersticken. Das zu verhindern, dazu braucht man dann auch einen starken Berufsverband, eine starke Gewerkschaft. Und das sind wir. Und das ist unsere Antwort auf die allzu negative Sicht der Dinge. Und das ist meine Antwort auf die Frage, ob das mit dem Journalismus eigentlich vorbei ist. Nein. Die Party beginnt jetzt erst recht und wir sind mitten dabei.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.

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